Immobilien Wie Betrüger die Wohnungsnot ausnutzen
Häuser mit Eigentumsluxuswohnungen in Berlin (Archivbild)
Foto: Sebastian Kahnert/ picture alliance / dpaDie Wohnungsanzeige klingt zu schön, um wahr zu sein: Großzügige Vier-Zimmer-Altbau-Etage in Berlin-Mitte, mit neuer Einbauküche, Dielen/Parkett, Gäste-WC und Balkon. 156,70 Quadratmeter zu kaufen für 435.000 Euro.
Michael Bachmeier (Name geändert) traute dem Inserat nicht. Solche Wohnungen gibt es nicht für diesen Preis. Nicht in Berlin-Mitte. Nicht im April 2017. Trotzdem klickte Bachmeier auf den Onlinebutton "Anbieter kontaktieren".
Prompt antwortete ihm eine Claudia Jantunen, erst in gebrochenem Deutsch, später in flüssigem Englisch. Sie sei aus beruflichen Gründen nach Lissabon gezogen und wolle nun ihre Wohnung in Berlin schnellstmöglich verkaufen, schrieb sie. Alles Weitere regle eine Agentur mit dem Namen "Sotheby's Realty" für sie.
Daraufhin meldete sich eine beflissene Maklerin namens Nicole Court: Eine Besichtigung sei jederzeit möglich - vorausgesetzt, Bachmeier leiste eine Anzahlung auf die Kaufsumme; in diesem Fall 3262,50 Euro. Diese "Reservierungskosten" würden bei Nichtgefallen der Wohnung sofort und in voller Höhe zurückerstattet.
"Spätestens da wurde mir klar, dass hier etwas nicht stimmen kann", so der 45-jährige Familienvater.
Weil Bachmeier nicht in Vorkasse gehen wollte, ließ die vermeintliche Agentur den Besichtigungstermin am Gründonnerstag kurzerhand platzen. Der Ton wurde rauer: Die Anzahlung sei nicht verhandelbar. Es warteten einfach zu viele Interessenten auf eine solche Gelegenheit, schrieb Court.
Der wohl erste wahre Satz der mutmaßlichen Betrügerin.
Seit die Immobilienpreise in Deutschland in schwindelerregende Höhen steigen und sich Normalverdiener in den angesagten Metropolen keine Wohnungen mehr leisten können (SPIEGEL 15/2016), haben Betrüger eine weitere, lukrative Masche entdeckt: Mit vermeintlichen Topimmobilien zu Schnäppchenpreisen locken sie Wohnungssuchende in die Falle.
Hinter den Hochglanzinseraten verbirgt sich nichts anderes als Vorkassebetrug. Mitunter werden Traumhaus oder Traumwohnung mit denselben Fotos parallel in mehreren Städten angeboten. In der Regel existieren weder die offerierten Immobilien noch die Verkäufer oder Vermieter.
Natürlich kann man sich fragen, warum es Menschen gibt, die sich auf so ein Angebot überhaupt einlassen. Doch wer schon einmal mit 70 Leuten in einem miefigen Treppenhaus Schlange stand, um eine überteuerte Zweizimmerwohnung zu besichtigen und die abgewohnte Einbauküche für 2000 Euro übernehmen zu dürfen, der versteht, wie zermürbt viele Menschen nach oft monatelanger Suche sind. Der findet den Gedanken, für einen exklusiven Besichtigungstermin einen Betrag in Höhe einer Kaltmiete zu hinterlegen, irgendwann nicht mehr ganz absurd.
"Die Betrüger nutzen die Verzweiflung der Menschen eiskalt aus", sagt Harald Schmidt von der Polizeilichen Kriminalprävention in Stuttgart. Der Beamte warnt davor, fremden Personen, die man nur über das Internet kennt, Geld zu überweisen und persönliche Daten wie Bankverbindungen oder Adressen weiterzugeben. Das Geld sehe man nie wieder, die Täter säßen oft im Ausland und seien häufig nicht zu ermitteln.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit - und doch scheinen zu viele Menschen auf die simple Trickserei hereinzufallen. Wie viele jedes Jahr um Geld und Hoffnung geprellt werden, lässt sich nur vermuten. Die Kriminalstatistik weist die Abzocke nicht gesondert aus, sondern summiert sie unter Betrug. Konkrete Fallzahlen oder Schadenssummen gibt es nicht. "Aber wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus", sagt Schmidt. "Auch, weil es den Leuten peinlich ist, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, wenn sie auf so einen miesen Trick hereingefallen sind."
Dass es viele Geschädigte sein müssen, legen andere Zahlen nahe: "Wir löschen bis zu tausend verdächtige Objekte pro Woche", sagt Sonja May von ImmobilienScout24. Die Plattform setzt auf technische Sicherheitsmaßnahmen, sie filtert dubiose Anzeigen schon heraus, bevor diese online gehen. Doch die Betrüger ziehen nach. Oft wird ein frisch gesperrtes Objekt sofort wieder eingestellt, mit neuem Foto oder einer anderen Hausnummer. "Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel", gibt May zu.
Dagegen kämpfen die Betreiber von Wohnungsbetrug.blogspot.de . Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Betrügern das Spiel zumindest zu verleiden. Nutzer können in diesem Blog Namen und Fotos von Fake-Wohnungen und -Anbietern posten, Hunderte Einträge finden sich hier.
Ihre Namen wollen die Hobbyermittler nicht in der Presse lesen, zu häufig seien sie bedroht worden. "Den Betrügern geht es nicht nur um Geldbeschaffung, sondern auch um die Beschaffung von Daten, die sie für weitere Betrügereien verwenden", sagt einer der Betreiber. Deshalb sollte jeder, der mit den Kriminellen in Kontakt stand, sicherheitshalber E-Mail-Adresse und Passwörter ändern, so sein Rat.
Auch Hinweise auf die Homepage der schicken Fake-Firma "Sotheby's Realty", mit der Michael Bachmeier das Vergnügen hatte, finden sich in dem Blog.
Laut SPIEGEL-Recherchen laufen auf den angeblichen Agenturbetreiber Tomas Curt noch weitere Immobilienseiten, die vermeintliche Firmenadresse in Berlin aber existiert nicht. Auch die Homepage wurde erst im Januar 2017 angemeldet. Der Provider für die Website sitzt in Malaysia, die IP-Adresse führt nach Moskau. Ein Betrügerprofil wie aus dem Bilderbuch.
Aber offenbar trotzdem erfolgreich.