Wie beim Schafkopfen - DER SPIEGEL
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MÜNCHEN Wie beim Schafkopfen

Münchner Wahlmarathon: Zwei Wochen lang zählten tausend Regierungsbeamte noch einmal die vertrackten Stimmzettel der Stadtratswahl. *
• aus DER SPIEGEL 16/1984
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Im Münchner Messegelände auf der Theresienhöhe ist immer was los: mal »Analytica«, mal »Electronica«, mal Igafa«, mal »Ikofa«, mal Modewoche, mal ein Kongreß der Zeugen Jehovas.

Ganz Ungewöhnliches spielte sich jedoch während der vergangenen zwei Wochen in Halle 16 ab. Ein Lastwagenkonvoi lieferte rund 1800 graue Plastickästen an, die unter Polizeischutz abgeladen und entleert wurden. Zum Vorschein kamen lauter postergroße Zettel aus billigem Papier, die gleichwohl so behutsam behandelt wurden wie altägyptisches Papyri.

So begann die letzte Etappe des Münchner Wahlmarathons, die nochmalige Auszählung und Auswertung der 530 000 Stimmzettel aus der Stadtratswahl vom 18. März. Ein Heer von fast tausend bayrischen Regierungsbeamten, die sorgfältig aus diversen Ressorts wie der Flurbereinigungsdirektion und der Finanzverwaltung oder den Landesämtern für Gewässerkunde und Gesundheitswesen rekrutiert worden waren, machten sich an die »rechtsaufsichtliche Überprüfung«.

Unter Ausschluß der Öffentlichkeit, streng abgeschirmt, wurde die »größte Wahlpanne, die es bisher gab« (Münchens »Abendzeitung") korrigiert. Beim ersten Zählen hatte es »bodenlose und haarsträubende Rechenfehler« (Münchens Kreisverwaltungsreferent Peter Gauweiler) gegeben. Damit fehlte die letzte Gewißheit, ob die Münchner SPD ihrem OB-Wahlgewinner Georg Kronawitter als mit der CSU gleichstarke Fraktion zur Seite stehen kann.

Städtische Bedienstete, vom Schlamassel des ersten Durchgangs belastet, durften zwar bei den Reparaturarbeiten behilflich sein, doch die federführenden Staatsdiener achteten peinlich darauf, daß die kommunalen Helfer an keinem der 155 Zähltische in der Messehalle eine Zähler-Mehrheit oder gar einen »Tischvorsitzenden« stellten. Hallenzutritt erhielten überhaupt nur Personen mit Spezialausweisen. Nach Dienstschluß wurde das Gebäude mit den grauen Urnen durch Polizeistreifen gesichert.

So fälschungssicher und zeitaufwendig die Prozedur abgewickelt wurde - auch die speziell eingewiesene Regierungstruppe

hatte ihr Kreuz mit den vertrackten Stimmzetteln und dem komplizierten bayrischen Kommunalwahlsystem, das offenbar noch nie so streng beachtet wurde wie nach der März-Wahl an der Isar, ging's doch um ein »Zielphoto« (Gauweiler) für die nach der Mandatsverteilung gleichstarken Großparteien (CSU und SPD je 35 Sitze; die Grünen 6, FDP 4). »Das ist«, so ein Regierungsbeamter, »wie beim Schafkopfen, wenn's knapp ausgeht: lieber die Augen zweimal oder dreimal nachzählen.«

Strittige Zähl-Fragen kamen in der Messehalle sogleich auf einen eigens eingerichteten »Schiedsrichter-Tisch« unter dem Vorsitz des Kommunalrechts-Referenten Gerhard Geyer von der oberbayrischen Bezirksregierung. Selbst Kamerad Computer mußte immer wieder kontrolliert werden, obschon er für seine Schwachstelle, die Dateneingabe, gar nicht verantwortlich ist. Eintipp-Fehler aber können nur im mühseligen Vergleich mit den handschriftlichen Auswertungen, beispielsweise Stimmbezirks-Meldungen, korrigiert werden.

Erst am Donnerstag vergangener Woche bescherte die Elektronik den Münchnern die Auflösung des Wahlkrimis - eine winzige und für die Sitzverteilung völlig belanglose Korrektur hinter dem Komma bei der CSU: Sie steht nun, mit einem Zehntelpunkt weniger, bei 42,4 Prozent der Stimmen - an der Sitzverteilung ändert sich nichts. Bis das vorläufige Endergebnis freilich amtlich gültig und vor Anfechtungen sicher wird, werden die grauen Urnen vorsichtshalber im Wahldepot des Kreisverwaltungsreferats verstaut; samt Inhalt, versteht sich.

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