Mit den Scorpions auf der "Crazy World"-Tour - DER SPIEGEL
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Auf Welttournee mit Deutschlands Altrockern Was die Scorpions zusammenhält

In ihrer Heimat werden die Scorpions verhöhnt, im Ausland feiern sie Triumphe. Unser Reporter hat die Band auf ihrer Welttournee begleitet.
Sänger Meine in Los Angeles
Sänger Meine in Los Angeles

Sänger Meine in Los Angeles

Foto: Armin Smailovic / DER SPIEGEL
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

How can we grow old
When the soundtrack of our lives
is rock and roll
"The Best Is Yet to Come", Scorpions, 2010

Es gibt Tage, an denen Klaus Meine nur in seinem Hotelzimmer sitzt und mit niemand anderem spricht als mit Alex, seinem Assistenten. Wenn er etwas braucht, ruft er nicht einfach den Zimmerservice an. Er schickt eine Textnachricht an Alex und bittet ihn, den Zimmerservice zu informieren.

An Tagen wie diesen verlässt Klaus Meine erst abends sein Zimmer, um die anderen Bandmitglieder zum Abendbrot im Hotelrestaurant zu treffen, ein Ritual wie bei einer braven deutschen Familie. Klaus Meine verteilt dann eine Runde Gettofäuste, damit er nicht "Guten Abend" sagen muss, macht vor seinem Mund eine Bewegung, als würde er einen Reißverschluss schließen, und bestellt etwas Leichtes. Suppe, Sushi, dazu einen Tee.

Wenn es Probleme mit der Bestellung gibt, zum Beispiel wenn die Suppe nicht kommt oder das Sushi vor der Suppe, winkt er Alex herbei, der vier Sprachen fließend spricht, Deutsch, Polnisch, Russisch, Englisch, und im Ruf steht, so gut wie jedes Problem lösen zu können. Sobald Klaus Meine aufgegessen hat, eilt Alex herbei und geleitet ihn aufs Zimmer.

An Tagen wie diesen wirkt Klaus Meine unerreichbar, entrückt, wie ein alternder Star, der Angst hat, irgendwann einmal seine Stimme zu verlieren, für immer.

Und dann gibt es Tage wie den in Jekaterinburg. Ein Nachmittag, Anfang November. Jemand versucht, Klaus Meine auf dem Handy anzurufen.

Klaus Meine sitzt in diesem Moment auf einem Podium im Hyatt Regency Hotel, flankiert von seiner Band Scorpions, er in der Mitte, ein Fliegengewicht, 1,68 Meter groß, von knabenhafter Statur, auf den ersten Blick ein eher unscheinbarer Star. In der Schule litt er unter einer Musiklehrerin, die ihn pikste, wenn er einen falschen Ton sang, zum Nichtraucher wurde er, um Geld zu sparen, und sein Debüt als Sänger gab er bei einem Schrebergartenfest in Hannover mit "Marina", einer italienischen Schnulze.

Einen Moment lang überlegt Klaus Meine: Soll er rangehen oder nicht?

Sein iPhone macht ein ungesundes Geräusch, das wie ein Alarm in einer Chemiefabrik klingt. Klaus Meine zieht das iPhone trotzdem aus seiner Jackentasche. Auf dem Display steht "Willy".

Willy, das muss man wissen, ist bei Sony Senior Vice President Music Division, der Mann, der die nächste Balladenkompilation der Scorpions veröffentlicht, Album Nummer 30, ein Mann aus einer anderen Welt. In Willys Welt hat das Leben weder Anfang noch Ende, es geht immer nur weiter, Kompilation für Kompilation, in der Endlosschleife der Vermarktung.

Als Klaus Meine sieht, dass Willy anruft, zögert er nicht, er geht sofort ran. "Hallo! Willy! Hörst du mich?", ruft er in sein Telefon. Klaus Meine redet jetzt Deutsch, bisher hatte er Englisch gesprochen. "Willy, wir sind mitten in einer Pressekonferenz und reden über unser neues Album."

Für den Moment ist er in einer anderen Welt. Nur Willy und er.

"Ja. Willy. Wirklich."

In Deutschland wurden die Scorpions immer ein wenig belächelt, für ihre Balladen, für ihr Englisch mit deutschem Akzent, für ihren begrenzten Wortschatz, für ihren Wunsch, unbedingt Englisch zu singen und nicht Deutsch, ja, ihren Erfolg. In den Siebziger- und Achtzigerjahren stiegen sie zu Deutschlands international erfolgreichster Band auf. Aber den Deutschen waren die Deutschen peinlich. Sie schämten sich sicherheitshalber auch für ihre Stars.

Und dann sangen die Scorpions auch noch "Wind of Change".

Mit "Wind of Change", geschrieben 1989, im Jahr des Berliner Mauerfalls, haben die Scorpions Geschichte geschrieben.

Take me to the magic of the Moment
On a glory night
Where the children of tomorrow
dream away
In the wind of change

"Wind of Change" ist der Song überhaupt zum Ende des Kommunismus, aber auch ein Song, mit dem sich allerlei Zeitenwenden besingen lassen, politische wie private, der Mauerfall ebenso wie die Hochzeit von Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer, mit denen die Scorpions schon lange befreundet sind. "Wind of Change" ist ein kommerzieller Alleskönner. Bis heute ihr erfolgreichster Song. Mehr als zwölf Millionen verkaufte Platten. In vielen europäischen Hitlisten war er Nummer eins, in Deutschland elf Wochen lang. Inzwischen gibt es unter anderem ein "Shred Remake" und diverse Reggae-Remixe sowie offizielle Versionen mit russischem und spanischem Text. Aber wenn man als Künstler ernst genommen werden will, ist zu viel Erfolg selten gut. Es hilft dann auch nicht, wenn ZDF-Zuschauer "Wind of Change" zum "Jahrhundert-Hit" wählen.

27 Jahre nachdem die Scorpions mit "Wind of Change" zum ersten Mal auf "Crazy World"-Tour gingen, sind sie nun wieder auf "Crazy World"-Tour unterwegs. 37 Städte allein in diesem Jahr.

Gesang: Klaus Meine, 69 Jahre alt.
Gitarre: Rudolf Schenker, 69 Jahre alt.
Gitarre: Matthias Jabs, 62 Jahre alt.

Nur Bassist und Schlagzeuger wechselten über die Jahre, derzeit sind es Pawel Maciwoda aus Polen und Mikkey Dee, der ehemalige Schlagzeuger von Motörhead.

Sie singen Songs, die schon vor 30 Jahren Klassiker waren:

Always Somewhere (1979)
The Zoo (1980)
Blackout (1982)
Still Loving You (1984)
Big City Nights (1984)
Rock You Like a Hurricane (1984)

Alles wie immer, alles wie früher. Als wären die Scorpions noch immer jung.

SPIEGEL: Vor 27 Jahren waren die Scorpions erstmals mit "Wind of Change" auf Tour. Was hat sich seitdem verändert?

Meine: Wenn ich "Wind of Change" ansage, ist das wie 'ne Messe, die da abgeht. Es ist beeindruckend, wie alle mitsingen.

SPIEGEL: Das war nicht immer so?

Meine: Die Amerikaner mögen lieber die harten Sachen, "Rock You Like a Hurricane" zum Beispiel, da gehen die total ab. "Wind of Change" dagegen hat die Amerikaner früher bei den Konzerten nicht so sehr berührt wie diesmal. Ich stand mal im tiefsten Mittleren Westen im Hotelaufzug, da sagte jemand zu mir: "You know, in your song 'Wind of Change' you sing 'I follow something ...' What is it?" Ich habe ihm gesagt: "Im Text heißt es: I follow the Moskva. It's like I follow the Mississippi."

SPIEGEL: Sie meinen, die Amerikaner konnten mit dem Song nichts anfangen?

Meine: Der Song war zwar auch in Amerika ein großer Hit, aber von der Moskva haben viele Amerikaner wahrscheinlich noch nie was gehört. Die Botschaft des Songs ist Hoffnung auf eine friedlichere Welt, und die ist bei den Amerikanern diesmal stärker angekommen als noch vor ein paar Jahren.

SPIEGEL: Weil alles so hoffnungslos ist?

Meine: Als ich "Wind of Change" geschrieben habe, haben wir in eine hoffnungsvolle Zukunft geblickt. Da war Freiheit, in der alle enger zusammenrücken. Jetzt schauen wir in eine Zukunft, in der ein US-Präsident Mauern bauen will und die Welt wieder auseinanderdriftet.

Heimat & Ferne Oakland, USA

Eine Stunde bevor in der Oracle Arena in Oakland das Konzert der Scorpions beginnt, sitzt Rudolf Schenker in Garderobe 2 auf dem Sofa, die Gitarre auf dem Schoß, und fragt sich, wo er sein Glas Rotwein abgestellt hat. Er schaut Alex an, den Assistenten. Hat Alex sein Glas Rotwein gesehen? Dann wendet er sich an seine deutschen Gäste. "Wir haben hier alles", sagt er, "auch deutsches Bier."

Deutsche Gäste mit deutschem Bier zu überraschen ist für ihn ein Stück Heimat weit weg von zu Hause. Es gehört zu seiner Lebensphilosophie, ein bisschen von allem gleichzeitig haben zu können, ein Rock-'n'-Roller-Leben und Geld, den Spaß mit den Freunden auf Tour und den Ernst des Lebens zu Hause, die Leidenschaft und die Musik, den materiellen Erfolg und die Villen zu Hause, die Hotels und die Privatjets unterwegs. Abenteuer und Sicherheit, Kunst und Kommerz. Bei Schenker hängt immer alles mit allem zusammen. Yin und Yang. Ferne und Heimat. Oakland und deutsches Bier.

Er trainiert heute noch täglich, geht schwimmen und macht regelmäßig Yoga. Er besitzt einen Ganzkörperanzug mit Elektrostimulation, eine portable "Power Plate", eine Vibrationsplatte, mit der auch Profisportler trainieren, und legt sich auf eine Magnetfeldmatte von Bemer Gefäßtherapie, um gesünder zu schlafen.

Er kombiniert alles, Technik und Glauben, Fitness und Esoterik.

Schenker kann auch Sätze aus Wörtern bilden, die eigentlich nicht zusammengehören, Sätze, die immer wieder die Einheit aller Dinge beschwören, die Einheit von Band, Musik und ihren Fans: "Zwischen unserem Feeling und dem Feeling der Fans", sagt er, "ist nur ein geringer Leitwiderstand." Es klingt ein bisschen verrückt, aber er meint es ernst. Er nennt es die "Befruchtung der verrückten Art".

Schenker ist der Mann, der die Scorpions zusammengeführt hat, drei Männer, die heute die Kernmannschaft der Scorpions bilden: Klaus Meine, den gelernten Dekorateur. Matthias Jabs, den Abiturienten, der Fußballprofi bei Hannover 96 werden wollte. Und er, Rudolf Schenker. Als Schenker 1965 die Scorpions gründete, die er erst Nameless nannte, hatte er eine Lehre als Starkstromelektriker begonnen.

Wenn man Rudolf Schenker, den Gründer der Scorpions, fragt, wie die Band zusammengefunden hat, wie Schenker, Meine und Jabs zu den drei wichtigsten Scorpions wurden, sagt er: "Jeder von uns hat Wellen ausgestrahlt, und irgendwie haben wir dann durch Magnetismus, durch diese Gedanken zusammengefunden." Andere würden sagen: Sie steckten alle gleichzeitig in Hannover fest.

Gitarrist Jabs

Gitarrist Jabs

Foto: Armin Smailovic / DER SPIEGEL

Ohne Hannover, ohne die Erfahrung der deutschen Provinz, wäre die Geschichte der Scorpions undenkbar, ihr Ruhm in der Welt, aber auch die Demütigung, die sie zu Hause erfahren haben.

Die Enge hat die Scorpions angespornt, der Stillstand, die Spießbürgerlichkeit, das durchschnittlich Deutsche. Sie wollten nichts zu tun haben mit dem verklemmten deutschen Lebensgefühl, dem Nuschelrock Udo Lindenbergs, den Landsleuten, die "Capri-Fischer" hörten und ihnen steif wie Vogelscheuchen vorkamen: Sie störte der Mief, die Miesepetrigkeit. Sie wollten nichts wie weg aus Hannover.

Doch am Ende reichte es nicht einmal für einen Umzug nach Bielefeld.

Meine, Schenker und Jabs leben heute noch immer in der Nähe von Hannover, in einem Umkreis von 20 Kilometern wie eine Pilzkolonie, Schenker in Schwarmstedt, einer Gemeinde nördlich von Hannover, Meine und Jabs in Wedemark. Sie kennen die gleichen Bars, den gleichen Italiener, sie feiern Silvester zusammen, sie übernehmen Patenschaften für die Kinder der anderen. Während sie in der weiten Welt in den großen Hallen spielten, im Madison Square Garden in New York, im Forum in Los Angeles und im Palais Omnisports in Paris, haben sie sich in ihrer eigenen kleinen Welt eingerichtet. In der deutschen Provinz.

In anderen Ländern ist die Provinz der Beginn jeder guten Heldengeschichte. Black Sabbath kommt aus Birmingham, Bruce Springsteen aus Freehold, New Jersey, Michael Jackson aus Gary, Indiana. Aber in Deutschland ist es ihr sicherer Tod.

Die Scorpions wollten immer eine amerikanische Band sein. Aber die Deutschen nervte die amerikanische Pose. Der Anspruch der Scorpions war immer groß, aber das passte nicht zum Selbstbild der Deutschen. Eine Band aus Hannover, "die das Rock-'n'-Roll-Gefühl delivert", wie es Klaus Meine einmal formuliert hatte? Eine deutsche Band, die ihre Telefonnummer auf dem Cover angibt, Null-Fünf-Elf, die Vorwahl von Hannover, dann eine sechsstellige Nummer, und glaubt, sie könne damit Amerika erobern? War das ihr Ernst? Als Schenker die Scorpions gründete, schien das wie Großmannssucht, wie ein halbstarker Traum. Damals, sagt Schenker, habe man über Deutschland so gesprochen: "Germany: Assholes."

Es klappte trotzdem. Und nicht nur das. Sie zogen von einem Land ins andere, von einem Kontinent zum nächsten. "Wir haben es gelernt, uns weltweit zu orientieren", sagt Schenker, "den Vibe zu erfassen. Wir haben uns immer an der weltweiten Nachfrage unserer Fans orientiert." Es ist ein Leben der unendlichen Möglichkeiten, aber auch eines, in dem man nie wirklich ankommen kann.

Wenn sie an Weihnachten zu Hause in Deutschland sind, werden sie wieder zu normalen Menschen, zu Fußballfans und Familienvätern. Jabs muss die Winterreifen wechseln, Schenker wird mit seinem Sohn spielen, und Klaus Meine geht wieder in die Loge zu Hannover 96, wo er Altkanzler Gerhard Schröder trifft und andere ehemalige Größen Hannovers.

Sie lieben ihre Heimat, aber schon bevor sie dort ankommen, müssen sie an die drückende Normalität denken, die sie dort erwartet, die immer gleichen Bemerkungen, dieses: "Naaaaaaa, gerade mal nicht auf Tour" aus dem Fitnessstudio. Oder die Frage: "Wie lange wollt ihr das eigentlich noch machen? Habt ihr noch nicht genug Geld gescheffelt?"

Dann freuen sie sich wieder auf den 22. März 2018, den Tag, an dem sie in Saint-Herblain auftreten werden, einem Vorort von Nantes, weit weg von zu Hause.

Gestern & Morgen Ufa, Russland

Rudolf Schenker ist erst gar nicht zum Abendessen erschienen, weil er zu viel gefeiert hat, Klaus Meine ist schon seit mehr als einer Stunde mit einem Tee auf seinem Zimmer verschwunden, um die Serie "Stranger Things" auf Netflix zu schauen, als Matthias Jabs noch immer im Hotelrestaurant des Sheraton sitzt. Er hat eine letzte Flasche Amarone bestellt. Aber Amarone gibt es nicht mehr. Leer getrunken.

Vor ihm stehen zwei Kellner mit vier Flaschen Rotwein, vier Alternativen.

Jabs prüft die Etiketten.

Er ist so etwas wie der Vorkoster der Scorpions, der Erste, der bei jedem Abendessen verkündet, was auf der Karte zu empfehlen ist, unabhängig davon, ob er schon jemals in dem Restaurant war. Wenn er die thailändische Fischsuppe bestellt, bestellen auch andere die thailändische Fischsuppe, wenn er zum Rumpsteak greift, wählen auch andere Rumpsteak, wenn er den Sea Bass ins Auge fasst, wird das zum Trend. Er ist ein Mann, der gern herausstreicht, wie belesen und parkettsicher er ist, der eine nach ihm benannte Gitarre spielt, die sogenannte Jabocaster, und der gern erzählt, dass er im Abitur die "beste Physikarbeit in ganz Niedersachsen" geschrieben habe, eine Klausur über die Braunsche Röhre.

Die Kellner schauen ihn an.

Welche Flasche?

"Okay", sagt Jabs. Er dehnt den Moment länger als nötig. Schließlich sagt er: "Dann entscheide ich mich für die diplomatische Lösung: Wir nehmen alle vier."

In Russland ist alles etwas anders als in Amerika, leichter, ausgelassener, ein bisschen wie früher, als die Scorpions noch jünger waren. Es gibt Wodka. In den Hotelbars sitzen abends die Groupies, Mädchen, die behaupten, genau 18 Jahre alt zu sein. Vor allem aber sind viele Fans der Scorpions in Russland noch immer jung, gemessen am Alter der Scorpions sogar wahnsinnig jung. Wenn man Jabs nach Russland fragt, sagt er: "Tschechow, Strawinsky - Russia is a state of mind."

Ihre sieben Konzerte in Russland in diesem Jahr sind ausverkauft, die Fans dort lieben die Scorpions bedingungslos, selbst die Balladen, ihre weiche Seite.

Je länger der Abend dauert, desto mehr gerät Jabs ins Schwärmen. Er erzählt von den ersten Konzerten in Russland, zehnmal hintereinander in Leningrad, er erzählt davon, wie Michail Gorbatschow die Scorpions am 14. Dezember 1991 im Kreml empfing, die alten Heldengeschichten, die VIP-Behandlung, die es so heute nur noch in Russland gibt.

Es gibt da auch die alte Geschichte ihres ehemaligen Produzenten Conny Plank, der Kraftwerk produziert hat und während der Aufnahmen zur ersten Platte die Idee hatte, sie nicht die Scorpions zu nennen, sondern "Stalingrad". Sie sollten als deutsches Klischee auftreten, als Karikatur des hässlichen Deutschen, mit Stahlhelm und Stacheldraht. Als Russenschreck. Aber sie fanden schon damals, dass dieses Bild nicht zu ihnen passt. Wie hätten sie später, als Stalingrad, "Wind of Change" singen können?

Jabs nimmt noch einen Schluck. In Russland erscheint ihm in diesem Moment alles besser und größer als anderswo.

Es ist kurz vor Mitternacht, als Alex vorschlägt, Jabs auf sein Zimmer zu bringen. Jabs wollte an diesem Abend eigentlich auf dem E-Reader noch ein wenig "Origin" weiterlesen, den Roman von Dan Brown, von dem er sagt, er sei da gerade "bei 30 Prozent", oder noch eine Partie Schach auf dem iPad spielen. Aber vielleicht ist das in diesem Moment keine ganz so gute Idee.

Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Licht & Schatten Jekaterinburg, Russland

Rudolf Schenker muss sich beeilen, bald beginnt das Konzert in der Sporthalle von Jekaterinburg. Von seiner Garderobe aus kann er die Begeisterung in der Halle sehen, Tausende Fans, die auf die Scorpions warten, bis dicht an die Bühne gedrängt. Aber dann steht da Klaus Deiters in seiner Garderobe, ein langjähriger Freund, Elektromeister, ein Mann von kräftiger Statur und nachlässiger Kleidung, der es mit seinen Geschäften bis nach Russland geschafft hat. "Mensch, Klaus", sagt Schenker, "warum bist du so spät?"

Gitarrist Schenker

Gitarrist Schenker

Foto: Armin Smailovic / DER SPIEGEL

Knapp zwei Stunden Konzert liegen vor ihm, 16 Songs. Er wird auf 15 unterschiedlichen Gitarren spielen, ausschließlich in V-Form, darunter eine Gibson Flying V, die vom brasilianischen Künstler Romero Britto lackiert wurde, eine Sonderanfertigung vom Gitarrenbauer Boris Dommenget sowie die "Smoker V" mit Auspuff und "Rauchvorrichtung", die den Eindruck erwecken soll, als würde sie von einem Verbrennungsmotor betrieben.

Schenker muss sich noch warmspielen. Er müsste seinen Gast eigentlich hinauskomplimentieren.

Aber Klaus Deiters ist nicht irgendwer. Klaus Deiters ist wichtig. "Der ist ein Freund von Putin", sagt Schenker.

"Ein Bekannter", korrigiert Deiters.

"Der hat von Putin schon 'ne Spielzeugeisenbahn bekommen", sagt Schenker.

"Er hat diese Pipeline gebaut."

Klaus Deiters lächelt.

Er hat mit seiner Firma Elcon in Russland tatsächlich an einer Pipeline mitgebaut, für Nord Stream, eine Tochtergesellschaft des russischen Gaskonzerns Gazprom. Und er kennt nicht nur Putin, er kennt auch Gerhard Schröder, den Altkanzler und Aufsichtsratsvorsitzenden von Nord Stream.

Aber es geht nicht nur um ihn.

Die Scorpions schmücken sich gern mit den Namen der Reichen und Mächtigen, weil dies auch ein Maß dafür ist, wie ernst sie genommen werden. Sie hoffen, dass Arnold Schwarzenegger zum Konzert nach Los Angeles kommt. Oder Don Johnson, der sich ebenfalls angekündigt haben soll. Oder Steven Seagal, der amerikanische Actionheld, der inzwischen die russische Staatsbürgerschaft besitzt. Sie erzählen, dass der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho, mit dem Schenker befreundet ist, gelegentlich ihre Konzerte besuche. Und natürlich wollen sie wissen, ob die Klitschkos kommen, wenn sie in Kiew ein Konzert geben. Vitali Klitschko, der Kiewer Bürgermeister, oder sein jüngerer Bruder Wladimir, der gerade seine Boxkarriere beendet hat.

Von den Klitschkos gibt es eine Geschichte, die Schenker gern erzählt: Als die Scorpions vor ein paar Jahren in Kiew auftraten, waren die Klitschkos im Publikum, ohne ihnen davor etwas zu sagen. Als Schenker danach davon erfuhr, nahm er sich Wladimir Klitschko zur Brust. "Junge, hättest du mal gesagt, dass du da bist, hätten wir dich backstage geholt." Darauf soll Klitschko geantwortet haben: "Ich war zu schüchtern."

Es geht auch bei den Scorpions manchmal nur darum, wer der Größere ist.

Schenker schaut Deiters an.

"Schnell noch ein Bierchen?"

Dichtung & Wahrheit Los Angeles, USA

Von Klaus Meine gibt es ein typisches Bild: das mit Kangol-Mütze. Wenn er privat unterwegs ist, gibt es Klaus Meine auch mit Baseballcap. Oder mit Schiebermütze. Aber nie einfach ohne etwas auf dem Kopf.

Auf die Frage, warum er immer Mützen und Hüte trage, hat Klaus Meine einmal gesagt, dass er sich bei einem Konzert am Kopf schwer verletzt habe. Er sei von der Bühne gesprungen und habe sich dabei eine Platzwunde zugezogen, die genäht werden musste. Seitdem müsse er Mützen und Hüte tragen, um den Schmiss zu verbergen, eine Folge seiner Waghalsigkeit.

Klaus Meine lächelt. Rockstar zu sein kann anstrengend sein. Man braucht für alles eine Heldengeschichte.

Für Klaus Meine wird immer der beste Platz im Restaurant reserviert, für ihn ist immer das Auto mit der Nummer eins in der Kolonne reserviert. In den Konzerthallen ist seine Garderobe immer die größte, und immer ist sie die Garderobe mit der Nummer eins. Aber manchmal wirkt er wie ein Gefangener seiner eigenen Show. "Alles, was da draußen an Bildern und Klischees herumschwirrt, der Glamour, die Groupies, die Orgien, die zerlegten Hotelzimmer", hat er einmal gesagt, "dient doch nur dazu, bourgeoise Fantasien zu bedienen." Es geht ihm da nicht anders als einem Schauspieler, der eine Rolle spielt, in Klamotten, die er privat nie tragen würde.

Er steht vor einem Spiegel im Forgotten Saints, einem Geschäft für Rockerklamotten in Los Angeles. Er probiert einen Cowboyhut auf, schwarzes Leder mit Nieten. Er dreht sich um sich selbst, er will sich ganz sicher sein, dass der Hut zu ihm passt. Draußen steht ein Wagen, der auf ihn wartet, mit einem Nummernschild, auf dem "Diwa 35" steht. Meine wendet sich um und macht das Teufelszeichen, die alte Rockerpose.

Er will noch ein Foto von sich haben. Dann muss er wieder los.

Los Angeles ist die zwölfte Station auf der Tour, und was in diesem Moment niemand weiß, die letzte Station in den USA. Die Scorpions wollen danach zwar auch noch in Phoenix, Dallas und San Antonio spielen, aber die verbleibenden Konzerte in den USA werden sie absagen, sobald sie in Los Angeles gespielt haben, weil Klaus Meine an einer Laryngitis erkrankt ist, an einer für seine Stimme gefährlichen Kehlkopfentzündung. Die vielen Konzerte in unterschiedlichen Zeitzonen haben seine Stimme angegriffen. Die bange Frage ist: Schafft er wenigstens noch L.A.?

Los Angeles ist ein spezieller Ort, hier haben die Scorpions früher monatelang gewohnt, um Platten aufzunehmen, und in kaum einer anderen Stadt ist der Druck so groß, eine gute Show geben zu müssen. 175 Prominente stehen für das Konzert auf der VIP-Liste der Scorpions, in Oakland, zwei Tage zuvor, waren es nur 50.

Katja Rieckermann wird kommen, die ehemalige Saxofonistin von Rod Stewart, Eric Singer, der Schlagzeuger von Kiss. Daisy "The Lady" Lang wird da sein, die ehemalige bulgarische Boxeuropameisterin, die gut mit einem der Busfahrer der Scorpions befreundet ist und sich so Zutritt verschafft hat, und Carsten Maschmeyer, der Milliardär aus Hannover. Arnold Schwarzenegger dagegen wird nicht kommen, auch Don Johnson hat abgesagt.

Die Herausforderung an diesem Abend ist es, Klaus Meine zu schützen, vor allem für Alex, den Assistenten, der alle, die an diesem Abend wichtig sind, zu Rudolf Schenker umleiten muss.

Alex muss sich um alles kümmern, um "Kumpel Ali", um "die Boxerin", um "die kleine Schenker", Rudolf Schenkers Nichte, die auf der VIP-Liste steht, aber trotzdem nicht an den amerikanischen Türstehern vorbeikommt, um die Vertreter der Firma Rock-'n'-Roll GangStar, die Schenker eine Weste aus ihrer neuen Kollektion schenken wollen. Er muss Fotos machen von Schenker mit anderen Menschen. Er ruft "Achtung, Achtung, looky, looky", dann befördert er die Besucher wieder aus der Garderobe hinaus, um die nächsten zu holen.

Schließlich ist Carsten Maschmeyer da. Er hat seinen Sohn und drei junge Amerikanerinnen mitgebracht. Er ist der VIP unter den VIPs an diesem Abend in L.A. Für ihn ist der beste Platz reserviert, direkt am Bühnenrand, exakt in der Mitte. Besser kann man im Forum nicht sitzen.

Alex hat Maschmeyer am Nordgate abgeholt und führt ihn zu Schenkers Garderobe. Mit einem Mann, der gewohnt ist, dass ihn niemand im Leben stoppt, muss man vorsichtig sein.

Als Maschmeyer in Schenkers Garderobe tritt, ist Schenker gerade dabei, sich umzuziehen. Er steht mit nacktem Oberkörper und offener Hose vor Maschmeyer und dessen Gästen. "Mensch, Rudolf", ruft Maschmeyer mit gespielter Empörung, "ich habe drei Frauen dabei."

Er macht eine kurze Pause, damit das Bild bei den drei Frauen einwirken kann. Dann wendet er sich ihnen zu.

"A rock star", erklärt Maschmeyer auf Englisch. Hat er zu viel versprochen?

Sänger Meine, Bühnentechniker

Sänger Meine, Bühnentechniker

Foto: Armin Smailovic / DER SPIEGEL

Maschmeyer, so wird er später bei einem Treffen im Berliner Waldorf Astoria erklären, hat die Scorpions kennengelernt, als er noch Schüler in der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim war und Plakate für die Scorpions klebte, für 50 Pfennig das Stück. Vor allem Schenker bewunderte er. "Ich habe Rudolf damals fast angehimmelt", sagt Maschmeyer, "weil er Gitarre wie ein Limbotänzer spielen konnte, im 90-Grad-Winkel nach hinten geneigt, mit freiem Oberkörper."

Schenker holt ihm ein Bier aus dem Kühlschrank. "Ohne die jungen Fans damals, wie Carsten einer war, hätte es die Scorpions nicht gegeben. Wenn man bedenkt, dass er schon Plakate für uns geklebt hat, als nur fünf Leute zu unseren Konzerten in Sarstedt gekommen sind."

Maschmeyer nickt. 1974 war das. Maschmeyer sagt: "Seventy-four".

17 Songs spielen die Scorpions an diesem Abend, 14 im regulären Programm, 3 Zugaben. Klaus Meine lehnt am Bühnenrand wie Leonardo DiCaprio an der Reling, er wirft Drumsticks ins Publikum, wenn er "The Zoo" singt. "It's a crazy world out there", ruft er den Fans zu. "Wouldn't you agree?" Und dann, ganz am Schluss, breitet Klaus Meine die Arme aus und tut so, als würde er von der Bühne fliegen. Hinter der Bühne wird Meine in große, weiße Handtücher gehüllt und wie ein Verletzter zu seiner Garderobe geführt.

Er lässt sich zwei Pizzen von einem Lieferservice bringen, duscht, eine halbe Stunde will er noch allein sein, dann geht die Tür zu seiner Garderobe auf, und Carsten Maschmeyer darf auch zu ihm.

Noch am selben Tag sagen die Scorpions alle verbleibenden US-Konzerte ab. "Hätte Klaus weitergemacht, hätte er eine dauerhafte Schädigung seiner Stimme riskiert", erklärt die Band. "Wir hassen es, unsere Fans zu enttäuschen, aber in diesem Fall mussten wir so handeln."

Ein paar Tage später meldet sich Klaus Meine am Telefon, aus Hannover.

Meine: Richtig starke Tour.

SPIEGEL: ... bis Los Angeles.

Meine: Eine Tour ist wie ein Formel-1-Rennen: Du gehst ans Limit, manchmal trägt es dich aus der Kurve.

SPIEGEL: Mit anderen Worten: zu viel Risiko?

Meine: Wir hatten mehrere Back-to-back-Konzerte. Ein Open-Air-Konzert bei zwölf Grad in Salt Lake City. Dann ein paar Tage später Los Angeles. Von New York bis L.A. geht man halt durch verschiedene Zeitzonen mit ganz unterschiedlichem Klima. Das ist für jeden Sänger eine Herausforderung.

SPIEGEL: Wie kann man singen, wenn man eigentlich krank ist?

Meine: Du singst immer, als wenn's kein Morgen gäbe.

Angst & Mut Kiew, Ukraine

Einmal haben die Scorpions schon versucht aufzuhören, sieben Jahre ist das nun her. Sie wollten nicht vor den Augen ihrer Fans sterben, sagten sie damals, weshalb sie beschlossen, auf eine dreijährige Abschiedstour zu gehen. Sie luden die Regisseurin Katja von Garnier ein, über ihren langen Abschied einen Dokumentarfilm zu drehen, aber schließlich beschlossen sie auf der Tour, einfach weiterzumachen, immer weiter. "Forever and a Day", für immer und einen Tag, heißt jetzt der Film. Als könnte alles immer so weitergehen: immer noch einen Tag obendrauf. "Wenn du glücklich bist", sagt Rudolf Schenker, "bist du zeitlos und alterst nicht."

Es gehört Mut dazu, einfach aufzuhören, alles hinter sich zu lassen, das Leben der vergangenen 50 Jahre, gerade dann, wenn man die Wahl hat wie die Scorpions, wenn immer noch genug Fans da sind, wenn man also selbst den besten Zeitpunkt wählen kann abzutreten. Es geht dabei auch um die heimlichen Angst, man könnte irgendetwas verpassen.

Die Scorpions sitzen in einem Privatflugzeug, das sie zurück nach Hannover bringen soll. Draußen hat es zu schneien begonnen, ein plötzlicher Wetterumschwung. Der Pilot kommt aus dem Cockpit und sagt, dass sich der Abflug verspäte, weil das Flugzeug noch enteist werden müsse und er die Verspätung auch kaum aufholen werde, es gebe starken Gegenwind. "Kein 'Wind of Change'", sagt der Pilot. Ein gut gemeinter Witz.

Niemand lacht.

Meine holt sein iPhone aus der Jackentasche. Er könnte jetzt zu Hause anrufen, und sagen, dass er später komme. Aber das will er nicht. Er stellt sein Handy einfach aus. Keine unnötigen Prognosen.

Irgendwann, als das Flugzeug irgendwo über Polen fliegt, kommt Klaus Meine noch einmal auf "Wind of Change" zu sprechen. Wo haben sie den Song nicht schon überall gesungen? Im Kreml, in Seoul und an der nordkoreanischen Grenze, in der Hoffnung, der Song könnte dort Mauern zum Fallen bringen. Oder in China, wo "Wind of Change" nur deshalb nicht der Zensur zum Opfer gefallen sein soll, wie Klaus Meine erzählt, weil die Chinesen geglaubt hätten, "Wind of Change" wäre ein Song über das Wetter.

Klaus Meine würde den Song gern noch anderswo spielen, in Iran zum Beispiel. Er war dort vor einiger Zeit mit seinem Freund, dem iranischen Neurochirurgen Professor Madjid Samii aus Hannover, um zu testen, was dort möglich sein könnte. Er würde das gern noch erleben.

Ob das noch klappt?

Es ist nun schon 35 Jahre her, dass sie das erste Mal im Madison Square Garden in New York aufgetreten sind. Dort haben sie 1984 drei Konzerte hintereinander gespielt, dreimal hintereinander war ihr Konzert ausverkauft. Das, sagt Klaus Meine, habe vor ihnen nur Led Zeppelin geschafft.

Es war der Moment, als sie das Gefühl hatten, sie seien endgültig angekommen, sie hätten es geschafft, sich international zu etablieren. Sie hatten alle ihre Eltern dabei, eine Woche lang waren sie in New York, die Meines, die Schenkers, die Eltern von Matthias Jabs. Alle waren begeistert, die Eltern waren stolz auf ihre Söhne, aber am Ende der Woche stellte der Vater von Jabs eine Frage: "Wie lange wollt ihr das jetzt noch machen?"

Eine komische Frage. Damals.

Heute lachen sie darüber. Nur eine Antwort haben sie immer noch nicht.

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