Missbrauchsdebatte Männer, brecht das Schweigen!
Acht Wochen sind es jetzt. Und es geht weiter. Ein Mann und noch einer - allein zwei große Fälle in den vergangenen Tagen: Der Dirigent James Levine wird des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, der New Yorker Ballettchef Peter Martins der sexuellen Belästigung.
Die US-Zeitschrift "Time" benennt immer im Dezember die "Person des Jahres", diesmal hat sie die Menschen hinter der #MeToo-Bewegung ausgezeichnet. Die massenhafte Enthüllung sexueller Übergriffe habe, so lautet die Begründung, "eine der schnellsten Veränderungen in unserer Kultur seit den Sechzigerjahren" freigesetzt. Ist es wirklich schon Zeit für so ein Fazit? Leider nicht. Das Entscheidende, die Veränderung, steht noch aus.
Die Masse der Bekenntnisse ist wirkungsvoll, das stimmt. Auch wenn Relativierungen - Frauen erzählten Lügen, Frauen seien selbst schuld - im Einzelfall sogar zutreffen mögen, ist doch das strukturelle Problem nicht zu leugnen.
Und dieses Problem ist eines von Männern, nicht von allen, nicht von den meisten, aber von viel zu vielen - ein Problem von Männern, die ihre Macht missbrauchen.
Doch obwohl es um Männer geht, sind ihre Stimmen kaum zu hören. #MeToo ist ein Frauenthema geworden. Frauen schreiben Artikel, führen Theaterstücke auf, und wenn Anne Will zur Talkshow einlädt, dann sitzen bei diesem Thema plötzlich fast nur noch Frauen in ihrer Runde. Vereinzelt äußern sich Männer. Im SPIEGEL schrieb Markus Brauck, Männer sollten aufhören, Frauen um Auskunft zu bitten, sie sollten anfangen, über sich selbst nachzudenken. Aber passiert das?
"Die Unfähigkeit zu trauern" haben die Psychoanalytiker Margarete und Alexander Mitscherlich ihre Theorie vom Verschweigen von Schuld und Schmerz genannt. Auch wenn sich diese Theorie auf die NS-Vergangenheit bezog, nicht zu vergleichen mit #MeToo, und auch wenn die Theorie sich nicht in allen Ausführungen halten ließ, definiert sie doch einen gültigen Mechanismus: dass es gefährlich ist, wenn diejenigen, um die es geht, sich zu Schuld und Schmerz nicht verhalten mögen. Unterdrücktes kehrt zurück, immer wieder. Und es wird größer.
Täter werden sich vor Gericht verantworten müssen - wenn auch nur wenige. Doch die anständigen Männer sollten sich ebenfalls zu den sexuellen Übergriffen und dem Missbrauch von Macht verhalten, zu etwas, was sie selbst nicht getan haben.
Weil es anständig ist, denjenigen zuzuhören, die ihr Leid klagen. Weil es anständig ist zu sagen, dass einem tatsächlich leidtue, was man da höre. Weil es anständig ist, sich zu fragen, was man selbst dazu beitragen kann, das Leid zu lindern, zu überlegen, ob man ein System aus Macht und Missbrauch mit unterstützt hat. Weil es anständig ist, Frauen wenigstens in Teilen davon zu entlasten, sich mit Themen beschäftigen zu müssen, die Männer ihnen aufbürden.
Es bleibt ja sowieso eine gemeinsame Geschichte. Das ist so, wenn es um Systeme geht. Auch Frauen müssen sich mit ihrem Anteil beschäftigen. Haben einige paktiert, profitiert? Hat ein System, das kleinhält und demütigt, sogar versteckte und verquere Vorteile für diejenigen, die nicht unmittelbar zum Opfer geworden sind?
Sich diesen Fragen zu stellen wird leichter sein, wenn Frauen nicht permanent um Verständnis und Erkenntnis werben müssen, sondern Männer Verständnis so deutlich artikuliert haben, dass es vorausgesetzt werden kann. Dann erst setzt ein, was "Time" voreilig gewürdigt hat: Veränderung.