Jonathan Safran Foers neuer Roman: "Hier bin ich" - DER SPIEGEL
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Jonathan Safran Foer Männlich, vierzig, unglücklich

Jonathan Safran Foer galt als Ex-Wunderkind, zehn Jahre mussten seine Leser auf den neuen Roman warten. Nun ist er da - und weist erstaunliche Parallelen zum Leben des Autors auf. Doch wer darüber mit ihm sprechen will, erlebt eine böse Überraschung.
Schriftsteller Foer in seinem Haus in Brooklyn
Schriftsteller Foer in seinem Haus in Brooklyn

Schriftsteller Foer in seinem Haus in Brooklyn

Foto: Dirk Eusterbrock / DER SPIEGEL
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Das erste Treffen hatte Jonathan Safran Foer ein paar Tage vorher abgesagt. Ihm war eingefallen, dass an dem Tag Rosch Haschana begann, das jüdische Neujahrsfest, und er vorhatte, mit seinen beiden Söhnen, Sasha und Cy, einen Ausflug nach Connecticut zu unternehmen. Einen Termin wie Rosch Haschana kann man schon mal vergessen, weil er jedes Jahr auf einen anderen Tag fällt zwischen Anfang September und Anfang Oktober. Besonders den Juden, die sehr stark in ein weltliches Leben eingebunden seien, könne das passieren, wird Foer später erklären und damit auch schon mittendrin sein in seinem neuen Roman.

Es sind diese Probleme, die zur "American Jewish Experience" gehören, wie Foer es nennt, die er ins Zentrum seines neuen 700-seitigen Romans "Hier bin ich" gerückt hat. Er handelt von einer jüdischen Familie in Washington, D.C., vier Generationen, vom Holocaust-Überlebenden bis zu den iPhone-Urenkeln, er erzählt vom Verfall einer Ehe und der schmerzhaften Notwendigkeit, die eigene Vorstellung von Glück immer wieder nachzujustieren und letztlich bescheidener zu gestalten.

Es ist Foers erster Roman seit mehr als zehn Jahren. Vor seinem Erscheinen war er so etwas wie ein Exwunderkind. Um die Jahrtausendwende hatte Joyce Carol Oates ihn in einem Schreibkurs an der Universität Princeton entdeckt, und Foer veröffentlichte schnell zwei Romane, der eine handelte vom Holocaust ("Alles ist erleuchtet", 2002), der andere vom 11. September ("Extrem laut und unglaublich nah", 2005), beide wurden Bestseller, preisgekrönt, Erfolge bei der Kritik und von Hollywood verfilmt. Er heiratete die kaum weniger erfolgreiche Schriftstellerin Nicole Krauss, kaufte mit ihr für rund sechs Millionen Dollar ein Haus in Brooklyn, da war er noch nicht einmal 30, man nannte das Paar die literarische Antwort auf Jay Z und Beyoncé. Doch sie waren so anders.

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Foer, Jonathan Safran
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 688
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17.10.2026 11.43 Uhr

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Das Paar bekam zwei Kinder, und Foer schrieb erst mal keine Romane mehr, dafür aber ein Sachbuch über Massentierhaltung, das 2010 den Nerv der Hipster traf und Leute wie Natalie Portman dazu brachte, Veganerin zu werden. Mit der Schauspielerin Portman verband Foer eine lange E-Mail-Freundschaft, Auszüge daraus waren im Sommer in einem Supplement der "New York Times" zu lesen, sie lösten ob der Eitel- und Betulichkeit beider Verfasser viel Spott aus und verfestigten das Bild Foers als Exwunderkind: weniger Jay Z, mehr Britney Spears.

2014 ließen sich Krauss und Foer scheiden. Angeblich auch, weil Foer sich doch in den Hollywoodstar Portman verliebt hatte. Das schöne Haus in Brooklyn kam wieder auf den Markt, diesmal für 14,5 Millionen, Foer zog in ein anderes schönes Haus in Brooklyn, das Sorgerecht wurde geteilt.

Eigentlich großartiges Material für einen Roman.

Zwei Wochen nach dem verschobenen Treffen wartet Jonathan Safran Foer auf den Stufen seines neuen Hauses in Brooklyn. Das nun folgende Interview wird freundlich beginnen, aber nicht gut enden, weil Foer sich, sicherlich zu Recht, weigert, über die möglichen Parallelen zwischen seinem Leben und den Geschehnissen in seinem Roman zu sprechen. Natürlich tut man das eigentlich nicht: nach solchen Übereinstimmungen zu forschen, es handelt sich bei Foers Buch schließlich um Literatur - aber in diesem Fall war es zu verlockend. Zumal Foer vor allem die Eheszenen so niederschmetternd gut gelingen, dass man es spätestens auf Seite 505 nicht mehr aushält und aus Verzweiflung über all die Sprach- und Ausweglosigkeit dieser Ehesituation anfängt zu weinen.

Muss man als Autor ein solches Gefühl nicht durchlebt haben, um es beschreiben zu können? Foer glaubt das nicht, behauptet er zumindest, denn auch der Leser habe ja das beschriebene Gefühl selbst nicht unbedingt erlebt, und dennoch könne er Schmerz, Mitleid oder Trauer fühlen.

Und was für Parallelen überhaupt?

Nun: Die Hauptfigur von "Hier bin ich" heißt Jacob, er ist Anfang vierzig (Foer ist 39), hat als junger Mann einen preisgekrönten Roman geschrieben (Foer: zwei), inzwischen aber verfasst er Drehbücher für das Fernsehen (auch Foer hat eine HBO-Serie geschrieben, dazu später mehr), er hat drei Söhne, er versucht, ihnen jüdische Traditionen nahezubringen, mit denen er jedoch selbst ringt, doch der älteste möchte noch nicht einmal seine Bar-Mizwa feiern. Jacobs Vater Irv wiederum, Sohn eines Holocaust-Überlebenden und Rechtsaußen-Kommentator in Washington, hält seinen Sohn für verweichlicht, weil er nicht das Herz habe, für Israel und das Judentum einzustehen.

Foers Mutter Esther ist ebenfalls die Tochter Holocaust-Überlebender und stand lange einer Synagoge in Washington vor. Sie hat versucht, Jonathan die jüdischen Traditionen näherzubringen.

Gemäß diesen Traditionen ist Foer dann an Rosch Haschana mit seinen Söhnen an einen Fluss in Connecticut gefahren. Sie haben Brot in den Fluss geworfen und kleine Zettel mit Botschaften. Damit bittet man um Vergebung, eine Geste der Entschuldigung an Freunde und Verwandte, denen gegenüber man sich vielleicht nicht gut verhalten hat. Er selbst, sagt Foer, habe einen Stapel Briefe geschrieben.

"Diese Briefe zu schreiben bewegt mich sehr", sagt er. "Als würde man sich - als würde man eine Beziehung neu erfinden."

Aber läge es nicht in der Natur einer Entschuldigung, nicht sofort an sich und die Auswirkung aufs eigene Dasein zu denken? Ist das nicht am Ende genau das Problem seiner Figur Jacob, dass er sich zwar irgendwie bemüht, alles richtig zu machen, aber aus den falschen Gründen, nämlich aus Selbstgerechtigkeit und Narzissmus?

Foer hat sich auf eine Couch im Wohnzimmer seines neuen Townhouse in Brooklyn niedergelassen. Spielzeug liegt herum, zwei Meerschweinchen in einem Käfig schreien um Aufmerksamkeit. Auch Foers Figur Jacob zieht nach der Trennung in ein neues Haus um die Ecke, das "eine hübsche, wenn auch nicht ganz so hübsche Version seines alten Hauses" war.

"Narzissmus?", fragt Foer über das Quieken der Meerschweinchen hinweg. "Das Leben ist lang, und jedes Leben ist einzigartig. Du willst es gut hinbekommen. Du willst dich nicht nur durchkämpfen. Wenn das Narzissmus ist - okay."

Die einzig erlöste Figur in Foers Roman scheint der Holocaust-Überlebende zu sein, Isaac, Jacobs 90-jähriger Großvater. Er sagt seinen Kindern und Kindeskindern stets: Keine Wahl zu haben ist auch eine Wahl. Und vielleicht die bessere.

Foer sagt dazu: "Wenn deine Ehe nach zehn Jahren nicht mehr gut ist, dann kannst du dich scheiden lassen. Und wenn Scheidung für dich eine Option ist, wirst du sie nutzen."

Und somit ist der Roman über den ungefähr 40-jährigen Jacob auch einer von mehreren New Yorker Romanen der jüngeren Zeit, die sich einer vorläufigen Lebensbilanz der einstmals Generation X genannten Alterskohorte widmet, die in den Neunzigerjahren groß wurde, als alles so einfach schien und die Möglichkeiten so mannigfaltig, dass in Ironie und Uneigentlichkeit eigentlich der einzig erträgliche Zustand zur Welt lag. Die Möglichkeiten waren derart zahlreich, dass man lieber erst mal gar nichts machte, alles verschob, die nächste Beziehung, die Hochzeit, die Kinder, den festen Job, irgendeine Verbindlichkeit.

Bei manchen führte das zu glücklichen Existenzen, bei vielen nicht. Autoren wie Ben Lerner und Teju Cole, beide wie Foer um die vierzig und wohnhaft in Brooklyn, setzten sich in ihren jüngsten Büchern mit diesen Fragen von Identität und narzisstischer Selbstoffenbarung auseinander, wenn auch in weniger traditioneller Form, Cole in literarischen, umherschweifenden und persönlichen Essays, Lerner in pseudobiografischen Bespiegelungen, Reflexionen und Metawahrheiten, stets abgesichert durch die Möglichkeiten der Ironie.

Ende der Nullerjahre war sich Foer nicht mehr darüber im Klaren, ob er noch Schriftsteller sein wollte. Damals hieß es, die gut erzählte epische Fernsehserie sei die neue Great American Novel, also schrieb Foer eine Serie für den Bezahlsender HBO, die er "All Talk" nannte und die von den Wirren im Leben einer jüdisch-amerikanischen Familie handeln sollte und in deren Zentrum ebenfalls eine zerbrechende Ehe stand. Ben Stiller hätte die Hauptrolle gespielt und Regie geführt, das Drehbuch für die erste Staffel war fertig, die Dreharbeiten sollten beginnen. HBO fragte Foer, ob er den "Showrunner" machen könne. Der Autor hatte diesen Begriff noch nie gehört und schlug ihn bei Wikipedia nach. Als Showrunner hätte er die Alleinherrschaft über jede kreative Entscheidung der Serie. Es würde aber auch bedeuten, dass er bei den Dreharbeiten präsent sein müsste.

War das das Leben, das er führen wollte? An Filmsets, mit diesen verrückten Arbeitszeiten, den ganzen Schauspielern? Er hatte darüber noch nie nachgedacht, aber er wusste sofort, dass er das nicht wollte. Er könnte die Showrunner-Position ablehnen, aber dann würden andere über seine Serie entscheiden. Im Sommer 2012 rief Jonathan Safran Foer bei Ben Stiller an und sagte ein paar Wochen vor Drehbeginn die ganze Serie ab, nach Jahren voller Arbeit. Er wolle so - als Fernsehtyp - sein Leben nicht leben.

Das führte allerdings zu der Frage, wie er sein Leben leben wolle. Wer will ich sein? Eine typische Generation-X-Frage. Heute würde ein junger Mensch fragen: Wer kann ich überhaupt noch sein?

"Hier bin ich", hat Foer seinen Roman genannt. Der Satz soll die zupackende Abkehr von der Unentschlossenheit markieren. Er stammt aus dem Alten Testament und ist der Satz, den Abraham zu Gott sagt, als dieser von ihm verlangt, seinen Sohn Isaak zu opfern. Es sind Worte einer Entscheidung, vielleicht der schwerstdenkbaren, des Kindesopfers.

Mit Ende dreißig war auch Foer schließlich in der Lage zu sagen, hier bin ich.

"Es war das erste Mal in meinem Leben", sagt er, "dass ich wirklich ausgesprochen habe, ich möchte Schriftsteller sein."

Aber er hatte keinen Roman. Er überlegte, was von der Fernsehserie sich in einen Roman überführen ließe, rief seinen Lektor von vor zehn Jahren an, ließ sich scheiden und schrieb in einem guten Jahr den Großteil des Romans.

Und ist er nun glücklich?

Foer zögert. Er hat sich ja vorgenommen, nichts von sich preiszugeben.

"Man kann immer nur das eine sein auf Kosten von etwas anderem", sagt er dann.

Um das durchzuspielen, schildert er in seinem Roman zwei krisenhafte Momente, in denen seine Figuren zur Entscheidung gezwungen werden. Zum ersten kommt es, als Jacobs Frau Julia, eine Architektin, Jacobs zweites, geheimes Handy findet, das er sich angeschafft hat, um einer Kollegin Anthony-Weiner-mäßige Sexting-SMS zu schicken, in der Art von "du hast es nicht verdient in den arsch gefickt zu werden". Zu einer richtigen - körperlichen - Affäre mit der Frau hat Jacob die Entschlossenheit gefehlt, was die Sache in den Augen seiner Frau noch schlimmer macht.

Zur zweiten Krise des Buchs kommt es, als Israel, ein Land, zu dem Jacob eine eher anekdotische Bindung hat, infolge eines gewaltigen Erdbebens von einer Koalition arabischer Länder angegriffen wird. Der israelische Premierminister ruft die in der Diaspora lebenden Juden auf, nach Israel zu kommen und zu kämpfen. Vor allem Amerikaner wie Jacob sind gemeint, denn der "Präsident der Vereinigten Staaten würde vielleicht der Abschlachtung von acht Millionen Juden zuschauen, nicht aber der von hunderttausend amerikanischen Juden".

Jacob, Drehbuchschreiber aus Washington, will zum ersten Mal in seinem Leben Entschlossenheit zeigen, die ihm keiner mehr zutraut, und überlegt, in den Krieg zu ziehen. Der Krieg war schon immer ein effektives Mittel gegen die Midlife-Crisis.

Wie man sich in dieser Situation entscheidet, hat womöglich etwas damit zu tun, wo man das Glück im Leben vermutet. Jacobs Frau Julia sagt, sie möchte "zurück zum Glück", vermutet es also in ihrer Vergangenheit, ist aber bereit, ihre Definition von Glück den Lebensumständen anzupassen. Jacob wähnt das Glück woanders, außerhalb seines Lebens, an anderen Orten, mit anderen Menschen.

Foer ist froh, das Thema von seiner Biografie nun erfolgreich weggeschuftet zu haben, und erwacht im Interview zu neuem Leben. Er sagt: "Jacob ist wie auf einem Boot, das durch ein Tau mit der Küste verbunden ist. Und er versucht, die Küste zum Boot zu ziehen."

Vielleicht muss Jacob sich von seiner Idee von Glück verabschieden, überlegt Foer, und es klingt, als habe er das auch getan bei seinem Neustart.

Selbst die Ehe verspricht in den seltensten Fällen Glück. Tatsächlich suchen wir in einer Ehe noch nicht einmal Glück, sondern bloß Vertrautheit. Im Frühjahr ist in der "New York Times" ein Essay mit dem allein schon unwiderstehlichen Titel "Why you will marry the wrong person " erschienen, in dem der Autor Alain de Botton beschrieb, welche Verhaltensweisen, Unaufrichtigkeiten und Defekte in uns selbst, aber auch im Partner fast zwangsläufig dazu führen, dass wir die falsche Person heiraten. Das Gefühl der Vertrautheit fußt auf Erlebnissen aus der Kindheit und ist häufig unterlegt mit destruktiven Unterströmungen - Angst vor einem Elternteil, Unsicherheit, die Not, helfen zu wollen. "Wir heiraten die falschen Leute, weil wir Geliebtsein nicht mit Glücklichsein verbinden", schrieb de Botton.

Man traut es sich ja kaum zu fragen, aber was ist nun mit Foers eigenem Glück?

Der Kollege vom "Time"-Magazin hatte in seinem Porträt über Foer geschrieben, er sei jetzt mit der Hollywoodschauspielerin Michelle Williams zusammen, was ihm zu wünschen wäre, aber die Information ließ sich nicht seriös verifizieren, und "Time" ist ja auch nicht mehr, was es mal war. Doch während wir in Foers Wohnzimmer sitzen, kommt eine blonde Frau die Treppe herunter und verabschiedet sich kurz. Bei Schauspielerinnen weiß man nie, wie sie gerade aussehen. Foer lässt das Gespräch nun verebben.

Ihm ist es gelungen, einen Roman zu schreiben, der so welt- und wahrheitshaltig ist, dass er es sich leisten kann, alle Fragen, die man an ihn hätte, den Roman beantworten zu lassen. Seiner Figur Jacob hat der Bruch mit seiner Familie am Ende nichts gebracht.

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