Godzilla im Schlick - DER SPIEGEL
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URZEIT Godzilla im Schlick

Echsenknochen im Ostharz, Saurierskelette bei Hannover - Paläontologen melden spektakuläre Fossilienfunde aus dem Norden Deutschlands. In einem Steinbruch bei Minden wird derzeit ein 160 Millionen Jahre altes Raubreptil freigelegt.
• aus DER SPIEGEL 12/1999
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Der Tip am Telefon klang verlockend. Ein privater Fossiliensammler sei im Nordharz auf einen riesigen Saurierfriedhof gestoßen. »20 Zähne hat er schon geborgen«, so der Anrufer, »wir müssen sofort handeln.«

Hastig ging Annette Broschinski, Paläontologin vom Landesmuseum Hannover, der Spur nach. Im weinroten Jeep sauste ihr Team am letzten Dienstag über die Autobahn A 2 Richtung Nordharz. Nach kurzer Fahrt war die beschriebene Schädelstätte erreicht. Sie liegt in einem Kalksteinbruch, aus dem Schaufelbagger 150 Millionen Jahre alte Meeressedimente herausbrechen.

Der Trupp kraxelte in Gummistiefeln einen Steilhang hoch, aus dem schwarzschimmernde Knochenreste hervorragten. Die Forscher zückten kleine Hämmer und Schaber. Schon nach kurzer Prüfung war die »Einzigartigkeit des Fundgebiets« klar. Das Terrain, so Broschinski, »birgt mindestens drei eingeschwemmte Leichen von Camarasauriern«.

Eine Sensation? Noch niemals wurden in Deutschland große Sauropoden entdeckt. Die Gattung Camarasaurus erreichte Längen von 20 Metern und war bislang nur aus den USA bekannt. Dort stapften die dickleibigen Vegetarier im Oberjura (vor 157 bis 145 Millionen Jahren) in großer Zahl durch die Farn- und Ginkgowälder.

Zurück in Hannover, grübelte die Gruppe über Maßnahmen für eine Rettungsbergung. »Wir müßten mindestens sechs Meter Erdreich wegsprengen«, sagt Broschinski. Aus Angst vor Raubgräbern bleibt die Lage der Fundstelle vorerst geheim.

Mutiert das plattdeutsche Flachland zum Jurassic Park? Schon seit einigen Monaten herrscht in der Republik »Bone rush«, Knochenfieber. Paläontologen sind zwischen Harz und Wiehengebirge auf erstaunliche Relikte aus der Urzeit gestoßen, darunter Flugechsen, Vogelsaurier und schwimmende Panzerreptilien.

Drei Erdzeitalter lang, vom Beginn der Trias (vor 245 Millionen Jahren) bis zum Ende der Kreidezeit (vor 65 Millionen Jahren), beherrschten die Dinosaurier den Planeten. Die Echsen trotzten Überschwemmungen und Phasen mit verstärktem Vulkanismus. Selbst das Auseinanderbrechen des Großkontinents Pangäa konnte ihren Siegeszug nicht stoppen.

Gefiederte Modelle und solche mit Flughäuten eroberten die Lüfte. Manche Gattungen stoben mit Hammerköpfen und gezackten Hornpanzern über Land. Bei einigen Spezies war das Rückenmark in Hüfthöhe kugelförmig verdickt - ein zweites Hirn am Hintern? Andere Echsen verfügten über ein »Drittes Auge«. Wahrscheinlich diente das Organ als Lichtsensor zur Regelung der Körpertemperatur.

Solche Kenntnisse über die bizarre Anatomie und Formenvielfalt der Dinosaurier stammen meist aus Übersee. Sehnsüchtig schielten die Paläontologen aus der Norddeutschen Tiefebene auf die fernen Dino-Dorados in China, Argentinien oder Colorado. Das eigene Terrain schien nichts zu bieten.

Nun wendet sich das Blatt. Angestoßen durch den Saurierexperten Raymund Windolf, der 1993 das Buch »Dinosaurier in Deutschland« schrieb, beackert die Zunft wieder lustvoller den heimischen Grund. 13 neue Fundstellen hat Windolf bislang ausgemacht - die Tips kamen meist von Hobby-Gesteinssammlern. Auf der nächsten Paläontologentagung in Karlsruhe will Windolf die Knochen-Fundorte offenlegen.

Einige Details sickerten bereits durch. So haben Experten vom Naturkunde-Museum in Münster ein gewaltiges Raubreptil ("Theropode") geortet, das in einem stillgelegten Steinbruch bei Minden liegt. »Ein absoluter Knüller«, bestätigt Klaus-Peter Lanser von der paläontologischen Abteilung auf Nachfrage. »Das Tier gehört einer unbekannten Spezies an.«

Bereits am 14. Oktober letzten Jahres war der herausgewitterte Schädel der Echse bei einer Routinebegehung des Geländes entdeckt worden. »Ein Mitarbeiter stand plötzlich auf einem knirschenden Saurierschädel«, erzählt Lanser. Das Museum verhängte eine Nachrichtensperre und ordnete eine sofortige Grabung an.

Blockweise wurde das schräg im Erdreich liegende Skelett aus dem Gestein gebrochen und ins Labor verfrachtet. Rippen, Wirbel, Fußwurzelknochen und ein Wadenbein konnten die Präparatoren freilegen. Dann setzte Schneefall ein. Die Aktion zur Bergung des Godzillas aus dem Wiehengebirge mußte gestoppt werden.

Auf das Knochenpuzzle kann sich Lanser bislang keinen Reim machen. Der Theropode, etwa zwölf Meter groß, besaß einen flachen, massiven Kopf. Im Kiefer steckten Zähne, groß wie Bananen. Einige der Beißer sind über 20 Zentimeter lang und schlundwärts gekrümmt. »Anatomisch erinnert das Reptil an einen Allosaurus«, sagt Lanser. Diese Fünf-Tonnen-Echse lief aufrecht auf zwei stämmigen Hinterbeinen. Ihre Beute packte sie mit den Stummelärmchen. Dann wurde das Opfer im Rachen zerknackt.

Daß solche blutrünstigen Titanen einst auch durchs plattdeutsche Land streiften, hat die Zunft überrascht. Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen standen im Jura weitgehend unter Wasser. Die neuen Saurierfossilien sind allesamt in Meeressedimente eingeschlossen.

Wie aber - großes Kopfzerbrechen - gerieten große Landlebewesen in den Ozeanschlick? Die Forscher haben mögliche Antworten parat. »Wahrscheinlich ragten viel mehr Eilande aus dem jurassischen Urmeer als bislang angenommen«, vermutet Broschinski. Vielleicht konnten die dickleibigen Ungetüme sogar über weite Strecken durchs Flachwasser waten und zwischen den Eilanden hin und her pendeln.

Selbst ein Kontakt mit den amerikanischen Landmassen scheint nicht ausgeschlossen. Vor 150 Millionen Jahren war der zerbrochene Großkontinent Pangäa noch kaum auseinandergedriftet. Das Gebiet der heutigen USA lag nur wenig von Europa entfernt. Furten oder Inselketten könnten als Verbindung gedient haben.

Die Fauna der beiden Erdteile jedenfalls ähnelte sich auf verblüffende Weise. Auch im heutigen Deutschland stapften Stegosaurier (bei Ahrensburg nahe Hamburg entdeckt) und schlanke Dryosaurier durchs Gehölz. Selbst der Brachiosaurier, ein 100-Tonnen-Riese (Hauptfundort: Colorado), konnte jetzt an der jurassischen Waterkant nachgewiesen werden.

Den Beweis für diesen Dino-Clou Nummer drei hat der Fossiliensammler Harry Breitkreuz geliefert. Bei einem Rundgang im Steinbruch Nettelstedt waren dem Privatmann »drei betonartige Geröll-Linsen« aufgefallen, wie er erzählt. Breitkreuz schleppte die Sedimentfladen nach Hause. Auch einen 4,6 Meter langen petrifizierten Baumstamm wuchtete der Mann in seine Garage.

Dann machte sich der Enthusiast mit Hämmerchen und Zahnarztbohrer an dem zusammengebackenen Gestein zu schaffen. Röhrenknochen von Flugsauriern, Krokodilschädel und Schildkrötenpanzer kamen zum Vorschein. Schließlich schälte Breitkreuz Zähne, Schienbein und Klaue eines Brachiosaurus aus dem Fossilschutt - ein klarer Beweis dafür, daß die größten Landtiere der Erdgeschichte einst auch durch Nordrhein-Westfalen stapften.

Um die Präsenz des Kolosses in einem marinen Biotop zu erklären, diskutieren die Experten derzeit zwei Todesszenarien. Entweder plumpste das Tier bei einer Wattwanderung in ein Wasserloch. Denkbar wäre auch, daß es auf einer Insel starb und von reißenden Flüssen ins Meer hinausgespült wurde.

Ebenfalls strittig ist, wie der Brachiosaurier in dieser Wasserwelt überhaupt genug Nahrung finden konnte. Der Appetit der Spezies war ungeheuer, wie Mediziner vom Klinikum Benjamin Franklin in Berlin errechnet haben. Ausgewachsene Brachiosaurier verdrückten mindestens 360 Kilo Grünzeug pro Tag. Die bei der Verdauung erzeugte Fermentationswärme war so groß,

* Mit einem Knochen des Mindener Raubsauriers.

daß sich die Geschöpfe in Wasserlachen abkühlen mußten (siehe Kasten Seite 216).

Auch über das Wachstum der Giganten liegen neue Erkenntnisse vor. Der Bonner Paläontologe Martin Sander hat Brachiosaurierknochen aufgebohrt und die Wachstumsringe gezählt. Sein Resultat: »Die Reptilien schossen in den ersten elf Jahren extrem schnell in die Höhe.« Dann verlangsamte sich das Tempo, wohl wegen der einsetzenden Geschlechtsreife. Ausgereift waren die Titanen mit 25 Jahren. Ihr Höchstalter lag bei etwa 50 Jahren.

Anatomisch bringen solche biologischen Großsysteme allerlei Malaisen mit sich. Viele pflanzenfressende Großsaurier besaßen starre Arterien, um den Blutdruck abzufangen. Bei ihren Wanderungen bewegten sich die Tiere wie in Zeitlupe. Der Grund: Bei abrupten Bewegungsänderungen hätten die Fleischmassen sonst die eigenen Knochen gebrochen.

Dennoch führte die Natur den Riesenwuchs auch bei der fleischfressenden Konkurrenz ein. Der Allosaurus wog mindestens fünf Tonnen. Sein berühmter Nachfahr Tyrannosaurus Rex, er erschien erst kurz vor dem Massentod der Dinos, hätte mit einem Haps einen Ochsen verschlingen können.

In den neuen Szenarien der Paläontologen agiert die schreckliche Echse allerdings nur noch als Aasfresser. Die Forscher hegen Zweifel, ob sich das feiste Wesen überhaupt zur Beutejagd eignete. »Schon bei einer Geschwindigkeit von 36 km/h wäre jeder Bauchklatscher tödlich gewesen«, meint der US-Forscher James Farlow. Strauchelnde Tiere wären vom eigenen Leib erdrückt worden.

Daß die Reste solcher Monstren nun auch in Deutschland auftauchen, vernimmt die ausländische Kollegenschaft mit Verwunderung. Vor allem der exotische Godzilla aus dem Juragestein bei Minden gibt zum Staunen Anlaß. Das Raubtier lebte vor etwa 160 Millionen Jahren; sein Gebiß ist in noch keinem Lehrbuch beschrieben.

Die Experten aus Münster brennen darauf, bald mehr Details über die Bestie zu erfahren. Noch liegt das Fossil halb verborgen im Erdreich. Die Landesregierung hat 50 000 Mark für eine »große Grabungsmaßnahme« bewilligt. Für diesen Montag wurde eine Pressekonferenz anberaumt.

»Unsere Präparatoren sind bereit«, sagt Lanser, »wenn das Wetter mitspielt, schlagen wir nächste Woche los.«

MATTHIAS SCHULZ

[Grafiktext]

Skelette aus dem Jura Dinosaurier-Funde in Norddeutschland In der erdgeschichtlichen Epoche des Oberjura, vor rund 150 Millionen Jahren, noch bevor sich die Alpen auffalteten, reichte das Ur-Mittelmeer ("Tethys") bis weit nach Mitteleuropa. Außer dem Skan- dinavischen Festland ragten nur »Schwellen« und Inseln aus dem Wasser. Die neuen Dinosaurier-Fossilien wurden allesamt im norddeutschen Flach- land entdeckt und sind in Meeressedimenten eingeschlossen.

[GrafiktextEnde]

* Mit einem Knochen des Mindener Raubsauriers.

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