Biblisches Jerusalem Kaff der Sklavenjäger
Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem
Foto: AHMAD GHARABLI/ AFPDavid, der gesalbte Urkönig der Bibel, war nicht nur ein ausgezeichneter Tänzer, der die Harfe so lieblich spielte, dass er damit anderer Leute Depressionen vertrieb. Der Mann konnte auch kämpfen. Im Jahr 998 vor Christus - das ergeben die Daten aus dem Alten Testament - erstürmte er Jerusalem, brachte die Bundeslade dorthin und errichtete einen Regierungssitz.
Wie die Eroberung der "Burg Zion" ablief, hat der Prophet Samuel überliefert. Leider enthält sein Bericht einige schwer verständliche Worte. Martin Luther verstand sie so, dass die Armee zu den "Dachrinnen" hochkletterte. Andere Übersetzer nennen einen "Schacht", mutmaßlich eine unterirdische Wasserleitung, durch die sich die Angreifer schlichen.
Der Alttestamentler Klaus Bieberstein von der Universität Bamberg hat nun eine dritte Variante vorgelegt. Demnach konnte David einfach in den Ort hineinspazieren, weil es überhaupt keine Wehrmauer gab.
Jerusalem war nur ein Dörflein, "kaum ein Hektar groß und bewohnt von kaum 200 Menschen".
Die Erkenntnis basiert auf einer erstaunlichen Fleißarbeit. Bieberstein hat alle Grabungsberichte zu der Heiligen Stadt aus den vergangenen 180 Jahren ausgewertet - einen Turm aus Papier. Jerusalem, die Wiege der monotheistischen Religion, sagt er, "gehört zu den am intensivsten untersuchten Stätten der Welt".
Vor allem auf dem Südosthügel, dem ältesten Siedlungskern, wurde fast kein Stein auf dem anderen gelassen. In den Sechzigerjahren wühlte hier die Britin Kathleen Kenyon nach Davids zinnenbekrönter Festung. Es folgten Forscher wie Nahman Avigad oder Yigal Shiloh, Ronny Reich und zuletzt die Archäologin Eilat Mazar (die sich von einer Siedlerorganisation sponsern ließ).
Mit der blumigen Ausdeutung der von ihnen entdeckten Ruinen geht Bieberstein nun streng ins Gericht. Die Ausgräber seien von "biblischen Interessen" und nach dem Sechstagekrieg auch von "politischen Motiven" geleitet worden, sagt er. Befunde wurden herbeigezaubert und spärliche Ziegel zu Palästen aufgebauscht.
Stets ging es darum, schon das Jerusalem der Eisenzeit I (1130 bis 925 vor Christus) als groß und würdig darzustellen. Doch in Wahrheit war es wohl nur ein Nest.
Bieberstein ruft nun zu einer "grundlegenden Revision" der traditionellen Ansicht auf, wonach eben schon David, Urkönig der Hebräer, in einer stolzen 2000-Einwohner-Metropole lebte.
Die wahre Chronologie geht, Bieberstein zufolge, so: Jerusalem wurde um 1800 vor Christus gegründet. Es entstand ein ummauerter Bezirk mit einer aufwendigen Wasserversorgung und Häusern, die Platz für etwa 1000 Menschen boten.
Bald jedoch verfiel alles wieder. Der Mauerring verwahrloste und stürzte ein, die Bewohner wanderten ab.
400 Jahre nach dem Zusammenbruch sah es immer noch trist aus. In der diplomatischen Korrespondenz, die Pharao Amenophis III. und sein Sohn Echnaton mit den Vasallenfürsten von "Kanaan" führten, wird ein gewisser Abdi Chepa erwähnt. Er ist Anführer von "u-ru-sa-lim" und lebt von der Jagd auf Sklaven, die er als Tribut an den Nil schickt. In einem Gesuch bittet er den Pharao um 50 Soldaten. Sein Machtgebiet sei bedroht.
Schon die geringe Zahl an gewünschten Militärs bezeugt, dass der Mann ein kleiner Lokalboss war. Für Jerusalem liegen aus dieser Zeit kaum archäologische Hinweise vor. Trotz fieberhafter Suche stöberten die Forscher nur ein 2,4 Meter langes Mäuerchen auf, dazu ein einziges Grab sowie ein holpriges Pflaster an einem Hang. Wahrscheinlich gehörte es zum Gehöft Abdi Chepas.
Als David, selbst eher Räuberhauptmann als König, um 1000 vor Christus auftauchte, erstürmte er einen "sehr kleinen und vermutlich unbefestigten Weiler" (Bieberstein) mit kaum zehn Hütten aus Stein oder Lehm. Anders gesagt: Ein Warlord entriss dem anderen die schäbige Operationsbasis.
Auch die Folgezeit hatte nichts von dem Glanz, den die Bibel über der Heimstatt Gottes ausbreitet. Angeblich dehnte Davids Sohn, der weise König Salomo (um 970 bis 930 vor Christus), die Siedlung immer weiter nach Norden aus. Vom Südosthügel bis hinüber zum 500 Meter entfernten Berg Morija soll sich ein Häusermeer erstreckt haben. "In Wahrheit war das Gelände menschenleer", so Bieberstein. Es stand dort nicht eine Hütte.
Selbst Salomos größte Tat - der Tempelbau - muss bezweifelt werden. 153.600 Handwerker, heißt es im zweiten Buch der Chronik, hätten auf seinen Befehl hin eine neue Akropolis auf dem Morija geschaffen. Ganz oben auf der Kuppe türmten die Männer einen Palast sowie ein Jahweheiligtum auf, getäfelt mit "Zypressenholz" und innen mit "600 Zentner" Gold verziert.
Nur, wo sind die Ruinen? Von dem Urtempel fehlt jede Spur.