Spiegel des 20. Jahrhunderts Die Flegeljahre der Republik
Frei sein, satt sein, die Wahl haben, politisch wie an der Wursttheke - das war das Credo der fünfziger Jahre. »Darf''s ein bißchen mehr sein?« Na klar! Man wollte wieder dabeisein, und schon bald war man wieder wer, zuversichtlich und wirtschaftswunderstolz. Kinder, ist das Leben schön!
Fußballweltmeister, Konsumweltmeister, Verdrängungsweltmeister: »Niemand denkt gern an schlechte Zeiten zurück, die längst vergangen sind«, so sah die CDU die Gemütslage der Westdeutschen und warnte zudem auf Wahlplakaten eindringlich vor Kommunismus und Kaltem Krieg: »Keine Experimente - bleib beim ALTEN!« Denn: »Vom Chaos in der Zone trennt uns nur ein kleiner Schritt!«
Noch 1950 hatten nur die wenigsten so recht an den Aufschwung glauben mögen. Die Angst vor einer neuen Krise saß tief. Zwar waren die letzten Bezugsscheine am 1. Mai abgeschafft worden, und es gab inzwischen wieder fast alles zu kaufen. Doch wer hatte schon soviel Geld? Innerhalb eines halben Jahres waren Nahrungsmittel rund 20 Prozent teurer geworden.
Das Jahr 1951 brachte die Wende. In der Folge des Koreakrieges erlebte die westdeutsche Wirtschaft einen wahren Exportboom. Die Arbeitslosigkeit schrumpfte in zehn Jahren von 11 auf 1,3 Prozent, die Lohntüten wurden praller. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verkündete »Wohlstand für alle« als eines der »wesentlichen demokratischen Grundrechte«. Und darin erwiesen sich die Westdeutschen als gelehrige Demokraten, frei nach dem Motto: Wer was leistet, kann sich was leisten.
»Man merkt''s am Gang und an den Worten / Es geht schon wieder allerorten / denn selbst im Flachland geht''s bergauf / der Mensch genießt den Lebenslauf«, reimten die CDU-Wahlkämpfer zuversichtlich.
Eine Freßwelle erfaßte das Land. Der Nachholbedarf war riesig, viel zu essen galt als gesund. Der »Wohlstandsbauch« war die beste Medizin gegen die Erinnerung an die Not. Und so hatten die Männer bereits 1952 durchschnittlich anderthalb Kilo zuviel auf den Rippen. Im Hungerwinter 1946/47 waren es noch bis zu zwölf Kilo Untergewicht gewesen. Mitte der fünfziger Jahre gönnten sich die Bürger täglich über 3000 Kalorien, Rekord in der Geschichte der Bundesrepublik. Starke Figuren, wohin man blickte.
* Das neueste Kinderwagenmodell im organischen Design, Berlin 1950.
Die neuen Selbstbedienungsläden lockten mit vollen Regalen. Doch Lebensmittel blieben im Verhältnis zum Einkommen teuer, gleichzeitig wurde auf größere Anschaffungen gespart. So blieb das Fach für die »gute Butter« im neuen Bosch-Kühlschrank meistens leer. Sie kostete noch 1957 über sieben Mark das Kilo. Der Brotaufstrich ließ sich mit Kondensmilch strecken, »Sanella«-Margarine und »Palmin«-Fett boten erschwinglichen Ersatz.
Während der leibliche Wiederaufbau im Akkord erledigt wurde, polierte man fleißig am äußeren Erscheinungsbild. Kleider machen Leute: Die Herren legten sich einen neuen strapazierfähigen Diolen-Straßenanzug zu, Flechtschuhe mit Porokrepp-Laufsohle gehörten zum neuen Chic. Nyltesthemden, »Persil-weiß«, »pflegeleicht und bügelfrei«, wurden durch Krawatten mit symmetrischem »Windsor-Knoten« geziert. Brillantine bändigte jedes noch so widerspenstige Haar.
Die Damen leisteten sich - Inbegriff der Erotik - »Cupresa«- oder »Arwa«-Nylonstrümpfe, mit Naht natürlich. Die kosteten 1950 stolze acht Mark das Paar. Laufmaschen waren bei diesem Preis eine Katastrophe. »Felina«-Büsten- und Hüfthalter formten die Figur für das knisternde Trevira-Kleid. Modemacher Heinz Oestergaard verwandelte internationale Haute Couture in etwas biedere deutsche Träume. Und wer sich die nicht leisten konnte, für die kopierten ganze Heerscharen von Heimschneiderinnen die Modelle von Dior, Fath, Balenciaga und Chanel.
Die Töchter betonten ihre Wespentaillen mit wippenden Petticoats unter Tellerröcken, breiten Gürteln oder keß geschlitzter Capri-Hose. Was der Mutter die scharfe Dauerwelle, war ihnen der Pferdeschwanz. Die jüngeren Brüder konnten sich hingegen nur schwer gegen Knickerbocker und kurze Hosen wehren, sosehr sie auch die Nietenhosen ihrer älteren Geschwister begehrten. Die galten als rares Juwel und wurden in der brühendheißen Badewanne am Körper in die optimale Paßform gebracht. Nicht selten reichten die Beinkleider aus Amerika schon aus, ihre Besitzer als »Halbstarke« zu brandmarken.
Bravheit und Angepaßtheit gehörten zum Persönlichkeitsideal jener Jahre, nur nicht auffallen war die allgemeine Devise. Anstand galt als Fundament einer neuen Glaubwürdigkeit vor dem Rest der Welt, nach der man beflissen strebte. Pünktlichkeit, Sauberkeit und Ordnung - nach wie vor die bürgerlichen Primärtugenden, die mit deutscher Gründlichkeit angestrebt wurden. Die Moral war restriktiv, man erging sich allenfalls in Andeutungen. Damenbesuch war für jeden Untermieter tabu, schließlich stellte Paragraph 180 Kuppelei unter Strafe.
Daß die Nachkriegsjugend ihre eigene, amerikanisch gefärbte Kultur entwickelte und nicht selbstverständlich die alten Werte übernehmen wollte, mit denen die Eltern den Wiederaufbau zementierten, betrachteten die Älteren als Provokation. Während die einen gesittet in die Tanzschule gingen, um benimmkonform Foxtrott und Handkuß zu lernen, stiegen die anderen trotzig in sogenannte Picasso-Keller. Der spanische Maler galt als Synonym nicht nur für moderne Kunst, sondern für alles Schräge, das nicht in die gängige Norm passen wollte.
Und dann noch diese »Negermusik«! Die war so, wie die Jungen sein wollten: laut und aufsässig. Jazz- und Bebop-Liebhaber hießen »Swing-Heinis«, der »Rock around the Clock« eines Bill Haley ließ seine Fans außer Rand und Band geraten und die Kinobesitzer ums Mobiliar fürchten.
»An einen Tanz auf dem Vulkan« erinnerte das erste deutsche Rock''n''Roll-Turnier in Hamburg: »Hier gibt es leider keine Selbstkontrolle«, empörte sich der Wochenschau-Kommentator. »So sieht er aus, der Veitstanz des 20. Jahrhunderts, für den es keine Medizin gibt, sondern nur noch den Wunsch auf baldige Genesung. Hoffen wir, daß es bald vorübergeht! An uns und an Ihnen!«
Eine bizarre Wandlung machten die Frauen in den fünfziger Jahren durch, als die Männer ins zivile Leben zurückkehrten und ihre alte Führungsrolle beanspruchten. Scheinbar widerstandslos und willig legten viele Frauen ihre Selbständigkeit aus Kriegszeiten wieder ab, als sie für das Überleben der Familie meist allein die Verantwortung getragen hatten.
Die Werbung der neuen Konsumgesellschaft zeigte sie als anschmiegsame, hingebungsvoll lächelnde, adrette Wesen mit entwaffnend antiemanzipativem Charme und Hausfrauenliebreiz, deren größter Sorge sich Maggi gnädig annahm: »Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und: Was soll ich kochen?« Wie wär''s mit einer Tütensuppe?
Die Gesellschaftskolumnen einschlägiger Zeitschriften stellten dringendere Fragen: »Wie kriege ich einen Mann?« Schließlich war Heiraten immer noch das höchste Ideal junger Fräulein, ein angesichts des kriegsbedingten Frauenüberschusses offenbar nur mit Raffinesse zu lösendes Problem. Dr. Oetker trug mit Rat und Pudding zur Werbung bei: »Ein Mann will täglich neu gewonnen sein«. Auch die Allianz wußte: »Aus Kindern werden Leute, aus Mädchen werden Bräute« und offerierte passende Ausbildungs- und Aussteuerversicherungen.
Bausparverträge verhalfen zum begehrten Siedlungshäuschen auf der grünen Wiese vor der Stadt. Und wer sein Dach über dem Kopf nicht selbst bauen wollte oder konnte, bezog mit etwas Glück eine Neubauwohnung aus dem Erhardschen Wohnungsbauprogramm.
In den Städten räumten die Bulldozer gründlich auf und schlugen breite Schneisen für den Wiederaufbau. Die einförmige Rasterbauweise, nicht selten hinter gekachelter Fassade, galt trotz der Enge (ein Zimmer hatte durchschnittlich 12 bis 16 Quadratmeter, ein Kinderzimmer wenigstens 6) als besonders modern und erstrebenswert. Kein Wunder, knapp 40 Prozent der Bundesdeutschen, unter ihnen fast zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, wohnten 1950 notgedrungen zur Untermiete oder in Notunterkünften wie Kellern, Baracken und »Nissenhütten« aus Wellblech. Trotz des Baubooms fehlten 1953 noch vier Millionen Wohnungen.
Schmucklose, »ehrliche« Formen waren angesagt. Die Böden wurden mit »Stragula« ausgelegt. An den Wänden klebten Tapeten mit abstrakten Miró-Mustern; darüber hingen Ölbilder von Zigeunerinnen und Negerinnen, um einen Hauch von lasziver Erotik und Exotik ins Neubauwohnzimmer über die patente Klappcouch zu bringen. Überhaupt schuf der Platzmangel phantasievolle Notlösungen für die Einrichtung. Alles sollte möglichst platzsparend und leicht sein, gleichzeitig heiter, modern und behaglich wirken.
Funktionalität war die Basis der Ästhetik. Doch der Abstand zum internationalen Fünfziger-Jahre-Design war beträchtlich. Die der geometrischen Strenge des Bauhauses aus der Vorkriegszeit verpflichteten Entwürfe und die weichen, geschwungenen Konturen des organischen Designs wurden in den folgenden Jahrzehnten zu Klassikern. Sie zeigten jene elegante Sicherheit, um die sich die westdeutschen Kreativen so angestrengt bemühten. Doch die zeitlosen Design-Highlights blieben damals wie heute einer kleinen, ebenso elitären wie betuchten Avantgarde vorbehalten. Der Verbraucher war den geschmacklichen wie funktionalen Fehltritten und Albernheiten der Produktgestalter ausgeliefert.
Und so brachte ein vielgeschmähtes Möbel, der Nierentisch, eine ganze Ära in Verruf. Über die etwas ordinär gespreizten Beine dieser Scheußlichkeit ließ es sich anzüglich stolpern, vorzugsweise war die Oberfläche resopalbeschichtet, mit wilden grafischen Mustern und Farben dekoriert, die Kanten waren mit schwarzem Kunststoff oder goldfarbenem Aluminium umleimt.
Auch die Tütenlampe erntete später viel Spott. Aus Ölpapier oder lochgestanztem Messingblech einer Tulpenblüte nachempfunden, schlängelte sie sich auf flexiblen fingerdünnen Hälsen an Wänden und Decken oder als dreiarmiger Krake neben dem rotschwarz bezogenen Cocktailsessel.
Kunststoff hieß das Zauberwort der fünfziger Jahre. Er symbolisierte Modernität schlechthin: Praktisch, pflegeleicht und billig in der Massenherstellung, stieg dieser neue Wunderstoff aus den chemischen Versuchsküchen schnell zum Lieblingsmaterial auf. Mit sensationellen 834 Prozent Wachstum boomte die Kunststoffverarbeitung zwischen 1950 und 1960, wurde zum Spitzenreiter aller Industriebranchen.
Nicht nur die Textilhersteller priesen die Eigenschaften ihrer neuen Kreationen aus Perlon, Nylon und Trevira. Auch Eimer, Kehrschaufeln und Schüsseln gab es nun aus Kunststoffen mit phantasievollen Namen wie Stratoplast, Polystrol, Hostalen.
Sogar ein Automobil mit kunststoffbezogener Sperrholzkarosserie, der »Lloyd LP 300« von Borgward, kam 1950 auf den Markt. Der Volksmund taufte das Zehn-PS-Unikum liebevoll »Leukoplastbomber« und dichtete: »Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd.« Ebenfalls nicht gerade elegant und nichts für Klaustrophobe, aber immerhin 90 Stundenkilometer schnell und oft mit Weißwandreifen veredelt war der Messerschmidt-Kabinenroller »KR 200« mit plexiverglastem Kuppeldach.
Wer erst einmal die Familie vor den Augen der auf den Fensterbänken lehnenden Nachbarschaft für die Wochenendfahrt ins neue Auto laden konnte, der hatte es geschafft! In neuer Freizeitkleidung genoß man das Leben am Badesee, die Campingausrüstung ließ keine Wünsche offen.
Spätestens 1953 erfaßte die Nation die Reiselust: erst Ruhpolding, später Rimini. Denn seit Rudi Schuricke bei Capri die rote Sonne im Meer versinken ließ, träumten alle von Italien. Verkleinerte Gondeln und Eselskarren wurden über den Brenner geschleppt und zierten hernach als Urlaubstrophäe den hochglanzpolierten Musikschrank.
Aber eigentlich gaben sich die Deutschen häuslich. Der Arbeitstag war lang. Ein Industriearbeiter schaffte durchschnittlich 50 Stunden an sechs Tagen in der Woche für 1,78 Mark brutto die Stunde. Den Feierabend genoß man im Kreise der Familie oder saß gemeinsam mit den Nachbarn vor der neuesten Errungenschaft: Seit am Weihnachtstag 1952 die »Tagesschau« des NWDR das Fernsehzeitalter eingeläutet hatte, richteten sich die Westdeutschen gemütlich vor der Glotze ein. 1959 gab es 3,4 Millionen Anschlüsse. Fußball-Live-Übertragungen oder der »Stahlnetz«-Krimi waren Straßenfeger.
Die Kleinen verschlangen die Comics mit »Sigurd«, »Mickey Mouse« und »Fix und Foxi«. Die waren bei den Eltern verpönt, galten als jugendgefährdend und Untergang des Abendlandes. Axel Springers »Hör zu« hielt mit »Mecki« erfolgreich dagegen. Der Igel wurde zur Kultfigur.
Mit Heimatfilmen träumte man sich in die Sissi-Welt, wo die Alpen glühten. Und mit Marlon Brando und James Dean ließ sich ahnen, daß auch Hollywood-Stars Probleme mit den Alten hatten.
Wie absurd das Leben in Wahrheit war, wenn der Schleier der Banalität gelüftet wurde, brachten die französischen Philosophen Albert Camus und Jean-Paul Sartre den intellektuellen Grüblern nah. Doch die kleine Gruppe schwarzgewandeter Existentialisten konnte den kollektiven Optimismus nicht erschüttern. Wozu das bessere Dasein in der Revolte suchen, im Wirtschaftswunderland ließ sich dies schließlich auch mit Ärmelaufkrempeln erreichen.
Das vergnügliche Dasein zu kultivieren - jetzt war es nach Feierabend endlich erlaubt. Das Leben war eine Party, und die wurde nach Kräften gefeiert. Mit Barschrank, Shaker und Eiswürfelbehälter, Salzletten, Erdbeerbowle und »Kalter Ente« konnte nichts mehr schiefgehen. Denn vor dem kleinen Malheur bewahrte die perfekte Gastgeberin ihr Cocktailkleid mit der gestärkten Partyschürze. Kinder, war das Leben schön!
Gudrun Patricia Pott, 39, ist Journalistin und Autorin in Hamburg.
* Das neueste Kinderwagenmodell im organischen Design, Berlin1950.