Film Play it again, Woody!
Sally streicht sich mit der Hand über den Hals, sie seufzt und stöhnt und zuckt, schließlich schlägt sie wild um sich: »Ja! Ja!« Oh ja, sie kriegt ihren Orgasmus. Aber kein Kerl liegt auf ihr, sie hat beide Hände keusch auf der Tischplatte, grinst ihren Freund Harry nach getaner Arbeit fröhlich an und gabelt weiter in ihrem Chefsalat. Jede Frau könne ihm einen Orgasmus vortäuschen, das war ihre Kampfthese, und die hat sie ihm vor dem ganzen Restaurant so schlagend bewiesen, daß die Frau am Nebentisch »Für mich auch das, was sie hatte« bestellt.
Seit Wochen begeistert diese Szene die deutschen Zuschauer, obwohl sie eigentlich viel zu spektakulär ist für einen Film mit dem Allerweltstitel »Harry und Sally«. In den USA spielte er innerhalb der ersten drei Monate 85 Millionen Dollar ein und hielt sich zehn Wochen (länger als »Batman") unter den ersten Fünf in der Statistik des Branchenanzeigers Variety; 14 Millionen Zuschauer haben sich bis heute wiedererkannt. Selbst in der Bundesrepublik waren es bisher * Mit Meg Ryan und Billy Crystal. schon eine dreiviertel Million. Sie alle kommen wegen der notorischen Szene, aber auch, um einen der wenigen intelligenten Filme der Saison zu sehen.
Harry und Sally begegnen sich zum erstenmal 1977, als sie beide die Universität von Chicago verlassen und zusammen nach New York reisen, um dort ihr Glück zu machen. Dieses Glück muß aber anderswo liegen, denn die beiden können sich auf Anhieb nicht ausstehen. Sally (das All-American-Girl Meg Ryan) erwartet nämlich alles vom Leben, während Harry (Billy Crystal, der schwer darunter leidet, daß er wie Peter Kraus aussieht) als gläubiger Pessimist bei jedem Buch erst die letzte Seite aufschlägt, weil er ja sterben könnte, bevor er es ganz gelesen hat.
Er stirbt nicht, und Sally wird ordentlich vom Leben enttäuscht. Nach fünf, dann nach zehn Jahren treffen sie sich zufällig wieder. Harry ist politischer Berater geworden, Sally schreibt natürlich für ein Magazin. Beide sind so erfolgreich, daß man sie nie bei der Arbeit sieht. Wie alle New Yorker sind sie hauptberuflich mit sich und ihren Partnerschaftsproblemen beschäftigt.
Harry wird von seiner Frau verlassen, Sally verliert ihren langjährigen Freund; nur begreiflich, daß sich die beiden Liebesversehrten deshalb zusammentun. Harry wollte nie glauben, daß Mann und Frau befreundet sein können, ohne etwas miteinander zu haben, aber genau das versuchen sie jetzt. Sie gehen zusammen aus, halten sich über ihre Abenteuer auf dem laufenden und versuchen sogar, sich gegenseitig an andere zu verkuppeln. Ohne Erfolg. Der Zuschauer ahnt längst, warum: Die beiden sind füreinander bestimmt seit Anbeginn.
Sie, die heikle Sally, die Ingrid Bergman in »Casablanca« nur zu gut versteht, weil sie auch nicht in dem Kaff bei einem Typ geblieben wäre, »der nur eine Bar besitzt«, und er, der pragmatische Harry, den an der Liebe vor allem interessiert, wie lange er die Frau danach noch festhalten muß, 30 Sekunden oder etwa eine volle Nacht: Das sind die ganz normalen Stadtneurotiker der Endachtziger, denen kein Psychiater, sondern allenfalls Woody Allen helfen könnte.
Das ist kein Zufall, denn »Harry und Sally« ist eine tiefe Verbeugung vor Woody Allens Klassikern »Der Stadtneurotiker« und »Manhattan«. Wie beim großen Meister spielt die Stadt die Hauptrolle, bei jeder Gelegenheit erklingt der nostalgische Jazz der Dreißiger und Vierziger, und wie bei Woody ist das vollkommene irdische Glück bereits erreicht: Harry und Sally und Marie und Jess und all die anderen dürfen von morgens bis abends über sich und die Welt reden.
Rob Reiners Film ist bei all seiner Fröhlichkeit und trotz des lang angebahnten Happy-Ends tief melancholisch, also aus Herzensgrund wahr. Der Regisseur, Sohn des Komödianten Carl Reiner ("Tote tragen keine Karos"), war selber lange in Behandlung, weil er neben dem erfolgreichen Vater in Schwermut zu versinken drohte. In seinem fünften Spielfilm (nach der wunderbaren Kindergeschichte »Stand by me« und dem Fantasy-Stück »Die Braut des Prinzen") durfte er in »Harry und Sally« wieder seinem Hang zum Märchen-Schluß frönen. Daß es mit dem Alptraumpaar wirklich klappen könnte, das glaubt Reiner bestimmt selber nicht.
Doch mit Hilfe seiner Drehbuchautorin Nora Ephron ("Sodbrennen") hat er seinen verzweifelt Liebenden die witzigsten Dialoge in den Mund gelegt, die es heutzutage im Kino zu hören gibt.
Für Reiner ist das Thema romantische Liebe damit erst mal erschöpft. Als nächstes will er Stephen Kings »Misery« verfilmen. Thema: Krankenschwester zwingt ausgebrannten Schriftsteller mit Gewaltandrohung zum Schreiben. Bei soviel Liebe: Rette sich, wer kann.
Willi Winkler