Leserblog 1168 "Morgens schaue ich zuerst auf SPON"
Gern nehme ich den SPIEGEL mit auf Reisen, wenn ich vornehmlich in Deutschland unterwegs bin. In der Bahn oder in einem Café bei Zwischenaufenthalten kann ich jederzeit ohne Strom lesen - und beim Blick aus dem Fenster über das Erfahrene nachdenken.
Der SPIEGEL hat bei mir allerdings eine "Konkurrenz": "Geo Epoche". Beide Ausgaben ergänzen sich, und aus diesen beziehe ich meine wichtigsten Informationen, um die Welt zu verstehen. Das heißt nicht, dass ich weitere Publikationen ausschließe. Hin und wieder bekomme ich die "Zeit" und die "FAZ" in die Finger, auch Regionalzeitungen, doch meine Lesezeit ist naturbedingt begrenzt und ich fühle mich vom SPIEGEL über aktuelle Themen ausreichend genug informiert.
Oft denke ich: Du kannst dir doch gar nicht alles merken, was du gelesen hast. Dass ich mir doch eine ganze Menge merken konnte, erfahre ich, wenn ich darüber mit anderen Menschen ins Gespräch komme. Dann wundere ich mich, wie viele Detail- und Hintergrundinformationen haften geblieben sind.
Ich habe mich auch schon gefragt, wie ich mir das erklären kann, denn mein Gedächtnis ist sicher nicht mehr so saugfähig wie das eines Jugendlichen. Es könnte daran liegen, dass in den Beiträgen die handelnden Menschen erfassbar dargestellt werden. So erfahre ich nicht nur Nachrichten des Geschehens, sondern auch die Motive der Protagonisten.
Als ich das erste Mal eine Redakteurin des Hauses SPIEGEL persönlich traf, sagte ich zu ihr: "Sie können stolz sein. Sie arbeiten in einem der bedeutendsten Medienhäuser der Welt." "Das geht runter wie Öl", sagte sie daraufhin. Es war Solveig Grothe.
Die Printausgabe habe ich wohl schon seit über zehn Jahren abonniert, auch wenn es mir streckenweise finanziell nicht gut ging. Der Preis ist angemessen. Dafür bekomme ich 100 Seiten Magazin und die Werbeanzeigen halten sich in Grenzen. Im Vergleich: "Geo Epoche" kostet bei 180 Seiten zehn Euro, und ich höre manche Leute über den Preis schimpfen. Doch auch diesen Preis halte ich für angemessen, sogar für günstig. Die Leute, die darüber schimpfen, setzen eben andere Prioritäten. Ich kaufe mir auch Bücher, und zwar nicht wegen eines günstigen Angebots, sondern wegen der Inhalte.
Oft denke ich, dass ich unverbesserlich konservativ bin, wenn ich Printausgaben schätze und die für mich bedeutenden Werke in einer Bibliothek aufbewahre. Doch seitdem ich weiß, dass mein Sohn, 26, Student, ebenfalls gedruckte Bücher liest und mir sogar Vinyl-Schallplatten schenkt, fühle ich mich für diese sehr digital gewordene Welt noch nicht verloren.
Morgens an meinem Arbeitsplatz fahre ich den Computer hoch und schaue zuerst auf die Seite von SPIEGEL ONLINE. Doch ich stehe unter Zeitdruck, denn ich muss meine Arbeit erledigen. Ich möchte nur die Nachrichten lesen, nicht zu lang, nicht zu kurz, ein oder mehrere Fotos dazu. Oder ich lese die Rezensionen über die Talk-Shows des vorabendlichen Fernsehprogramms, meistens um nur die Gewissheit zu erlagen, nichts verpasst zu haben, wenn ich den Apparat vor dem Ende der Sendung ausgeschaltet habe.
Erst wenn ich eine schöpferische Pause brauche, komme ich wieder auf SPON zurück, überfliege mittags wiederum die Neuigkeiten, lese aber auch die Kolumnen und amüsiere mich über die treffenden und oft spitzen Meinungen. Der SPIEGEL ist oft ein Nervenkitzel, was ich sehr schätze.
Ein für mich wichtiges Ressort ist einestages, weil dieses wiederum für mein berufliches Engagement nützlich ist. Wenn mich ein Thema packt, beteilige ich mich gern unter meinem Klarnamen an der Debatte. In den letzten Jahren habe ich selbst schon 18 Beiträge verfasst, wovon 14 veröffentlicht wurden und der Rest sich noch "im Rohr" befindet. Mein Thema ist das Leben in einer Diktatur, in einer Diktatur unter sowjetischem, russischem Oberbefehl, umgesetzt von willfährigen deutschen, polnischen, tschechischen, rumänischen, ungarischen, bulgarischen Handlangern und Systemtreuen. Als nach dem Zusammenbruch die freie Meinungsäußerung möglich wurde, war ich 37 Jahre alt. Und ich kann genug Geschichten erzählen, was passiert, wenn man trotz Maulkorb seine Meinung kundtut.
Ein Leben in einer Diktatur ist ein Thema, das bis heute nicht aufgearbeitet ist und heftig diskutiert wird. Selbst ein SPIEGEL-Redakteur sagte zu mir: "Wenn wir einen Beitrag über die DDR bringen, müssen wir uns warm anziehen."
Inzwischen steht bereits so viel Material online zur Verfügung, dass die junge Generation diese nutzt. Es melden sich junge, engagierte Leute bei mir, die nach Bildern und Geschichten fragen. Die Aktiven sind nicht die Lehrer und Dozenten, sondern die Schüler und Studenten. Ich sende dann den Link zu SPON und erhalte die Antwort: "Das ist ja Goldstaub!"
In Münchberg, bayerisches Oberfranken, habe ich ein modernes Gymnasium besucht und die Lehrer zeigten mir stolz ihr multimediales Klassenzimmer, wo Print- und Digitalmedien vernetzt für die Bildung herangezogen werden. So flimmern eines Tages irgendwo unsere Beiträge und Bilderstrecken durch die Klassenzimmer und erreichen Menschen, die sich intensiv damit beschäftigen. Ein digitales Archiv macht dieses möglich, und ein Printmedium allein könnte dieses nicht leisten. Ich möchte damit nur unterstreichen, welche Nutzung unsere gemeinsame Arbeit erfährt. Ich finde das großartig!
Doch das ist nicht alles: Ich wundere mich oft, wer die Beiträge online liest und mit welcher Intensität dies geschieht. Oft sind es gesellschaftlich sehr engagierte Menschen, oft in Spitzenpositionen, doch das wissen Sie. Ich erhalte nach einem Beitrag E-Mails aus der ganzen Welt, aus den USA, aus Australien, der EU und natürlich aus Deutschland. Und das ist der Vorteil des digitalen Mediums: Es ist weltweit zeitgleich lesbar und man kann sich darüber austauschen.
Selten sehe ich mir einen Film von SPIEGEL TV an. Es dauert mir einfach zu lange, diesen zu verfolgen. Ich nutze lieber eindrucksvolle Fotografien. Und diese sind im Hause SPIEGEL selten. Auch die Leserkommentare in den Foren halte ich meistens für Shitstorm von Lesern, die im Schutz der Anonymität ihren Frust ablassen. Das ist nicht konstruktiv, wohl bis auf wenige Ausnahmen. Ebenso sind für mich Facebook und Twitter keine Medien, worüber ich mit meinen Mitmenschen kommunizieren möchte. Ich schreibe nicht einmal mehr SMS. Wenn etwas wichtig ist, rufe ich an oder schreibe eine Mail mit ergänzendem Anhang.