Leserblog 1168 "Bindeglied zwischen Artisten und Journalisten"
Ihr Artikel hat mich unglaublich berührt. Warum? Als Kind der DDR war ich fasziniert von deren Zirkus. Nicht dem Politischen! Dem mit echten Tigern, Löwen und Elefanten, den tollen Akrobaten. Das will ich später mal machen! Aber nicht am Trapez, sondern im Büro.
Meinen Kindheitstraum habe ich verwirklicht. Bin im Wendejahr dort eingestellt worden. Als Pressesprecher. Obwohl ich mit Presse damals nichts vorher zu tun hatte und über leidliche Erfahrungen in der Werbebranche verfügte.
Hab dann die Abwicklung durch die Treuhand mitgemacht, den Verkauf an eine korrupte Theatertruppe, die gescheiterte Privatisierung und die Tournee durch den "Westen". Dort bin ich dann, 20-jährig, durch die Redaktionen getourt. Lokalredaktion, Fernsehen, Radio usw. Der "Stern" hat damals darüber berichtet. "Das Märchen vom goldenen Westen", so hieß der super recherchierte Artikel. Der Redakteur hat mir damals gesagt: "Keine Chance zu mogeln. Ich überprüfe jedes Wort." Das ist mir heute noch in den Ohren. Ich erinnere mich immer noch an seinen Namen: Herr Steinhoff. Jürgen. Ja, so war das.
Ich war das Bindeglied zwischen den schillernden Artisten und den Journalisten. Wusste ganz genau, wann der richtige Zeitpunkt ist, um den Clown beim Schminken zu fotografieren. Konnte die weite Welt in die Redaktionen bringen. Tolle Menschen mit oft unglaublichen Lebensläufen. Nach dem Ende des DDR-Staatszirkus bin ich dann zu Roncalli. Fast 15 Jahre habe ich hier die Presse betreut. Wien, Hamburg, München, Berlin - das war mit eine der schönsten Zeiten in meinem Leben. Jeden Tag das Ritual: Die Büromädchen bringen die Tageszeitungen aus der aktuellen Gastspielstadt. Dazu montags SPIEGEL und "Focus", donnerstags "Stern", "Gala" und "Bunte". Querlesen, auf Roncalli achten und einen Bezug zur Stadt, zu den Themen, die dort aktuell sind, kriegen. Sonntags "Bild am Sonntag" und die "Welt".
Die Journalisten brachten mir die Welt ins Zirkusbüro. Ganz ohne Internet. Das hatten wir noch nicht. Auch das Handy war noch eher bauklotzgroß. SMS, geschweige denn Fotos? Letzteres ja: auf Papier und von Profis gemacht.
Ich habe tolle Geschichten eingerührt und Journalisten ins Zirkuszelt geholt. Mal für ein Foto, auch schon mal für eine Reportage mit echtem Zirkusgefühl. Also wurde meine Couch im Wohnwagen freigeräumt, abends gegrillt, in geselliger Runde mit Artisten aus aller Welt in allen Sprachen dieser Erde über alles Unmögliche und Mögliche geredet... Am nächsten Morgen war der Journalist bestens informiert. Das alles funktionierte nur, weil ich ehrlich war, weil die Kollegen Zeit hatten und zuhören konnten. Weil sie nach Geschichten hinter der Maske suchten.
Irgendwann begann die Zeit, als nach vorgefertigten Texten gefragt wurde. Aus Zeitmangel. Ich fand meine Pressemeldungen 1:1 abgedruckt. Furchtbar. Fernsehteams vom Privatsender schickten blutjunge Volontäre, die fünf Minuten Zeit hatten, um für 20 Minuten einen Beitrag zu machen. Irgendwann hab ich gekündigt. Ich hatte auf das Oberflächliche, das Hektische keine Lust mehr. Ich wollte nie Journalist sein, nie für Texte und Fotos verantwortlich sein und auf Werbung reduziert werden. Es war schwer, einen Nachfolger zu finden. Circus Roncalli ist nicht nur die rosarote Brille, sondern hinter den Kulissen braucht es viel Engagement und Zeit, um das Haus bzw. Zelt zu füllen.
Junge Kollegen hielten den Reisealltag manchmal nicht für ein Jahr aus. Pressearbeit ist viel Arbeit! Der schönste Lohn dann ein Artikel, bei dem man helfen durfte, den man gut vorbereitet hat. Ab und an wurde ich als Freiberufler immer wieder geholt, um zu helfen. Aber nicht nur in der Pressestelle, auch für Werbung, Marketing und Events wie unseren Hamburger Weihnachtsmarkt war ich verantwortlich.
Der Branche, dem Reisegewerbe, bin ich treu geblieben. Jetzt betreibe ich alte, historische Karussells, die ich in der eigenen Werkstatt restauriere. Ab und an gehe ich damit auch auf Tour. Die Rituale sind geblieben: Tageszeitungen, "Stern", SPIEGEL. Nur "Gala" und "Bunte" brauch ich nicht mehr...
Für drei Monate stell ich die Karussells nun in die Ecke. Roncalli macht eine zweite Show. Die "rote Tour". Zum ersten Mal im Osten! Es geht nach Rostock, Dresden, Magdeburg und Leipzig. Ich hab wieder angeheuert. Nur für kurze Zeit. Es ist schwer geworden, die Menschen in der hektischen Zeit für die Artisten und Künstler zu begeistern. Aber nicht unmöglich, denn noch immer weht da ein Zauber um die Welt der Manege. Einen Kindheitstraum begräbt man auch nicht so einfach. Deshalb musste ich da wieder hin.
Daher gratuliere ich zu Ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum. Ich hab mich immer gefreut, wenn ich nach zwei, drei Jahren noch vertraute Namen oder Gesichter in den Redaktionen vorfand. Das schafft schließlich Vertrauen. Nur so sind die Geschichten hinter der Maske des Clowns zu erkennen und zu ergründen. Meine Mail ist viel länger geworden als geplant. Entschuldigung. Aber auch Sie haben so ausführlich geschrieben und die momentane Situation unserer Medienlandschaft so treffend beschrieben. Ein Danke dafür kann man nicht in drei Zeilen fassen.