ARCHÄOLOGIE Razzia am Götterhimmel
Rund 3000 Jahre existierte das Nilreich, ein träger Koloß, gottesfromm und konservativ. Pyramiden und Obelisken hat dieser Staat aufgetürmt - und nach immer gleichem Ritual Mumien produziert. Am Ende war er selbst eine.
Ägypten, das ist Selbstbeharrung, Nabelschau, kultureller Tiefschlaf. Als sich die Griechen längst mit Seife wuschen, benutzten die Pharaonen noch nach altem Brauch Natron. Geld- und Münzverkehr übernahm das Land erst in der letzten, der 30. Dynastie. Zu der Zeit standen in Athen schon Bankhäuser.
Nur ein einziges Mal, zwischen 1353 und 1336 vor Christus, fegte revolutionärer Wind durch die Hauptstadt Theben. Ein Umstürzler, »süchtig nach dem utopischen Staat und mit kosmologischem Sprengstoff in der Tasche« (der Ägyptologe Christian Loeben von der Humboldt-Universität Berlin) bestieg den Herrscherthron: der Pharao Echnaton.
Kaum im Amt, führte der »geheimnisvollste Mann der ägyptischen Geschichte«, wie ihn die Britin Joyce Tyldesley in einem neuen Buch nennt, eine Razzia am Götterhimmel durch*. Der polytheistische Olymp des Nilreichs wurde leergefegt. Echnaton huldigte nur einem Herrn: dem Lichtwesen und Schöpfergott Aton, dargestellt als strahlende Sonnenscheibe.
* Joyce Tyldesley: »Ägyptens Sonnenkönigin«. Limes Verlag, München; 336 Seiten; 44 Mark.
Reliefs zeigen den »ersten Monotheisten der Weltgeschichte« (Sigmund Freud) mit Wespentaille, Hängebauch und Wulstlippen. Der Hinterkopf zieht sich grotesk in die Länge, traumschwer blicken die Augen unter schweren Lidern. Auf einer Kolossalstatue präsentiert sich Echnaton ohne Penis - ein schwerer Verstoß gegen die traditionelle Ikonographie.
War der Initiator der »Amarna-Revolution« krank? Einige Forscher glauben, daß Echnaton an einer Hormonstörung litt, die seinen Körper verweiblichte. Der Psychoanalytiker Immanuel Velikovsky unterstellte dem Ehemann der schönen Nofretete »homosexuelle Neigungen«.
Was die Gerüchte weiter anheizte: Der Sonderling führte nicht einen einzigen Krieg. Echnaton vernachlässigte die Außenpolitik und verkroch sich wie ein weltfremder Esoteriker ins ferne Wüstental von Tell el-Amarna. Abbildungen zeigen ihn beim Babysitten. Seine sechs mit Nofretete gezeugten Töchter haben Eierköpfe wie der Papa.
17 Jahre dauerte der Spuk, dann zettelten die Pfaffen eine Konterrevolution an. Schon der Nachfolger Tutanchamun ("Das Land machte eine Krankheit durch") ließ den Ketzer ächten. In alten Chroniken und Königslisten taucht der Aton-Prophet nicht auf. Seine Denkmäler wurden bis auf die Fundamente abgerissen.
Die Vernichtungsaktion, so radikal sie auch verlief, hat die Archäologen nicht entmutigt. In den letzten Jahren sind zerborstene Reliefs, zerkratzte Inschriften sowie tonnenweise Bauschutt alter Echnaton-Tempel aufgetaucht:
* Der Cambridge-Professor Barry Kemp gräbt im mittelägyptischen Amarna, wo der Regent im 5. Regierungsjahr die Sonnenmetropole Achet-aton ("Horizont des Aton") aus dem Boden stampfen ließ.
* Experten vom Schweizerischen Institut für Ägyptische Bauforschung stießen auf Steinblöcke mit ausgehackten Götternamen - wichtige neue Belege für Echnatons Kampf gegen die Vielgötterei.
* In Karnak konnte der - bis auf die Grundmauern abgetragene - zentrale Kultbau der Aton-Religion rekonstruiert werden. Das Bauwerk sprengt alle Rekorde (siehe Grafik).
Vor allem die dunkle Frühphase des Herrschers läßt sich nun detailreich nachzeichnen. Immer deutlicher zeigt sich, mit welcher Wucht der Ausnahme-Regent vor über 3300 Jahren sein geistiges Bekehrungswerk anschob.
Dem neuen Szenario zufolge besteigt Echnaton kaum 18jährig, noch unter dem Namen Amenophis IV., den Thron. Im Nilstaat ist die 18. Dynastie angebrochen. Unangefochten regiert die Supermacht Ägypten über seine Vasallen in Nubien und Syrien. Die königlichen Schatzkammern quellen über von Beutegut und Tributen. Im Harem von Echnatons Vater, Amenophis III., leben rund tausend Frauen, darunter Schönheiten aus dem fernen Anatolien und aus Schwarzafrika. Opulente Ban-
* Sechs Meter hohe Kolossalfigur aus dem Gem-pa-Aton.
kette, Jagdausflüge und Bootspartien gehören zum Pläsier der Elite. Die Damenwelt trägt voluminöse, plissierte und mit Fransen verzierte Kleider, dazu üppiges Make-up. Die Männer stülpen sich lange, schwere Perücken auf die geschorenen Schädel.
Theologisch ist das Land dem Polytheismus verschrieben. Rund hundert Gottheiten werden landauf, landab in düsteren Tempeln verehrt. Im Innersten der Kultstätten stehen, streng abgeschirmt, kleine Figürchen. Sie sind kaum 40 Zentimeter groß, aus purem Gold oder Silber gefertigt und überreich mit Edelsteinen verziert - die Sinnbilder der Götter.
Ausschließlich der Pharao ("großes Haus") darf diesen Statuetten ins Angesicht treten. In der Praxis jedoch gab er dieses Recht an einen auserwählten Tempelpriester ab. Der Stellvertreter öffnet morgens den Schrein und badet das Idol in Milch. Dann kleidet er es wie eine Barbie-Puppe an und stellt ihm Leckereien hin.
Diesem schummrigen Ritus sagt Echnaton den Kampf an. Sein Gott ist sichtbar und allgegenwärtig. Er leuchtet den Armen und Reichen, den Tieren wie den Pflanzen. Der Aton-Ritus, im Kern ein Vegetationskult, »pries das Sonnenlicht als ultimative Kraft des Universums«, sagt die US-Ägyptologin Dorothea Arnold.
Ein erhalten gebliebener Aton-Hymnus, knapp 150 Verse lang, vermittelt einen plastischen Eindruck von diesem lichtumflorten Happy-Kult. »Alles Wild hüpft auf den Füßen«, heißt es in dem Lobgesang, »deine Strahlen sind im Innern des Meeres.« Religionswissenschaftler sehen in dem Text erstaunliche Parallelen zum Psalm 104 in der Bibel.
Doch wie ließ sich das neue »weltumstürzende Glaubensbekenntnis« (Loeben) durchsetzen? Voller Aberglauben und Obskurantismus steckte das Volk. Tausende von Priestern wurden durch Echnatons Kahlschlag arbeitslos: Diener der Mut, des Thot oder des schakalköpfigen Totengottes Anubis. Der Ketzer brachte damit mächtige Feinde gegen sich auf. Denn die Tempel mit ihren angeschlossenen Speichern und Landgütern waren zugleich wichtige wirtschaftliche Knotenpunkte.
Der größte Sakralbau dieser Art stand gleich gegenüber von Echnatons Wohnpalast am Ostufer von Theben: Touristen kennen den Tempel von Karnak, Sitz von Amun-Re, dem »König der Götter«, als grandiose Ruinenanlage. 2000 Jahre Baugeschichte sind in dem steinernen Säulenwald zusammengeballt.
Zur Zeit Echnatons erstreckte sich das Amun-Sankrosanktum bereits über eine Länge von 300 Metern. Kolossale Tore ("Pylonen") und mit Hieroglyphen übersäte Mauern waren um die Amun-Statuette herumgebaut. Östlich des Heiligtums stand der höchste Obelisk des Reichs (32,18 Meter). Im Süden wachte die größte je aus einem Stück gefertigte Steinfigur (26 Meter).
Diesem Monument, so wissen die Forscher jetzt, galt Echnatons bedeutsamer Eingriff. »Radikal und umfassend« nennt der Berliner Ägyptologe Rolf Krauss den Anschlag auf den alten Göttervater. Loeben pflichtet bei: »Amun sollte degradiert werden.«
Als Waffe diente dem Angreifer die Architektur. Auf sein Geheiß hin drangen Steinmetze in das mächtige Amun-Heiligtum ein und meißelten alle Götternamen aus den Kartuschen, Statuen wurden abtransportiert. Dann begann Teil zwei der Entweihung. Um den alten Himmelsboß endgültig zu überstrahlen, plante Echnaton ein nie gesehenes Rekordbauwerk, den Gem-pa-Aton ("Gefunden ist der Aton").
Um den hochfliegenden Plan umzusetzen, bediente sich der Pharao einer »neuartigen Blitzbauweise« (Loeben): Er ließ das Gebäude aus Mini-Quadern errichten, 52 x 27 x 27 Zentimeter groß. Diese sogenannten Talatat-Blöcke waren handlich genug, um von einzelnen Arbeitern geschultert zu werden. Jeder Stein wog nur etwa 50 Kilogramm.
Entsprechend schnell kam der Bau voran. Innerhalb von nur zwei Jahren stapelten die Maurer die genormten Miniaturblöcke zu einem über 130 000 Quadratmeter großen Geviert auf. Die Umfassungsmauer, knapp neun Meter hoch, wurde verputzt, mit Reliefs versehen, und mit leuchtenden Farben bemalt.
Doch die Pracht war von kurzer Dauer. Schon die nächste Pharaonendynastie griff zur Abrißbirne. Echnatons imposantes Licht-Heiligtum wurde ausgeschlachtet und als billiges Baumaterial wiederverwendet. Noch Ramses II. (1279 bis 1213 vor Christus) nutzte den Gem-pa-Aton als Steinbruch, um eigene Prunkbauten zu fundamentieren.
Nun taucht der zerfledderte Baukörper unter den Spaten der Archäologen wieder auf. Französische Experten bargen aus der Innenfüllung des 9. Pylonen vom Karnaktempel 13 000 Echnaton-Steine. Weitere rund 40 000 Quader legte der kanadische Archäologe Donald Redford in Karnak frei.
Insgesamt kennen die Forscher jetzt über 60 000 Reliefsteine. Sie gleichen einem tonnenschweren Puzzle. Lilien und im Sonnenlicht glänzende Schwäne hat der Talatat-Spezialist Loeben aus den zerstückelten Bildern zusammengesetzt. Andere Szenen zeigen Echnaton, wie er den Boden küßt - ein typisches Ritual des Aton-Kults.
Auch an eine Gesamtrekonstruktion des Gem-pa-Aton wagen sich die Forscher nun heran. Loeben zufolge bestand das Bauwerk aus einem pfeilerumkränzten Rechteck von 608 x 217 Meter Länge. »Kein ägyptischer Pharao«, sagt er, »hat je ein in der Fläche größeres Gotteshaus errichtet.«
Jeden Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, betrat der Pharao den Zeremonialbezirk, in dem rund 400 Ziegelaltäre standen, beladen mit Fleisch, Gemüse und Getränken. Mit den ersten Strahlen am Horizont begann der Gottesdienst. Aton erschien, die Priester fielen nieder und küßten den Boden.
Um seinen Superkult mit Opfern zu versorgen, griff der Pharao zu ausgefallenen Mitteln. Alte Inschriften schildern, daß er landesweit aus anderen Tempeln Gottesgaben requirieren ließ. Als Standardtribut galten »eine Men-Vase Weihrauch und 2 Men-Vasen Wein«, dazu Stoffe, Gold und Silber, die in »Deben« (= 91 Gramm) gemessen wurden. Lastkähne schleppten das Material auf dem Nil nach Theben.
Doch es kam noch schlimmer: Echnaton schändete auch die Kultstätten der Konkurrenz. Bis nach Bubastis (im Nil-Delta) und tief ins nubische Kolonialgebiet schwärmten seine Schergen aus, um Statuen zu stürzen. Ganz oben auf der Abschußliste standen der Reichsgott Amun, sowie die Göttinnen Amunet, Mut und Nechbet.
Andere Jenseitswesen kamen glimpflicher davon. An den wichtigsten Kultort des Totengottes Osiris in Abydos wagte sich Echnaton nicht heran. Der Tempel des Ptah in Memphis, ein düsterer Säulenkoloß, blieb unangetastet. »Der ibisköpfige Mondgott Thot«, so Krauss, »wurde sogar landesweit geduldet.«
Dennoch: Der Bildersturm muß Entsetzen ausgelöst haben - und Widerstand. Auf den Reliefs der Echnaton-Zeit wimmelt es von »Sascha''u«, Polizisten, die mit langen Stöcken bewaffnet sind. Das Volk wurde meist in gebückter Haltung dargestellt. Eine Demutsgeste vor Aton? Oder jaulte der Bürger unter der Knute der Gendarmerie?
Klar ist nur, daß der Staatschef um 1350 vor Christus Theben verließ. Als Standort für die neue Hauptstadt wählte er ein unbewohntes halbmondförmiges Wüstental, die Ebene von Amarna. Dort entstand innerhalb von vier Jahren Bauzeit die 50 000-Einwohner-Stadt Achet-aton.
In dieser Fluchtburg konnte der Regent ungestört den Nil-Bhagwan spielen. Bäuchlings lag er in seinen Lichttempeln und pries ohne Unterlaß das Zentralgestirn: »Schön erscheinst du im Horizonte des Himmels, du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt!«
Merkwürdig wenige Hofbeamte folgten dem Pharao in die Aton-City. Elizabeth Riefstahl, Ägyptologin am Brooklyn-Museum in New York, nannte Amarna ein »luxuriöses Konzentrationslager«. Auch Nofretete schien vom Umzug nicht begeistert zu sein. Der Pharao nörgelte: »Nicht soll die Königin sagen, es gebe einen schöneren Ort für Achet-aton.«
Im 17. Jahr seiner Regierung starb der Guru. Feierlich wurde seine Mumie in ein Felsengrab geschoben, dann erlosch der Kult jäh, »der nicht Stammes- oder Landes-, sondern Weltreligion sein wollte« (Tyldesley). Wieder kamen jene Dunkelwesen wie Anubis und Osiris zu Ehren, bei denen das Volk ewiges Leben erflehte.
Jahrhunderte sollte es dauern, bis in Israel erneut ein Himmelswesen mit ähnlichen Absolutheitsansprüchen auf den Plan trat. Der biblische Jahwe fand bald eine riesige Anhängerschaft. Im konservativen Ägypten dagegen blieb das monotheistische Experiment eine folgenlose Episode.
Loeben glaubt das Scheitern erklären zu können: »Der Aton-Kult mag ein großer Wurf gewesen sein«, sagt er. In grandioser Weise habe er die Fruchtbarkeit, das Licht, das Diesseits verherrlicht. »Das vielleicht Wichtigste jedoch blieb diese Religion schuldig«, erklärt Loeben. »Eine Antwort auf die Frage: Was folgt auf den Tod?« MATTHIAS SCHULZ
[Grafiktext]
Höfe des Lichts Der Tempelbezirk von Karnak (Ägypten) zur Zeit Echnatons Rekonstruktion nach Loeben Um 1350 v. Chr. ließ Echnaton zu Ehren des Lichtgotts Aton in Karnak eine monu- mentale Tempelanlage errichten. Der Gem-pa- Aton ("Gefunden ist der Aton") erstreckte sich auf einer Fläche von über 130 000 Quadrat- metern. Im Innenhof standen, umringt von Steinfiguren des Pharao, Hunderte von Opfer- tischen sowie drei namentlich bekannte Kultbauten. Die architektonische Großtat zielte auf die Entmachtung des alten Reichsgottes Amun. Dessen Zentralheiligtum - bis dahin größter Tempel des Landes - wurde hinter einer Pfeilerfassade versteckt und zu einer Art Nebengebäude degradiert. Auch der Obelisk auf der Rückseite des Tempels wurde durch Anbauten in eine Kult- stätte für Aton umfunktioniert. Begleitet von Musikanten schritt der Pharao an der Spitze seiner Priesterschaft jeden Morgen in den neuen Gottesbezirk. In einem Schlachthof wurden Rinder und Geflügel rituell getötet. Die Priester legten diese Gaben auf kleine Opfertische; der König selbst begrüßte die aufgehende Sonne auf einem begehbaren Altar.
[GrafiktextEnde]
* Joyce Tyldesley: »Ägyptens Sonnenkönigin«. Limes Verlag,München; 336 Seiten; 44 Mark.* Sechs Meter hohe Kolossalfigur aus dem Gem-pa-Aton.