Sönke-Wortmann-Film Das bewegte Land
Der 20. Juni 2015, fast genau ein Jahr her, ist ein sehr deutscher Sommertag: überwiegend regnerisch, kühl, grauer Himmel, 13 Grad im Allgäu, 18 Grad in Brandenburg. Der Deutsche Wetterdienst meldet den "Zustrom polarer Meeresluft". Auf der Zugspitze liegt Schnee. Die deutsche Nachrichtenlage wird bestimmt von der Griechenland-Krise, dem drohenden Grexit. Der Name Varoufakis ist gerade sehr berühmt.
In Berlin schaut der Filmproduzent Daniel Ehrenberg morgens aus dem Fenster und denkt: Scheiße. Wer geht heute vor die Tür und filmt ein Stück Deutschland? Denn genau das ist der Plan: An diesem 20. Juni 2015 sollen die Menschen bei einem Filmprojekt mitmachen, das es in dieser Art in Deutschland noch nicht gegeben hat. Mit der Videokamera, dem Handy, dem Tablet sollen sie ihren Alltag filmen. Oder irgendwas, das sie für wichtig erachten an diesem 20. Juni in Deutschland. Ein paar Minuten nur. Es ist ein Samstag.
Inhaltlich gibt es keine Vorgaben. Wer will, kann sich aber beim Filmen an drei Leitfragen festhalten: Was macht dich glücklich? Wovor hast du Angst? Was bedeutet Deutschland für dich? Später soll aus diesen Tausenden kleinen Filmen ein großer Film entstehen. Eine deutsche Bestandsaufnahme, wenn man so will. Ein Selbstporträt, das der Frage nachgeht: Wie sehen die Menschen in Deutschland sich und ihr Land?
Das ist die Idee. Es ist ein schwieriges Filmprojekt, eine Wundertüte. Es gibt kein Drehbuch und auch keinen Regisseur. Nur Sönke Wortmann, der als "künstlerischer Leiter" fungiert und aus dem Laienmaterial später irgendetwas Großes zaubern soll.
Und dann dieser verdammte Regen. Daniel Ehrenberg, der Filmproduzent, befürchtet ein nasses, graues Selbstporträt. Oder noch schlimmer: lauter Innenaufnahmen, weil niemand draußen filmt. Haufenweise deutsche Wohnzimmer mit deutscher Möbelgarnitur, aus denen deutsche Menschen in die Kamera winken. Wer will so etwas später im Kino sehen? Die Idee für diese Art Film stammt von Ridley Scott, Regisseur von "Blade Runner" und "Gladiator", der vor ein paar Jahren "Life in a Day" produzierte. Menschen auf der ganzen Welt filmten an einem Tag ihr Leben. Später filmten auch die Japaner ihr Leben an einem Tag. Die Briten. Die Italiener.
Jetzt waren die Deutschen dran. Wochenlang war im vergangenen Sommer für das Projekt geworben worden, vor allem im Internet. Aber würden die Deutschen auch wirklich mitmachen? Kommt am Ende mehr zusammen als nur ein Haufen wackeliger Hunde- oder Katzenvideos, wie man sie von YouTube kennt? Beteiligen sich nur junge Leute der Handy-und-Tablet-Generation an dem Projekt oder auch alte Menschen? Und würden sich die kühlen Deutschen überhaupt öffnen? Würden sie persönliche, relevante Geschichten erzählen über sich und das Land? Das sind alles so Fragen an diesem 20. Juni 2015, als die Arbeit an dem Film "Deutschland. Dein Selbstporträt" beginnt. Die wichtigste Frage aber, die bald das ganze Projekt beeinflussen wird, stellt sich an diesem Tag noch nicht: Kann es sein, dass die Wirklichkeit den Film überholen wird? Dass er am Ende ein Deutschland zeigt, das es heute, nur ein Jahr später, so gar nicht mehr gibt? Passt der Film dann noch zum Land? Es ist August 2015. In Berlin-Mitte, in den Räumen der Filmproduktion "Arri", sitzen junge Menschen und schauen sich stundenlang das auf spezielle Internetserver hochgeladene Filmmaterial vom 20. Juni an. Insgesamt 16 Leute, verteilt auf zwei Schichten. Eine Schicht dauert vier Stunden. Länger ist unzumutbar, sagt Daniel Ehrenberg, der Produzent. Ansonsten wird man verrückt. Denn natürlich sind da haufenweise Katzenvideos. Und Hundevideos. Und Babyvideos. Aber zum Glück nicht nur. Es geht darum, aus dem Film-Meer die Perlen herauszufischen.
Es ist eine Materialschlacht: 10.426 Videos erreichen die Produzenten. Weniger als erwartet, aber noch immer ein Wahnsinn. Alles muss gesichtet und katalogisiert werden. Über 300 Stunden Material, gut 18.000 Minuten - am Ende entstehen daraus 101 Filmminuten.
Zitate aus Sönke Wortmanns neuem Film
Und dann sitzt man hier als Reporter unter den Filmleuten und schaut sich einen Tag lang das Rohmaterial an. Natürlich nur einen winzigen Bruchteil, mehr ist nicht zu schaffen. Germany unplugged, bis die Augen schmerzen. Was für ein Deutschland sieht man da? Erstaunlich viel Provinz, kaum Städte. Das deutsche Herz schlägt zwischen Wiesen, Dörfern und Kleinstädten. Berlin, die laute Hauptstadt? Nur eine Randfigur. Stattdessen sieht man sehr viel Natur. Deutschland scheint gar keine Industrienation zu sein, sondern ein Agrarland voller Biobauern und Kompostier-Fans, und ständig sagen die Menschen, wie wichtig ihnen die Natur ist. Und die Ruhe. Und die Entspannung. Nur keinen Stress, bitte. Man denkt: Deutschland ist ein Wellnesshotel.
Über die Arbeit redet fast niemand. Was das Image der Deutschen in der Welt prägt, spielt für die Deutschen selbst anscheinend keine große Rolle. Fleiß? Die Deutschen in den kurzen Filmen gehen gern spazieren. Autos und Autobahnen? Die Deutschen reiten gern auf Pferden wie in einem Rosamunde-Pilcher-Roman. Wo sind die deutschen Mädchen am Nachmittag? Beim Reitunterricht. Eine Frau sagt betrübt über den Einbruch der Moderne in ihr Leben: "Die Bioenergieanlagen haben leider überhandgenommen in der Umgebung." Jemand hat deutsche Baustellen und deutsche Straßenschilder gefilmt: "Dieser Weg wird bei Eis- und Schneeglätte nicht geräumt und gestreut". Ja, denkt man. Das ist unser Land. Das ist unser Sound.
Die Deutschen erzählen oft vom Essen. Im idealistisch-moralischen Sinne. Vegetarier treten auf und Veganer. Der berühmte deutsche Wurstesser stirbt womöglich aus. Essensfragen haben klassische politische Fragestellungen abgelöst. Unter jungen Menschen scheint die Kommune wieder als alternative Lebensform im Kommen zu sein. Und hilft Kokosöl wirklich gegen Entzündungen? Die Menschen zeigen, wie sie ins Open-Air-Theater gehen, ins Open-Air-Kino, ins Open-Air-Konzert. Die Deutschen, das scheint ein tief sitzender germanischer Trieb zu sein, wollen immer raus. Gut, dass die Sonne dann doch noch rauskam an jenem Tag.
Man sieht auch viele alte Menschen, viele einsame Menschen, arme Menschen. Die Deutschen erzählen erstaunlich offen. Über ihre Schulden, ihre Sehnsüchte, ihr verpfuschtes Leben. Sie schauen in die Kamera, manche mit Tränen in den Augen. Sie verstecken wenig.
Man sieht in all diesen Filmen nichts Großes. Deutscher Alltag nur, deutsche Sorgen, deutsches Glück. Aber darin liegt manchmal eine Wahrhaftigkeit, die man gar nicht mehr gewohnt ist. Das Deutschland abseits der Schlagzeilen schimmert hervor. Abseits der Debatten, der Meinungsumfragen, der Twitter-News, der Will-Plasberg-Illner-Talkshows.
Es geht zum Beispiel viel um Freundschaft. Um den Geburtsvorbereitungskurs. Die greisen Eltern, die man pflegt, das richtige Kleid für die Abiturfeier, der Traum von der eigenen Band, Sport, Teewurst, Hauspartys, Enttäuschungen, die Angst vor dem Aufbruch ins Erwachsensein, die Angst vor dem Alleinsein. Als Zuschauer sieht und fühlt man sich selbst in diesem Normalo-Deutschland leben.
Familien, das fällt auf, treten in den Filmen selten zusammen auf, in der Mutter-Vater-Kinder-Version. Deutschland ist ein großes Patchwork-Land.
Über Flüchtlinge wird im Sommer 2015 noch kaum gesprochen. Ein bisschen nur. Meistens unter der Fragestellung: Wovor hast du Angst? Am meisten aber scheinen die Deutschen den Krieg zu fürchten. Bereits Kinder haben hier Angst vor Krieg. Es ist eine große deutsche Urangst, trotz Friedenszeiten, weiterverpflanzt über Generationen, seit dem Weltenbrand vor über 70 Jahren. Andere große Angstauslöser: Krankheit, Altersheim, Demenz. Niemand will mehr alt werden im alten Deutschland. Schade eigentlich.
Sönke Wortmann - "Deutschland. Dein Selbstporträt"
Am Ende jenes Tages im vergangenen August schreibt der Reporter in seinen Notizblock: "Deutschland ist ein unfassbar wohlhabendes Land. Ganz zufrieden mit sich selbst. Ein Land auf dem Gipfel. Vermutlich ging es uns noch nie so gut. Ein Wohlfühlland ohne große Erschütterungen und politische Kämpfe." Es ist seltsam, das heute, fast ein Jahr später, wieder zu lesen. Es ist so viel passiert. Monate voller Einschläge und Veränderungen, so fühlt es sich an. Und ständig und in rasender Geschwindigkeit änderte sich seitdem auch das Deutschlandbild. Immer wieder, zu immer neuen Versionen. Manche hielten im Rückblick kaum länger als ein paar Wochen.
Das erste neue Deutschlandbild ist ein freundliches Sommerbild. Im August und September, während weiter an dem Film gearbeitet wird, kommen die Züge. Plötzlich stehen sie auf deutschen Bahnhöfen: die Menschen vom Balkan, die Iraker, Afghanen, Syrer, angespült wie Treibgut der Weltkonflikte. Und die Deutschen? Winken. Verteilen Wasser, Kleidung, Teddybären.
Andere Deutsche zünden Flüchtlingsheime an. Die Orte Freital und Heidenau symbolisieren jetzt das "dunkle" Deutschland. Der große deutsche Rest aber ist ziemlich hell.
Das Land erlebt einen Flüchtlingssommer und berauscht sich an sich selbst. Manchmal denkt man, es ist wieder Fußball-WM. Ein neues Sommermärchen. In den Medien wird von einer "Zeitenwende" gesprochen. Von einem "historischen Wandlungsprozess", der "Geburt eines neuen Deutschlands". Die Flüchtlinge werden das Land verändern und in eine "andere Zeit katapultieren". Das Bild wandelt sich innerhalb von Tagen: Eben war Deutschland noch der ungeliebte Zuchtmeister in der Eurokrise. Jetzt ist es plötzlich das "Sehnsuchtsland der Freiheit". Und die kühlen Deutschen sind die "Musterdeutschen des Mitgefühls".
Schnell folgt im trüben Herbst das zweite Deutschlandbild. Es ist Anfang Oktober, und der Reporter besucht Sönke Wortmann in Prag. Er dreht hier gerade eine Fernsehserie über die Berliner Charité, aber wir wollen über den Deutschlandfilm sprechen. Es gibt jetzt eine erste 2,5-Stunden-Version. Über den Fernseher in Wortmanns Wohnung flimmern die Deutschlandbilder aus dem Juni, nur ein paar Monate alt. Doch man sieht, so denkt man, ein verschwundenes Land.
Sönke Wortmann ist einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure, er hat unter anderem "Das Wunder von Bern" gedreht und den "Sommermärchen"-Film zur Fußball-WM 2006. Beide trafen einen deutschen Zeitgeist. Beide waren auch Geschichten über die deutsche Identitätssuche. Die Auferstehung aus den Trümmern des Krieges 1954. Das patriotische Lockermachen 2006. Die Deutschen finden ihre Identität ja am allerliebsten über den Fußball.
Diesmal, so sieht es im vergangenen Oktober aus, kommt Wortmann zu spät. Er sitzt hier mit den Juni-Bildern, die fast schon historisch wirken. Wortmann hätte diesen Film im Juni 2011, 2012, 2013 oder 2014 machen können - völlig egal. Deutschland wäre weitgehend unverändert gewesen. Ein Land wie ein dicker, zufriedener Kater.
Jetzt überlagert die Flüchtlingsfrage alles. Das Land irrlichtert, ständig sind da neue Fronten und Abgründe. Man hat das Gefühl: So viel Aufregung war in Deutschland seit dem Mauerfall nicht mehr. Die Winke-Bilder aus dem Sommer sind auch schon wieder alt. Aus "Wir schaffen das" ist stimmungsmäßig "Wir schaffen das nicht" geworden. In den Zeitungen ist jetzt vom "enormen Kraftakt" die Rede. Merkels Kanzlerschaft sei durch die Flüchtlingsfrage bedroht. Niemand spricht mehr von den "Musterdeutschen des Mitgefühls".
Sönke Wortmann schaltet in Prag den Fernseher aus und sagt: "Heute würde das wohl ein etwas anderer Film werden." Das dritte Deutschlandbild ist ein explosives Winterbild. Im Februar 2016 ist klar, dass der Filmstart, geplant für das Frühjahr, verschoben wird. Man kann es sich irgendwie denken, warum: Die Juni-Bilder passen nicht mehr zur Gegenwart. Womöglich kommen wir im Sommer raus, sagt Daniel Ehrenberg, der Produzent. Gute Entscheidung.
In Deutschland wird es immer lauter.
Nach der Silvesternacht von Köln steht die Nation kurz vor dem Untergang. Deutschland, das sagen jetzt viele, stehe "auf der Kippe", beziehungsweise "am Abgrund". Justizminister Heiko Maas spricht von einem "Zivilisationsbruch". Und der SPIEGEL titelt: "Staatsohnmacht. Können wir uns noch sicher fühlen?" Das Land steht plötzlich ohne Zivilisation und Sicherheit da, und in den Talkshows wird mit großem Ernst darüber diskutiert, ob Deutschland sexistisch sei und ob man als Frau hier überhaupt noch vor die Tür gehen sollte.
Ist das die deutsche Wirklichkeit? Oder die Medienwirklichkeit? Im Sommer war völlig klar, dass die Flüchtlinge Deutschland verändern würden. Jetzt kann man überall lesen, dass die Silvesternacht Deutschland verändern wird. Das ist jetzt völlig klar. Wenig später werden dann auch noch die AfD und ihre Wahlerfolge Deutschland verändern. Deutschland verändert sich quasi im Monatstakt. Immer neue Deutschlandbilder werden ausgespuckt. Wie Tennisbälle aus einer Ballmaschine. Plopp, plopp, plopp.
Man möchte jetzt gern mal kurz durchschnaufen. Den Lärm abschalten. Ist das wirklich Deutschland? Dieses zittrige, hysterische Gebilde, das sich ständig selbst infrage stellt? Das überall den Abgrund wittert? Die große Schicksalsfrage? Und gleichzeitig einen Heißhunger nach Aufregung zu verspüren scheint? Womöglich spielt der gemütliche Tiefschlaf der vergangenen Jahre eine Rolle. Es ging ja gefühlt um nichts Großes mehr, politisch und gesellschaftlich. Da waren Vegetarier-Debatten, Brüderle-Dirndl-Aufschrei-Debatten, die Lkw-Maut, die Rente mit 67 oder doch mit 70 und die Frage, ob Zucker die neue Volksdroge sei. Selbst die deutschen Wahlkämpfe waren sterbensöde.
Jetzt ist endlich mal wieder Action.
Die Frage aus Wortmanns Film kommt einem plötzlich in den Sinn. Was bedeutet Deutschland für dich? Antwort: Es ist meine schöne Heimat, die sich in ihrem Wohlstand zu langweilen scheint.
Es ist Ende April. Der Rauch der Apokalypse verfliegt langsam. Deutschland ist noch da. Im "Soho House" in Berlin gibt es einen kleinen Kinosaal. Daniel Ehrenberg, der Produzent, zeigt dem Reporter den fast fertigen Film. Und?, fragt Ehrenberg, als das Licht wieder angeht.
Das letzte Deutschlandbild ist wieder ein Sommerbild. Die Flüchtlinge sind von den Bahnhöfen verschwunden. Das dicke, reiche Deutschland hat die Menschen einfach geschluckt. Man sieht sie kaum noch. Die Grenzen sind zu. Im Fernsehen zeigen sie wieder die traurigen Bilder der Flüchtlingsboote. Dort draußen, weit weg, im Mittelmeer. Köln ist nicht untergegangen, manchmal hört man noch das Wort "Antänzer". An die AfD hat man sich gewöhnt, wie man sich an Pickel gewöhnt. Statt über den Grexit reden wir jetzt über den Brexit. Ist das also ein anderes Deutschland heute? Besser, offener, rechter, ängstlicher, abweisender, gutmütiger? Am 30. Juni wird "Deutschland. Dein Selbstporträt" auf dem Filmfest in München zu sehen sein, anschließend kommt der Film in die Kinos. Seitdem die Deutschen zur Kamera gegriffen haben, um ihren eigenen Zustand und den ihres Landes zu bezeugen, ist ein Jahr vergangen, fast auf den Tag genau.
Die Kluft zwischen Film und deutscher Gegenwart schließt sich. Die deutschen Juni-Bilder von 2015 und 2016, man kann sie kaum noch unterscheiden. Sie passen jetzt wieder zueinander. Oder?
"Deutschland. Dein Selbstporträt" kommt am 14. Juli in die Kinos.