Computerspiele Dicke Daumen
Die Fahrt war lang, die Abwechslung willkommen. »Ich hatte das Gerät kaum ausgepackt«, erinnert sich Horst Schäfer, »da war ich es auch schon los.«
Gestandene Mannsbilder, berichtet der Sozialpädagoge aus dem fränkischen Gunzenhausen, seien im Bus dem Spielfieber erlegen. »Ich wollte das Ding gar nicht wieder hergeben«, erzählt etwa Schäfers Sitznachbar Ewald Ziegler, CSU-Bürgermeister im benachbarten Heidenheim.
Nur wenige Tage nach der vergnüglichen Dienstfahrt mußte Schäfer das elektronische Spielzeug, genannt »Game Boy«, für längere Zeit hergeben: Seine Frau, »sonst eher reserviert bei solchen Sachen«, verkürzte sich damit einen Krankenhausaufenthalt.
Bei Kindern und Jugendlichen, weiß Schäfer von seiner Arbeit im örtlichen Jugendzentrum, steht der Game Boy des japanischen Spielelektronik-Herstellers Nintendo »ganz oben auf der Liste« der Weihnachtswünsche. Viele Erwachsene wollten so lange nicht warten. Im Zug oder im Flugzeug, in Büros und Warteräumen macht der handliche Computer bereits die Runde. Kaufhäuser und Spielwarengeschäfte melden reißenden Absatz, die Nintendo-Niederlassung im bayerischen Großostheim kommt mit dem Liefern kaum noch nach. »In dieser Woche«, frohlockt Marketing-Chef Hans Stahler, »wird das Lager leer.«
Das elektronische Spielzeug sieht kaum nach Computer aus, es ähnelt eher einem Taschenfernseher. Der tragbare Mini (im Sonderangebot ab 149 Mark) wird im kompakten High-Tech-Paket geliefert: *___In das Grundgerät, mit schwarzweißem LCD-Bildschirm und ____eingebautem Lautsprecher, sind fünf Steuerknöpfe ____eingelassen, die mit beiden Daumen bedient werden ____können. Betrieben wird das System wahlweise mit vier ____Mignon-Batterien oder per Netzteil. *___Mitgeliefert wird ein kleiner Stereo-Kopfhörer, damit ____die Umgebung des Spielers vom digitalen Gedudel ____verschont bleibt. *___Das sogenannte Dialog-Kabel dient dazu, jeweils zwei ____Geräte miteinander zu verbinden. So können die beiden ____Spieler per Datenleitung gegeneinander antreten. *___"Tetris«, das legendäre Bildschirm-Puzzle des ____sowjetischen Mathematikers Alexej Paschitnow, gehört ____ebenfalls zum Lieferumfang. Gespeichert ist der ____Computerspiel-Klassiker auf einem auswechselbaren ____Spielmodul, das an der Rückseite des Geräts ____eingeschoben wird.
Den Deutschland-Start des Game Boy hat sich die Firma, deren europäische Filiale in Großostheim erst im Juli eröffnet wurde, eine Menge kosten lassen. Angeschoben wurde das Weihnachtsgeschäft mit der bisher teuersten Werbekampagne für ein einzelnes Spielzeug. Volumen: 15 Millionen Mark.
Rund sechs Millionen Stück sind schon in Japan und in den USA verkauft, wo der Game Boy bereits seit vergangenem Jahr im Handel ist. Das Gerät, verkündete Nintendo-Präsident Hiroshi Yamauchi, werde auch den europäischen Markt für Elektronikspiele »kultivieren«. Yamauchi: »Die Zeit ist reif.«
Die Verkaufszahlen in der Bundesrepublik geben dem Nintendo-Chef recht, die vorsichtige Vorgabe - 400 000 Einheiten - ist längst erreicht.
Dabei dient die Software-Dreingabe Tetris gleichsam als »Einstiegsdroge«. Anfänger Ziegler: »Das hat mich überhaupt nicht mehr losgelassen.«
Die für den Jackentaschen-Computer erforderliche Software ist teurer, sie kostet rund 50 Mark pro Modul. 14 Spiele für den Game Boy sind im deutschen Handel erhältlich, 6 weitere Titel sollen Anfang des kommenden Jahres folgen.
Die Bildschirmqualität des Gerätes ist eher bescheiden, verglichen etwa mit »Lynx«, dem Konkurrenzprodukt des US-Herstellers Atari. Dessen Portable hat zwar einen LCD-Farbbildschirm, kostet aber auch fast 400 Mark in der Grundversion.
Der Game Boy, erst seit August auf dem deutschen Markt, kommt nicht nur beim computerbegeisterten Nachwuchs an. In den USA avancierte der handliche Spielcomputer, laut New York Times, sogar schon zum »Manager-Statussymbol«. Das neueste Nintendo-Programm zu beherrschen habe sich unter verspielten Führungskräften zur regelrechten »Obsession« entwickelt.
So absolviert etwa im Spiel »Super Mario Land« eine kleine Figur einen Hindernislauf durch eine Phantasiewelt voller Monster. Mit dem linken Daumen steuert der Spieler das Männchen über den Parcours, mit dem rechten läßt er es springen und schießen.
Über 40 Prozent der Game-Boy-Spieler sind laut Nintendo älter als 18 Jahre, 30 Prozent sind weiblich - Grund genug für das Unternehmen, sich verstärkt diesen neuen Zielgruppen zuzuwenden.
So will die US-Firma GameTek im Januar sogenannte InfoGenius-Module vorstellen, die das Nintendo-Gerät in einen Vielzweckcomputer verwandeln sollen. Als elektronisches Wörterbuch wird es dann ebenso geeignet sein wie als Dolmetscher, polyglotter Reiseführer und Gesundheitsratgeber. Vorgesehener Preis pro Modul: zwischen 20 und 30 Dollar.
Vor allem ein Problem haben die Programmierer dabei zu lösen: Das Gerät hat weder Zahlen- noch Buchstabentasten, per Daumendruck müssen die Auswahlmenüs auf dem Mini-Bildschirm angewählt werden.
Die Folgen sind absehbar, US-Ärzte haben sie schon bei computerbegeisterten Kindern gefunden: dicke Hornhaut am Daumen, verkrampfte Hand - Diagnose: »Nintendinitis«.