»I mach' doch net den Hampelmann«
Mitternacht ist längst vorbei, als sich der Gastgeber, der zu einem opulenten Festbankett geladen hat, endlich aus seinem Trübsinn löst. Unvermittelt spiegeln die vom Alkohol milde erschlafften Züge jene Entschiedenheit, die der Fußball-Boß Gerhard Mayer-Vorfelder seinem Image schuldig zu sein glaubt.
Das Wort hat der Analytiker. In der Champagner-Bar des Hotels »Graf Zeppelin«, wo sich ein kleiner Rest des am Abend zuvor ausgebooteten Uefa-Cup-Finalisten VfB Stuttgart zunehmend in Selbstvorwürfen ergeht, wird jetzt Klartext gesprochen.
Müßig, darüber zu streiten, sagt der Präsident, wer da in den beiden Endkämpfen - 3:3 und 1:2 - gegen die Großkopfeten vom SSC Neapel »womöglich den Sieg verpaßte«. Verloren habe, allem voran, »ein Jahresetat von 15 Millionen gegen einen von 75 Millionen«.
Natürlich ist das für den eingefleischten Schwaben - gebräuchliches Kürzel »MV« - mehr als schmerzlich, daß nun »selbscht dr VfB« seinen Meister fand. Doch so erkennbar sich in des Vorsitzenden wässrig hervorquellenden Augäpfeln auch die Trauer darüber hält, er triumphiert zugleich.
Recht gehabt! Ein bißchen theatralisch hebt der Sportfunktionär und im Nebenjob baden-württembergische Kultusminister das Ergebnis in »den Rang fast der Zwangsläufigkeit«. Keine Frage für ihn: So passiert es und wird es immer wieder passieren, wenn sich die Profiklubs hierzulande nicht ad hoc neuen Ideen öffnen.
Wie man das anstellt, den von grassierendem Zuschauerschwund begleiteten Niedergang noch zu bremsen respektive den Trend gar umzukehren, glaubt er in die Wege geleitet zu haben. Ein modernes Spielsystem, in dem »das Emotionale wieder zum Zuge kommt«, soll schon von der nächsten Saison an die derzeit gähnend leeren Stadien füllen.
Die von Mayer-Vorfelder in seiner Eigenschaft als Ligaausschuß-Vorsitzender des DFB betriebene Umorientierung hat dabei freilich den Makel, daß sie in der Branche auf harte Abwehr stößt. Für »Schwachsinn hoch fünf« hält etwa der Altstar Paul Breitner seinen Einfall, Hin- und Rückspiel in der laufenden Runde binnen Wochenfrist auszutragen und dem Gesamtsieger einen Sonderpunkt gutzuschreiben.
Der VfB-Präsident, einer dieser »Nicht-Fußballer«, wie Franz Beckenbauer ihn rüde attackiert, der von einer ziemlich komplizierten Sache »keine Ahnung« hat? Kaum ein Tag vergeht seit Anfang Mai, als sich MV für seine Pläne immerhin die Zustimmung nahezu aller Profi-Vereinsvorsitzenden einholte, an dem er nicht mit Hingabe angegiftet würde.
Fußball-Deutschland hat seinen Eklat, und der Mann, der an das geheiligte Regelwerk Hand anlegte - einer, der ja selbst als trockenstarrend konservativ gilt -, fühlt sich »in die Rolle des Revolutionärs« gedrängt. Ungewohnt sei das sicher, räumt er ein, wie ihn zum Beispiel »Bild« und »Sport-Bild«, und zwar »in schönstem Doppelpaß«, in die Pfanne hauten. Andererseits ist der 56jährige Christdemokrat ja ein Fighter, der zumal in seiner politischen Laufbahn kaum je einem Krach aus dem Wege ging. Gleich nach Beckenbauers Kritik hat er sich also schriftlich beim Präsidenten des DFB gemeldet, um gegen dessen Angestellten »eine Abmahnung« zu erwirken.
Ein Schachzug, den im Alter zusehends ermüdeten Hermann Neuberger zur Parteinahme zu zwingen, der bislang ohne Antwort blieb. Denn allzu offenkundig ist der Dissens zwischen den beiden einflußreichsten Funktionären des Deutschen Fußball-Bundes. Was sollte den Boß folglich reizen, seinem konkurrierenden Ligaausschuß-Vorsitzenden derart beizuspringen?
Wann immer sich Gerhard Mayer-Vorfelder - inzwischen ein Medienereignis - mit dem Verdacht auseinanderzusetzen hat, seine Neuordnungspläne dienten allein dem Ziel, die ganze Macht an sich zu reißen, schwindet in ihm das Kumpelhafte. Merkwürdig vereist sitzt der Kultusminister da in seinem Amtszimmer im Stuttgarter »Neuen Schloß« und versteht die Welt nicht mehr.
Nein, »Berührungsängste« gebe es »insofern keinesfalls«; er sei auch Manns genug, sich »dieser Frage zu stellen« - was ihn nur wurmt, ist das angeblich simple Strickmuster, das solchen Mutmaßungen zugrunde liege. »Weiß ich nicht, ob ich DFB-Chef werden will«, entfährt es ihm schließlich lapidar, während er grübelnd das linke Handgelenk freilegt, um an seinem massiven Goldkettchen herumzufingern.
»Korrekt«, hat er zuvor gesagt, sei sein Verhältnis zu »dem Herrn Neuberger«, und man merkt ihm an, daß er das selbst nicht glaubt. Spätestens seit MV den Bundesligen ein drastisch verändertes Betriebssystem überstülpen möchte (was er dem Präsidenten vor der Nacht-und-Nebel-Aktion verschwieg), gilt die Feindschaft als ausgemacht.
Und dennoch fällt schwer, Mayer-Vorfelders monoton wiederholten Schwur, es gehe ihm in der Hauptsache »um das Spiel«, als die reine Schutzbehauptung abzutun. Nämlich so ist er nun mal: ein Vernarrter in Sachen Fußball, dem die Seele bebt, wenn er darüber nachsinnt, daß des Deutschen einstmals unangefochtene »Leitsportart« ihre Vormachtstellung verlieren könnte.
Schön und gut, sein Ländle beheimatet mit Boris, dem Leimener, und Steffi Graf aus Brühl zwei absolute Weltstars, aber das bedeutet ihm nichts. Tennis läßt den Kultusminister kalt; der hält in seinem Schloß sorgsam beisammen, was ihn statt dessen wirklich berührt - etwa die Flaggen der Bundesrepublik und Baden-Württembergs und ein klotziges Kicker-Selbstporträt.
Gerhard Mayer-Vorfelder als ehedem rechter Läufer beim VfB Waldshut, einem Kreisklassen-Klub: »Technisch sauber« habe er da gespielt, weiß er zu berichten, und die Erinnerung daran gibt ihm noch heute Kraft. Denn, nicht wahr, zu viele Besserwisser reden in diesem Geschäft mit, »nur weil sie irgendwann einmal gegen eine Blechbüchse traten«.
Kann man da nicht verstehen, daß das einen Menschen erschrecken muß, der sich ohne jede Einschränkung als Sachverständiger begreift? Mehr noch: Werde er gefragt, sagt der Rechtsausleger im Stuttgarter Kabinett Lothar Späths, wo denn seine »wahre Identität« liege - »ich hätte Schwierigkeiten damit«. Ergo lebt er »ein Leben für Fußball und Politik«.
Kaum verwunderlich, daß ein solcher Doppelkopf dazu neigt, »parallel zu denken«. Beschäftigt sich der zum Beispiel mit Jürgen Klinsmann, der in Bälde für Internazionale Milano Tore schießen soll, wird ihm »als VfBler weh ums Herz«. Doch ist das ja nur die »rein sportliche Seite«, während die gleichsam gesellschaftspolitische Betrachtungsweise verlangt, eine deutliche Warnung unter das Volk zu streuen.
»Was wird aus der Bundesliga«, fragt sich Mayer-Vorfelder bang, »wenn die Blonden über die Alpen ziehen und statt dessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks, spielen?« Aber schamlos, wer ihm daraus einen Strick drehen möchte. Angesprochen ist ja bloß die Sorge, daß »den Deutschen ihre Identifikationsfiguren abhanden kommen«.
Bindewirkung zu sichern und die Traditionspflege nie zu vergessen scheint ihm deshalb zwingend geboten. Schon am ersten Tage seiner Präsidentschaft beim VfB Stuttgart hat er darauf bestanden, »den alten Bruschtring« wieder in die Trikots einzuweben. Das Emblem allerdings wurde inzwischen geflissentlich weggedrückt - eine Bedingung des Molkereikonzerns »Südmilch«, um das eigene Logo unterbringen zu können.
So gefällt das dem Vorsitzenden: Bodenständigkeit plus Marktwirtschaft. Die von Mayer-Vorfelder einerseits in schönster deutscher Vereinsmeierei gepäppelte »VfB-Familie« hält er auf Dauer nur für überlebensfähig, wenn sie sich noch stärker der Großindustrie aufschließt.
Und was für Stuttgart gut ist, kann für die Bundesrepublik keine Fehlkonzeption sein. »Um den Fußball zu retten«, empfiehlt der Parteichrist »radikales Umdenken«. Nichts geht mehr, sagt er voraus, ohne die Anbindung der Bundesligaklubs an die Führungsetagen kapitalkräftiger Unternehmen. »Käme zum Beispiel der Werner Niefer von Mercedes und wollte beim VfB einsteigen, ich würde ihm den Vorsitz überlassen.«
Folgt der DFB dem zur Beschlußfassung anstehenden »Quatsch« (Udo Lattek), wäre das für den Reformer Mayer-Vorfelder erst der »marginale Anfang«. Gravierenderes erscheint ihm unerläßlich: als »zweiter Schritt« die Herauslösung des bezahlten Fußballs aus dem Netz des Amateurklassen-Gewirrs; schließlich die Umwandlung einer deutlich geschrumpften Anzahl von Liga-Vereinen in Aktiengesellschaften.
Theoretisch ist das alles nicht mehr so neu, aber die Rigidität, mit der MV nun an den Wurzeln zerrt, wirkt denn doch alarmierend. Passe Opas althergebrachte Tabelle, das versöhnliche Unentschieden. »Pokalgesetze« sollen statt dessen herrschen und eine K.o.-Mentalität, die den Fan wieder zum Kochen bringt. »Nur der Sieger gilt noch was«, verkündet der Pragmatiker unbeirrbar - »den Zweiten kannste vergessen«; den wolle weder das Publikum noch die Industrie.
Ein bißchen irritierend, das aus dem Munde eines Mannes zu hören, der ja immerhin Kultur verwaltet. Doch Feinfühligkeit ist nicht Mayer-Vorfelders ausgeprägtester Charakterzug. Halten ihm Kritiker etwa entgegen, der zu erwartende Brutalo-Stil werde die Sicherheit in den Stadien weiter beeinträchtigen, ernten die nur ungläubiges Kopfschütteln. »Sollen sie doch gleich in einen Schachklub eintreten.«
Amateur-Geschwätz. Ein Erneuerer, der den Fußball aus der Krise führen will, muß auch Härte zeigen. Gewiß gibt es »ein paar Krawallschachteln«, aber da zu kuschen, käme dem Minister vor, »als ließe die Bundesregierung einen Weltwirtschaftsgipfel sausen, um einer Demo auszuweichen«. Eine Vorstellung, die er schon »aus Gründen des Ordnungspolitischen« abscheulich findet.
Denn Fußball - »Fußball als meine Lebensschule« - ist für Mayer-Vorfelder »natürlich ein Stück Gesellschaftsentwicklung«. Armes Deutschland, nachdem es nun schon so weit gekommen ist, daß der Klinsi hinfort nur noch in italienischen Strafräumen seine Tänze aufführt. Schlichtweg ein Kulturverlust.
Um den Massensport, dem die Massen den Rücken kehren, wiederaufzuhelfen, will der »Überzeugungstäter« (MV über MV) also alle Register ziehen. Etwas fahrig - und wann immer er über Grundsätzliches nachdenkt, ziemlich häufig - greift er in die zerknautschte Roth-Händle-Packung: »Das Spiel muß wieder in Ordnung gebracht werden«, sagt er entschlossen zwischen zwei tiefen Zügen.
Der Kultusminister erteilt sich so selbst, was er als einen Erziehungsauftrag empfindet. Und möge sich keiner in seiner Zählebigkeit täuschen. Wer in Stuttgart als »Herr über 100 000 Lehrer« täglich das Führen von Kleinkriegen eingeübt hat, läßt sich auch von Fußballfunktionären nicht unterpflügen.
Eine Frage des Selbstwertgefühls ist das kaum - »und was die Qualifikation anbelangt«, sagt er drohend, »traue ich mir sowohl das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten wie das des DFB-Chefs zu«. Die Crux scheint dabei bloß zu sein, daß der Macher, der sich freimütig als »wenig integrativ« bezeichnet, die obwaltenden Mehrheitsverhältnisse sträflich mißachtet.
Möglich, daß sich so am 9. Juni, wenn in Frankfurt der DFB-Beirat über die Beschlüsse des Ligaausschusses befindet, alles wieder in den alten Zustand zurückverwandelt. »Majoritäten«, wird Gerhard Mayer-Vorfelder dann ausrufen, »können irren« und anschließend weiterkämpfen. Denn »die Demokratie« ist zwar auch für ihn ein Wert, den man hochhalten muß - ein anderer aber und kein geringerer jeder Mensch, der um »die Sache« streitet.
»Ende der Fahnenstange« wäre für den Gesinnungstäter erst, wenn sich sogar die Profi-Vereinspräsidenten von ihm abwendeten. »Kommt es so, schmeiß ich's allerdings hin - i mach doch net den Hampelmann.«