Rätsel der Evolution Warum Menschen Menschen essen
Darstellung brasilianischer Ureinwohner, 1592: Oberschenkel mit Reisbrei
Foto: INTERFOTODer widerwärtigste Mensch aller Zeiten lebte womöglich in einem Kaff in Wisconsin. Dort hauste einst in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts Ed Gein auf einer heruntergekommenen Farm, weidete die Körper von Frauen aus und legte das Herz eines seiner Opfer in die Pfanne.
Vielleicht gebührt der zweifelhafte Titel aber auch Andrej Tschikatilo aus Rostow, der in Russland mindestens 52 Menschen ermordete und anschließend auf der einen oder anderen Zunge oder Brustwarze herumkaute.
Oder ist der Kannibale von Rotenburg der schlimmste von allen? Armin Meiwes schnitt im Jahr 2001 seinem Opfer erst den Penis ab. Dann fiel er über dessen restlichen Körper her wie über Schlachtvieh.
Wenn es überhaupt möglich ist, dem verstörenden Menschenschlag der Kannibalen aus wissenschaftlicher Sicht gerecht zu werden, dann ist der US-Zoologe Bill Schutt vermutlich der richtige Mann für diese Aufgabe. Der Biologieprofessor von der Long Island University im US-Bundesstaat New York pflegt einen ebenso heiteren wie vorurteilsfreien Blick auf die Neigung, Artgenossen zu verspeisen.
"Aus evolutionärer Sicht ergibt Kannibalismus einen perfekten Sinn", behauptet der Forscher in seinem neuen Buch.
Allerlei drängende Probleme wie Überbevölkerung und Nahrungsmangel ließen sich mit dieser drastischen Maßnahme bestens bekämpfen.
Schutt hatte das befremdliche Verhalten zuvor überwiegend im Tierreich studiert. Sandtigerhaie etwa werden schon vor der Geburt zu Killern; noch im Mutterleib fällt der am weitesten entwickelte Embryo über seine kleineren Geschwister her, um in der Gebärmutter Platz zu schaffen. Lässt sich diese rohe Form des Daseinskampfes tatsächlich auf den Menschen übertragen?
Schutt stellte im Zuge seiner Recherchen fest, dass die Geins und Tschikatilos dieser Welt als Menschenfresser wenig repräsentativ sind: seelisch schwer gestörte Serientäter, die ein pathologischer Vernichtungswille umtreibt. Bei Urvölkern indes, die kollektiv dem Kannibalismus frönen, landen entgegen dem Klischee selten Köpfe im Kochtopf.
Das Volk der Wari' etwa pflegte der Überlieferung zufolge im brasilianischen Urwald über Generationen ein kurioses Bestattungsritual: Um den Trauerschmerz zu bewältigen, kauten die Eingeborenen Körperteile und aufgeweichte Knochen, die in Honig eingelegt waren - Überreste von Verstorbenen. Doch stimmt diese Legende überhaupt?
Der Anthropologe William Arens hatte schon Ende der Siebzigerjahre einen auffälligen Mangel in der Kannibalismusforschung beklagt: Ethnologen seien von ihren Reisen zu diversen Urvölkern zwar regelmäßig mit schaurigen Schilderungen über Mahlzeiten aus Menschenfleisch zurückgekehrt; kaum ein Feldforscher habe aber je wirklich ein Stammesmitglied zu Gesicht bekommen, das leibhaftig am Schenkel eines Artgenossen nagte.
Der historischen Forschung halten auch Christoph Kolumbus' Schilderungen kannibalischer Umtriebe auf den Antillen nicht stand: Der Entdecker hatte beschrieben, wie die Ureinwohner der von ihm ausfindig gemachten karibischen Inseln die Gliedmaßen von Stammesfeinden grillten. Vermutlich hatte der Entdecker stark übertrieben, um die Einheimischen unter dem Vorwand unchristlicher Umtriebe versklaven zu können.
Auch Bill Schutt hat kein Volk aufgespürt, bei dem noch Menschenfleisch auf dem Speiseplan steht. Allerdings sei jener Teil der Welt, der einst nicht unter dem Einfluss der westlichen Hemisphäre stand, deutlich weniger zimperlich im Umgang mit dieser Ressource.
Darstellungen aus dem konfuzianisch geprägten China weisen auf eine irritierende Form der Selbstopferung hin. "Jüngere Angehörige boten den Älteren dabei zu deren Wohlbefinden Teile ihres eigenen Körpers dar", berichtet Schutt.
"Der Oberschenkel war der am häufigsten verzehrte Körperteil, gefolgt vom Oberarm. Beides wurde mit einem Reisbrei namens Congee serviert", schildert der Wissenschaftler.
Eine weit grausigere Variante des Kannibalismus kennt jedoch keine Landesgrenzen: Es sind Begebenheiten, in denen Menschen halb verrückt vor Hunger über ihresgleichen herfallen. Schutt untersuchte den historischen Fall eines solchen Gemetzels in den Vereinigten Staaten, bei dem sich das Verhängnis beinahe wie in einer schrecklichen Laboranordnung vollzog.
Auf der Suche nach einer Abkürzung ins sonnige Kalifornien war 1846 eine Gruppe von mehr als 80 Siedlern in den Bergen der Sierra Nevada gestrandet. Ein früher Wintereinbruch hatte die Reisegruppe überrascht. Orientierungslos irrten die Siedler in dem schneebedeckten Gebirge umher. Nachdem sämtliche Lasttiere und Haushunde geschlachtet worden waren, zerkauten die eingeschneiten Mitglieder des Trecks sogar ihre Schuhe.
Eine andere Kost ließ etwa die Hälfte der sogenannten Donner-Party überleben: Die Verzweifelten verspeisten die Leichen jener Mitreisenden, die vor Erschöpfung gestorben waren.
Autor Schutt erkennt in dem Horrortrip der Siedler ein frühes Fanal. Er warnt vor künftigen "Ausbrüchen eines weitgestreuten Kannibalismus", ausgelöst durch vom Klimawandel verursachte Naturkatastrophen und Nahrungsknappheit.
Dann dürften sich selbst Veganer hinreißen lassen.