Illegales Autorennen Bei Grün: Vollgas. Anklage: Mord
Angeklagte Marvin N. (2. v. l.), Hamdi H. (5. v. l.) mit Anwälten am 8. September in Berlin-Moabit: Vollgas mitten in der Stadt
Foto: Paul Zinken/ dpaDie Frau, die schnelle Autos liebt, hat Angst. Auf hohen Plateauabsätzen tippelt sie den dunklen Flur vor Saal 621 des Berliner Landgerichts auf und ab. Sie fürchtet sich vor der Begegnung mit dem Mann, der schnelle Autos liebt.
Nur wenige Monate lang war sie mit ihm liiert, im Sommer 2015. Lang genug, um von der 35. Strafkammer als Zeugin geladen zu werden und vor Gericht zu beschreiben, was für ein Typ dieser Mann ist, der bei einem illegalen Autorennen auf dem Kurfürstendamm für den Tod eines Unbeteiligten mit verantwortlich ist.
Ob der Mann im Saal sitze, wenn sie gleich aussagen werde, fragt die Frau auf dem Gerichtsflur. Eine grazile Person ist sie, 22 Jahre alt und Auszubildende, sie ordnet ihre langen dunklen Haare. Als sie den Saal betritt, vermeidet sie es, zur Anklagebank zu blicken.
Dort sitzt der Mann: Marvin N., ein kompakter, glatzköpfiger Kerl, 24 Jahre alt, Vollbart, ehemals Bundeswehrsoldat, zuletzt Türsteher. Neben ihm der zweite Angeklagte: Hamdi H., 27 Jahre alt, Hartz-IV-Empfänger, ein schmächtiger Bursche mit herunterhängenden Mundwinkeln, er wirkt Jahre jünger, als er ist.
Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft haben die beiden Männer in der Nacht zum 1. Februar, gegen 0.40 Uhr, an einer Ampel auf dem Berliner Prachtboulevard ein Rennen gestartet: Marvin N. aus Berlin-Marzahn gegen Hamdi H. aus Berlin-Moabit, weißer Mercedes AMG CLA 45 gegen weißen Audi A6 TDI, 381 PS gegen 225 PS. Mit wenigen Worten, einer Geste oder nur einem Blick sollen sie sich verständigt haben: Vollgas wie auf der Rennstrecke, nur mitten in der Stadt.
Ihren Weg kreuzte Michael W., 69 Jahre alt, Arzt und Witwer. Er hatte Grün und bog mit seinem Geländewagen in der Nähe des KaDeWe auf die Tauentzienstraße, die Verlängerung des Ku'damms. Hamdi H.s Audi raste in den Wagen, der Jeep schleuderte 72 Meter weit durch die Luft in Richtung Wittenbergplatz und landete vor dem Eingang des Kaufhauses Peek & Cloppenburg. Marvin N.s Mercedes knallte gegen eine Ampel. Die beiden Angeklagten und eine Beifahrerin kletterten nahezu unverletzt aus den Wracks. Der Rentner aber starb an der Unfallstelle, seine beiden Söhne treten als Nebenkläger in dem Verfahren auf.
Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen Mordes erhoben, das hat es in solchen Fällen noch nicht gegeben. Die Teilnahme an Autorennen ist eine Ordnungswidrigkeit und wird mit einem Bußgeld von 400 Euro und einem Monat Fahrverbot geahndet. Fahrer, die tödliche Unfälle verursacht hatten, wurden allenfalls wegen fahrlässiger Tötung angeklagt und verurteilt: Höchststrafe fünf Jahre, bis zwei Jahre meist auf Bewährung.
Im Fall der Ku'damm-Raser ermittelte bei der Staatsanwaltschaft die Abteilung für Organisierte Kriminalität gegen Hamdi H. anfangs wegen fahrlässiger Tötung, dann gegen beide Fahrer wegen Totschlags. Am Ende sahen die Ermittler Anhaltspunkte für einen Mord. Im März kamen Marvin N. und Hamdi H. in Untersuchungshaft, im Juli erhob die Behörde Anklage wegen Mordes.
Bei dem Rennen habe jeder gewinnen und sich dadurch "Selbstbestätigung" sichern wollen, meint Staatsanwalt Christian Fröhlich. Zudem hätten beide billigend in Kauf genommen, dass ein Mensch zu Tode kommt. Die Mordmerkmale "niedrige Beweggründe" und "gemeingefährliche Mittel" seien erfüllt. Im August ließ das Gericht die Mordanklage zu.
Die bisherigen Verhandlungstage haben gezeigt: Hamdi H. und Marvin N. gehören zu keiner organisierten Tunerszene. Und doch haben sie mit ihrem Leben und dem Leben anderer gespielt. Sie nennen es Stechen und meinen spontane Autorennen. So schossen sie in jener Nacht durch Berlin: N. links, H. rechts. Vom Adenauerplatz knapp dreieinhalb Kilometer weit über den Ku'damm, über 20 Querstraßen und 11 Ampeln hinweg, alle in Betrieb, die letzte war definitiv rot. Wo die Nürnberger Straße auf die Tauentzienstraße trifft, kam es zum Zusammenstoß mit dem Geländewagen.
Die Ermittler sprechen vom "Ereignisort": ein wüstes Schlachtfeld voller herumgeschleuderter Wrackteile und zerfetzter Karossen, daneben ein umgeknickter Ampelmast. Michael Weyde zeigt am achten Verhandlungstag Hunderte solcher Bilder. Er ist Sachverständiger für Straßenverkehrsunfälle und für die Auswertung von Unfalldatenspeichern. Solche Schlachtfelder kenne er von Unfällen auf Landstraßen, bei denen meist hohe Geschwindigkeiten eine Rolle spielten, sagt er. Für eine Stadt wie Berlin sei dieses Bild atypisch.
Hamdi H., der dem Gutachter zufolge nicht angeschnallt war, muss nach Weydes Berechnung zwischen 160 und 170 Stundenkilometer schnell gefahren sein, bei permanentem Vollgas. Marvin N. müsse mit etwa 140 Stundenkilometern unterwegs gewesen sein.
Zeugen erinnern sich vor Gericht, wie die Raser über rote Ampeln donnerten. Der Sachverständige mahnt vor solchen Aussagen, selten seien sie verlässlich. Er erklärt anhand der Fotos, warum die Fahrertür von Hamdi H.s Audi herausgerissen wurde, warum das Autodach des Opfers mehrfach brach und warum Marvin N.s Mercedes aussieht, als habe er sich überschlagen, tatsächlich aber abgehoben und meterweit geflogen ist. Weyde hantiert mit Spielzeugautos, simuliert den Crash. Er verwendet Vergleiche wie "geformt wie eine Banane" und "aufgeschnitten wie mit einem Dosenöffner".
Maximilian W. sitzt stumm da. Der Tote ist sein Vater. Als dessen Leiche auf der Leinwand zu sehen ist, eingequetscht in dem zerstörten Jeep, wendet er den Blick nicht ab. Für die Angehörigen des Opfers ist die Mordanklage ein Trost. Der Tod eines unbeteiligten Verkehrsteilnehmers ist für sie keine fahrlässige Tat.
Aber rechtfertigt das, was in jener Februarnacht geschah, den Vorwurf des Mordes?
Mord oder Totschlag bedeutet: Die Angeklagten hatten vor, den Rentner umzubringen. Ist der Vorsatz, an einem Rennen teilzunehmen, gleichzusetzen mit dem Vorsatz, einen Menschen zu töten? Wurde aus einer fahrlässigen Tötung und einer Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr ("übermäßige Straßennutzung") ein Mord konstruiert? Will die Staatsanwaltschaft lediglich einen Präzedenzfall schaffen? Ist ihr Aktionismus gar politisch motiviert? Das Land Nordrhein-Westfalen fordert härtere Strafen für Raser und hat mit Hessen, Bremen und Bayern im Bundesrat einen Gesetzentwurf für einen neuen Straftatbestand eingebracht. Er sieht bis zu zwei Jahre Haft für Veranstalter und Teilnehmer illegaler Rennen vor, außerdem sollen sie Fahrerlaubnis und Wagen verlieren können. Wer Unbeteiligte in Gefahr bringt und nur durch Zufall keinen Schaden verursacht, muss demnach mit bis zu fünf Jahren Haft rechnen; bei Verletzten oder Todesopfern sogar mit bis zu zehn Jahren. Der Entwurf liegt inzwischen beim Bundestag zur Beratung.
Die 35. Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Ralph Ehestädt wird vermutlich noch in diesem Monat die Entscheidung verkünden, ob sie Marvin N. und Hamdi H. wegen Mordes, Totschlags oder wegen Fahrlässigkeit verurteilt. Die Beweisaufnahme hat bisher ergeben, dass es sich bei der Raserei in jener Nacht um kein klassisches verbotenes Autorennen handelte, das im Vorfeld en détail abgesprochen war: mit Start und Ziel, Prämie oder Preis.
Dennoch war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis zumindest Hamdi H. wegen Raserei vor Gericht landen würde. Sein Vorstrafenregister ist lang, er ist wegen Fahrerflucht und fahrlässiger Körperverletzung im Straßenverkehr verurteilt.
Eine ehemalige Mitarbeiterin des Diamonds, einer Shisha-Bar in Berlin-Charlottenburg, Stammlokal der beiden Angeklagten, kennt Hamdi H.s Spitznamen: "The Transporter", in Anlehnung an den gleichnamigen Actionfilm, in dem ein ehemaliger Elitesoldat auf riskante Weise fragwürdige Fracht in einem 7er BMW jongliert.
Hamdi H. pflege einen "besonderen Fahrstil", berichtet die Frau vor Gericht. "Jeder wusste, dass er sehr gut sehr schnell fahren kann. Der hatte seinen Ruf weg." Sie erinnert sich an ein Stechen, das Hamdi H. provoziert haben soll. Er war nicht allein im Auto. Sie selbst saß mit anderen im Mercedes seines Gegners. Hamdi H. raste im Dunkeln über den Ku'damm, über rote Ampeln, über Kreuzungen, viel schneller als erlaubt. Er bremste immer wieder und gab Vollgas, wenn der Mercedes ihn eingeholt hatte. Vorbei an der Gedächtniskirche, über den Tauentzien. Exakt die Strecke, um die es in dieser Hauptverhandlung geht.
Unfallort Tauentzienstraße am 1. Februar in Berlin: "Der hatte seinen Ruf weg"
Foto: AbixDamals seien sie durchgebrettert bis zu einer Bushaltestelle in der Oranienburger Straße. "Im Nachhinein war es gefährlich, was wir gemacht haben", sagt die Frau. "Wenn man nicht selbst gesehen hat, wie Hamdi fährt, hat man keine Vorstellung davon." Wenn da damals einer "quer gekommen wäre, das hätte schlimm enden können".
Exakt drei Tage später endete es schlimm: Michael W. kam Hamdi H. in die Quere.
Im Zuschauerraum sitzt oft Hamdi H.s Verlobte, fast immer sind auch seine Eltern da. Der Vater sagt, er habe mehrmals ver-sucht, die Söhne des getöteten Arztes um Entschuldigung zu bitten, sie hätten kein Interesse gezeigt. Die Familie des Opfers bestreitet das.
Der Vater blickt zu Boden. Ein Mann aus dem Publikum ruft ihm zu, er müsse als Angehöriger des Täters trotzdem versuchen, Kontakt zu den Angehörigen des Opfers aufzunehmen. Der Mann, groß, 77 Jahre alt, verfolgt den Prozess, weil er selbst Opfer eines Rasers wurde, wie er sagt. In der Silvesternacht saß er mit seiner Ehefrau auf der Rückbank von Freunden. Sie waren auf dem Heimweg, als sie rechts von einem Auto überholt wurden, das mit fast 100 Stundenkilometern parkende Pkw touchierte und das Fahrzeug der Freunde rammte.
Seine Frau, 75 Jahre alt, musste aus dem Wrack geschnitten werden. Manchmal hält er sich im Prozess gegen Marvin N. und Hamdi H. die Augen oder die Ohren zu, um die Angst nicht hochkommen zu lassen. Der Fahrer sei zunächst geflüchtet, sagt der Rentner, gegen ihn hege er keinen Groll. Aber verstehen wolle er ihn: Was sind das für Menschen, deren Faszination für blitzschnelle, aufgemotzte Wagen zu einem Rausch, zu einer Sucht werde? Was sind das für Menschen, die ihre Passion über das Leben anderer stellen? Marvin N. und Hamdi H. passen ins Schema, das Verkehrspsychologen von Möchtegern-Rennfahrern zeichnen, die keine Achtung vor dem Leben hätten: junge Männer, beruflich wenig erfolgsorientiert oder gescheitert. Männer, die in ihr Äußeres und damit in ihr Auto investierten, weil womöglich im Inneren Leere herrsche. Für sie sei der Wagen mehr als ein Statussymbol: Er ist Lebensinhalt, Partnerersatz, Heiligtum.
Für den Staatsanwalt ist der Wagen in diesem Fall ein gemeingefährliches Tatmittel: das Auto als Waffe.
Für Marvin N. war der AMG sein größter Traum. Er schuftete dafür, sparte und schenkte ihn sich zu seinem 24. Geburtstag. Am Vormittag beendete er seine Liaison mit einer angehenden Hotelfachfrau aus Marzahn, am Nachmittag zeigte er seine neue, geleaste Liebe auf Facebook: einen weißen Flitzer mit roten Sicherheitsgurten und 4-Zylinder-Turbomotor.
Die Auszubildende sagt vor Gericht: Marvin N. habe aus seinem "topgepflegten" Auto die Selbstbestätigung gesaugt, die er benötigt habe.
Jeden Weg, war er noch so kurz, chauffierte er seine Begleiterinnen herum, hielt ihnen die Tür auf, brachte sie nach Hause. Ein Gentleman, wenn auch ein penibler, sagt die Frau, die auf dem Gerichtsflur so nervös hin- und hergegangen war. Wehe, die Damen hätten das Kosmetiktäschchen im Wagen ausgepackt: Schminken oder pudern sei verboten gewesen.
"Er war ein Protzer", sagt die Zeugin und beschreibt, wie Marvin N. an der Ampel das Auto "drückte", den Motor aufheulen und die Reifen durchdrehen ließ: "Seht her, da bin ich!" Dann schoss er über den Ku'damm, rauf und runter, die Fenster offen, die Musik aufgedreht. Zwischenstopp bei Starbucks oder am Kotti in Kreuzberg. "Es mussten ja auch die Sonnenbrille und die Gucci-Schuhe gezeigt werden." Es klingt nicht ironisch.
Die Rennen nennt sie "kleine Stechen" und "kurze Vergleiche". Es gehe darum, zu sehen, welches Auto "am schnellsten aus dem Quark kommt". Wichtig: keine Absprache, nur spontan, kein Rennen länger als eine halbe Minute, Vollspeed. Der AMG sei "prollig" gewesen, ja, aber sie habe es genossen, wenn Marvin N. das Gaspedal durchgetreten habe, sagt die Zeugin. Sie liebe schnelle Autos, das schnelle Fahren. Dass der Tod mitfährt, scheint sie nicht zu interessieren.
Die Angeklagten Marvin N. und Hamdi H. schweigen bislang zu den Vorwürfen, ihre Verteidiger verlasen Erklärungen, in denen sie das Bedauern ihrer Mandanten bekunden. Die Beifahrerin, die bei dem Unfall in Marvin N.s Auto saß, sagt vor Gericht, die Fahrt habe sich wie "auf dem Rummel" angefühlt, "wie Achterbahn". Eine Verabredung zum Rennen habe es nicht gegeben.
In einer WhatsApp-Sprachnachricht an seinen besten Freund allerdings schrieb Marvin N. nach dem tödlichen Crash: Er habe "den größten Fehler seines Lebens begangen" und sich "auf ein Autorennen eingelassen", so erinnert sich dieser Freund, André H., vor Gericht.
Die Ermittler haben Videos ausgewertet, gefilmt mit einem Handy. Sie zeigen Marvin N. und André H. in einer Mercedes C-Klasse, sie "cruisen" über den Ku'damm, der Motor heult auf. "Wir wollen ein paar Spasten abziehen", johlen sie. Das sei nur "Gepose vor der Kamera" gewesen, beteuert André H. im Gericht. "War das Ihre Masche, auf dicke Hose zu machen?", fragt Staatsanwalt Fröhlich. "Ja, klar!", ruft André H.
Marvin N.s frühere Freundin, die lange mit ihm zusammen war, schildert, wie sich die Rennen abgespielt hätten: nachts, bei möglichst freien Straßen, in Charlottenburg. Treffpunkt: rote Ampel. Wer ein Rennen will, fährt an, lässt den Motor aufheulen. Bei Grün: Vollgas. Ziel: die nächste rote Ampel. Sie habe sich immer sicher gefühlt, wenn sie in Marvin N.s Auto saß, er habe hinterm Steuer "seine Grenzen nicht überschritten", sie "nie in Gefahr gebracht".
Die Exfreundin besucht ihn regelmäßig im Gefängnis, telefoniert mit ihm, obwohl sie kein Paar mehr sind. "Er hat verstanden, dass jetzt sein Leben zerstört ist."
Im Video: Tödliches Autorennen
Mit bis zu 170 Stundenkilometern rasten Hamdi H. und Marvin N. in der Nacht zum 1. Februar 2016 durch Berlin. Dann krachte es, ein unbeteiligter Rentner starb. SPIEGEL TV berichtete wenige Tage nach dem Unfall über die Raser.