Leserblog 1168 "Ich bin ein Halbdigitaler"
Baujahr '68, SPIEGEL-Leser seit 1984, seit wenigen Jahren einer dieser 54.000 Digital-Abonnenten. Der SPIEGEL war in unserer Familie DAS zentrale Informationsmedium. Während mein Vater es dabei belassen hat, kamen bei mir irgendwann die digitalen Angebote hinzu, allen voran SPON und Wiki.
So war ich lange Zeit aktiver Forist bei SPON, noch einer jener, die dort unmoderiert schreiben durften, und habe es dort auf ca. 8000 Beiträge geschafft, bevor ich mich wegen - aus meiner Sicht - massiver Qualitätseinbrüche dort verabschiedet habe.
Ich erwähne das deshalb, weil auch meine Foristen-Tätigkeit Anlass ist, die Zeit, die ich zum Konsum journalistischer Medien investiert habe, kontinuierlich zu reduzieren, zunächst zum Schaden vom "Focus", der mir irgendwann keine Infos mehr bot, die ich nicht bereits selbst recherchieren konnte. Es gab so um 2008 eine Reihe sehr belesener und informierter Foristen, mit denen sich wunderbar auch über Details von aktuellen Themen streiten ließ. So hat sich auch mein Konsum verändert. Ich habe nicht mehr nach Grundinfos in Zeitungen gesucht, sondern nach Hintergründen und Analysen von aktuellen Geschehnissen. Der SPIEGEL gehört noch zu den Medien, die das liefern.
Irgendwann hat der SPON durch diverse Umbauten im Forumsbereich die Debattenstruktur umgebaut zu einer Plattform, in der jeder seinen Senf zu einem Artikel einmal in die Welt husten kann, zumeist mit emotionalem und nicht mehr informativem Inhalt. Will sagen, was Sie beklagen an den Lesern, wird vom SPON auch unterstützt. Hinzu kommen diverse Artikel von Autoren, die mir den Eindruck machen, keiner neutralen Recherche entsprungen zu sein, sondern eine vorgefertigte Meinung begründen zu wollen. Wirklich ärgerlich fand ich die ganzen Beiträge zu Beginn der Snowden-Affäre, die solange ein fehlendes Verständnis der Grundproblematik aufwiesen, bis sie kritischer wurden, als herauskam, dass auch das Telefon von Merkel abgehört wurde.
Mit Sorge lese ich auch in Ihrem Beitrag, dass es Ziel der Journalisten sein sollte, einen Rahmen zur Einordnung der Themen vorzugeben. Ich zweifle daran, dass sich "informiertere Leser" suggerieren lassen wollen, wie sie Dinge zu bewerten haben. Mich persönlich ärgern Überschriften wie: "Was Sie über Thema xy wissen müssen", in dem ich dann ein paar Stichworte finde, die dazu noch wirken, als seien sie von anderen Medien abgeschrieben. Zwischenzeitlich gab es mal die Zusammenfassung eines Artikels in Fettschrift am Ende des Artikels. Auf mich wirkte das sehr verzweifelt, als wolle man dem Leser nicht zumuten, mehr als zwei Sätze zu so komplexen Themen wie der Griechenland-Krise zu lesen.
Nun aber noch ein paar Worte zum SPIEGEL: Tatsächlich wäre ich bereit, noch etwas mehr Geld für mein Abo zu bezahlen. Ich bin sehr zufrieden mit der App und mag das Layout auf dem iPad, ich ertrage auch die zunehmenden Werbe-Pop-ups. Inhaltlich hat er in der Summe etwas nachgelassen für meinen Geschmack, zum einen, weil er mehr Mainstream-Themen hinterherläuft, was m.E. nicht seine Aufgabe ist. Zum anderen schleichen sich auch dort zuweilen Beiträge ein, denen ich den gleichen Vorwurf machen muss, wie oben bereits für SPON beschrieben. Ich bin aber gerne bereit, das unter "mein Problem" zu verbuchen, Sie konnten es nicht schöner formulieren als mit den Worten von Douglas Adams, die ich wahrscheinlich auch gegen mich gelten lassen muss.
Ich bin ein "Halbdigitaler". Zwar aufgewachsen in der digitalen Welt, die ich mir auch erschlossen habe, aber weit weg von jedem Facebook oder Twitter-Hype. So ist mir der montägliche "Tatort"-Twitter-Review ein regelmäßiges Ärgernis. Quatsch ist ja nicht deshalb relevant, weil er auf einem modernen Medium verbreitet wird. Ich habe auch den Eindruck, Sie überschätzen hier den Einfluss dieser "neuen Medien" als Ursache der Probleme für den Journalismus ein gutes Stück.
Meines Erachtens wird der SPIEGEL dort seine Leser auch weiterhin finden, wo er fundierte Hintergrundinfos bietet, eine Analyse von Geschehnissen wagt und vor allem mit der in meiner Wahrnehmung abnehmenden journalistischen Neutralität an die Themen herangeht, die mir insbesondere bei der Berichterstattung über Putin und Russland im SPIEGEL fehlt oder im unsensiblen Umgang mit der AfD oder Pegida. Das sind alles nicht die Monster, wie die meisten der Artikel suggerieren. Es gibt Gründe für Putins Handeln, es gibt Gründe für das Erstarken der AfD und der Entstehung von Pegida. Ich finde, der SPIEGEL ist hier seiner journalistischen Neutralität nicht gerecht geworden.
Sie selbst sagten, der Leser ist klüger geworden. Vertrauen Sie darauf, es schadet mehr, wenn der Leser das Gefühl hat, durch eine transportierte Vorbewertung manipuliert zu werden.