Spiegel des 20. Jahrhunderts Jeder war sich selbst der Nächste
Als die Luftschutzsirenen heulten und der Bombenhagel vom Himmel fiel, als die Feuerstürme durch die Straßenzüge brausten, als sich die zusammenstürzenden Häuser mit glühenden Stahltrümmern und herausgerissenen Straßenbahnschienen vermengten, als man durch die ausgebrannten Dächer die Rauchschwaden der Verwüstung ziehen sah, war ich nicht in Berlin.
Ich war nicht dabei, als in der Mitte der Stadt Haus um Haus durch alte Männer und halbwüchsige Jugendliche verteidigt, die Blöcke durch sowjetische Truppen erobert wurden, denen nach so vielen Opfern nun endlich die Hauptstadt des verhaßten Feindes in die Hände gefallen war.
Und ich habe es nicht miterlebt, wie die losgelassene Soldateska plündernd und vergewaltigend Rache für all das nahm, was Deutsche dem russischen Volk angetan hatten. Zusammen mit meinen Eltern bin ich erst Ende 1946 aus der Emigration in Ankara nach Berlin zurückgekommen.
Keiner von uns, schon gar nicht der heranwachsende Sohn, hatte eine Ahnung davon, was es bedeutet, zitternd vor Kälte und Angst in einem Luftschutzbunker zusammengepfercht zu sitzen, was man empfindet, wenn die Mauern neben einem zusammenstürzen oder wenn geliebte Wesen im Inferno der Flammen verbrennen.
Nach der Kapitulation starben noch unzählige Bewohner der deutschen Hauptstadt, die den Krieg überlebt hatten, weil die Hungerrationen ihren ausgemergelten Körpern keine Kraft mehr geben konnten. Die anderen hingegen begannen, sich langsam wieder zurechtzufinden, frierend, hungernd zwar und zusammengedrängt auf kärglichem Wohnraum, doch angetrieben von jenem geheimnisvollen Mut, der den Menschen selbst in schier ausweglosen Situationen Hoffnung verschafft.
Zugleich hatte das Wunder einer demokratischen Wiedergeburt eingesetzt. Zugelassen durch die sowjetische Militäradministration, war eine Reihe von Parteien neu gegründet worden. Doch es gab eine Überraschung. Die Erwartung, daß sie alle der wiedererstandenen KPD in die Hände fallen würden, ging nicht in Erfüllung. An die Spitze einiger dieser Parteien wurden Persönlichkeiten gewählt, die zwar guten Willens waren, mit der Besatzungsmacht vertrauensvoll zusammenzuarbeiten, sich jedoch nicht dazu hergeben wollten, als Befehlsempfänger gegen die Interessen ihres eigenen Volkes zu wirken.
Ihren dramatischen Höhepunkt fand diese Entwicklung in den Konflikten um die von Moskau aus gesteuerte Zusammenführung der Sozialdemokraten mit den Kommunisten zur SED, der sich die Mitglieder der Berliner SPD mit überwältigender Mehrheit widersetzten. Schließlich bestätigte das Ergebnis der ersten demokratischen Wahl vom Oktober 1946 in allen vier Besatzungssektoren Berlins, daß eine erdrückende Mehrheit der gesamten Bevölkerung hinter den demokratischen Parteien SPD, CDU und LDP stand, deren Führung nicht bereit war, sich dem zunehmenden sowjetischen Druck zu beugen.
Es war im Dezember 1946, als ich, meinen Vater begleitend, das erste Mal Berlin sah. Wir kamen mit dem Zug aus Hannover. Der Bahnhof Zoo empfing uns mit jener klirrenden Kälte, die in diesem froststarrenden Winter noch so vielen Menschen den vorzeitigen Tod bescherte.
Ringsherum Trümmerhaufen, ausgebrannte Häuser, Straßenbahnen, deren Fenster mit Pappe vernagelt waren. Auf den Straßen Menschen, die versuchten, sich mit den letzten Kleidungsstücken, die sie hatten, der Kälte zu erwehren.
Viele von ihnen schienen mühselig dahinzuschlurfen, manche schleppten irgend etwas, was sie in Sicherheit bringen wollten. Die Gesichter grau und fahl. Niemand schien über das Notwendigste hinaus mit irgend jemandem sprechen zu wollen.
Vor allem prägt das meine Erinnerung: Verstummt schienen sie alle, in sich selbst gekehrt, geprägt durch die Erfahrung, daß nur derjenige das Grauen überleben kann, der sich selbst der Nächste ist. Lachen, scherzen - das gab es in jenen Wochen nicht. Man mußte sich regen, organisieren, die eigene Unterkunft in Ordnung bringen, Heizmaterial besorgen und sehen, wie zusätzlich zu den Hungerrationen der Lebensmittelkarten durch Tausch ein paar Lebensmittel zu beschaffen waren. Für Rücksichtnahme, für Mitgefühl war kein Platz.
Mir selbst, der ich als 18jähriger junger Mann in dieses Umfeld hineingeworfen wurde, fiel es schwer, mit den Menschen, die mir begegneten, ernsthaften persönlichen Kontakt zu bekommen. Das galt auch für einen halbjährigen Abiturkurs, den ich an einer Schule in Steglitz gemeinsam mit Kriegsheimkehrern besuchte. Keiner von ihnen ließ sich darauf ein zu erzählen, was er tatsächlich im Krieg erlebt hatte. Jedem ging es nur darum, sobald wie möglich diesen Lebensabschnitt zu beenden.
Ganz ähnlich, fast gespenstisch, war es mit den übrigen Menschen, die einem auf der Straße, in einer der wenigen U-Bahnen oder in der Straßenbahn begegneten. Und selbst die Trümmerfrauen, die in so unglaublicher Bereitschaft Hand anlegten beim Aufräumen der Straßen und der Häuserruinen, riefen kaum etwas anderes als abstrakte Bewunderung hervor.
Anders in der Politik. Die große Mehrzahl der Menschen, auch der jungen, wollte zwar selbst damit nichts zu tun haben. Sie hatten die demokratischen Parteien gewählt, weil sie erfahren hatten, was Diktaturen anzurichten vermögen. Aber eigenes politisches Engagement war ihnen in diesem Jahr 1947 noch alles andere als geheuer. Demokratie, das sollten lieber andere machen, während man sich selbst um das Fortkommen von Tag zu Tag zu kümmern hatte.
Einem Wunder kam es gleich, daß trotzdem und gleich daneben die ersten Pflanzen des überzeugten politischen Engagements zu sprießen anfingen, gehegt und gepflegt von jenen, die am eigenen Leib erfahren hatten, daß die Freiheit der Menschen von ihrer Bereitschaft abhängt, dafür zu kämpfen und dafür Opfer zu bringen.
Niemand hat es öfter ausgesprochen, und niemand hat dafür größeren Beifall in den vielen Versammlungen bekommen als Ernst Reuter, der in der Zeit vor und während der Blockade immer wieder betont hat, der Freiheitskampf der Berlinerinnen und Berliner richte sich nicht gegen das russische Volk, sondern ausschließlich gegen die sowjetische Unterdrückung.
Nichts anderes bewegte auch die vielen Mitglieder der demokratischen Parteien, die ich damals kennengelernt habe, an der Spitze Franz Neumann (SPD), Jakob Kaiser (CDU) oder Carl-Hubert Schwennicke (LDP/FDP). Mit ihnen wehrten wir uns gegen die brutalen Versuche kommunistischer Gruppen, die demokratischen Abläufe zu stören und die gewählten Führungspersönlichkeiten der Stadt an der Ausübung ihrer Ämter zu hindern.
* Bruder Gerd, Vater Ernst, Mutter Hanna, Edzard Reuter in Magdeburg 1934.
Ähnlich war es an der Linden-Universität, an der ich im Wintersemester 1947/48 mein Studium begann. Gewiß war auch dort die Atmosphäre zunächst geprägt durch schweigsames Strebertum. Doch im Verkehr der Studenten beiderlei Geschlechts gab es endlich hie und da einmal wieder ein erstes Lachen, einen ersten Flirt, einen ersten Streit um neue Inhalte.
Bald fanden sich diejenigen zusammen, die sich mit der Gängelung von Lehrern und Lehre durch eine einseitige politische Obrigkeit nicht abfinden wollten. Man diskutierte, bis schließlich die ersten Studenten von sowjetischen Behörden verschleppt wurden und die ersten Rufe nach einer freien Universität laut wurden.
Überhaupt jener Winter 1947/48 und das darauf folgende Jahr 1948! Immer noch waren die Menschen geprägt durch das Erleben dessen, was sie im Krieg durchgemacht hatten. Immer noch hatten sie vor allem im Sinn, ihre Wohnungen wenigstens in einen einigermaßen erträglichen Zustand zu bringen. Immer noch handelten und tauschten sie auf dem Schwarzmarkt.
Doch gleichzeitig verstärkte sich spürbar ihr Interesse am politischen Geschehen. Sie ahnten, daß die sowjetische Politik unverändert darauf ausgerichtet war, die westlichen Alliierten aus der Stadt zu vertreiben. Das aber hätte für sie bedeutet, alles zu verlieren, was letzten Endes allein das Leben lebenswert macht: die Freiheit, zu denken und zu sprechen, wie man es für richtig hält.
Niemand von den Hunderttausenden, die am 9. September 1948 vor der Reichstagsruine standen und der Aufforderung Ernst Reuters an die freien Völker der Welt zuhörten, die Berlinerinnen und Berliner nicht allein zu lassen, zweifelte daran, daß der Widerstand gegen die sowjetische Blockade ein Unterfangen mit unsicherem Ausgang war.
In der Tat geschah nun das Wunder, das die deutsche Nachkriegsgeschichte geprägt hat. Es gab noch immer wenig zu essen in jenem Winter 1948/49. Unverändert schwer war es, Heizmaterial zu finden, elektrischen Strom gab es täglich für nicht mehr als zwei Stunden. Keiner konnte zudem wissen, ob die Luftbrücke, ursprünglich nur auf zwei Monate geplant, ausreichen würde, die ganze Stadt über den Winter hinweg am Leben zu erhalten.
Doch schließlich, im Frühjahr 1949, mußte der Diktator im Kreml klein beigeben. Die Blockade ging unter unsäglichem Jubel der Menschen zu Ende. Aus den Feinden vor noch vier Jahren waren Freunde geworden: Die Berlinerinnen und Berliner auf der einen, die westlichen Alliierten auf der anderen Seite.
Edzard Reuter, 71, Sohn des Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter (1889 bis 1953), war von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG.
* Bruder Gerd, Vater Ernst, Mutter Hanna, Edzard Reuter inMagdeburg 1934.