»Er hat ja noch so viele«
Allzuviel ist es nicht, was Saddam Hussein an seinem langjährigen Kriegsgegner und Nachbarn Iran schätzt. Aber eine Aktion der Ajatollahs, so vertraute der irakische Diktator vor Jahren dem PLO-Führer Jassir Arafat an, habe ihm doch mächtig imponiert.
Das war die Besetzung der US-Botschaft in Teheran mit anschließender Geiselnahme von 52 Amerikanern im Jahr 1979. Damals saßen die Botschaftsangehörigen 444 quälende Tage in der Gewalt fanatischer Mullahs. Hilflos und gedemütigt war die Supermacht USA den Kidnappern ausgeliefert.
Der Iraker scheint vom Feind gelernt zu haben: Menschenraub als Mittel zur Durchsetzung politischer oder militärischer Ziele - Saddam Hussein bedient sich dieses Mittels wie kein anderer Despot, um seinen Machtrausch auszukosten und sein Überleben zu sichern.
Als irakische Truppen in der Nacht zum 2. August das Ölemirat Kuweit überrannten, fielen Scharen von Ausländern in die Hände Saddams - die Schätzungen schwanken zwischen 8000 und 10 000, die größte Geiselnahme seit dem Zweiten Weltkrieg. Es waren westliche Spezialisten, die mit bestdotierten Verträgen die Hochkonjunktur der Kuweiter in Schwung hielten, ebenso wie Asiaten, die, minder bezahlt, den verwöhnten Einheimischen den Dreck wegräumten.
Unmittelbar nach dem Landraub, der die Golf-Araber ebenso unerwartet traf wie die Supermächte, war noch nicht abzusehen, daß für Tausende Ausländer ein mehrmonatiges Martyrium bevorstehen sollte.
Erste Hinweise, daß sich die Ausreise verzögern könnte, lieferte die von Saddam eilig eingesetzte kuweitische Marionettenregierung. Sie drohte, all jene Länder, die Boykottmaßnahmen gegen den Irak beschlössen, dürften »nicht von uns erwarten, daß wir edel handeln«.
Offenkundig hatte der Diktator das Schicksal der Ausländer in Kuweit und im Irak von Beginn an in seine Pläne einbezogen. In einem raffinierten Geiselbasar wollte er den zu erwartenden internationalen Druck auf sein Regime mildern, sich durch Entlassung einzelner als human darstellen und gleichzeitig zahlreiche Länder erpressen - eine ebenso teuflische wie erfolgversprechende Taktik.
Er selbst und seine Gefolgsleute nahmen das Wort Geisel nie in den Mund - aber auch die westlichen Regierungen, allen voran die USA, vermieden diesen Begriff in den ersten Wochen beharrlich.
Dieses Wort, beruhigte der irakische Außenminister Tarik Asis West wie Ost, sei ohnehin völlig verfehlt: »Geiseln wohnen nicht in Hotels, trinken kein Bier und genießen nicht ihr Leben.« Mittlerweile waren bereits Tausende Ausländer aus Kuweit nach Bagdad verschleppt und in großen Luxushotels der irakischen Metropole einquartiert worden.
Scheinheilig boten Saddams Vasallen ständig neue Begründungen feil, warum sich die Ausreise weiter verzögere. Der irakische Botschafter in Wien, Rahim Abid el-Kital, erklärte etwa, alle irakischen Behörden seien »derzeit vollauf damit beschäftigt, die US-Aushungerungskampagne gegen unser Land zu bekämpfen. Daher hat im Augenblick niemand Zeit, die nötigen Reisearrangements für die Ausländer zu treffen«.
Die letzte Hoffnung auf eine baldige Ausreise aller Festsitzenden machte, knapp drei Wochen nach der Okkupation Kuweits, ein Beschluß des irakischen Parlaments zunichte. Dessen Präsident Saadi Mahdi Salih kündigte an, ab sofort würden Staatsbürger feindlicher Länder »in mehreren lebenswichtigen Einrichtungen in Kuweit und im Irak« zusammengezogen.
Mit schier unüberbietbarer Häme erklärte er: »Das Volk des Irak hat beschlossen, Gastgeber der Bürger dieser aggressiven Nationen zu sein, solange der Irak von einem Angriffskrieg bedroht ist.«
Zivilisten, zum großen Teil aus Ländern, die am Konflikt nicht beteiligt sind, als lebende Schutzschilde: Soviel Menschenverachtung und Berechnung empörte die Welt. Englands Maggie Thatcher verlangte, Saddam als Kriegsverbrecher anzuklagen. Die Prawda - die UdSSR war lange Jahre Iraks engster Verbündeter und wichtigster Waffenlieferant - beklagte die »empörende Rechtsverletzung«. George Bush erklärte, »unschuldige Zivilisten als Schachfiguren« zu mißbrauchen verdiene »die Verachtung der ganzen Welt«.
Schließlich gab Bush die sprachliche Zurückhaltung auf: Vor Kriegsveteranen in Baltimore nahm er am 20. August erstmals offiziell das bis dahin gemiedene Wort in den Mund: »Wie immer man sie nennen mag, sie sind in Wirklichkeit Geiseln.«
Saddam Hussein, der die verschleppten Ausländer allen Ernstes »liebe Gäste« nannte, »die einen wichtigen Beitrag zum Weltfrieden leisten« (und die bislang wohl tatsächlich dazu beitrugen, einen Angriff auf sein Land zu verhindern), spielte weiterhin die Trumpfkarte Geisel aus.
Die westlichen Politikern oft planlos und willkürlich erscheinenden Freilassungen befahl der Diktator allesamt persönlich - nach Kriterien, die niemand zu definieren vermag. Denn Saddam Hussein, einerseits ein kühler Rechner und Stratege, entscheidet, wie ihm Nahestehende sagen, andererseits »oft aus dem Bauch, ohne Plan und Konzept«.
Bilder von glücklichen Ex-Geiseln nach der Heimkehr waren, so das Bagdader Kalkül, nicht nur gut für das Image des Landes, sondern sollten auch die Solidarität der Völkergemeinschaft gegen den düsteren Aggressor ins Wanken bringen.
Um seine diplomatische Isolation zu überwinden, ließ sich Saddam Ende August etwas Neues einfallen: Mit dem Versprechen, ihnen Landsleute auf den Rückweg mitzugeben, lockte er einen westlichen Politiker nach dem anderen an den Tigris.
Den Anfang machte Österreichs Bundespräsident Kurt Waldheim. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Saddam konnte erstmals seit seinem Einmarsch nach Kuweit einem westlichen Staatsmann die Hand schütteln. Der Österreicher wiederum brachte alle 95 festgehaltenen Landsleute mit nach Hause.
Wenige Wochen vor der Nationalratswahl hoffte Waldheim, als »Held und Retter« gefeiert, für sich und die konservative Österreichische Volkspartei (ÖVP) ein »leckeres Wahlkampfzuckerl«, so ein ÖVP-Wahlkampfhelfer, eingeheimst zu haben.
Doch die Rechnung, mit freigelassenen Geiseln Wählerstimmen zu ergattern, ging nicht auf, die ÖVP verlor haushoch.
Nach Waldheim standen die Besucher aus dem Westen dann Schlange: der schwarze US-Bürgerrechtskämpfer Jesse Jackson, der englische Ex-Premier Edward Heath, der japanische Ex-Regierungschef Yasuhiro Nakasone. Auch sie durften mit Geiseln abfliegen, nachdem sie der Diktator medienwirksam empfangen hatte.
Wonach er das jeweilige Geiselquantum bemaß, blieb ominös. Die Franzosen kamen alle frei, die Deutschen nur zum Teil, die Bulgaren wiederum alle, die Schweizer nur handverlesen - warum, wußte nur der große Basari zu Babylon.
Daß er mit dem Schicksal der verschleppten Ausländer »so ungeniert und eiskalt Politik« betreibt, sei bei seinem Charakter »wirklich keine Überraschung«, meinte ein kuweitischer Diplomat, der jetzt im saudischen Exil lebt.
Daß er dies »allerdings so geduldig und geschickt« betreibt, hätte der Kuweiter dem Tyrannen nicht zugetraut: »Das Schlimmste ist, daß er dieses Spiel mit den Geiseln noch monatelang weiter betreiben kann. Denn er hat ja noch so viele.«