Martin Doerry: Was man diese Woche lesen muss - DER SPIEGEL
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Im neuen SPIEGEL Die Türkei und der SPIEGEL; die Akte Bangladesch; Bauen für Saudi-Arabien?; Kampf um die Windkraft

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Foto: Maurice Weiss/ Ostkreuz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebe Leserin,
lieber Leser,

"Boyun Egme - Beugt euch nicht", lautete die Zeile des zweisprachig erschienenen SPIEGEL-Titels der vergangenen Woche. Er hat in Leserbriefen, Mails, Tweets und in türkischen Medien heftige Reaktionen ausgelöst - sie reichten von Abscheu bis zu Begeisterung. Glückwünsche zum gelungenen Integrationsprojekt waren ebenso zu lesen wie der Vorwurf, die Zweisprachigkeit fördere das Bestehen einer türkischen Parallelwelt in Deutschland. In der Türkei registrierten meine Kollegen Maximilian Popp und Özlem Gezer, die diese Reaktionen auswerteten, Empörung bei Erdogan-Anhängern - und ein Aufblühen von Verschwörungstheorien. Schon am vorvergangenen Samstag, als nur das Titelbild, nicht aber der Text verbreitet war, kursierten krude Thesen: Der SPIEGEL habe den Auftrag der Bundesregierung, die Türkei zu spalten, zu schwächen und von der EU fernzuhalten. Außerdem wolle er verhindern, dass die Türkei den Konflikt mit den Kurden löse. Das tatsächliche Motiv des SPIEGEL wurde allerdings auch von vielen verstanden: zu signalisieren, dass die Ereignisse in Istanbul alle Menschen etwas angehen, in Deutschland, in der Türkei, in Europa.

Die T-Shirts sind billig, der Käufer im Westen weiß nicht, wie sie entstehen - und greift trotzdem zu. Manchmal erfährt er es doch: dann, wenn eine Katastrophe geschieht. So wie im Fabrikgebäude Rana Plaza im April dieses Jahres, als mehr als tausend Menschen in den Trümmern starben. Meine Kollegen Hauke Goos und Ralf Hoppe reisten nach Bangladesch, um die Botschaft der Katastrophe zu begreifen. Wie konnte es dazu kommen? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder geschieht? Sie befragten Shahidullah Azim, den Vizepräsidenten der Vereinigung der Textilfabrikanten und -exporteure des Landes, der wohl mächtigsten Institution Bangladeschs. Der erklärte ihnen, wie Bangladesch zur Nähstube der Welt wurde - und dass die Tragödie von Rana Plaza ein Einzelfall gewesen sei. Sie trafen Opfer und Überlebende der Katastrophe, sie sprachen mit Ermittlern, hatten Zugang zu internen Berichten. Ein Einzelfall, fanden sie heraus, war Rana Plaza mitnichten. "Es ist eher Teil des Systems Bangladesch, als Teil der globalen Produktionskette", sagt Goos.

Sollen Architekten Repräsentationsbauten für Länder errichten, die nicht demokratisch, die absolutistisch und frauenfeindlich sind? Sollen sie zusammenarbeiten mit Ländern wie Saudi-Arabien? Meine Kollegin Susanne Beyer hat den Dortmunder Architekten Eckhard Gerber auf einer Reise nach Riad begleitet und dort festgestellt, dass die ethischen Fragen, das Für und Wider des Arbeitens dort, alle Ausländer beschäftigen, mit denen sie sprach. Gerber und Beyer waren zu einem Abendessen der Industrie- und Handelskammer in Riad eingeladen, das Essen fand im Garten eines Hotels statt, es war heiß, Schläuche waren über die Tafel gespannt und sprühten Wasser, es gab Humus und Lammfleisch. Beyer trug vorschriftsgemäß eine Abaja, einen schwarzen Umhang. "Es war das einzige Abendessen meines Lebens", sagt Beyer, "bei dem die Männer von sich aus ständig auf die Lage der Frauen zu sprechen kamen und sich einig waren, dass da noch einiges getan werden müsse."

Vor 18 Jahren durfte mein Kollege Matthias Schulz die Versuchswindanlage "Aeolus II" besteigen - bis auf 93 Meter Höhe, damals die größte Anlage der Welt. Heute sind die Anlagen fast 200 Meter hoch, und sie wachsen weiter. Rund 60.000 neue Windräder sollen in Deutschland gebaut werden, die Kosten explodieren, die Bürger laufen Sturm. Schulz sprach mit Bauern und aufgebrachten Hausfrauen und traf auf "enorme Spannungen" im Land: Die einen hassten die Türme, die anderen, sagt Schulz, betrachteten sie als "Heiligtümer der Nachhaltigkeit". Einen neuen Boom-Beruf entdeckten die Kollegen Michael Fröhlingsdorf und Simone Kaiser: den des Vogelzählers. Ornithologen sind sehr gefragt, seit die Protestierer den Charme von Auerhühnern und Rotmilanen entdeckt haben. Geschützte Vögel können den Bau von Rotoren verhindern - falls man sie am richtigen Ort finden kann. Sie sprachen mit professionellen Vogelexperten und mit eifrigen Amateuren, die sich dicke Bestimmungsbücher kaufen und Ornithologie-Kurse belegen. Damit sie den Milan nicht verpassen, wenn er denn wirklich kreist.

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Viel Spaß bei der SPIEGEL-Lektüre wünscht Ihnen

Ihr

Martin Doerry