Historiker Saul Friedländer: - DER SPIEGEL
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SPIEGEL-Gespräch mit Historiker Saul Friedländer "Meine Heimat ist meine Geschichte"

Der Historiker Saul Friedländer hat den Holocaust überlebt - und zu seinem Lebensthema gemacht. Er registriert einen wachsenden Widerstand gegen die Erinnerung an den Judenmord.
Zeitzeuge Friedlaender
Zeitzeuge Friedlaender

Zeitzeuge Friedlaender

Foto: Bert Bostelmann/DER SPIEGEL
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am vergangenen Mittwoch wurde in der Hamburger HafenCity das Denkmal für den Hannoverschen Bahnhof eingeweiht. Von diesem Ort waren während des Zweiten Weltkriegs mehr als 8000 Juden, Roma und Sinti in die Gettos und Vernichtungslager in Osteuropa deportiert worden, nur sehr wenige Menschen kehrten zurück. Das Bahnhofsgebäude wurde in den Fünfzigerjahren abgerissen. Heute erinnern eine Reihe von Gedenktafeln, ein von frisch gepflanzten Birken gesäumter Bahnsteig und zwei leere Gleise an das, was hier vor mehr als 70 Jahren geschah.

Saul Friedländer mit seinen Eltern um 1935

Saul Friedländer mit seinen Eltern um 1935

Foto: Privat

Zu den Ehrengästen der Veranstaltung zählte Friedländer. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz hatte ihn eingeladen, den berühmten Historiker und Holocaust-Überlebenden, den Träger vieler Preise und Anerkennungen, der mit seinem Standardwerk über "Das Dritte Reich und die Juden" Maßstäbe gesetzt hat. Friedländer, 84, lebt seit Jahren in den USA, doch seine Familie stammt aus Prag. Als die Nazis kamen, floh er mit seinen Eltern nach Frankreich. Mutter und Vater wurden verhaftet und in Auschwitz getötet. Er selbst überlebte den Krieg und zog nach Israel. Saul Friedländer führt seither ein globalisiertes Professorenleben zwischen Genf und Paris, Tel Aviv und Los Angeles.

SPIEGEL: Herr Friedländer, 72 Jahre nach Kriegsende wird ein Denkmal zur Erinnerung an die Deportation der Hamburger Juden, Roma und Sinti eröffnet. Geschieht das nicht viel zu spät?

Friedländer: Nun, es kommt spät, aber es kommt immerhin. In Deutschland macht man auf der offiziellen Ebene wirklich sehr viel. Das halte ich für beispielhaft, gerade wenn man sieht, was sonst in Europa so passiert, in Ungarn, Polen oder auch teilweise in Frankreich. In diesen Ländern will man von den dunklen Seiten der Vergangenheit offenbar nichts mehr wissen. Ich muss allerdings etwas hinzufügen: Ich befürchte, dass die Erinnerung auch für große Teile der Bevölkerung in Deutschland längst irrelevant geworden ist. Oder irre ich mich?

SPIEGEL: Wahrscheinlich nicht. Und dennoch: Hat es jemals ein Volk in der Weltgeschichte gegeben, das sich so eindeutig zu seiner Schuld bekannt hat?

Friedländer: Nein. Aber das, was zuvor geschah, hat es ja auch noch nie gegeben: Kein Volk der Welt hat jemals einen so systematischen Kollektivmord begangen wie die Deutschen. Ich weiß, auch in der Sowjetunion und in anderen Ländern sind Millionen umgebracht worden. Aber es gab nirgends so etwas wie die Shoah.

SPIEGEL: Böse Zungen sagen, die Deutschen seien nicht nur perfekt im Völkermord, sondern auch in der Erinnerung daran ...

Friedländer: Ein harter Satz, aber nicht ganz falsch ...

SPIEGEL: Hat diese intensive Erinnerungskultur mit den vielen Denkmälern, Gedenkstätten und Stolpersteinen auch etwas Irritierendes für Sie?

Friedländer: Es gibt einige, die das so empfinden, ich weiß. Aber ich sehe das anders: Diese Bereitschaft, sich zu erinnern, ist erst einmal grundsätzlich eindrucksvoll. Aber - das ist meine Einschränkung - sie nimmt ab, es wird weniger. Mit dem Tod der letzten Überlebenden wird die Erinnerung immer schwächer werden.

Hannoverscher Bahnhof in Hamburg 1931

Hannoverscher Bahnhof in Hamburg 1931

Foto: Museum für Hamburgische Geschichte

SPIEGEL: Elie Wiesel, der Auschwitz-Überlebende und Friedensnobelpreisträger, hat einmal auf die Frage, was nach dem Tod des letzten Zeugen geschehen werde ...

Friedländer: Genau das ist die Frage!

SPIEGEL: ... Wiesel hat also geantwortet: "Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selber ein Zeuge werden." Stimmt das?

Friedländer: Da bin ich nicht so sicher. Ich kannte Elie Wiesel gut, er war ein Meister der Rhetorik. Der Satz ist schön, aber das ist Elie Wiesel, nicht die Wirklichkeit.

SPIEGEL: Wie kann sonst erinnert werden?

Friedländer: Es gibt viele Plätze und Orte, die Erinnerung ermöglichen, so wie hier in Hamburg. Ich bin allerdings nicht sicher, wie lange das noch funktionieren wird. Es ist doch kein Thema, das die Menschen mit Stolz erfüllt. Sie werden es irgendwann verdrängen.

SPIEGEL: Solche Stimmen gibt es ja schon jetzt. Der AfD-Politiker Björn Höcke hat kürzlich erklärt, dass er die Gedenkkultur lieber heute als morgen abschaffen würde.

Friedländer: Ja, das hat sich bis nach Kalifornien herumgesprochen. Aber Ähnliches hat schon Martin Walser 1998 in seiner Friedenspreisrede gesagt, er sprach von der "Moralkeule" Auschwitz ...

SPIEGEL: ... die man ihm doch ersparen möge.

Friedländer: Genau, so hat er es damals gesagt. Grundsätzlich sehe ich zwei verschiedene Strategien des Vergessens: Die einen fordern offen den Schlussstrich, wollen davon nichts mehr hören. Die anderen, und das scheint mir für die meisten Menschen zu gelten, sagen einfach nur: Ja, das war alles schlimm damals, aber Opa war kein Nazi, der nicht. Man hat zwar nichts gegen ein solches Denkmal, sagt aber: Damit hatten wir nichts zu tun.

Eröffnung der Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof 2017

Eröffnung der Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof 2017

Foto: Christophe Gateau/ dpa

SPIEGEL: Marine Le Pen argumentierte im Wahlkampf ganz ähnlich. Auch sie will von der Kollaboration vieler Franzosen mit den Nazis nichts mehr wissen.

Friedländer: Sie bestreitet einfach, dass die Franzosen beteiligt waren. Das ist ziemlich schlimm.

SPIEGEL: Haben Sie erwartet, dass es so weit kommen könnte?

Friedländer: Nein. Der Antisemitismus war in Frankreich - wie überall in Europa - zwar nie verschwunden. Aber das, was sie jetzt sagt, ist so krass falsch, dass es eigentlich jeder besser wissen müsste. Ich selbst habe mehrmals erlebt, wie sich die französische Polizei in den Dienst der Nazis gestellt hat.

SPIEGEL: Was genau geschah damals?

Friedländer: Als im Sommer 1942 die Deportationen der nicht französischen Juden aus Frankreich begannen, haben mich meine Eltern in einem Moment der Panik in ein jüdisches Kinderheim geschickt. Ich war damals neun Jahre und etwa zehn Monate alt. Eines Nachts wurden wir morgens um zwei oder drei Uhr geweckt und mussten alle unten in einer Halle antreten. Die französische Gendarmerie war mit Lastwagen vorgefahren. Alle Kinder, die zehn Jahre oder älter waren, mussten mitkommen, ich durfte mit den anderen noch eine Nacht bleiben, bis wir auch abgeholt werden sollten. Wir haben daraufhin diese Nacht im Wald verbracht, und ich bin am nächsten Tag zu meinen Eltern gelaufen.

SPIEGEL: Waren auch Deutsche an dieser Deportation beteiligt?

Friedländer: Nein, nur französische Gendarmen, doch ganz am Anfang der Befehlskette standen natürlich die Nazis in Berlin. Aber ich habe noch ein zweites Beispiel für die Kollaboration: Meine Eltern brachten mich danach in einem katholischen Internat in Sicherheit, wo ich einen neuen Namen bekam und nicht mehr als Jude registriert war. Sie selbst wollten mit einer Gruppe von Juden in die Schweiz fliehen, wurden aber mitten in der Nacht an der Grenze von Schweizer Polizisten aufgegriffen. Die Schweizer, und hier kommt die schreckliche Ironie der Geschichte, ließen damals nur jene Flüchtlinge ins Land, die mit Kindern unterwegs waren. Zwei kinderlose Paare, darunter meine Eltern, wurden wieder der französischen Gendarmerie überstellt. Und die übergab sie am Ende den Nazis.

SPIEGEL: Warum handelten die französischen Gendarmen so? Aus Antisemitismus?

Friedländer: Zunächst einmal befolgten sie Befehle. Der Antisemitismus eines französischen Gendarmen hatte wenig zu tun mit dem Antisemitismus eines Adolf Hitler. Aber natürlich spielte das eine Rolle: Man mochte die Juden nicht und bekam auch von oben signalisiert, dass diese Haltung erwünscht war.

SPIEGEL: Dass es den Antisemitismus in Deutschland noch heute gibt, ist unbestritten. Welche Rolle spielt er in Frankreich?

Friedländer: Nun, nach dem Krieg war er nur unterdrückt worden. Marine Le Pen und ihr Vater Jean-Marie Le Pen haben ihn wieder hoffähig gemacht.

SPIEGEL: Hat sich der französische Staat Ihnen gegenüber zu seiner Mitverantwortung für das Schicksal Ihrer Eltern bekannt?

Friedländer: Nein, nein. Überhaupt nicht. Der französische Staat gab mir nur einen besonderen Status; ich war als Kind ein "Schützling des französischen Volkes", aber es gab keine Erklärung dieser Art und schon gar kein Geld.

SPIEGEL: Der Verlust Ihrer Eltern hat zwangsläufig Ihr ganzes Leben bestimmt. Wo zeigte sich das besonders deutlich?

Friedländer: Als nach dem Krieg die Nachricht kam, dass meine Eltern nicht zurückkommen würden, schickten Verwandte von mir einen Vormund in das Internat, um mich dort abzuholen. Die Nonnen bestritten jedoch, dass ich dort lebte. Tatsächlich hatte Papst Pius XII. entschieden, dass jüdische Kinder, deren Eltern nicht überlebt hatten, nicht zurückgegeben werden sollten. Erst als der Abgesandte der Familie mit einer polizeilichen Durchsuchung drohte, sagten die Nonnen die Wahrheit.

SPIEGEL: Haben Sie sich denn zu dieser Zeit - Sie waren damals etwa 13 Jahre alt - überhaupt als Jude empfunden?

Friedländer: Nein, noch war ich Katholik. Eines Tages lud mich mein Vormund zu einem Seder-Abend ein, das ist der Vorabend des jüdischen Pessach-Fests. Man sang die Lieder, betete. Dann kam irgendwann das Fleisch auf den Tisch. Ich weigerte mich, es zu essen. Man fragte mich ängstlich, was mit mir sei, ob ich krank sei. Und ich antwortete etwas stockend: "Ja, aber es ist doch Karfreitag." Sie können sich vorstellen: Das schlug ein wie eine Bombe.

SPIEGEL: Wann haben Sie Ihre katholische Identität abgelegt?

Friedländer: Ziemlich bald, erst wurde ich drei Monate lang Kommunist und danach Zionist, ging also nach Israel.

SPIEGEL: Wie präsent war Ihnen zu dieser Zeit das Schicksal Ihrer Eltern?

Friedländer: Es war mir eigentlich egal, ich spürte nichts. Ich hatte kein Gefühl, für nichts, weder für die, die mir geholfen hatten, noch für die anderen. Eine merkwürdige Reaktion, aber das passierte vielen Überlebenden der Shoah. Ich las auch nichts darüber. Ich traf sogar später, nachdem ich wieder zum Studium nach Frankreich zurückgekehrt war, Freunde meiner Eltern, aber wir sprachen nicht über sie. Heute weiß ich, dass es eine Art Lähmung war.

SPIEGEL: Und wann wurden Sie sich Ihrer eigenen Geschichte bewusst?

Friedländer: Als ich an meiner Doktorarbeit arbeitete, erst Anfang der Sechzigerjahre. Ich schrieb damals über das Verhältnis der Nazis zu den Vereinigten Staaten im Krieg. Aber ich spürte noch nicht, dass ich damit so langsam zu meinem Lebensthema gelangte. Noch wusste ich mehr über U-Boote als über die Judendeportationen. Rein zufällig fand ich dann in einem Bonner Archiv auch Dokumente, die die passive Haltung des Vatikans zur Judenverfolgung belegten. Und daraus habe ich schließlich ein Buch gemacht, das es 1964 bis auf die Titelseite des SPIEGEL  gebracht hat. Nun war klar, womit ich mich den Rest meines Lebens beschäftigen würde.

SPIEGEL: Und jetzt haben Sie sich auch Ihrer Familiengeschichte gestellt?

Friedländer: Nein, damals habe ich immer noch Strategien gefunden, diese private Geschichte zu verdrängen. Wissen Sie, ich habe insgesamt 17 Jahre in Genf gearbeitet. Und Genf liegt nur 60 Kilometer von Saint Gingolph entfernt, dem Schweizer Grenzdorf, in das meine Eltern aus Frankreich geflüchtet waren. In diesen 17 Jahren bin ich in die ganze Welt gereist, aber nicht in dieses kleine Dorf. Nicht dass das eine bewusste Entscheidung war, aber physisch bin ich einfach nicht hingefahren. Dabei war Saint Gingolph der Katastrophenort meines Lebens schlechthin.

SPIEGEL: Sie haben in vielen Städten Europas, Israels und Amerikas gelebt und gearbeitet. Würden Sie eine davon als Ihre Heimat bezeichnen?

Friedländer: Nein, meine Heimat ist meine Geschichte. Wenn man mich fragen würde: Wer bist du? Dann würde ich sagen: Ich bin ein Jude, der nicht religiös ist und der sich nur identifiziert über die Shoah. Das sage ich nicht pathetisch oder anklagend, das ist einfach eine Tatsache.

SPIEGEL: Sie haben erzählt, wie lange Sie dieser Identität ausgewichen sind. Was hat die Erfahrung der Angst und des Verlusts mit Ihnen persönlich gemacht?

Friedländer: Ich habe Angst vor anderen Menschen. Ich tue mich - abgesehen von meiner Familie - sehr schwer mit persönlichen Beziehungen. Und ich bin in gewissen Situationen sehr furchtsam, ohne jeden erkennbaren Grund.

SPIEGEL: Sie haben im vergangenen Herbst den zweiten Teil Ihrer Memoiren veröffentlicht, der Titel lautet: "Wohin die Erinnerung führt" . Und darin schildern Sie ganz offen die Depressionen, die Sie seit Jahrzehnten quälen. Auch die dürften eine Folge Ihrer Traumatisierung sein.

Friedländer: Selbstverständlich. Gegen die Depressionen helfen mir nur meine vielen Pillen. Ich habe mich schon in Genf einer Psychoanalyse unterzogen. Und die hat mir gezeigt, was die Geschichte meiner Familie mit mir gemacht hat.

SPIEGEL: Sie werden im Oktober 85 Jahre alt, Sie leben mit Ihrer Frau Orna in einem schönen Haus am Rande von Los Angeles, Sie haben drei Kinder und vier Enkel. Können Sie jetzt mit etwas mehr Gelassenheit auf die Welt um Sie herum blicken?

Friedländer: Ich fürchte, nein. Was mich gerade sehr beunruhigt, ist der neue Antizionismus an den amerikanischen Universitäten. Studenten und Professoren haben sich zu einer Front gegen Israel zusammengetan. Das Schlimme ist, dass sie die Politik Israels nicht nur kritisieren - wofür es gute Gründe gibt -, sondern gleich Israel als Staat an sich delegitimieren. Das sind vor allem Leute aus der amerikanischen Linken, aber es gibt auch Professoren bei uns aus Asien oder Afrika, die meinen, Israel schaffe nur Probleme und sollte besser gar nicht existieren. Die antiisraelische Haltung hat leider manchmal einen Anklang von Antisemitismus.

SPIEGEL: In Deutschland wird häufig argumentiert, dass die Politik der Regierung Netanyahu den Antisemitismus befördere. Könnte es sein, dass dieser Antisemitismus schon lange existiert und durch diese Politik nur aus der Reserve gelockt wird?

Friedländer: Sie sagen es. Der Antisemitismus braucht Benjamin Netanyahu gar nicht, er ist immer da. Aber natürlich denken sich viele, dieser Typ zeigt doch, wie böse die Juden sind.

SPIEGEL: Sie haben nicht nur die israelische, sondern auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Deutschland wird Ihr neuer Präsident Donald Trump mitunter mit Adolf Hitler verglichen. Können Sie das verstehen?

Friedländer: Nein, ganz bestimmt nicht ...

SPIEGEL: Nun, wenn Sie daran denken, wie Trump Minderheiten ausgrenzt und wie er Justiz und Medien beschimpft, dann sind da schon einige Analogien erkennbar.

Friedländer: Noch mal: nein. Das ist ein großes Missverständnis. Trump ist ein Businessman, der zufällig Präsident geworden ist. Und, ja: Er ist das Schlimmste, was man sich in Amerika denken konnte. Aber er hat ja keine Ideologie. Und er hat auch keine Ahnung von den meisten Sachen. Adolf Hitler hatte hingegen eine ganz tief verwurzelte systematische Ideologie. Er kam außerdem in einer wirtschaftlich prekären Lage an die Macht und in einer Weimarer Republik, in der die Demokratie sehr fragil war. Wir leben dagegen in einer wirtschaftlich stabilen Situation, die Vereinigten Staaten sind nicht Weimar, die Justiz funktioniert, es gibt bei uns auch keine Milizen, die politische Gegner verprügeln.

SPIEGEL: Ihr deutscher Kollege, der Historiker Heinrich August Winkler, hat in seiner "Geschichte des Westens" die Theorie vertreten, dass sich seit der amerikanischen Revolution von 1776 ein universell gültiger Wertekanon ausbreitet, der den Menschenrechten und der Demokratie in der ganzen Welt zum Durchbruch verhelfen wird. Stimmen Sie zu?

Friedländer: Das gilt vielleicht für ein paar Länder Europas, die ohnehin schon eine tief verwurzelte Demokratie besitzen. Aber weder im Nahen Osten noch in anderen Weltregionen kann man einen solchen Fortschritt erkennen. Ich glaube nicht an eine globale Ausbreitung der Menschenrechte. Der geschätzte Kollege Winkler hat seine Thesen zu einem Zeitpunkt entwickelt, als wir von den dramatischen Krisen der Gegenwart vielleicht noch nicht genug wussten, vom neuen Nationalismus vor allem, von Populismus und Islamismus. Diese Gegenkräfte sind nicht schwächer, sondern stärker geworden.

SPIEGEL: Winkler ist im Grunde Optimist. Er glaubt, frei nach dem deutschen Philosophen Hegel, dass sich die Menschheit von Stufe zu Stufe fortentwickelt und dabei selbst optimiert.

Friedländer: Sehen Sie, und daran glaube ich nicht.

SPIEGEL: Herr Friedländer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.