SEKTEN »Gottgewollte Krankheit«
Die Pupille im Auge des sechs Monate alten Säuglings war milchig und matt. Der Kinderarzt diagnostizierte einen Verdacht auf Retinoblastom - Krebs.
Einen Tag später, am 27. Januar, brachten Lamia, 22, und Sven Maerzke, 26, den kleinen Mukarim Emil in die Augenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität. Die Mediziner stellten im rechten Auge einen Tumor von mehr als einem Zentimeter Durchmesser fest.
Am nächsten Tag war alles bereit zur Operation. Das Auge sollte entfernt werden, um die Ausbreitung des Krebses zu verhindern. Doch dann entdeckten die Ärzte drei weitere, kleinere Tumoren im linken Auge.
Die Mediziner alarmierten ihre Kollegen an der Uni-Klinik in Essen, die auf solche Fälle spezialisiert sind. Die schmissen ihre Termine über den Haufen und sagten eine umgehende Operation zu, bei der das rechte Auge entfernt und das linke gerettet werden sollte.
Doch die Familie Maerzke kam nie in Essen an. Statt dessen flohen die Eltern mit dem Baby nach Zypern. Sie suchten
* Vergangene Woche auf Zypern.
Heil bei Scheich Nazim Adl al-Haqqani, dem geistlichen Oberhaupt des islamischen Naksbendi-Ordens.
Der Landschaftsgärtner Sven Maerzke, der aus einem evangelischen Elternhaus stammt, gehört der Naksbendi-Sekte an, seit er vor neun Jahren von einem Zypern-Urlaub zurückkam. Im vergangenen Juli heiratete er seine Freundin Lamia, vier Wochen später kam Mukarim zur Welt. »Ich habe erst später erfahren«, sagt Lamias Mutter, »daß Sven Muslim ist.« Sven sei ein stiller Typ, manchmal sei er in Pluderhosen herumgelaufen. Ihre Tochter habe ein »Beschützersyndrom, unter Druck kann sie in Panik geraten«. Für das, was jetzt passiert ist, hat Lamias Mutter keine Erklärung. Es habe keinerlei Warnzeichen gegeben.
Nach der Diagnose in der Münchner Uni-Klinik, erzählt die Mutter, sei Sven sofort zum Scheich gefahren, der damals gerade in London war. Dieser habe ihm von einer Frau berichtet, die Krebs hatte und durch Glauben geheilt worden sei.
»Das glaubst du doch wohl nicht?« fragte Lamias Mutter. Sven antwortete: »Nein, aber es beruhigt mich.«
Nachdem der kleine Mukarim Emil am 1. Februar nicht zur Operation in Essen erschien, forschten die Ärzte nach, doch sie konnten ihn nicht finden. Am 12. Februar teilte Sven Maerzke den Medizinern mit, daß er eine andere, nicht operative Therapie ausprobieren wolle. Am selben Tag schalteten die Ärzte das Jugendamt Augsburg ein.
Am 17. Februar fuhren die Maerzkes mit dem blauen VW Golf, den Lamia zum 21. Geburtstag bekommen hatte, nach den Erkenntnissen der Ermittler zum Flughafen Stuttgart und flogen nach Zypern. Am 22. Februar entzog das Familiengericht Augsburg den jungen Eltern vorläufig das Sorgerecht und übertrug es dem Augsburger Rechtsanwalt Franz Glier. Die Staatsanwaltschaft erließ Haftbefehl gegen die Eltern, weil sie ihrer Fürsorgepflicht nicht nachkämen.
Doch Kind und Eltern schienen wie vom Erdboden verschwunden. Auf Zypern, dem Hauptquartier der Sekte, spielte sich derweil ein Drama ab.
Die Naksbendi-Sekte, schon vor 1400 Jahren im usbekischen Buchara gegründet, zählt weltweit etwa hundert Millionen Mitglieder; sie ist vor allem in den Staaten Zentralasiens, im Kaukasus und in der Türkei vertreten. In Deutschland soll es mehrere tausend Naksbendi-Ordensleute geben; ihre Zentren liegen im Rheinland, in Freiburg und in Berlin.
Der Geheimorden hat sich stets für die absolute Geltung des islamischen Rechts, der Scharia, eingesetzt. Die Segnungen der modernen Medizin halten die Ordensleute für Teufelswerk. Operative Eingriffe an Herz und Kopf gelten als Sünde, Krebs als eine »gottgewollte« Krankheit.
»Gebt ihm jeden Morgen ein halbes türkisches Teeglas voll gepreßten Zwiebelsaftes«, empfahl der Scheich den Eltern des sterbenskranken Mukarim, »dies 4o Tage wiederholen.«
In Lefkosa auf Zypern begann ein Nervenkrieg, in den sich sogar der Präsident des türkisch-zyprischen Landesteils, Rauf Denktasch, einschaltete. Jede Stunde konnte über Leben und Tod des Kindes entscheiden, denn der Krebs wuchs inzwischen weiter.
Tagelang palaverten der Sektenchef und seine Berater, ob sie doch einer Operation zustimmen sollten. »Ich werde dieses Kind nicht freigeben«, tönte der Scheich noch am vergangenen Donnerstag, als Präsident Denktasch ihn umzustimmen versuchte. »Ich werde nicht zulassen, daß man ihm beide Augen herausschält. Wer es dennoch tut, den wird Allah verfluchen.«
Derartige Flüche, konterte Denktasch, nehme Allah überhaupt nicht an. Außerdem müsse sich Nord-Zypern an gewisse Verträge halten, sonst stelle man sich auf eine Stufe mit Griechenland, das bekanntlich den internationalen Terror unterstütze.
Denktasch erreichte immerhin, daß sich die Eltern Maerzke, begleitet von ihrem Scheich und einem Troß von Anwälten und Insel-Politikern, am Freitag morgen ins Krankenhaus von Lefkosa begaben.
»Die Eltern haben panische Angst, daß das Kind durch eine Operation beide Augen verlieren könnte«, so der dortige Arzt Turgut Cobanoglu nach den ersten Untersuchungen. »Wir haben ihnen geraten, den Kleinen in eine Augenklinik in Istanbul oder Ankara zu schicken.« Für einen solchen Schritt müsse allerdings erst der Scheich seine Erlaubnis geben - und der habe bereits Einverständnis signalisiert.
»Es ist doch ganz normal«, so der Arzt, »daß die Eltern den Scheich um Erlaubnis fragen. Bevor man zu Gericht zieht, fragt man doch auch erst mal bei seinem Anwalt nach.«
Um die Kosten brauchten sich die Maerzkes keine Sorgen zu machen, denn der Staat Zypern sorge für seine Staatsbürger. Und Zypriot solle der kleine Mukarim schnellstens werden.
Dafür wollte der türkisch-zypriotische Anwalt Ali Riza Görgün, Rechtsvertreter des Scheichs, sorgen. »Meine Mandanten haben in der Türkischen Republik Nord-
* Im Juli 1998.
Zypern politisches Asyl beantragt«, verkündete Görgün am Freitag vor dem Krankenhaus, »die Entscheidung kann jeden Augenblick fallen.«
Lamias Mutter hatte zuvor eine andere Nachricht erhalten: Scheich Nazim habe zum Abwarten geraten und die verzweifelten Eltern an den Schweizer Homöopathen Dario Spirendi verwiesen. Der auf Krebs spezialisierte Heilkundler habe erklärt, daß noch genügend Zeit bleibe, um alternative Methoden anzuwenden. Für Sven und Lamia Maerzke war das der Strohhalm, nach dem sie gesucht hatten.
Den Eltern drohen, falls das Kind stirbt, in der Bundesrepublik bis zu 15 Jahre Haft. Offenbar hat die zypriotische Polizei auch den Scheich von der seinen Jüngern drohenden Gefahr überzeugt. Er habe nichts gegen eine Operation in Deutschland einzuwenden, ließ er die Behörden schließlich wissen, sofern die Ärzte die Notwendigkeit des Eingriffs plausibel begründen könnten.
Das Gutachten aus München kam Freitag nachmittag per Fax. Am selben Abend deutete sich ein Ende des Nervenkriegs an. Nach Auskunft von Rechtsanwalt Glier hatte die Augsburger Polizei in zahllosen Telefonaten Sven Maerzke die Zusage abgerungen, schnellstmöglich mit seiner Familie nach Deutschland zu kommen und das Baby sofort in die Uni-Klinik Essen zu bringen. Der Haftbefehl gegen die Eltern werde erst einmal ausgesetzt, das Kind dürfe zunächst bei ihnen bleiben.
Doch so schnell mochte Sektenführer Nazim auf die Publizität für seinen Orden nicht verzichten. Sein Hauptquartier war inzwischen von zahlreichen deutschen Journalisten umlagert. Der Scheich sicherte seiner Sekte die Exklusivrechte an der Story von der Rettung des todkranken Babys aus den Armen der verwirrten Eltern. Das Mindestgebot betrug 10 000 Mark. ANDREAS ULRICH, BERNHARD ZAND
* Vergangene Woche auf Zypern.* Im Juli 1998.