Handball-Mythos Die bedrohte Idylle Hölle Nord
Hardcore-Fan Groth: "Meine Familie"
Foto: Martin Lukas Kim / DER SPIEGELDrei Männer stehen an einem Donnerstagabend im September in einer Handballhalle am Stadtrand von Flensburg und sehen zu, wie eine Mannschaft vermöbelt wird, auseinandergenommen, nach allen Regeln der Kunst.
Groth, Heinl und Machulla, so heißen die Männer. Der eine jubelt auf der Tribüne, der andere sprintet über den Platz, der dritte gestikuliert an der Seitenlinie. Das Team, für das ihr Herz schlägt, ist die SG Flensburg-Handewitt. Es jagt den Gegner aus Erlangen durch die Halle. Die Zuschauer brüllen, nach jedem Flensburger Tor donnert Musik aus den Boxen. Die drei Männer sind zufrieden.
Rainer Groth, 57, ist Fan seit über zwanzig Jahren. Jacob Heinl, 30, ist Kreisläufer und der Liebling des Publikums. Maik Machulla, 40, trainiert die Mannschaft. Drei Männer, die eines gemeinsam haben: Sie verwenden das Wort "Familie", wenn sie Geschichten über ihren Verein erzählen.
Es gibt hier oben, im nördlichsten Bundesland Deutschlands, keinen Fußball-Erstligisten, der Volkspark in Hamburg liegt zwei Stunden Autofahrt entfernt. Die Synchronschwimmerinnen sind gut, aber über die spricht niemand. Beim Bäcker, im Bus, auf der Straße: In Flensburg reden die Leute über Handball.
Zwei der Vereine, die den Sport in den vergangenen Jahren dominiert haben, liegen nur 70 Kilometer auseinander: der THW Kiel und eben Flensburg. Sie sind der Stolz der Menschen zwischen Nord- und Ostsee. Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, sagt, die Handballbegeisterung im Norden sei "Wahnsinn, die Mannschaften sind Teil unserer Identität geworden".
Würde man die Bedeutung von Kiel und Flensburg auf den Fußball übertragen, entspräche Flensburg dem BVB aus Dortmund, der THW Kiel dem FC Bayern München. Kiel plant im Jahr mit einem Etat von neuneinhalb Millionen Euro, Flensburg kommt mit drei Millionen weniger aus. Kiel hat die Stars, Flensburg ein Team, so war das immer.
Doch während Kiel in den letzten dreizehn Jahren zehnmal Meister war, schaffte Flensburg es nur auf sieben zweite Plätze und vier dritte. Diese Statistik lässt die Flensburger verzweifeln, sie sticht ins Herz des Handballwahnsinns.
Publikumsliebling Jacob Heinl
Foto: Martin Lukas Kim / DER SPIEGELAm Himmel schiebt der Wind Wolken wie in den Filmen, die man aus der Reklame norddeutscher Brauereien kennt. Kurz hinter Schafflund, an einer gottverlassenen Landstraße, flattert einsam eine SG-Flagge im Wind. Hier lässt sich erfahren, wie das ist, wenn man sein Leben einem Verein widmet. Die Flagge gehört zu einem Hof mit Reetdach, in der Tür steht Rainer Groth.
Er ist Kammerjäger, aber der Beruf, sagt Groth, stehe für ihn an zweiter Stelle, "auf Platz 1 ist die SG". Seine Freunde aus dem Fanclub nennen ihn Randgruppen-Rainer, weil man das singen könne wie "Guantanamera".
Seit mehr als zwanzig Jahren fährt er zu jedem Heimspiel und zu vielen Auswärtsspielen, obwohl die von Flensburg aus immer einer Weltreise gleichkommen. Er war in Paris und Budapest, in Barcelona. Auf seiner Mundharmonika hat er den Kieler Fans mal seinen "Anti-THW-Blues" vorgespielt. "Die haben mich gepackt und in einen Raum gesperrt. Erst nach Spielende kam ich frei."
Im März steht Flensburg wieder einmal auf Rang 1 der Tabelle. "Dieses Mal schaffen wir es", sagt Groth, "daran glaube ich." Stolz zeigt er seine Schalsammlung, singt Fansongs vor, dann zieht er sich ein Trikot an und eine Jeanskutte, darüber legt er einen Fanschal und schlüpft in Socken mit dem SG-Logo. In seine Ohrlöcher steckt er sich bunte Federn, und über seine graue Haarmatte stülpt er einen Hut aus Leder. Er sieht aus wie ein Indianer vom Stamm der Flensburger Handballverrückten.
Eine Stunde vor dem Spiel verlässt Groth sein Haus und fährt nach Flensburg, in die Kneipe St. Knudsborg. Mit Freunden trinkt er ein paar schnelle Biere, so machen sie das immer. Dann geht's ab auf die Stehtribüne, die sogenannte Hölle Nord. Sie ist eine der größten im europäischen Handball. Und eine der lautesten.
Warum liebt Groth die SG?
"Die Mannschaft spielt seit vielen Jahren oben mit, ohne Mäzen, ohne Spitzenetat. Die Fans lieben die Spieler, und die Spieler lieben die Fans. Wir identifizieren uns voll mit dem Verein."
Wer das Besondere des Vereins erleben will, sollte in die Duburghalle gehen, dorthin, wo die Mannschaft in der Woche trainiert. "Unser Heiligtum", nennen es respektvoll Trainer und Spieler.
Die Kabine der SG Flensburg-Handewitt ist fünf Meter lang und drei Meter breit, kaum größer als eine Besenkammer. Ringsum stehen Holzbänke, es riecht nach Schweiß und benutzten Handballschuhen. Über den Bänken stapeln sich Trikots, Handbälle, Flaschen, an der Wand hängt ein Schild mit einem Spruch von Muhammad Ali: "I'm going to show you how great I am!"
Es gibt in Deutschland Schulklassen, die sich luxuriöser umkleiden als die Handballer der SG, die sich gerade auf die Bänke quetschen: Holger Glandorf, Anders Eggert, Mattias Andersson, die meisten an die 100 Kilogramm schwer, sie müssen die Tür offen lassen, sonst reicht die Luft zum Atmen nicht. Es sind Weltklassespieler, sie könnten in Barcelona oder Paris spielen, einen Haufen Geld verdienen, aber sie haben sich für diese Kabine entschieden.
Ljubomir Vranjes, 43, hatte diesen Ort für "seine Familie" entworfen. Der gebürtige Schwede war rund ein Jahrzehnt lang in Flensburg so etwas wie die DNA des Vereins. Er galt früher als einer der besten Rückraumspieler, nach seinem Karriereende 2009 blieb er dort und wurde zunächst Teammanager, später Trainer. Vranjes sagte von sich selbst, dass er die SG geschmiert und geölt habe wie eine Maschine, und irgendwann sei sie "rundgelaufen".
Für Vranjes war die Kabine eine Art Wohnzimmer. Er hatte diesen Ort nach seinen Vorstellungen gepflegt und entwickelt, jedem Spieler hatte er eine Aufgabe zugeteilt: Einer kochte Kaffee fürs Team, einer spielte Musik ab, einer sammelte Strafgeld. Weder durfte in der Kabine Alkohol getrunken noch eine andere Sprache als Deutsch gesprochen werden.
Selbst für viele Freunde des Vereins kam vor einigen Monaten die Nachricht überraschend, dass Vranjes den Verein zum Saisonende verlassen und zu Telekom Veszprém nach Ungarn wechseln werde. Er habe lange überlegt, sagte Vranjes damals, ob er diesen Schritt gehen solle. "Meine Zeit in Flensburg hat mich kaputtgemacht", sagte er, "alles wird beobachtet, du hast alle drei Tage ein Spiel, musst immer liefern. In Ungarn ist die Liga schlanker und der Druck kleiner."
Trainer Machulla (l.): "Ich weiß, wie riesig die Fußstapfen sind"
Foto: imago / Beautiful SportsEs klang wie eine Flucht. Es war Zeit für ihn, sich aus den Zwängen der Familie zu befreien. Manchmal kann ein Idyll auch einengen. Können dich die Menschen dort erdrücken.
Zwei Monate nach dem ersten Treffen in Schafflund ist der Hardcore-Fan Groth schlechter Laune. Flensburg hat den Meistertitel verpasst, zum 13. Mal in Folge. Im entscheidenden Saisonspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen haben sie verloren.
Bei Facebook postete Groth ein Bild der schlaff hängenden Flagge vor seinem Haus, darunter schrieb er einen Post mit dem Titel "Klartext": "Fakt 1: Ich bin sehr enttäuscht! Fakt 2: Wir werden wieder nur Vize. Fakt 3: Der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr."
Vranjes ist nun Vergangenheit, ein Gescheiterter.
Seit dem Sommer heißt der neue Trainer in Flensburg Maik Machulla, es ist der bisherige Co-Trainer. "Ich weiß, wie riesig die Fußstapfen von Vranjes sind", sagt Machulla, er hat in sein Haus in Handewitt eingeladen.
Handewitt ist eine Gemeinde bei Flensburg. 11.000 Einwohner, hier wohnen fast alle Handballer der SG. Wegen der Ruhe. Morgens sähen sie sich, wenn sie ihre Kinder zur Schule bringen, sagt Machulla. Er sitzt an einem Schreibtisch in seinem Einfamilienhaus, Laptop aufgeklappt, er studiert Spielszenen des nächsten Gegners.
16 Stunden dauert allein das Sichten und Schneiden der Videos vor einem Spiel. Seine Mannschaft spielt am Donnerstag gegen MT Melsungen und am Samstag in der Champions League gegen Veszprém, Vranjes' neues Team. "Es ist utopisch zu glauben, dass wir in der Champions League topfit sein könnten", sagt Machulla.
Der deutsche Handball stehe vor einer großen Herausforderung, so sieht es der Trainer: Weil der Sport hierzulande populär sei, die Liga so dicht, verlange er seinen Akteuren alles ab. Zum ersten Mal überträgt Sky seit dieser Saison alle Spiele live. Das erhöht den Druck.
Die Vereine spielen öfter als die Konkurrenz in anderen europäischen Ligen, jedes Spiel ist ein Abnutzungskampf. Paris, Barcelona und Veszprém sind im entscheidenden Moment oft ausgeruhter. "Obwohl die deutsche Liga international die stärkste ist, wird es zukünftig immer schwerer werden, Champions-League-Sieger zu werden", sagt Machulla.
Und die Kommerzialisierung schafft ein weiteres Problem - und das betrifft die Fans der SG.
In der vergangenen Saison hatte der damalige Trainer Vranjes öfter das Gefühl, die eigenen Fans aufwecken zu müssen. Beim Champions-League-Spiel gegen Wisla Plock lag Flensburg zurück, selbst in der berüchtigten Hölle Nord wurde es still. So still, dass die meisten, die dort waren, hörten, was Vranjes in Richtung Tribüne schrie: "Wo ist die Halle?" Bis weit nach dem Spiel zürnte der Trainer, "wir spielen alle drei Tage. Da möchte ich sehen, wie die Zuschauer für meine Mannschaft aufstehen". Sechs Tage später entschuldigte er sich, inhaltlich aber legte er nach: "Seit dem ersten Spieltag dieser Saison ist die Stimmung in der Flens-Arena viel leiser geworden."
Dass das so ist, sieht auch Jacob Heinl so. Heinl ist der Kreisläufer, die Flensburger Identifikationsfigur. Ein gut aussehender Hüne mit Bart, der sich aus der Jugend zu den Profis hochgekämpft hat, er wohnt mitten in der Stadt. "Alles, was ich habe, habe ich der SG zu verdanken", sagt Heinl. Nach einem Spiel trifft er sich noch mit dem Stadionsprecher der SG, Michael Holst, gemeinsam fahren sie zu Heinl und spielen "FIFA" auf der Konsole. Hamburger SV gegen St. Pauli, Holst gewinnt mit dem HSV 3:2. Während sie spielen, erzählt Heinl.
"Unser Sport wird immer professioneller. Das ist gut und richtig. Aber darunter leidet das Familiäre, der Kontakt zu den Fans wird geringer. Handball ist nicht mehr der Sport mit Schulhallencharme, der er früher war. Auch nicht in Flensburg."
Bis zum Beginn der vergangenen Saison machten in Flensburg die Ultras Stimmung, erzählt Heinl. Eine Gruppe junger Männer, die Fahnen schwenkten, sich Choreografien ausdachten, lauthals Lieder sangen.
Die Ultras befeuerten das Image der wilden Flensburger, oft gingen sie zu weit: Bei einem Derby in Kiel warfen sie Leuchtstoffröhren auf die gegnerischen Fans, sie sangen: "THW, Hurensöhne!" Gegen Hamburg schmissen die Ultras Bierbecher. Die Akzeptanz schwand, gemäßigtere Fans wehrten sich gegen das Rambo-Image der SG. Schließlich löste sich die Gruppierung auf. Seitdem fliegen keine Leuchtstoffröhren mehr. Aber es ist in der Arena merklich leiser geworden.
Trainer Machulla sagt, er verspüre keine Wehmut, wenn er an die alten Zeiten im Handball denke, die Chancen der Moderne seien zu groß. Der Spieler Heinl sieht das ähnlich. Mit Sky kommt die Aufmerksamkeit, das Geld, vielleicht eines Tages ein Spieler, der Flensburg wieder zum Champions-League-Titel wirft, mindestens aber zum Ligatitel. Das sind doch gute Aussichten. Oder?
Rainer Groth aus Schafflund sieht das anders. Er hat Angst, dass die Fans auf der Strecke bleiben. Wenn die Spieler nach dem Spiel nicht mehr mit ihm, sondern mit Sponsoren reden. Wenn der Spielplan so eng getaktet ist, dass die alten Fans die Lust verlieren.
Dann, sagt Groth, sei die SG nicht mehr das, wofür er sie so liebe - eine Familie.