Nordkoreas Diktator privat: Mein Kumpel Kim Jong Un - DER SPIEGEL
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Nordkoreas Diktator privat Mein Kumpel Kim

Mit ihm hat Nordkoreas Kronprinz gespielt, heimlich Zigaretten geraucht und Wodka getrunken: Niemand im Ausland steht Kim Jong Un so nahe wie ein Vertrauter aus Kindertagen. Was erzählt der Mann über den Diktator? Von Wieland Wagner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Kenji Fujimoto posiert mit einem Foto von Kim Jong Un

Kenji Fujimoto posiert mit einem Foto von Kim Jong Un

Foto: The Washington Post/ Getty Images

Der Mercedes sei ohne Begleitschutz vor dem Luxushotel in Pjöngjang vorgefahren, erzählt Kenji Fujimoto. Eines der getönten Fenster sei heruntergeglitten, dann erst habe er gesehen, wer am Lenkrad saß: Kim Jong Un. Der nordkoreanische Diktator sei persönlich gekommen, um ihn zum Abendessen einzuladen.

Ein paar Stunden später saßen die beiden Freunde in einem staatlichen Gästehaus zusammen, um in Ruhe zu reden. Der Japaner Fujimoto, Exleibkoch der nordkoreanischen Herrscherfamilie, hatte Kim einst als Spielgefährte gedient. Mit ihm hatte der Kronprinz heimlich seine ersten Zigaretten geraucht und Wodka getrunken.

Nun wollte der Gastgeber mit seinem Vertrauten, so erzählt dieser es, zunächst über Politik sprechen. Bei französischem Rotwein und einem über dreistündigen Mahl fragte er ihn, welchen Eindruck man denn in Japan von ihm, von Kim, so habe.

"Den allerschlechtesten", habe er geantwortet, so Fujimoto, 69. Kims Image sei derart mies, dass man es kaum in Worte fassen könne. Wie der Diktator darauf reagierte?

Kim habe verständnisvoll genickt. Die Antwort schien den angeblich 32-Jährigen, der die Welt mit seinem Nuklearprogramm herausfordert, nicht zu überraschen, so Fujimoto. Immer wieder lässt Kim Raketen testen, deren Fähigkeiten inzwischen auch westliche Experten beeindrucken. Erst am Mittwoch schossen seine Militärs zwei Raketen Richtung Japan. Die eine soll früh explodiert, die andere jedoch 1000 Kilometer weit geflogen sein. Seinem Ziel, nukleare Sprengköpfe auf Raketen zu montieren und damit Südkorea, Japan und auch die USA zu bedrohen, kommt Kim offenbar näher.

Das Abendessen am Hofe Kims habe vor gut drei Monaten stattgefunden, sagt Fujimoto. Ende Juni sei er von einem weiteren Besuch in Pjöngjang zurückgekehrt, und in Kürze wolle er wieder in das Land reisen, in dem seine nordkoreanische Ehefrau und seine Tochter leben.

Der SPIEGEL traf sich jetzt zum zweiten Mal mit Fujimoto in Tokio, denn kein anderer Ausländer steht dem nordkoreanischen Herrscher -– über den der Westen wenig weiß -– so nahe wie der Japaner. Auch bei seinen letzten Besuchen habe er den Diktator, der sich von seinem Volk wie ein Gott verehren lässt, umarmen dürfen.

Eine zweifelhafte Freude: Kürzlich belegten die USA Kim und dessen ranghohe Vertraute erstmals mit persönlichen Sanktionen wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen, es gibt Zwangsarbeit und Folter. Dutzende tatsächliche oder vermeintliche Widersacher ließ der Herrscher seit seinem Machtantritt vor fast fünf Jahren angeblich schon beseitigen.

Bei einem früheren Abendessen Fujimotos mit Kim vor vier Jahren saß noch Chang Song Taek, der Onkel des Diktators, in der trinkfreudigen Runde. Im Jahr darauf ließ Kim ihn als Verräter hinrichten.

Dafür war diesmal Vizemarschall Choe Ryong Hae überraschend munter mit dabei. "Er ist praktisch die Nummer zwei in der Führung", so Fujimoto. Im Westen galt lange als sicher, dass Choe in Ungnade gefallen war.

Deshalb dürften solche Partys für die Eingeladenen auch stets etwas gespenstisch sein. Und Fujimoto wägt, wie er sagt, jedes Wort über den Diktator ab. Von seinem einstigen Schützling spricht er nur als dem "Genossen Oberbefehlshaber".

Kim hat dem früheren Leibkoch längst verziehen, dass der sich 2001 nach Japan absetzte – statt dort, wie befohlen, nur mal eben leckere Seeigel für 15000 Dollar einzukaufen. Und mittlerweile, vermutet Fujimoto, sei Kim sich seiner Macht immer sicherer. Für Unsinn hält er Spekulationen, wonach Kim vor Stress und Überlebensängsten immer dicker werde. "Von wegen Stress! Dann müsste er doch gerade abnehmen."

Nein, Kim sei stolz auf seine Erfolge beim Nuklearprogramm und habe ihm gesagt: Auf den Status der Atommacht werde Nordkorea nie mehr verzichten. Allerdings werde er von sich aus keinen Krieg mit Amerika anzetteln.

Stolz sei der junge Herrscher auch darauf, wie er Pjöngjang trotz Sanktionen der Vereinten Nationen modernisiert habe. "Schau dir das mal an", soll Kim seinem Gast zum Abschied aufgetragen haben.

Tatsächlich habe er, so Fujimoto, einige Viertel der Hauptstadt kaum wiedererkannt. "Neue Hochhäuser wachsen empor, die Supermärkte quellen über von Waren, überall gibt es Eiscreme zu kaufen." Besonders beeindruckt war der Japaner vom Reitklub in Pjöngjang. An den Wänden prangen gerahmte Fotos der Kim-Dynastie, die Herrscher jeweils zu Pferde.

Doch wie kann sich das verarmte Nordkorea zumindest in der Hauptstadt solchen Luxus leisten? Der Koch meint: "Nordkorea ist längst nicht mehr kommunistisch." Kim lasse seinen Untertanen die Freiheit, irgendwie Geld zu verdienen, um zu überleben. Auf staatliche Hilfen warte in Nordkorea kaum jemand mehr. Die bevorzugte Währung in Pjöngjang sei jetzt der Dollar.

Fujimoto braucht sich auf Besuch in Pjöngjang natürlich nicht um Kost und Logis zu sorgen. Inzwischen kann er sich gar vorstellen, wieder dauerhaft dort zu leben. In der Nähe des Diktators, solange die Freundschaft währt.