In der Hand der Sieger - DER SPIEGEL
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Spiegel des 20. Jahrhunderts In der Hand der Sieger

Aus dem Krieg heimgekehrt / Von Erhard Eppler
Von Erhard Eppler
• aus DER SPIEGEL 20/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was immer die Deutschen später eingesehen haben, die wenigsten haben die Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 als Befreiung erlebt. Als Erleichterung wohl, ja als Aufatmen. Endlich war Schluß mit den Tieffliegern, ihren Bomben und Maschinengewehren, Schluß mit den NS-Standgerichten.

Aber wie wir in weggeworfenen »Stars and Stripes« lesen konnten, wurde den siegreichen Soldaten eingeschärft, sie kämen nicht, wie in Holland und Frankreich, als Befreier, sie kämen als Sieger. Doch die Sieger waren sich noch keineswegs im klaren darüber, was sie mit diesen abgründig gefährlichen Deutschen anstellen sollten. Sie wußten ja nicht, ob diese Leute, die bis in den Kaukasus marschiert waren, ein Schießeisen aus der Tasche ziehen und Werwolf spielen würden.

Wie weit dieser Argwohn ging, merkte ich schon auf dem Heimweg, dem 18tägigen Fußmarsch von der Lüneburger Heide nach Schwaben. Wie Millionen anderer Landser versuchten wir zu zweit, uns nach Süden durchzuschlagen, ausgerüstet nur mit einem Kompaß.

Kaum hatten wir unsere Uniformen in stinkende, zerfetzte Stallkleider umgetauscht und uns zum erstenmal aus den Wäldern auf ein Sträßchen bei Hildesheim gewagt, kam uns ein Wagen mit einem halben Dutzend US-Soldaten entgegen. Sie beäugten mißtrauisch die grotesken Gestalten, die eher Vogelscheuchen als Zivilisten glichen. Sie fuhren an uns vorbei, wendeten wieder, und als sie 20 Meter von uns entfernt waren, sprangen die Soldaten, wie sie es für den Fronteinsatz gelernt hatten, ab und legten ihre Maschinenpistolen auf uns an.

Gut, daß die Vogelscheuchen die Hände heben konnten. Die argwöhnischen Sieger näherten sich zögernd. Immerhin hatte die umständliche Operation den Vorteil, daß wir uns überlegen konnten, was zu tun sei.

Ich nahm mein ganzes, erstaunlich brauchbares Schulenglisch zusammen und gestand: Ja, wir seien deutsche Soldaten und suchten nun schon tagelang ein Gefangenenlager, ob sie uns helfen könnten. Die GIs, die offenbar auch Wichtigeres zu tun hatten, waren so verblüfft, daß sie uns fast schon höflich den Weg zum nächsten Gefangenenlager erläuterten und davon-

* Aus dem Hotel Adlon Evakuierte kampieren auf der Straße »Unter den Linden«.

fuhren. Das blieb lange Zeit meine letzte Unterhaltung mit Amerikanern.

Als ich mich am 10. Mai 1945 abends gegen 19 Uhr, also kurz vor Beginn der Ausgangssperre, meinem Elternhaus in Schwäbisch Hall näherte, standen davor ein halbes Dutzend Wagen, nicht nur Jeeps, auch Limousinen. Die ganze Wohnsiedlung war von der US-Armee besetzt.

Da kein Amerikaner mit einem Deutschen unter einem Dach schlief, kampierte meine Mutter mit meinen drei kleinen Schwestern einige hundert Meter weiter auf dem Dachboden von Bekannten. Auch für mich fand sich eine Matratze. Das war nicht die Heimkehr, von der ich geträumt hatte, aber schön war es doch.

Die Frage, ob wir nun befreit worden seien, stellte sich mir auch jetzt nicht. Ich hätte die Amerikaner in unserem Haus nicht danach fragen können, denn die redeten nicht mit den Deutschen. Wenn sie uns, den »Krauts«, etwas zu bestellen hatten, taten sie es durch ihre Domestiken, polnische oder ukrainische Zwangsarbeiter, die nun als »displaced persons« auf ihre Heimreise warteten.

Auf dem Marktplatz, einem der schönsten in Deutschland, wo vom barocken Rathaus nur noch die Fassaden standen, wurde eines Tages auf einem Holzstuhl der Kreisleiter der NSDAP zur Schau gestellt, genau an der Stelle, wo drei Jahre zuvor eine kahlgeschorene junge Frau ihre abgeschnittenen Haare zusammenkehren mußte, weil sie sich mit einem Polen eingelassen hatte. Genau wie damals hatte niemand Freude an dem Schauspiel, alle sahen hin, sahen wieder weg, gingen weiter und verdrückten sich.

Vielleicht war es gut für mich, daß ich ganz mit Überleben beschäftigt war. Lebensmittelkarten gab es nur für den, der eine Arbeit nachweisen konnte. Ohne die immer kargeren Rationen der Karte gab es nichts zu essen. Den Garten, wo ich hätte Gemüse pflanzen können, durfte ich nicht betreten. Ich fand eine Arbeit in einer Pappfabrik. Dort zerstampfte eine altmodische Maschine Unmengen von nassem Altpapier.

Ein Onkel in Chile hatte mir angeboten, zu ihm zu kommen, falls es in Deutschland keine Lebenschancen mehr gebe. Also lernte ich verbissen Spanisch. Mit einer Wäscheklammer befestigte ich meine spanischen Wörter rechts neben der Mangel, so daß ich neben der monotonen Arbeit lernen konnte.

Im Spätherbst 1945 öffnete die Oberschule ihre Pforten wieder. Sie hieß jetzt wieder Gymnasium. Das Notabitur, das man uns bei der Einberufung nachgeworfen hatte, galt nicht mehr. Tatsächlich hatten wir nur sechs Gymnasialjahre absolviert und trauten uns ein Studium selbst nicht zu. Also saßen wir wieder auf den engen Schulbänken, wir, die drei Viertel der Klasse, die überlebt hatten. Wir waren geistig ausgehungert. Aber nur wenige Lehrer, die Krieg und Entnazifizierung überstanden hatten, stillten diesen Hunger.

Einer davon war Gerhard Storz. Er, der konservative Altphilologe, der nach 1935 zwölf Jahre am Theater in Hall gewesen war, hatte seine Abneigung gegen die Nazis nie verbergen können. Jetzt war er dabei, zusammen mit Dolf Sternberger und Wilhelm E. Süskind im »Wörterbuch des Unmenschen« die NS-Sprache zu analysieren. Was er uns davon erzählte, fand ich noch faszinierender, als hätte er einen Faust-Monolog so deklamiert, daß keine Interpretation mehr nötig ist.

Während der amerikanische Holzhammer »Umerziehung« mich mehr betäubte als erweckte, begriff ich bei Storz, was Demokratie sein konnte: Im Nationalsozialismus seien die Menschen um des Staates willen dagewesen, in der Demokratie gebe es den Staat nur um der Menschen willen. Das erste hatten wir hinreichend erfahren, auf das zweite warteten wir noch. Aber wenn Storz es sagte, konnte es so ganz falsch nicht sein. Als Storz mit ein paar Geschäftsleuten in Hall die CDU gründete, fühlte ich mich versucht, mitzumachen. Aber dann fand ich doch, daß ich in diese Gesellschaft nicht paßte.

Jedenfalls habe ich im Sommer 1946 einen Abituraufsatz über die Demokratie verfaßt, der nicht nur Storz gefiel. Es ist eben eine Sache, in einem Aufsatz über Demokratie zu brillieren, eine andere, ein Demokrat zu sein, und noch eine andere, sich als Demokrat zu bewähren.

Im Winter 1945/46, einer bösen, hungrigen Zeit, geschah in Schwäbisch Hall etwas Eigenartiges. Die amerikanische Militärregierung ließ einen Singkreis zu, von dem sie wußte,daß es die alte HJ-Spielschar unter neuem Namen war. Diese Spielschar, die sich mit Madrigalen, Hans Sachs und Volkstanz die Zeit vertrieben hatte, war bei der Partei nicht gut angeschrieben gewesen. Dort hatten sich viele versammelt, die dem öden Trott des HJ- oder BDM-Dienstes entgehen wollten.

Als ich bereits in der Ferne eine andere Uniform trug, war die Spielschar wegen »politischer und weltanschaulicher Unzuverlässigkeit« aufgelöst worden. Und jetzt, mit dem Segen der Besatzer, kam sie wieder. Wir sangen zuerst überwiegend BachMotetten, die wir vorher nicht hatten singen dürfen. Schon im Sommer 1946 unternahmen wir eine Konzertreise die Tauber entlang. Das machte uns solchen Spaß, daß wir uns heute noch jedes Jahr zwei Tage zum Singen treffen.

Im Herbst 1946 wollte ich, ein richtiges Abitur in der Tasche, studieren. Aber wo? Jede Universität hatte andere Zulassungsbestimmungen. Die eine nahm nur Ältere auf, die lange bei der Wehrmacht auf ihr Studium hatten warten müssen, andere hatten ein ausgeklügeltes Punktsystem, bei dem auch negativ zu Buche schlug, wenn jemand Offizier gewesen war. Ich klapperte also Universitäten ab, quetschte mich in überfüllte Züge und fuhr erst nach Tübingen, vergebens, dann nach Erlangen, Würzburg, Heidelberg, alles ohne Erfolg.

Die Nächte verbrachte ich in Wartesälen oder bei Bahnhofsmissionen. In Frankfurt am Main, wo man vom Hauptbahnhof aus am Ende eines Trümmerfeldes den Dom sehen konnte, hatte ich Glück. Der Historiker Paul Kirn, Dekan der philosophischen Fakultät, sah sich wirklich mein Abiturzeugnis an. Was ihm gefiel, war der Abstand zwischen meinen Noten in den Sprachen und der Vier in Mathematik. »Sie scheinen Charakter zu haben«, meinte er und nahm mich auf. Wie gut, daß ich die Mathematik hatte schleifen lassen.

Wer damals dank guter Kletterkünste beim Sturm auf einen einfahrenden Zug rechtzeitig durchs Fenster noch hinein- kam, lernte eine aufgewühlte, aufgeregte Gesellschaft kennen. Da suchten Vertriebene aus dem Osten verzweifelt eine bessere Bleibe, da fahndeten Eltern nach verschollenen Kindern. Ausgesiedelte Großstädter wollten in ihrem zerbombten Haus ein paar Räume bewohnbar machen.

Aber im Zug wurde auch agitiert. Stehend und gestikulierend im Gedränge, klärte ein Kommunist mit heiserer Stimme seine Mitreisenden darüber auf, daß nur die Ausrottung des Kapitalismus uns vor einem weiteren Hitler bewahren könne. Eingeschüchtert und verunsichert, ließen sie ihn schreien. Keine Zustimmung, kein Widerspruch. Man hatte soviel überlebt, warum nicht auch diesen Schreier?

Ich durfte also studieren. In Frankfurt-Rödelheim fand ich ein Zimmer bei einem kinderlosen Ehepaar. Er war Kassierer im Zirkus, das gab es offenbar schon wieder. Er brachte Köstlichkeiten mit nach Hause: Schmalz, Eier, Mehl. Abends wurde geschlemmt. Mir blieb davon nur der Geruch in der Nase. Nie im Leben hatte ich so gehungert wie beim Studium in Frankfurt.

Mitten in der Vorlesung merkte ich, daß meine Gedanken nur um die Frage kreisten, wo ich am Mittag eine Maisgrießsuppe bekommen könnte, die nicht nur aus Wasser bestand. In der Volksküche gab es einen großen Napf solch wäßriger Suppe, nach einer halben Stunde war ich so hungrig wie zuvor.

Einmal gab mir meine Freundin ein Glas Pflaumenmarmelade mit. Als ich es öffnen wollte, explodierte es. Die ganze Stube samt meinen Kleidern war voll säuerlicher Pflaumenmarmelade, vermischt mit Glassplittern. Es hatte am Zucker zum Einmachen gefehlt.

Zu allem Überfluß kam der Winter früh und heftig. Wenn wir an unseren Kommißstiefeln Schnee in den Hörsaal geschleppt hatten, war der nach einer zweistündigen Vorlesung immer noch nicht geschmolzen. Das Mitschreiben verging auch den Eifrigen. Die Finger waren zu klamm. So ging es bis Weihnachten. Danach war das Semester zu Ende. Bedingungslose Kapitulation vor dem Winter.

In den verlängerten Semesterferien bis April 1947 verdiente ich mir Brot, Butter und Eier - denn das Geld war wertlos - auf dem Lande. Wo auch immer Amerikaner auftauchten, wuchs das Bedürfnis, Englisch zu lernen. Und so unterrichtete ich in den Nebenzimmern der Landgasthäuser freundliche Bauernmädchen und Bauernjungen in den Anfangsgründen des Englischen. Ob für die geduldigen Schüler dabei viel herauskam, mag man bezweifeln. Ich jedenfalls durfte am Schluß der zwei Abendstunden herrliche Schätze, Weißbrot, Butter, auf dem Gepäckträger meines Fahrrads festschnallen und mich

* Hans-Joachim Schlange-Schöningen, Vorsitzender des Wirtschaftsrats der Bizone.

auf die Bewunderung freuen, die mir zu Hause sicher war.

Für Politik blieb wenig Kraft und Interesse. Nicht einmal für den Kriegsverbrecherprozeß in Nürnberg. Vom Urteil erfuhr ich in der Straßenbahn nach Rödelheim. Ein hagerer älterer Fahrgast las Namen für Namen vor aus einem jener Extrablätter, die erst im Fernsehzeitalter aus der Mode kamen. Zuerst die zwölf Namen, hinter denen stand: Tod durch den Strang.

Dann die der sieben mit Freiheitsstrafen und die drei der Freigesprochenen. Wieder der Galgen. Schon als 18jähriger Soldat hatte ich erlebt, welcher Scheußlichkeiten das NS-System fähig war. Überrascht war ich nicht. Was hier neues Recht und was alte Rechnungen waren?

Drei Wochen vor diesem Urteil hatte der amerikanische Außenminister James F. Byrnes in Stuttgart eine Rede gehalten, die Hoffnung machte. Endlich, eineinhalb Jahre nach Kriegsende, schienen die Amerikaner sich darüber klargeworden zu sein, was sie mit diesen Deutschen anstellen sollten. Sie wollten uns noch eine Chance geben. Sie brauchten uns wohl auch. Der Kalte Krieg kündigte sich an. Von jetzt an glaubte ich wieder an eine Zukunft im zerstörten Deutschland. Lehrer würde man allemal brauchen.

Die Politik kam nur langsam in Gang. Die ausgemergelten Vertreter der Parteien gifteten einander an. Waren die Arbeiter unzufrieden mit den Herren des Zwei-Zonen-Wirtschaftsrats, so lautete der Schlachtruf: »Schlange-Schöningen* an den Galgen!« Als ob wir der Galgen nicht genug gehabt hätten. Der Nazismus war tot. Fast niemand bekannte sich mehr dazu. Jeder fand - und das war meist nicht einmal gelogen -, daß er irgend etwas daran immer für falsch gehalten hatte. Aber was Hitler in den Köpfen angerichtet hatte, wohl auch in meinem, war noch längst nicht überwunden.

Trotzdem: Es mußte nun wieder aufwärtsgehen. Irgendwann würden wir wieder genug zu essen haben. Irgendwann würden die demontierten Fabriken wieder laufen. Ein Volk von dieser Größe ließ sich auf Dauer nicht von Fremden regieren. Vielleicht würden wir unseren Platz unter den Völkern wieder finden. Und vielleicht konnte meine Generation sogar dabei helfen. Grund genug, zu lernen.

Erhard Eppler, 72, war Entwicklungshilfe-Minister und SPD-Vorstandsmitglied.

[Grafiktext]

Die Zeit vor 1949 1945 8. Mai Bedingungslose Kapitulation der deut- schen Wehrmacht 5. Juni Deutschland wird in vier Besatzungs- zonen aufgeteilt und vom Alliierten Kontrollrat regiert 17. Juli Eröffnung der Potsdamer Kon- ferenz, auf der die USA, die UdSSR und England die Entmilitarisie- rung, Demokrati- sierung und Ent- nazifizierung Deutschlands beschließen 27. August In den drei West- zonen beginnt die Wiederzulassung demokratischer Parteien 1946 5. März Englands Kriegspremier Winston Chur- chill prägt bei einer Rede in Fulton (US-Staat Missouri) den Begriff »Eiserner Vorhang« 9. Mai Die SPD in den Westzonen wählt Kurt Schumacher zum Vorsitzenden 17. August Die Sowjeti- sche Militäradministra- tion führt in der Ostzone das Prinzip »gleicher Lohn für gleiche Arbeit« ein 1. Oktober Im Nürnber- ger Prozeß gegen 23 deutsche Hauptkriegsverbrecher werden zwölf Todesurteile verhängt 1947 3. Februar Die CDU beschließt ihr »Ahlener Programm« für soziale Wirtschaftspolitik mit Verstaatlichungen 25. Februar Der Kontrollrat löst den Staat Preußen auf 5. Juni US-Außenminister George C. Marshall schlägt einen Wiederaufbauplan für Europa vor, aus dem England 3,2 Milliarden Dollar und Westdeutschland 1,4 Milliarden Dollar US- Mittel erhalten 1948 1. März Die Bank deutscher Länder, Vorläufer der Bun- desbank, wird gegründet 21. Juni Währungsreform in den Westzonen: Die D-Mark wird eingeführt 24. Juni Die Sowjetunion unterbricht die Zufahrtswege nach Berlin und beginnt mit der zehneinhalbmonatigen Blockade 10. bis 23. August Auf Schloß Herrenchiemsee wird ein Entwurf des Grundgesetzes ausge- arbeitet 1. September Der Parlamentarische Rat nimmt in Bonn seine Beratungen auf 30. November Erster Schritt zur Spaltung Berlins: In Ost-Berlin wird ein neuer Magistrat eingesetzt

[GrafiktextEnde]

* Aus dem Hotel Adlon Evakuierte kampieren auf der Straße"Unter den Linden«.* Hans-Joachim Schlange-Schöningen, Vorsitzender desWirtschaftsrats der Bizone.

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