SPIEGEL-Gespräch mit Peter Sloterdijk "Bei mir hat sich ein Zuwachs von konservativen Elementen entwickelt"
Sloterdijk
Foto:Giorgio von Arb
Sloterdijk gilt als einer der wirkungsmächtigsten und zugleich heftig umstrittenen zeitgenössischen Denker. Mit seinen über 40 Büchern und zahlreichen Aufsätzen greift er seit mehr als 30 Jahren immer wieder in philosophische, politische, gesellschaftliche, theologische wie psychologische Debatten ein, so zuletzt über die Folgen der Flüchtlingskrise. Sloterdijk, der an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in seiner Geburtsstadt Karlsruhe lehrte, wird am 26. Juni 70 Jahre alt. Zu seinen Ehren findet an diesem Wochenende am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien ein internationales Symposion unter dem Titel "Von Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben" statt, das die vielen Aspekte seines außerordentlich produktiven Schaffens analysiert. Sloterdijks kulturkritisch-essayistisches Werk hat seinen Ursprung in der Frankfurter Schule, aktualisiert jedoch gegenwärtig eher die Traditionen von Hegel, Nietzsche und Heidegger. Als Frankreichkenner hat Sloterdijk sich auch regelmäßig in der Europadiskussion zu Wort gemeldet, vor einem Zerfall gewarnt und eine "Neuformatierung" verlangt. In der Migrationsdebatte wurde ihm vorgeworfen, einen rechten, antimodernen Diskurs aufzugreifen, nachdem er starke Bedenken gegen die ",Flutung' Deutschlands mit unkontrollierbaren Flüchtlingswellen" vorgebracht hatte. Sein Roman "Das Schelling-Projekt" wurde voriges Jahr als antifeministisches Pamphlet beschrieben. Zuletzt erschienen von ihm die philosophischen Zeitgeiststudien "Was geschah im 20. Jahrhundert" und "Nach Gott" (Suhrkamp). Zum Gespräch empfing der Philosoph in seinem Feriendomizil in der Provence.
SPIEGEL: Herr Sloterdijk, mit Helmut Kohls Tod ist ein Schlusskapitel der deutschen Nachkriegszeiten beendet worden. Welche geschichtsphilosophischen Betrachtungen gibt das einem Kulturdiagnostiker wie Ihnen ein?
Sloterdijk: Die Nachricht von seinem Tod wirkte auf mich wie eine bloße Tatsachenfeststellung. Ich hatte ihn schon seit Längerem als eine erloschene Lampe betrachtet. Seine jüngeren Auftritte in der Öffentlichkeit als kranker Mann waren für seine Imago ruinös. Andererseits darf man nicht verkennen: Die beiden letzten Amtszeiten Helmut Kohls waren in gewisser Weise Geschenke der Geschichte - an ihn selbst wie an die Deutschen als ganzes Volk. Dabei wurde uns historische Windstille gewährt, weil Kohl in seiner Person das Versprechen einer höheren Immobilität verkörperte. Zuletzt erinnerte er fast an den österreichischen Kaiser Franz Joseph, dessen Erlöschen sich sehr lange hinzog und dessen schier endlose Agonie geradezu eine Allegorie auf den Zustand seines Reiches lieferte.
SPIEGEL: In seiner Unbeweglichkeit strahlte Kohl unerschütterliche Zuversicht aus, während die Welt im Wandel war?
Sloterdijk: Dieses Versprechen, alles werde gut, alles werde blühen, haben sehr viele Menschen sehr lange allzu gern als willkommene Illusion hingenommen.
SPIEGEL: Dann aber wurden sie ungeduldig. An seiner Ruhe schieden sich auch die Geister.
Sloterdijk: Wir Jüngeren damals wollten diese Immobilität ja gar nicht. Eine Linke, die mit dem Immobilismus paktiert, ist nicht sie selbst. Ich kann mich gut erinnern, dass ich das Phänomen Kohl immer mit dieser Anmutung von Starre verknüpft habe. Er wirkte schon durch seine Physis wie ein Garant des Status quo. Er war quasi ein Felsmassiv, von geradezu mineralischer Lethargie. Wer an ihm vorbeiging, dem konnte es so ergehen, wie es Friedrich Nietzsche ergangen ist, als er beim Spaziergang am Silvaplanersee bei Sils Maria den Felsen sah, an dem ihm die Idee der ewigen Wiederkehr des Gleichen gekommen sein soll. Kohl strahlte diese imposante Aura eines Felsens aus, die eine Form der Unverrückbarkeit verhieß.
SPIEGEL: Dafür hatte es in der Mitte seiner langen Amtszeit 1990 den radikalsten und am wenigsten erwarteten Aufbruch in der Nachkriegsgeschichte gegeben.
Sloterdijk: Wenn das Gewicht eines Menschenlebens an der Summe seiner Taten gemessen wird, dann kann man Kohl eine gewisse Größe nicht absprechen. Das gilt auch dann, wenn er eigentlich nicht ein Täter aus eigenem Recht war, sondern jemand, der die nötige Geistesgegenwart besaß, eine zufällige Chance zu ergreifen. Selbst Napoleon, den man allgemein für den mächtigsten Akteur in der europäischen Geschichte seit Alexander dem Großen hält, diktierte seinem Memoirenschreiber Emmanuel de Las Cases auf Sankt Helena den Satz: Die Wahrheit ist, dass ich niemals Herr meiner Handlungen war, sondern immer nur auf Gelegenheiten reagiert habe. Im Lichte dieser Erkenntnis kann man die Leistung von Kohl erst richtig kalibrieren. Er bewies tatsächlich eine Handlungskraft, die in dieser Situation nicht jeder gehabt hätte. Es ist gut und richtig, ihn jetzt als großen Staatsmann zu würdigen. Aber rein biografisch für mich gesprochen, würde ich eher sagen, man soll seinen Antipathien treu bleiben.
SPIEGEL: Warum?
Sloterdijk: Schon aus Respekt vor der eigenen persönlichen Kohärenz. Ich habe Kohl nicht gemocht, bevor er zum Staatsmann aufstieg, und ich habe ihn danach nicht gemocht, als er noch acht Jahre auf seinen Errungenschaften saß.
SPIEGEL: Spielt in diese Antipathie nicht auch Ihr damaliges Unbehagen an der Wiedervereinigung hinein?
Sloterdijk: Das räume ich ein. Ich hatte das Gefühl, wir bekommen es mit einem unkontrollierten Import von Problemen zu tun, ökonomisch und psychosozial. Für diese Entwicklung zahlen wir zum Teil noch immer, nicht nur mit dem Solidarzuschlag.
SPIEGEL: Dass die ostdeutsche Bevölkerung zur Großfamilie gehörte, ließ sich doch mit plausiblen Gründen nicht bezweifeln.
Sloterdijk: Das mag so sein. Willy Brandt hat das richtige Wort dazu gesagt. Die Osterweiterung der Nationalfamilie war aus der deutschen Geschichte heraus gerechtfertigt. Nationen sind ja im Wesentlichen Resultate der politischen Überstrapazierung der Familienmetapher - man lernt hierbei, sich mit unzähligen Unbekannten verwandt zu fühlen. Im Übrigen hat die DDR ganze Arbeit bei der Zerstörung des alten Preußentums geleistet. Mit den Ostdeutschen haben wir keinen einzigen Preußen dazubekommen, sofern man darunter den Idealtypus des Über-Ich-gesteuerten Pflichtmenschen versteht. Was stattdessen wiederkam, war der politische Protestantismus der Ära Merkel/Gauck. Preußentum und Protestantismus, diese Größen sollte man nicht verwechseln. In den Karrieren von Merkel und Gauck liegt die geschichtliche Ironie des kohlschen Erbes.
SPIEGEL: Kann es als eine allgemeine Lehre der Geschichtsphilosophie gelten, dass auch die großen Männer und Frauen die Geschichte nicht wirklich machen, sondern lediglich Chancen und Gelegenheiten nutzen? Ist Geschichte ein Prozess, der sich dem Menschen entzieht?
Sloterdijk: Geschichtsphilosophie im strengen Sinne des Wortes wollte durchaus, dass der Mensch endlich seine eigene Geschichte macht. Seit der Romantik jedoch, jener Epoche, die auf die Französische Revolution folgte, herrscht die Erfahrung vor, dass es anders kam, als man sich's vorgestellt hatte. Der Wille und die Tat sind das eine, das Ergebnis aus dem Lauf der Dinge ist etwas anderes. Driften beide zu weit auseinander, tritt man entweder in eine tragische oder in eine romantische Situation. Tragisch, weil man vom Scheitern menschlicher Projekte Kenntnis nehmen muss, romantisch, weil man die Macht des Schicksals erneut verspürt. Dann definiert man Geschichte als die Sphäre, in der es immer anders kommt als gedacht.
SPIEGEL: Nun haben die Geschichtsphilosophen zumindest seit der Aufklärung gern an der Unterstellung festgehalten, dass sich am Ende der Fortschritt durchsetzt, und die Vernunft, wenn auch manchmal auf dem Umweg der List, in der Gesamtbilanz zunimmt. Wird dieser Glaube heute nicht gründlich erschüttert?
Sloterdijk: Man muss den zu kompakten Begriff des Fortschritts in die Komponenten auflösen, aus denen er zusammengesetzt war. Fortschritt ist eine starke Bewegungsmetapher - und diese hat einen realen Kern. Seit 300 Jahren leben wir in einem Kontinuum der Forschung und Wissenschaft, das kumulativ wirkt. Aus diesem Lernzusammenhang können und wollen wir nicht austreten. In der wissenschaftlichen Modernität und ihrer Ergänzung durch Technik spielt sich ein riesiges Experiment ab, das der Entlastung des Lebens gilt. Der technische Fortschritt setzt sich immer dann durch, wenn die Menschen mehr Machtmittel in die Hände bekommen, die ihren Aktionsradius erweitern und ihr Dasein erleichtern. Fortschritt in einem nicht naiven Sinn bedeutet Ermächtigung und Entlastung.
SPIEGEL: Der aber den Menschen nicht unbedingt besser macht. Gibt es auch moralischen Fortschritt, eine stetige Zunahme des moralischen Kapitals?
Sloterdijk: Auf dem Gebiet der Moral brauchen keine Fortschritte gemacht zu werden. Was die Moral verlangt, ist seit 2500 Jahren klar: Gerechtigkeit für jedermann und Achtung vor dem Gebot, niemandem Schaden zuzufügen. Die ethischen Aussagen von Konfuzius, Aristoteles und Moses bilden einen Horizont, den man vielleicht dehnen, aber nicht überschreiten kann. Es wäre hingegen naiv, an die moralische Perfektionierung des Menschen zu glauben. Eher müsste man andersherum fragen: Wie kommt es, dass keine Infamie lange warten muss, bis sich jemand findet, der sie begeht?
SPIEGEL: War es eine trügerische Hoffnung der Politik, Europa aus dem Katastrophenschatten der Geschichte herausgeführt zu haben? Leben wir wieder in einem Zeitalter der Angst?
Löwendenkmal in Verdun
Foto: Dirk Gebhardt/laifSloterdijk: Die aktuelle Angst kennzeichnet die heiße Phase der Globalisierung. In einer Synchronwelt zu leben ist ein enormer Angriff auf die mentalen Strukturen der Menschen. Die Rückentwicklungen, die wir heute beobachten, sind Wirbel, die innerhalb der Globalisierung fast unvermeidlich auftreten. Die Menschen sind nicht darauf vorbereitet, mit Milliarden Zeitgenossen in voller Kenntnis ihrer Gegenwart zu koexistieren. Früher wurden die Diskretionsabstände zwischen den Nationen und Kulturen durch die Geografie hergestellt. Schwer überwindbare Entfernungen sorgten für Diskretion, mental und politisch. Doch Globalisierung bringt den Triumph der Indiskretion mit sich. Jetzt schaut jeder jedem ins Wohnzimmer. Globalisiert heißt die Weltform, in der die Chinesen uns näher sind als die Belgier. Oder, um anthropologisch zu reden: Wie wollen wir aus einem Hordenwesen, das von Natur aus ein Kleingruppengeschöpf war, einen Weltbürger machen? Es war schon schwer genug, einen Nationalmenschen aus ihm zu formen - und die Umformatierung der Nationalmenschen zu Europäern wird uns noch für den Rest des 21. Jahrhunderts beschäftigen.
SPIEGEL: Als Programm ist der Weltbürger in der Weltbürgergesellschaft längst formuliert, philosophisch vor allem von Kant.
Sloterdijk: Der Begriff Kosmopolit entstand bereits im antiken Griechenland, 400 Jahre vor Christus. Er war zunächst, bei den Kynikern, als Scherz gemeint: Der Bürger des Kosmos ist kein wirklicher Städter mehr, er ist ein Pendler zwischen Tonne und Weltall.
SPIEGEL: Ein Bürger von nirgendwo, hat in unseren Tagen die britische Premierministerin Theresa May gesagt.
Sloterdijk: Diogenes von Sinope, der philosophische Provokateur, war der Erste, der sich als Kosmopolit bezeichnete. Er war eigentlich so etwas wie ein ambitionierter Asozialer. Die Philosophie selbst begann als die hohe Kunst der Asozialität.
SPIEGEL: Sind nicht auch Religionsstifter in gewisser Weise asozial?
Sloterdijk: Durchwegs. Sie treten aus der naturwüchsigen Gemeinschaftsform aus und bauen ihre eigenen neuen Gemeinschaften auf, bis hin zur Kirche oder zur Geheimgesellschaft oder zur revolutionären Partei. Diesen Phänomenen ist die Form von Zweit- oder Parallelgesellschaften gemeinsam. Auch die realen Kosmopoliten von heute bilden eine Kaste für sich.
SPIEGEL: Und werden von vielen anderen als Bedrohung wahrgenommen?
Sloterdijk: Die Globalisierung als chronische Mobilisierung, als Einladung zum Dasein in ständiger Bewegung, erfasst ja nur einen kleinen Teil der Menschheit, obwohl man den Tourismus als eine Schule des Weltbürgertums im weitesten Sinne auffassen darf. Darin sind die Deutschen weit fortgeschritten. Für viele Menschen bedeutet das Reisen die Einlösung eines Guthabens an Globalisierungskapital. Für die vielen, deren Radius nur wenige Meilen um ihren Wohnort reicht, wie bei zahlreichen Trump-Wählern, ist die kosmopolitische Tendenz furchterregend. Sie nehmen an der Res publica, am öffentlichen Raum, und am Weltverkehr fast gar nicht teil. Deshalb hilft es nicht weiter, Wähler populistischer Parteien oder beharrliche Nichtwähler als Idioten - das Gegenteil von Kosmopoliten - zu bezeichnen.
SPIEGEL: Das würde das demokratische Grundprinzip, wonach jeder Bürger eine Stimme hat, unabhängig von seinem Wissen und seinem richtigen oder falschen Bewusstsein, zerstören.
Sloterdijk: Demokratie ist nur durch eine prozessuale Definition zu begreifen. Sie ist ihre eigene permanente Infragestellung - mit der Aussicht darauf, dass schon jetzt genügend Demokratie da ist, um mehr Demokratie wagen zu können. Wo Republik ist - die öffentliche Angelegenheit -, herrscht die Tendenz zur Ausdehnung des öffentlichen Raums. Man gerät dabei leicht in gefährliche Gesellschaft, denn am Ende der Entwicklung könnte die Diktatur der totalen Transparenz stehen, in der die private Sphäre, die politikfrei sein sollte, von der Zudringlichkeit der Politik kolonisiert wird. Tocqueville hat die Gefahr schon 1835 am amerikanischen Modus Vivendi gewittert. Heute erinnert man sich eher an die famose Idee der 68er, die bürgerliche Ehe aufzuheben, weil sich aus ihr und dem Berührungsmonopol des Mannes auf seine Frau das ganze Unglück der Menschheit ergebe. Die Befreiung der Sexualität sei eine politische Angelegenheit, hieß es, und die Verstaatlichung der Frau der Weg zum Glück.
SPIEGEL: Nur fragte man die Frauen wieder nicht danach, was sie davon hielten.
Sloterdijk: Na ja, man ging davon aus, dass sie das wollten. Im Übrigen gab es schon in der Russischen Revolution eine Gruppe von psychosomatischen Sozialisten: Alexander Bogdanow predigte ab 1925 die generell gegenseitige Bluttransfusion als Weg zum realen physischen Kommunismus.
SPIEGEL: Im Ernst? Biokosmisten?
Sloterdijk: Das waren fantastische Auswüchse des abstrakten Universalismus auf der Suche nach seiner konkreten Materialisierung. Sie zeigen, dass der Humanitarismus als Universal- oder Globalethik aus einer Übertreibung der Familienidee hervorgegangen ist, wie Arnold Gehlen behauptete.
SPIEGEL: Gehlen und seine Kritik der Hypermoral können Linke nur mit der Zange anfassen.
Sloterdijk: Die Metapher der Familie ist außerordentlich dehnbar. Dass sie am Ende aber die ganze Menschheit einschließen soll, dass alle Brüder und Schwestern sind, das leuchtet dann doch nicht jedem unmittelbar ein. Diejenigen, welche die Grenzen der Familie enger ziehen wollen, fallen heute als Populisten und Neonationalisten auf. Der regressive Nationalismus unserer Tage hat aber, was man nicht vergessen darf, eine defensive und immunitäre Funktion. Er wendet sich gegen die Idee, dass es absolute Reisefreiheit für Gefährdungen geben soll. Hingegen reklamiert er Schutzmaßnahmen - im Unterschied zum klassischen Nationalismus, der einer Logik der Verselbstständigung und der Expansion gehorchte. Zum alten europäischen Gedächtnishaushalt zählt das Bewusstsein von mikrobischen Gefährdungen. Im 14. Jahrhundert starb ein Drittel der europäischen Population an der Schwarzen Pest, die letztlich auf Reiseerleichterungen für Bazillen zurückging. Nach 1493 litt die Erotik der Europäer bis zur Erfindung des Penicillins an der aus der Neuen Welt eingeschleppten Syphilis.
SPIEGEL: Sind nationale Kulturen demnach so etwas wie Immunsysteme, die Gefahren bannen, feindliche Fremdkörper abwehren und die Überlebensfähigkeit der Gemeinschaft sichern sollen? Ein seltsam biologischer Kulturbegriff!
Sloterdijk: Immunität ist in Wahrheit weniger ein biologischer als ein juristischer Tatbestand: Sie bezeichnet das Grundrecht auf Unversehrtheit. Mit der Idee der Verletzungsabwehr beginnt das europäische Rechtswesen. In Analogie dazu kann man auch bestimmte mentale oder informatische Informationen, die Anwesenheit von bestimmten Kommunitäten oder Warenkategorien am falschen Platz, als kulturelle Infektion oder Gefährdung ansehen.
SPIEGEL: Womit, wie in der Debatte um Grenzschutz und Freizügigkeit, das Dilemma von Freiheit und Sicherheit gestellt wäre. Was kann die Philosophie dazu beitragen, es aufzulösen?
Sloterdijk: Wir besitzen heute keine hinreichend starke philosophische Vision der Welt mehr, um das Ganze unter einem Dach zu erfassen. Philosophie entstand ursprünglich als therapeutische Kosmologie - das heißt, als Versuch, den Menschen in der erweiterten Welt heimisch zu machen. Der Philosoph ist heute zum öffentlichen Intellektuellen mutiert. Er kann nicht mehr als Designer des Ganzen auftreten. Wenn's gut geht, fungiert er als Berater oder Beiträger.
SPIEGEL: Was kann er in dieser Rolle besser als andere?
Sloterdijk: Er kann die Menschen lehren, was sie am schlechtesten können: Er leistet ihnen Beihilfe zum Zweifel. Mit Gewissheiten sind die meisten ohnehin überfüttert. Das kunstvolle Zweifeln muss gelernt werden.
SPIEGEL: Aber Zweifel schüren Ängste. Und müsste der Philosoph nicht dazu beitragen, die damit einhergehende Demoralisierung zu überwinden?
Sloterdijk: Die alte Philosophie war attraktiv, weil sie einen Heilsweg anbot, der aus der scheinbaren Unordnung der alltäglichen Existenz in eine tiefenstrukturelle Ordnung hinüberleitete. So gelangte der philosophierende Mensch zu einer Art Letztversicherung. Wer die kosmische Partitur studiert, begreift, dass er aus dem Ganzen nicht herausfallen kann. Die alltägliche Verlorenheit lässt uns das Gegenteil befürchten. Die primäre dogmatische Philosophie konnte dem Menschen gut zureden: Wenn du Angst hast, bist du im Irrtum. Wenn du Einsicht erlangt hast, wirst du ruhig.
SPIEGEL: Das ist eine religiöse Dimension des Denkens. Man braucht nur Einsicht durch Glauben zu ersetzen, und schon landet man in der Kirche.
Sloterdijk: Zwischen Einsicht und Glauben gibt es einen wesentlichen Unterschied. Auch Jesus sagt im Johannes-Evangelium: In der Welt habt ihr Angst, ich aber habe die Welt überwunden. Die Christen sind in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt, insofern als sie sich als Gotteskinder begreifen. Die Religion wendet sich wie die frühe Philosophie immer an Menschen, bei denen das Urvertrauen geschwächt ist. Die Naiven, die von Natur aus ein glückliches Bewusstsein mitbringen, füllen Generation um Generation die Reservoirs der organisierten Religionen aufs Neue. Ansonsten wären die Religionen längst an ihren inneren Widersprüchen zugrunde gegangen. Philosophie und Religion standen seit der Aufklärung in einem feindseligen Wettstreit. Dieses Verhältnis hat sich mittlerweile entspannt. Jeder ist frei, sich den Fragen der Existenz zuzuwenden, ohne dass Philosophie und Religion sich ins Gehege kommen müssten. In der säkularisierten Gesellschaft sorgen staatliche Sozialversicherungssysteme für das Maß an Solidarität, das früher nur durch die Kultgemeinschaft zu sichern war.
SPIEGEL: Haben Philosophie, Religion und Politik die Gemeinsamkeit, sich um die Welt als Ganzes zu sorgen, und das Bedürfnis nach Sicherung der Zukunft zu stillen?
Sloterdijk: Das wichtigste Prädikat des Glaubens wie auch der Philosophie wurde in der Geschichte mit dem Begriff der "securitas" umschrieben. Auch Luther hat in seinen 95 Thesen das Paradies oder den vollkommenen Glauben mit dem Wort securitas wiedergegeben. Darin steckt eine sehr tiefe anthropologische Verankerung des Bedürfnisses nach Gewissheit.
SPIEGEL: Die Moderne produziert dagegen Desorientierung. Mit Gewissheiten lässt sich nicht mehr paktieren. Die amerikanische Hoffnung, die Welt sicher für die Demokratie zu machen, ist verflogen.
Sloterdijk: Das Zeitalter der Sekurität ist nicht gekommen. Franklin D. Roosevelts Versprechen der "Freiheit von Furcht", ein glänzender Höhepunkt in der politischen Rhetorik des 20. Jahrhunderts, ließ sich nicht halten. Überhaupt müssen wir uns heute vor einer Überstrapazierung des Universalismus der Aufklärung hüten. Die Rechtspflege und die sozialen Solidarsysteme lassen sich bisher nur im nationalen Rahmen erhalten und ausbauen. Nichtmitgliedern unbeschränkten Zutritt zu gestatten, mutet da wie eine Geste der Selbstzerstörung an. Wie viel Fremdheit verträgt eine Kultur, die an einer gewissen Selbstähnlichkeit festzuhalten interessiert ist? Es gibt immer noch eine Fraktion von Linken oder Linksanarchisten beziehungsweise politischen Masochisten, die jeden Hinweis auf so etwas wie Nation oder nationales Interesse, Identität und Tradition für ein Verbrechen an der Menschheit halten.
SPIEGEL: Die Überführung des Nationalstaats in supranationale Strukturen, wie in der Europäischen Union, hat doch mit der Lust an Selbstzerstörung nichts zu tun.
Sloterdijk: Man relativiert sich selbst in einer postnationalen Zukunft, von der bisher niemand genau weiß, wie in ihr neue funktionsfähige Ordnungsstrukturen gebildet werden können. Im Extremfall ist der anarchistische Primat der Zerstörung dabei so ausgeprägt, dass Gedanken an die Rekonstruktion zurückgestellt werden müssen. Das wäre die Wiederkehr von Bakunin: Nur aus der Pulverisierung des Bestehenden kann eine neue Gesellschaft erwachsen.
SPIEGEL: Sie haben sich als linkskonservativ beschrieben, nachdem man Ihnen wegen solcher Warnungen vor Selbstzerstörung während der Migrationsdebatte einen Rechtsruck unterstellt hatte. Was ist darunter zu verstehen?
Sloterdijk: Die linken Elemente verstehen sich von selbst. Wer wie ich von 1968 herkommt und im Klima der Kritischen Theorie sozialisiert worden ist, kann keine anderen als emanzipatorische und reformistische Prinzipien in sich tragen. Doch neben diesen hat sich bei mir ein Zuwachs an konservativen Elementen entwickelt. Für Konservatismus gibt es zwei Definitionen, die erste ist anthropologisch, die andere prozessual oder historisch. Der primäre Konservatismus zeichnet sich durch seinen anthropologischen Pessimismus aus.
Zarathustrastein (Nietzschestein) bei Sils Maria
Foto: Ute Mahler/OSTKREUZSPIEGEL: Er glaubt nicht an den besseren Menschen?
Sloterdijk: Er hält den Menschen nicht für perfektibel. Der alte Konservatismus, wie er im 19. Jahrhundert geblüht hat, hätte den Satz unterschrieben: lieber hundert Jahre Despotie als drei Tage Anarchie. Ordnung ist wichtiger als Freiheit. Diese Art von Konservatismus gibt es heute eigentlich gar nicht mehr, außer in den dunkelsten Winkeln der katholischen Kirche.
SPIEGEL: In der Politik wie in der Öffentlichkeit nimmt die Bereitschaft zu, die Ordnung auf Kosten der Freiheit zu stärken.
Sloterdijk: Doch meistens unter sekuritären Vorwänden. Das ist nicht mehr der klassische Konservatismus, der ein Erbe gegen seine Erosion verteidigt. Der sekuritäre Imperativ ist als Ersatzwert für Ordnung ein Universaljoker geworden, mit dem man konservative Positionen begründen kann, jedoch in überwiegend defensiver Einstellung.
SPIEGEL: Und der prozessuale Konservatismus ist der Ihre, darf man annehmen?
Sloterdijk: Der prozessuale oder historische Konservatismus beruht auf der Einsicht, dass zivilisatorische Errungenschaften verloren werden können. Es gibt keine Garantie, dass die gleiche Welt in der nächsten Generation weiterbesteht. Das gilt auch für Frieden, Wohlstand und den Schutz des Sozialstaats. Man könnte vielleicht damit leben, dass es in der nächsten Generation keine großen Erzähler oder Künstler mehr gibt oder keine großen Komponisten. Dramatisch wird es, wenn der Rechtsstaat, der Sozialstaat und die Wohnkultur gefährdet werden. Das Letztere nenne ich nicht willkürlich: Von der Behausung hängt das Grundgefühl des In-der-Welt-Seins von Menschen ganz wesentlich ab. Wenn das Bewusstsein der Verlierbarkeit von Zivilisationen den Menschen durchdrungen hat, erledigt sich ein Teil des frivolen Universalismus von selbst.
SPIEGEL: Das hat sich in der Migrationskrise gezeigt?
Sloterdijk: Man kann universalistische Elemente sehr wohl auch von einem konservativen Standpunkt aus verteidigen. Der frivole Universalismus aber setzt bedeutende Errungenschaften aufs Spiel, um kleine Verbesserungen zu erreichen, von denen nicht gewiss ist, ob man sie bekommt. Wie reversibel demokratische Errungenschaften sind, kann man ja heute in aller Welt studieren. Hierzu liefert der Populismus ein tägliches soziologisches Seminar. Der Begriff Demokratie enthält ein sehr hohes pseudonymisches Potenzial, er ist eine Fehl- oder Deckbezeichnung für Strukturen der Machtausübung, die man sofort verwerflich fände, wenn man sie bei ihrem wahren Namen riefe: Oligokratie, Fiskokratie, Mobokratie, Phobokratie. Vor allem das Prinzip der Oligokratie ist das große Betriebsgeheimnis politischer Strukturen, die sich als demokratisch ausgeben. Hoi Oligoi heißen im Griechischen die wenigen. Die Welt ist nach wie vor oligokratisch organisiert, sie gehört den wenigen, nicht den vielen. Im Übrigen kann man in diesem Kontext das Wunder der Bewegung von Emmanuel Macron ermessen: dass sie über Nacht die gesamte alte französische Oligokratenklasse, soweit sie Politiker waren, in den Urlaub geschickt hat. Das hätte ich den Franzosen am allerwenigsten zugetraut.
SPIEGEL: Ist es die Aufgabe der Philosophie in unsicherer Zeit, zu Kehrtwenden aufzurufen, wenn die vorherrschenden Muster als schädlich erkannt worden sind?
Sloterdijk: Die Philosophie beginnt schon als Kulturrevolution. Als solche hat sie vor 2500 Jahren in der von Karl Jaspers sogenannten Achsenzeit eingesetzt, als die Hoch- und Schriftkulturen entstanden. Sie ist permanente Aufklärung. Mit der Kunst und der abgeklärten Religion ist sie die Dritte im Bunde, um auf die Herausforderungen der Existenz zu antworten. Aufklärung muss als Langzeitprojekt gedacht werden. Es ist eine sehr tonische Idee, sich in einer so weiten Tradition zu begreifen. Für die Wahrheit muss man sich viel Zeit lassen können. Man darf in der Philosophie alles sein, nur nicht ungeduldig. In der Langzeitperspektive erscheint vieles reversibel und heilbar, was einem kurzfristig irreversibel und unheilbar vorkommt. Das gibt Anlass zur Hoffnung. Wenn er in größeren Zeiträumen denkt, überkommt den Zeitgenossen eine gewisse Gelassenheit.
SPIEGEL: Herr Sloterdijk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.