»Totale Präzision gibt es nicht« - DER SPIEGEL
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»Totale Präzision gibt es nicht«

Geschwader-Kommodore Oberst Peter Schelzig über den Bombenkrieg gegen Jugoslawien
Von Erich Wiedemann
• aus DER SPIEGEL 16/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schelzig, 43, ist Kommodore des Luftwaffen-Einsatzgeschwaders 1 im nord- italienischen Fliegerhorst Piacenza.

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SPIEGEL: Warum sind die Piloten der amerikanischen F-16-Jagdbomber gehalten, ihre Bomben aus so großer Höhe abzuwerfen, daß sie ihr Ziel nicht klar erkennen können?

Schelzig: Das hat mit der Bedrohungslage zu tun, da wird ja immer noch geschossen.

SPIEGEL: Womit schießen die Serben?

Schelzig: Mit Vierlingsflak oder Eisenflak, wie wir das nennen. Auch mit schultergestützten Fliegerfäusten. Davon haben sie noch jede Menge, und die Dinger sind wirklich unberechenbar.

SPIEGEL: Sind die sogenannten rules of engagement wegen der akuten Bedrohung gelockert worden?

Schelzig: Davon ist mir nichts bekannt.

SPIEGEL: Das heißt, der Pilot muß weiterhin sein Ziel zweifelsfrei identifiziert haben, bevor er angreifen darf?

Schelzig: Ja, so ist das Verfahren. Er muß sogar noch zusätzlich per Funk eine Genehmigung von der Basis einholen.

SPIEGEL: Darf dabei ein Restrisiko oder ein gewisser Unsicherheitsfaktor in Kauf genommen werden?

Schelzig: Nein, es ist sogar mehrfach vorgekommen, daß Flugzeuge mit der ganzen Bombenlast zu ihrem Stützpunkt zurückkehrten, weil das Ziel wegen schlechter Wetterlage nicht klar genug zu identifizieren war.

SPIEGEL: Die High-Tech-Waffen haben bisher nicht die durchschlagende Wirkung gehabt, die man von ihnen erwartet hatte. Geht die Nato deshalb nun wieder verstärkt zum konventionellen Bomben nach Sicht über?

Schelzig: Nein, es wird immer noch mit Präzisionswaffen gekämpft, aber eine totale Präzision gibt es natürlich nicht.

SPIEGEL: Die F-16 hat lasergesteuerte Bomben an Bord. Ist das unter den herrschenden Umständen die beste Waffe für solche Einsätze?

Schelzig: Ja, zumindest bei einigermaßen guten Wetterbedingungen. Sonst werden gegebenenfalls auch radargesteuerte Lenkwaffen eingesetzt.

SPIEGEL: Die Abwehr der Serben ist offenbar noch ziemlich schlagfertig.

Schelzig: Teilweise. Aber wir haben vor allen Dingen den Verbund zwischen Radarstationen und SA-6-Abwehrraketen weitgehend zerschlagen. Die serbischen Radaranlagen selbst werden jedenfalls in unserem Bereich gar nicht mehr eingeschaltet. Trotzdem gibt es natürlich noch Abwehrfeuer. Meist nach dem Prinzip »Lucky Shot«.

SPIEGEL: Die Bundesluftwaffe hat zusätzliche »Tornados« nach Piacenza verlegt - weil Ersatzteile knapp wurden, wie es heißt.

Schelzig: Nein, das war nicht der Grund, die Maschinen werden nicht kannibalisiert. Außerdem wurden auch Maschinen von hier abgezogen. Unsere Maschinen sind in einem guten technischen Zustand.

SPIEGEL: Wie sieht es mit dem Klarstand der Besatzungen aus? Die sind bei jedem Einsatz fünf Stunden und länger in der Luft.

Schelzig: Anfangs sind wir natürlich mit sehr gemischten Gefühlen hier reingegangen, weil man nicht wußte, was einen erwartete. Inzwischen hat man einige Erfahrungen und vertraut auf das eigene Können. Auch unser Waffensystem hat sich bewährt. Die Leute sind jetzt weniger aufgeregt. Ich bin ganz zufrieden.

SPIEGEL: Das heißt, der Streßfaktor ist unter Kontrolle.

Schelzig: Es geht natürlich nicht spurlos an einem vorüber, wenn ringsum geschossen wird. Aber für alle Fälle haben wir einen Psychologen dabei.

INTERVIEW: ERICH WIEDEMANN

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