»Wir befanden uns im absoluten Wurstkessel« - DER SPIEGEL
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»Wir befanden uns im absoluten Wurstkessel«

Die Skagerrakschlacht und die deutsch-britische Flottenrivalität - ein Lehrstück des Wettrüstens / Von Wilhelm Bittorf _____« Je mehr Deutsche auf das Wasser hinaus kommen, desto » _____« besser für uns. Wilhelm II. » *
Von Wilhelm Bittorf
• aus DER SPIEGEL 23/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die norwegische Dreimastbark »Telemark«, Heimathafen Bergen, lag nordwestlich der Jütlandbank mit schlaffen Segeln in einer Flaute. Die Männer an Bord warteten auf die Wiederkehr der Brise, die bis gegen halb vier Uhr nachmittags über das ruhige, von diffusem Licht überzogene Meer gestrichen war. Man schrieb den 31. Mai 1916. Es war einer von den seltenen, seltsamen Tagen, an denen die rauhe Nordsee den Atem anhält und unter hellen Dunstschleiern sanftmütig zu meditieren scheint.

Vereinzelte dumpfe Schläge zerrissen plötzlich die Stille. Dann, kurz vor vier Uhr, brach bei heiterem Himmel ein ungeheures Donnergrollen los. Von Norden her rollte es ohne Pause über die erschrockenen Norweger hinweg, die mit ihrer Bark in aller Unschuld und noch ohne Dampfkraft Fracht aus Holland in ihre Heimat bringen wollten.

Ein Gewitter grünroter Blitze schob sich über die Kimm, vermengt mit gewaltig sich blähenden Qualmwolken und riesigen gischtweißen Wassersäulen, die jäh in die Höhe sprangen, sekundenlang stehenblieben und langsam in sich zusammensanken.

Für Augenblicke, ehe sie wieder von Pulverdampf, Explosionswolken und stürzenden Wassermassen verschluckt wurden, tauchten nun Kriegsschiffe mit hochgereckten Geschützrohren aus dem selbsterzeugten Chaos auf - zwei Kolonnen von je fünf und sechs Kriegsschiffen, die im Abstand von 15 Kilometern parallel nach Süden dampften und mit ihren schweren Kalibern Salve auf Salve auf die Gegnerkolonne abfeuerten.

Auf ihrem bewegungslosen Segler, unfähig zu entkommen, sahen die Männer auf der »Telemark« die Ungetüme mit schäumenden Bugwellen rasch näherkommen. Die Bark geriet zwischen die feuerspeienden Linien und driftete mit vollem Tuch durch das Inferno wie ein verirrter Geist aus einer anderen Welt.

Sechs dunkelgraue Schlachtkreuzer der britischen Royal Navy passierten die »Telemark« im Westen ("Man kann sich die Gefühle der Besatzung vorstellen, als Salve auf Salve über sie hinwegfegte«, schrieb ein englischer Torpedo-Offizier später mitfühlend über die Norweger). Im Osten stürmten die fünf hellgrauen, zwischen 21000 und 31000 Tonnen großen Schiffe des Schlachtkreuzer-Geschwaders der deutschen Kaiserlichen Marine vorüber wie eine todbringende »Herde vorsintflutlicher Elefanten« (so sah es der deutsche Matrose Richard Stumpf).

Und das war nur die Vorhut der beiden gigantischen Flotten, deren Hauptmacht, noch unsichtbar hinter dem Horizont, von Norden und Süden heranrückte: 28 Schlachtschiffe allein auf englischer Seite; 22 Schlacht- und Linienschiffe auf deutscher - die leichten Kreuzer und die begleitenden Schwärme von Zerstörern und Torpedobooten gar nicht gerechnet.

Eine »Grand Fleet« mit insgesamt mehr als einer Million Tonnen Wasserverdrängung bot Großbritannien auf. Dagegen stand die »Hochseeflotte« des deutschen Kaiserreichs mit über 600000 Tonnen Gesamtgewicht - ein nicht unbeträchtlicher Teil des Nationalvermögens der beiden Völker, die sie bezahlen mußten, war in diesen schwimmenden Festungen angelegt.

105000 Männer, von den Admiralen bis zu den Heizern, befanden sich auf den Schiffen der gegeneinanderlaufenden Geschwader, steckten in den gepanzerten Kommandoständen, Geschütztürmen, Kasematten, Munitions- und Kohlebunkern, Kesselräumen - 60000 auf britischer Seite, 45000 auf deutscher.

8648 von ihnen sollten die nächsten elf Stunden nicht überleben. Denn was an jenem Nachmittag vor dem »Skagerrak« genannten Meeresarm der Nordsee in der Höhe von Nordjütland begann, war die größte Seeschlacht aller Zeiten. »Skagerrakschlacht« heißt sie bei den Deutschen, »Battle of Jutland« in der englischsprechenden Welt.

Nie zuvor und nie seitdem waren an einer maritimen Kriegsaktion so viele Mannschaften und Schiffe beteiligt (von denen etliche gar nicht zum Schuß kamen). Denn die Skagerrakschlacht war das Ergebnis und das Ende des ersten modernen Wettrüstens zwischen zwei rivalisierenden Nationen - eines für seine Zeit gigantischen Wettrüstens, das, wie der heutige Waffenkult, von Technologie-Gläubigkeit und Desinformation geprägt war und der »Friedenserhaltung« dienen sollte; eines Wettrüstens, das Deutschland und Großbritannien in einen kalten Krieg und in eine ruinöse Materialschlacht schon im Frieden verstrickte, lange bevor der heiße Krieg begann.

Wegen solcher Parallelen zur Gegenwart sind die »Battle of Jutland« vor 70 Jahren und mehr noch das deutsch-britische Flottenrüstungs-Duell vor 1914 nicht nur für die Historiker, die sie erforschen, brennend aktuell geworden. »Der machtpolitisch-technisch-ökonomisch-massenpsychologische Teufelskreis läßt sich nirgends so deutlich studieren wie am letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Geheimnisse heute alle offenliegen«, sagt Michael Salewski, Historiker an der Universität Kiel und Autor einer Monographie über Alfred von Tirpitz, Flottenbauer Kaiser Wilhelms II., Promoter deutscher See- und Weltmacht-Ambitionen und, wie sich zeigen wird, Erfinder der modernen Abschreckungstheorie und des Totrüstens.

Denn nicht mit Adolf Hitler, sondern mit dem preußischen Neptun Tirpitz und der Marinebegeisterung eines Volkes von Landratten begann der deutsche Weg ins Unheil.

»Die englische Flotte wurde geschlagen!« rief Kaiser Wilhelm aus, als er die von der Skagerrakschlacht heimgekehrten und mit Glockengeläut empfangenen Schiffe seiner »geliebten Marine« in Wilhelmshaven begrüßte, »ein neues Kapitel der Weltgeschichte ist von euch aufgeschlagen!«

So wünschte er es sich, der deutsche Enkel der meerbeherrschenden Queen Victoria. Aber die vor 1914 aufgehäuften Schiffsgeschwader waren nicht nur außerstande, den Frieden zwischen England und Deutschland zu sichern. Die beiden Riesenflotten, nach langem Zögern aufeinander losgelassen, vermochten es auch nicht, im direkten Kampf eine Entscheidung zu erzwingen und so den Kriegsverlauf mitzubestimmen. Der Zusammenprall der Stahlkolosse auf der Nordsee hatte keinen Sieger.

Die Grand Fleet, und darauf berief sich der Kaiser, hatte allerdings deutlich schwerere Verluste bei den Großkampfschiffen erlitten. Drei Schlachtkreuzer, Spitzenprodukte britischer Technologie,

waren unter dem Feuer der deutschen Herausforderer in die Luft geflogen und auseinandergeplatzt wie Pulverfässer. Dabei starben jedesmal über tausend Männer, in Stücke gerissen und zerquetscht, einen jähen Massentod, der für die voratomare Kriegsführung etwas erschreckend Neues war.

Sir David Beatty, der schneidige Chef der »battle cruisers«, behielt gleichwohl kühles Blut und eine steife Oberlippe in dem Gefecht mit den fünf kaiserlichen Schlachtkreuzern, das die Skagerrakschlacht eröffnete.

In dem Kommandostand auf seinem Flaggschiff »Lion« sprach Sir David, wenn es der Salvenlärm erlaubte, mit Captain Ernie Chatfield, einem Admiralstabsoffizier, gerade über den Verlust seines ersten Schiffes, der »Indefatigable«, bald nach Beginn des Artillerieduells. Nur 19 Minuten waren seitdem vergangen, da explodierte auch die direkt hinter dem Flaggschiff fahrende »Queen Mary« und verschwand in einer atompilzförmigen Qualmwolke.

Beatty starrte durch einen Sehschlitz achteraus, um »dieses grauenhafte Schauspiel« (Chatfield) zu beobachten. Dann wandte er sich wieder an seinen Gesprächspartner und erklärte ihm mit indigniertem Unterton: »Da stimmt doch heute was nicht mit unseren verdammten Schiffen, Chatfield!«

Dennoch änderten diese Verluste nichts an der Übermacht der Royal Navy. Und als gegen Abend die Hauptstreitkräfte beider Flotten auf der rauch- und dunstbedeckten Walstatt aufeinandertrafen, sahen sich die Deutschen unter Admiral Reinhard von Scheer von Sir John Jellicoes britischem Gros ausmanövriert; denn mehr durch Intuition als klaren Überblick, den auch er nicht hatte, war es Jellicoe gelungen, seine 13 Kilometer lange Schlachtschiffkolonne quer vor die Spitze von Scheers Linie zu ziehen wie den Querstrich des Buchstabens »T« vor den Längsstrich (im Marinejargon deshalb »crossing the T").

Das Resultat schilderte Franz von Hipper, Führer des kaiserlichen Schlachtkreuzer-Geschwaders (und Binnenländer aus Oberbayern), der die Grand Fleet als einer der ersten Deutschen zu Gesicht bekam: »Über den ganzen Horizont trat die feindliche Schlachtlinie aus dem Dunst und feuerte aus allen schweren Geschützen.«

Das hieß, des Kaisers Flotte war dabei, pfeilgerade ins konzentrische Feuer der gesamten englischen Linie hineinzufahren, ein Feuer, das sie selbst nur mit den vorderen Geschützen ihrer vorderen Schiffe erwidern konnte.

»Die Umrisse unseres Gegners wurden einen Augenblick klarer, und ich erkannte einwandfrei, daß uns Großkampfschiffe der allergrößten Sorte mit 38-cm-Geschützen gegenüberstanden«, berichtete Georg von Hase, Artillerieoffizier auf dem Schlachtkreuzer »Derfflinger«. »Wo man hinsah, blitzte es jetzt auf. Die Spitze unserer Flotte war halbkreisförmig von der feindlichen Flotte umgeben. Wir befanden uns im absoluten Wurstkessel!«

Für Admiral Scheer gab es, wollte er nicht mit 20 Knoten in die Hölle dampfen, keine Wahl. Er mußte mit seinen Schiffen auf der Hinterhand kehrtmachen und erst einmal abhauen. Auf sein Kommando hin drehten sich um 18.35 Uhr in der Tat sämtliche Panzerkolosse der deutschen Linie, mit dem Schlußschiff beginnend, nacheinander um 180 Grad und gingen auf Gegenkurs - die _(In der Wilhelmshavener Schleuse nach der ) _(Skagerrak-Schlacht; erkennbar liegt das ) _(Vorschiff tief im Wasser. )

vorher letzten jetzt vorneweg, die Vorhut hinterdrein. Nur durch diese »Gefechtskehrtwendung«, ein erstaunliches, aber halsbrecherisches Manöver, das die Briten überraschte, konnte Scheers Gros der tödlichen Falle noch entkommen.

Die Schlachtkreuzer Hippers freilich, die vorausgefahren waren und Scheers Gros obendrein durch einen selbstmörderischen Vorstoß gegen die britische Linie abschirmen mußten ("Schlachtkreuzer ran an den Feind, voll einsetzen«, lautete Scheers Funkbefehl an Hipper) - diese fünf besonders kampfstarken Schiffe der Hochseeflotte wurden von den 38-Zentimeter-Granaten der Royal Navy schrecklich zugerichtet.

Aber - sie flogen nicht in die Luft. Sie sanken sogar dann nicht, wenn sie zu wehrlosen Wracks zusammengeschossen waren. »Lützow«, Hippers Flaggschiff, blieb mit zertrümmerten Geschütztürmen und Maschinen qualmend liegen - der Befehlshaber war schon vorher, weil die Funkanlage in Stücke ging, auf ein anderes Schiff umgestiegen.

Stunden später, lange nach Mitternacht, schlich sich das deutsche Torpedoboot »G 38« zu dem zurückgelassenen, immer noch schwimmenden Schrotthaufen, um die Überlebenden zu bergen. Aber nicht alle: 40 Mann waren im Bauch der »Lützow« hinter verklemmten Schotten eingeschlossen. Sie hatten noch Sprechverbindung mit den anderen, doch niemand konnte sie befreien. Auf Befehl Hippers gab G 38 dem Wrack mit allen vier Torpedos, die das Boot noch hatte, den Rest.

Schlachtkreuzer »Seydlitz«, fast so verwüstet wie »Lützow«, hatte noch einen Teil seiner Maschinenkraft und lahmte mit unter Wasser stehendem Vorschiff, das immer tiefer sank, nach Wilhelmshaven zurück. »Moltke« und »Derfflinger« trugen scheunentorgroße Löcher in Aufbauten und Kasematten davon. Auch »Von der Tann« (nach einem bayrischen Feldherrn benannt) büßte alle schweren Geschütztürme - und deren Mannschaften - durch Volltreffer ein, hatte Brände in mehreren Stationen, bekam Lecks geschlagen, doch fuhr hartnäckig weiter.

Diese Standfestigkeit der deutschen Schiffe wurde ihr eigentliches Ruhmeszeichen bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. Aber maritime Nehmerqualitäten halfen schon vor Jütland nicht weiter.

Daß Scheer mit seiner Hauptstreitmacht noch zwei Gefechtswenden vollführen mußte, um der britischen Umklammerung zu entgehen, zeigt allein schon, in welcher Bedrängnis er war. Die einbrechende Dunkelheit und Scheers nächtlicher Rückzug hinter die Minenfelder der Deutschen Bucht bewahrten die Hochseeflotte vor einem Desaster.

Die Engländer, Herren der Walstatt, verwünschten sich, weil es ihnen nicht geglückt war, den »Hunnen« (wie sie ihre deutschen Vettern gern titulierten) ein vernichtendes »Nordsee-Trafalgar« zu bereiten. Admiral Beatty: »Einer der traurigsten Tage meines Lebens.«

Die Deutschen, vom Kampfplatz geflüchtet, waren dagegen heilfroh, dem »absoluten Wurstkessel«, in den sie geraten waren, entronnen zu sein - und feierten das als Sieg. Aber der Traum von einer reellen »Siegchance« gegenüber der Grand Fleet war mit der Skagerrakschlacht ausgeträumt, das wußte auch Admiral Scheer.

»Es kann kein Zweifel bestehen, daß selbst der glücklichste Ausgang einer Hochseeschlacht England in diesem Kriege nicht zum Frieden zwingen wird«, meldete der deutsche Flottenchef seinem Kaiser als Fazit der unheimlichen Begegnung vor Jütland.

Doch anstelle der geplatzten Illusion verkaufte Scheer dem Herrscher gleich eine neue, nicht minder törichte: »Ein sieghaftes Ende des Krieges in absehbarer Zeit kann nur durch Niederringen des englischen Wirtschaftslebens erreicht werden, also durch Ansetzen des Unterseeboots gegen den englischen Handel.«

Von unter dem Wasser sollten einige Dutzend U-Boote nun vollbringen, wozu die 600000 Schiffstonnen der Überwasserflotte sich als unfähig und nutzlos erwiesen hatten, als totale und verhängnisvolle Fehlinvestition. Warum also waren sie gebaut worden? _____« Schwer ruhte der gepanzerte Leib des Kolosses, aus » _____« dessen Batterie-Pforten eine Reihe von » _____« 21-Zentimeter-Kanonen drohend blickten, auf dem Wasser. » _____« Als wir neben ihm geankert hatten, bestaunte ich » _____« sprachlos dieses gewaltige, uns weit überragende » _____« Schiff... Was das wohl für eine Freude wäre, war mein » _____« Gedanke, ein solches Schiff kommandieren zu können! »

Friedrich Wilhelm Viktor Albert, Prinz von Preußen, in der Familie »Fritz« gerufen, war zehn Jahre alt, als ihn der Anblick eines Kriegsschiffs so überwältigte, daß er das Erlebnis noch als alter Mann in seinen Memoiren gefühlvoll ausmalte. Ein »shiplover« (sein Wort) war geboren. 1888 wurde Fritz

29jährig als Wilhelm II. deutscher Kaiser und bekam eine ganze Flotte.

Allerdings eine bescheidene; denn die 1871 zusammen mit dem Reich gegründete Reichsmarine, aus der kleinen preußisch-norddeutschen Flotte hervorgegangen, sollte sich nach dem Willen des erdverwachsenen Schollenmenschen Bismarck auf Küstenschutz und Flaggezeigen beschränken. Dafür, und um den Eingeborenen auf Sansibar oder Samoa zu imponieren, genügten Kreuzer und Kanonenboote. Die bewaffnete Macht der vereinigten Deutschen sollte auch künftig auf dem Land liegen.

Der junge Kaiser dagegen, von der bewunderten und beneideten Seemacht Englands inspiriert, träumte und schwärmte mit Inbrunst von »deutscher Seegeltung«. Wenn er nicht bei seinen blauen Jungs weilen, mit seiner Yacht »Hohenzollern« umherfahren oder bei Flottenmanövern zuschauen konnte, kritzelte Seine Majestät mit beträchtlicher Fingerfertigkeit Skizzen von Kriegsschiffen - vorhandenen englischen und ersehnten deutschen - auf Briefbögen, Akten und Telegrammformulare.

»Allerhöchste Marinepassion« nannte man das bei Hofe, und eifersüchtig bemerkte Alfred Graf von Waldersee, der Generalstabschef des Heeres: »Das einzige wahre Interesse des Kaisers liegt bei der Marine.«

»Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser!« rief Wilhelm II. mit wachsendem Widerhall ins Land hinein. »Bitter not ist uns eine starke deutsche Flotte«, mahnte er und machte sich zum ersten Exponenten. Propagandisten und Sloganschmied eines »Navalismus«, der Rang und Prestige einer Nation nach der Menge und Qualität ihrer Kriegsschiffe bemaß und die Marine zum Statussymbol, zum Staatsheiligtum erhob.

Kein bedeutendes Industrieland jener Tage war frei von diesem Kult, oder unberührt von seinem Evangelium, das da hieß »Der Einfluß der Seemacht auf die Geschichte«, 1890 publiziert von dem amerikanischen Marinehistoriker Alfred Mahan. Er führte vor Augen, wie der Aufstieg und Niedergang von Weltreichen schon in der Vergangenheit auf den Wogen entschieden worden sei. In der transozeanisch-imperialen Zukunft gepanzerter Schiffe mit großen Kalibern und vielen Tausend Dampf-PS, so Mahan, habe sogar der stärkste Kontinentalstaat ohne »sea power« nichts mehr zu bestellen.

Wilhelm II. war begeistert von dem Werk. Er ließ es auf Marinekosten übersetzen und verteilen: Es schien wie für die Deutschen geschrieben.

Doch hinter der das Patriotenherz bewegenden Rhetorik des Kaisers herrschte Konfusion. Wie sollte die »starke Flotte« denn aussehen? Welchem Zweck sollte sie dienen? Wen sollte sie im Frieden beeindrucken, mit welchem Gegner im Ernstfall fertig werden?

Dem effektbewußten Monarchen ging es vor allem um die maritime Show, der er schon als Junge verfallen war, und beeindrucken wollte er in erster Linie seine lieben Deutschen, damit sie via Flotte noch stolzer werden auf sich und ihren Herrscher. Deshalb schwebten ihm viele Geschwader schwerer und leichter Kreuzer vor, die durch exotische Gewässer patrouillieren, in fernen Häfen Auslandsdeutsche besuchen und den Anschein erwecken, als hätten sie die nationalen Interessen weltweit fest im Griff.

Doch ein Admiral seiner Marine riß den Kaiser 1896 aus seinen eher harmlosen Phantasien ("Majestät, für eine große Auslandsflotte fehlen uns die Stützpunkte") und entwickelte ihm unter vier Augen eine Strategie, wie das Reich reale Weltmacht gewinnen könne statt nur die Illusion davon; denn Deutschland bleibe »im kommenden Jahrhundert« gar nichts übrig, als Weltmacht zu werden. Andernfalls werde »dem raschen Aufstieg (seit 1871) ein furchtbarer Niedergang folgen«.

Die Worte des Seeoffiziers waren so grimmig wie seine Miene. Mit seinem martialisch zweigezackten Backenbart und seinem Rundschädel, hart wie eine Kegelkugel, sah (der später geadelte)

Alfred Tirpitz aus Küstrin fast schon wie eine »Punch«-Karikatur borussischer Dickköpfigkeit aus. Und was dieser Tirpitz dem Kaiser sagte, hatte man in der kaiserlichen Marine noch nicht einmal zu denken gewagt.

Man dürfe, erklärte er, nicht länger der Erkenntnis ausweichen, daß das Reich nur von England bekommen könne, was es für seine Fortentwicklung brauche: die fehlenden Marinestützpunkte zum Beispiel und wirtschaftliche Einflußsphären für den deutschen Export und Rohstoffbedarf. Zugleich sei England der »zur Zeit gefährlichste Gegner auf See«. Deshalb dürfe sich die deutsche Marine nicht mit Kreuzern in Übersee verzetteln. Sie müsse den Hebel mitten in der grauen Nordsee direkt gegen das britische Mutterland ansetzen und ihre Kräfte darauf konzentrieren, schwere Kampfschiffe zu bauen, die als »Schlachtkörper zwischen Helgoland und der Themse stehen« können.

Dadurch, versprach Tirpitz seinem Souverän, würden die Deutschen eine »Stärkung unserer politischen Macht und Bedeutung gegen England« erreichen. Mit anderen Worten: Eine langfristig angelegte deutsche Hochrüstung gegen die britische Heimatflotte auf einer im Vergleich mit England ständig sich verstärkenden industriellen Basis werde das Inselreich am Ende erschöpfen und konzessionsbereit machen - und zwar ohne daß es zum Krieg kommt. Denn eine energisch ausgebaute deutsche Schlachtflotte werde schon bald stark genug sein, »England von einem Angriff abzuhalten«.

Später, im September 1899, in einem Gespräch mit Wilhelm II. in dessen Jagdhaus in Rominten/Ostpreußen, beschrieb Tirpitz noch deutlicher, wie das von ihm erhoffte Endresultat eines maritimen Wettrüstens mit England - der Historiker Hans Delbrück definierte es 1910 als »trockenen Krieg« - wohl aussehen werde: _____« England (wird) aus allgemein politischen Gründen und » _____« vom rein nüchternen Standpunkt des Geschäftsmannes aus » _____« jede Neigung, uns anzugreifen, verloren haben und » _____« infolgedessen Euer Majestät ein solches Maß an Seegeltung » _____« zugestehen und Euer Majestät ermöglichen, eine große » _____« überseeische Politik zu führen. »

So steht es in den Stichpunkten, die sich Tirpitz für seinen Romintener Vortrag hastig aufnotiert hatte. Sie und eine Fülle ähnlicher Spuren fanden sich in den Aktenbergen des kaiserlichen Reichs-Marine-Amts (RMA), die als geheimer Nachlaß aus imperialer Zeit nach 1945 von den Alliierten beschlagnahmt waren und von deutschen Historikern erst in den sechziger und siebziger Jahren durchforscht werden konnten.

Dabei deckten die jüngeren Geschichtswissenschaftler, allen voran Volker Berghahn, derzeit Professor an der britischen Universität Warwick, unwiderlegliche Beweise für etwas auf, das die älteren Historiker dieses Landes meist entrüstet bestritten haben: Beweise, daß es ein vorbedachtes, von Wilhelm II. gutgeheißenes Komplott gab, Großbritannien durch Hochrüstung zur See zunächst zu neutralisieren - das heißt, es davon abzuschrecken, im Bund mit anderen Mächten, geschweige denn allein, gegen Deutschland Krieg zu führen - und es schließlich durch den Druck übermächtiger deutscher »sea power« in der Nordsee aus seiner Vorherrschaft auf den Meeren zu verdrängen.

»Tirpitz-Plan« nennt Volker Berghahn dieses ungeheuerliche Projekt. Das klingt, nicht zu unrecht, nach einem »masterplan« zur Welteroberung, den sich ein verrücktes Genie in einem utopischen Roman von H. G. Wells ausgedacht hat, ein »mastermind«, dessen Wille ein ganzes Volk, dem das gar nicht bewußt wird, in eben den »furchtbaren Niedergang« lenkt, den er mit seinen Machinationen abwenden wollte.

Tatsächlich nannte man Tirpitz, den »mastermind«, in der Marine den »Meister«. Obwohl er auf Photos zum Lachen altertümlich und fossil wirkt, war er, so Michael Salewski, »ein moderner Mensch... Sein Denken war immer nach vorne gerichtet«. Er begriff, daß Wirtschaftskräfte und Sozialkonflikte der Industriegesellschaft künftig über das Geschick von Staaten und Monarchien entscheiden. Er betrachtete die stolze Flotte, die er baute, als Instrument der deutschen Wirtschaftsinteressen.

Sogar seinen Plan und den politischen Zweck der Rüstung gegen England verglich er manchmal mit den Bewegungsgesetzen des modernen Kapitalismus, so wie er sie verstand: _____« Wirtschaftliche Rivalen pflegen, wenn sie erst » _____« beiderseits merken, daß sie den anderen nicht » _____« unterkriegen können, sich zu einem Trust » _____« zusammenzuschließen, wie erbittert auch vorher ihr Ringen » _____« gewesen sein mag. Aber damit ein Trust entstehen kann, » _____« müssen eben beide Teile einigermaßen » _____« gleich an Macht dastehen; sonst sucht die ältere und » _____« stärkere Firma die neuaufstrebende rechtzeitig zu » _____« erwürgen. »

Der Vergleich, den Tirpitz oft und öffentlich benutzte, sollte das Flottenprojekt als eine harmlos-vernünftige Geschäftspraxis erscheinen lassen: als eine gesunde Investition, mit der sich die aufstrebende Firma Deutschland für die Altfirma England interessant macht als Partnerin im Weltherrschaftsbusiness. Eine dräuende Schlachtflotte verleihe dem Reich »Bündniswert«, es werde dadurch »bündnisfähig« für das nämliche Großbritannien, gegen das sich diese Flotte richtete.

Kaum eine Sottise nach dem Muster »aufrüsten, um abzurüsten«, kaum ein Verschleierungs- und Beschwichtigungsspruch heutiger Politiker und Militärs den nicht schon der »moderne Mensch« Tirpitz und sein Kaiser geklopft hätten - letzterer mit so viel warmer Emotion, wie sie selbst einem Ronald Reagan nicht immer zu Gebote steht. »Es ist mir eine heilige Sache um den Frieden des deutschen Volkes«, beteuerte der Kaiser in einer Thronrede, in der er gleich danach nach verstärkter »Schutzwehr gegen ungerechte Angriffe« rief.

»Den Frieden zu erhalten vermag nur eine starke Schlachtflotte«, sekundierte Tirpitz. Und wieder Seine Majestät: »Freudig tragen wir die Lasten unserer Rüstung, denn wir wissen, daß wir den Frieden, in dem allein unsere Arbeiter gedeihen können, erhalten müssen.«

Doch ein Feind mußte her, der diesen Frieden gefährdet. Angst war nötig, ohne die das freudige Tragen von Rüstungslasten nicht funktioniert, und ein Bedrohungsgemälde, das die offensive Seerüstung vor dem Volk defensiv rechtfertigte. Dazu aber genügte ein England nicht, das dem deutschen Expansionsdrang nur passiv und durch sein bloßes Vorhandensein im Weg stand; ein England, das in Wahrheit ruhig hinnahm, daß, wie sogar Tirpitz einräumte, »unsere Entfaltung auf dem breiten Rücken des britischen Freihandels und der britischen Weltherrschaft sich ... vollzog«.

Nie zuvor hatten Engländer und Deutsche in einem Krieg einander Leiden zugefügt - was nicht viele Völker Europas von sich sagen konnten. Doch der Tirpitz-Plan erforderte, daß die Deutschen schleunigst Mißtrauen und Feindseligkeit verspürten gegen ein perfides Albion, das die Erfolge deutscher Tüchtigkeit mit scheelem Handelsneid beäugt und tückisch darauf sinnt, den Konkurrenten zu Fall zu bringen, ihn zurückzustoßen in die Bedeutungslosigkeit, ihm »die Zukunft« abzuschneiden »wie mit einem Messer« (Tirpitz).

Wobei die Methoden, den Deutschen angst zu machen, damit sie gefährliche Dinge schlucken, bis heute gleichgeblieben sind: Franz Josef Strauß schreckt seine Landsleute mit der Behauptung, die Bundesrepublik scheide »aus der Reihe der Industriestaaten aus«, wenn sie nicht bei der Kernkraft bleibe.

Tirpitz munitionierte seine propagandistischen Gehilfen mit der Gruselvision, das Reich werde »auf den Stand eines armen Ackerbaulandes zurücksinken«, wenn es die Schlachtflotte nicht baue und ständig vergrößere. Denn in der Tirpitzschen Abschreckungsmythologie hinderte auf Dauer einzig des Kaisers Flotte das von Mißgunst zerfressene Britentum daran, den deutschen Industrie-Export zu blockieren und aus der wilhelminischen Wohlstandswanne den Stöpsel herauszuziehen.

Die selbsterzeugte Angst vor der »Piratennation« (Tirpitz über England) steigerte sich zu der Paranoia, die Royal

Navy könnte die noch nicht ausreichend ausgebaute Kaiserliche Marine aus heiterem Himmel in ihren Häfen überfallen, um die Konkurrentin, wie es dem »Meister« schwante, noch »rechtzeitig zu erwürgen«, also präventiv zusammenzuschießen.

Jahrelang geisterte dieses Schreckgespenst am Anfang des Jahrhunderts als »Kopenhagen-Komplex« durch die Marine und das patriotische Publikum; denn die Verbreiter dieser Erstschlagsfurcht trauten den Vettern jenseits der Nordsee inzwischen jede Schandtat zu und beriefen sich darauf, die Navy habe dergleichen schon früher verbrochen. 1807 war die Navy überraschend in den Hafen von Kopenhagen eingedrungen und hatte die dort liegenden Schiffe der dänischen Flotte ohne vorherige Kriegserklärung zerstört und in Brand geschossen. Zudem nahmen die Engländer die intakt gebliebenen Schiffe im berüchtigten »Flottenraub« mit fort.

Großbritannien kämpfte damals gegen Napoleon und dessen Vorherrschaft über Europa, die das Ende auch der britischen Unabhängigkeit bedeutet hätte. In dieser Krise machte die Royal Navy präventiv Jagd auf alle Schiffe, die, wie die dänischen, unter französische Kontrolle kommen und für Napoleons Invasionspläne gegen England benutzt werden konnten. Doch diese kleinen historischen Unterschiede hinderten die deutschen Flottenfanatiker nicht daran, mit dem Kopenhagen-Komplex Bedrohungsängste zu schüren.

Und paradox genug: Erst diese Ängste, erst Tirpitzens These von der »Gefahrenzone«, die Deutschlands Schutzwehr zur See durchlaufen müsse, ehe sie stark genug sei, um auch den »seemächtigsten Gegner« (amtliche Umschreibung für England) von einem Präventivangriff abzuschrecken - dies erst brachte Britanniens Ersten Seelord John Fisher 1908 auf den Gedanken, ein neues Kopenhagen in Wilhelmshaven und Kiel sei wirklich machbar. Warum zitterten die Deutschen sonst so davor?

Aber als der Seelord diese Anregung zunächst seinem König, Edward VII., vortrug, von dem bekannt war, daß er die Deutschen und Kaiser »Willy«, seinen Neffen, nicht mochte, rief Edward, gleichwohl entrüstet aus: »Good God, Fisher, you must be mad!« (Gütiger Gott, Fisher, Sie müssen verrückt sein!)

Es wäre nicht schlecht für Deutschland gewesen, hätte Wilhelm II. Verstand genug besessen, seinem Tirpitz dieselbe Diagnose zu stellen. _____« Von Herren verschiedener Parteirichtungen bin ich » _____« gebeten worden ... an die » _____« Regierung die Bitte zu richten, angesichts der » _____« schlechten Konjunktur u. der ungünstigen Geschäftslage » _____« von Handel u. Industrie u. der damit zusammenhängenden » _____« Arbeitslosigkeit vieler Tausender von Arbeitern den ... » _____« Bau von Kriegsschiffen in möglichst beschleunigtem Tempo » _____« herbeizuführen ... »

Dies schrieb unter dem 3. Dezember 1901 Otto Fürst zu Salm, Präsident des »Deutschen Flottenvereins« an Alfred von Tirpitz. Der Fürst wandte sich auch direkt an den Kaiser, seinen Bekannten, um für noch höhere Flottenvorlagen Druck zu machen. Eine mächtige, allgegenwärtige Marinelobby trat in Aktion und bearbeitete Reichstagsabgeordnete und Journalisten. Prompt begann die vaterländische Presse zu rotieren und bewies anhand des gerade laufenden Burenkriegs, daß Deutschlands »Ebenbürtigkeit zur See« (eine beliebte Formel) in einer leider gar nicht friedlichen Welt nur noch dringender geworden sei.

So entfaltete sich im Ineinanderwirken von Marine- und Wirtschaftsinteressen, von Parteipolitik und Meinungsmanipulation im Kaiserreich erstmals ein Phänomen, von dem die meisten Zeitgenossen glauben, es sei erst im Schatten des Pentagons zu bizarrer Blüte gelangt - als »militärisch-industrieller Komplex«.

Schlachtschiffbau - das war erstmals Rüstung im großindustriellen Maßstab, mit enormem Kapitaleinsatz, auf dem höchsten Stand der jungen Technik, gar nicht zu vergleichen mit der Produktion von Gewehren und Haubitzen fürs Landheer. Berghahn: »Die Mehrzahl der großen Werften arbeitete nach der Jahrhundertwende in erster Linie für die Kriegsmarine.«

Nicht nur der Schiffbau- und Stahlindustrie, auch der Elektro- und Maschinenindustrie, den optischen Werken, den Zulieferern garantierte die Marine langfristige, lukrative Aufträge, sobald die erste Stufe des von Tirpitz konzipierten Flottenprogramms 1898 vom Reichstag verabschiedet war. Bald wurden die Neubauten vom technischen Fortschritt überholt, der immer neuere kostspieligere Konstruktionen erforderte. Das hieß Rüstung in Permanenz (oder bis zum Bankrott) - und das alles, vorerst wenigstens, ohne heißen Krieg.

Um so wichtiger war es, den Enthusiasmus deutscher Bürger für die Marine und das Vaterland auf ein Höchstmaß zu steigern. Unter Vorantritt des Kanonenkönigs Friedrich Alfred Krupp gründeten Industrielle 1898 den Flottenverein (dessen erster Sekretär, der Krupp-Vertraute Victor Schweinburg, allerdings bald gehen mußte, weil er freimütig verlauten ließ, der Verein sei »gar nicht wegen der Flotte, sondern zur Hebung der Schiffsindustrie geschaffen worden").

Mit einem Mitgliedermaximum von 1,1 Millionen einflußreichen Bürgern - Geschäftsleute, Professoren, Ärzte, Lehrer - und mit Ortsgruppen bis ins Allgäu hinein wuchs der Flottenverein sich zu einer bis heute kaum vergleichbaren PR- und Werbe-Organisation aus. Durch eine Flut von Worten, Bildern und Veranstaltungen brachte er es fertig, erdenschwere Schwaben, Bayern und Sachsen in fernwehkranke Schiffsnarren zu verwandeln, die darauf bestanden, ihre Kinder in Matrosenanzüge und »Kieler Kleidchen« zu stecken.

Vor allem aber erhob der Flottenverein die Marine des Kaisers zum Inbegriff der Reichseinheit und der von Barbarossa-Sagen verheißenen, allesbezwingenden Kraft, die den Deutschen aus dieser Einheit erwachsen sollte. Immer chauvinistischer predigten die Wortführer des Vereins die »Weltmission des Deutschtums«, die England gehässig zu durchkreuzen suche.

»Die Anglophobie«, kommentiert der Friedens- und Konfliktforscher Dieter Senghaas, »gehörte zum wilhelminischen Rüstungssystem so zwingend dazu wie der Antikommunismus zum militärisch-industriellen Komplex von heute.« Das war so trotz der deutschenglischen Verwandtschaft, der dynastischen Beziehungen, der Ähnlichkeit der Gesellschaftsform. Der Marine-Attache der britischen Botschaft in Berlin, Captain Dumas, in einem Bericht an seine Admiralität, August 1908: _____« Ich glaube, daß jeder Deutsche im Grunde seines » _____« Herzens die vergebliche und völlig überspannte Hoffnung » _____« hegt, ein glorreicher Tag werde kommen, da ... England » _____« die Seeherrschaft entrissen werden könne, und daß jeder » _____« Deutsche damit zum Mitglied der größten See- und » _____« Landmacht würde, die die Welt je gesehen hat. »

»Jeder Deutsche« war freilich sehr übertrieben. Die Agitation war gerade deshalb so schrill, weil sie die innere Opposition, besonders die Sozialdemokratie, niederschreien wollte. »Die Bestrebungen des Flottenvereins halte ich für unsinnig und friedensgefährlich«, warnte auch der Geheimrat Holstein vom Auswärtigen Amt, 1906 bereits.

Sogar Tirpitz, gallige Ironie, bekam Bauchgrimmen von dem sich blähenden Monster, das er selber entfesselt hatte, und beklagte das »Poltern gegen England«. Er fürchtete, es könnte den Briten zu früh sein Endziel verraten - daß er sie nämlich niederzurüsten gedenkt.

Oft wünschte er sich, es möchten zwischen Kaiser- und Inselreich »halkyonische Stille« und Freundlichkeit herrschen - bis die geplanten 60 deutschen Großkampfschiffe fertig sind (was nach seinem Konzept zwischen 1917 und 1920 der Fall sein sollte). Doch diese Hoffnung, er könne die Engländer über seine wahren Absichten hinwegtäuschen, war nur eines der tödlich naiven Hirngespinste, denen der Mann, den sie den »Bismarck Wilhelms II.« nannten, mehr und mehr erlag.

Im Reichs-Marine-Amt saß der Admiral (ab 1911 Großadmiral) von Tirpitz im Mittelpunkt seines brisanten Rüstungskonglomerats aus Wirtschaft, Politik und »Flottenbewegung«. Das Amt war faktisch ein selbständiges Marineministerium neben dem Kriegsministerium, das sich mit dem Heer befaßte. Als Chef des RMA seit 1897 hatte der Träger des originalen, selbstgestylten »Tirpitzbarts« die kritische Mission zu erfüllen, seine und des Kaisers Flottenpolitik vor dem Reichstag zu vertreten.

Dieses Parlament durfte zwar nicht durch ein Kabinett aus seiner Mitte regieren wie das englische - in Berlin tat das der Kaiser durch den von ihm berufenen Reichskanzler. Aber die 397 Abgeordneten des Reichstags wurden nach freiem und gleichem Wahlrecht von allen Männern des Landes gewählt und hatten das Bewilligungsrecht für den Reichsetat, also auch für die Flottenpläne.

Das retrospektive Deja-vu, das der Gegenwartsmensch erlebt, wenn er auf das Wettrüsten damals zurückblickt, dieses Wiedererkennen heutiger Handlungen und Haltungen in der Vergangenheit wird noch beklemmender im Reichstag, wenn aus den Redeprotokollen die Wehrdebatten der Vorweltkriegsära hervorgeistern.

»Starke Rüstungen wirken friedenserhaltend, weil wegen dieser starken Rüstungen das Risiko eines Krieges für alle Staaten zu groß ist. Darum ist eine starke Flotte nötig.« So sprach Ernst Bassermann, der Führer der Nationalliberalen.

»Ich warne vor den Locktönen Englands, das von Abrüstung nur redet, selbst aber unausgesetzt weiterrüstet!« So sah es Matthias Erzberger von der Zentrumspartei, einer Vorläuferin der CDU.

»Der Staatssekretär _(Staatssekretär war der Rang des ) _(Großadmirals als Mitglied der ) _(Reichsregierung. )

von Tirpitz ist der Mittelpunkt eines expansiven Ressortgeistes und einer finanziell und international explosiven Politik.« Diesen Vorwurf erhob Conrad Haußmann, ein Abgeordneter der liberalen Fortschrittspartei. Er erregte den heftigen Protest der Mehrheit des Hauses.

»Wir fordern eine Verständigung der Regierungen über den Umfang der Rüstung, da eine völlige Abrüstung in der gegenwärtigen Lage offenkundig eine Illusion ist. Das mächtige Deutschland sollte den ersten Schritt dazu tun ... (Denn) die Einschränkung des Wettrüstens ist erforderlich, weil das deutsche Volk sonst in der Rüstung erdrückt wird, und weil die Wirkungen eines Weltkrieges, der dadurch in gefahrdrohende Nähe gebracht wird, in Zukunft ... grauenvoll sein werden ...«

Prophetische Worte von Hugo Haase, einem führenden Sozialdemokraten. Denn es war ja nicht so, als habe es niemand im Reichstag besser gewußt. Als habe es an Warnungen und Menetekeln gemangelt. Als sei die Erkenntnis des Unheilskurses diplomatisches Geheimwissen geblieben, bis es zu spät _(Der Kaiser (l.) versteckt Ostereier für ) _(die Besatzung seiner Jacht ) _("Hohenzollern« (vor Korfu, 1912). )

war. Die SPD vor allem widersetzte sich dem Tirpitz-Programm von Anfang an, und sie begründete dies beileibe nicht nur mit pauschaler Imperialismus-Kritik.

Fesselnd zu lesen, wie August Bebel, der SPD-Vorsitzende, das verschleiernde Regierungsargument zerpflückte, die projektierten Kriegsschiffe seien zum Schutz der Handelsinteressen gedacht. Wozu dann eine Schlachtflotte in der Nordsee? Also »richtet unser Flottenbau sich offensichtlich gegen England«.

Wie aber wolle man mit einer Flotte gegen England den deutschen Seehandel beschützen, der sich ja ganz überwiegend mit dem britischen Empire und mit Nord- und Südamerika abspiele? Komme es nämlich zum Krieg mit dem britischen Mutterland, so Bebels Pointe, »was bleibt denn (dann) auf der ganzen Erdkugel von Deutschlands Ausfuhrhandel, der durch die Flotte geschützt werden soll, noch übrig?«

Die große Mehrheit des Reichstags aber, von ihrem vermeintlichen Patriotismus narkotisiert, blieb taub gegen Zweifel und blind für die dem Tirpitz-Plan innewohnende Wahnidee, man könne gegen England anrüsten, bis es den Deutschen friedlich Platz macht, respektive »bis die fortschreitende Festigung unserer Seemacht die Engländer veranlaßt, uns friedlich Luft zu geben«, wie es der Meister selbst in seinen Memoiren umschrieb.

Im August 1908 trafen Edward VII. von England und Wilhelm II. sich auf Schloß Cronberg im Taunus. Beide waren besorgt darüber, wie drastisch sich die britisch-deutschen Beziehungen seit einigen Jahren verschlechtert hatten. Die Engländer gaben dem deutschen Flottenehrgeiz die Schuld und dachten an ein maritimes Rüstungskontrollabkommen zwischen beiden Staaten.

In einem Gespräch mit dem Kaiser versuchte Sir Charles Hardinge, der diplomatische Begleiter des Königs, den Londoner Standpunkt zu verdeutlichen. Wilhelm schrieb anschließend ein Gedächtnisprotokoll des auf englisch geführten Dialogs, der wie folgt endete: _____« HARDINGE: Unsere Admiralität ist der Meinung, die » _____« deutsche Schlachtflotte werde der englischen schon 1912 » _____« an Stärke gleich oder sogar überlegen sein. » _____« WILHELM: Ihr (Zahlen)Material ist falsch. Ich ... » _____« verstehe das besser als Sie, der ein Zivilist ist und » _____« davon nichts versteht. » _____« HARDINGE: Aber ein Abkommen müßte doch getroffen » _____« werden. You must stop or build slower. (Sie müssen » _____« aufhören oder langsamer bauen.) » _____« WILHELM: Then we shall fight, for it is a question of » _____« national honour and dignity. (Dann werden wir kämpfen, » _____« denn es ist eine Frage der nationalen Ehre und Würde.) »

Mit einer Höflichkeitsfloskel brach Sir Charles das Gespräch ab. Der aufbrausende Kaiser, soviel war klar, wollte kein Abkommen, das ihn auf eine gegenüber der Navy deutlich kleinere Marine festlegt.

Längst war Wilhelm II. zum Gefangenen des Tirpitz-Plans geworden, obwohl und weil schon 1908 alle Annahmen und Berechnungen des Meisters über den Haufen geworfen waren und die Reichsleitung außen wie innen vor einem Fiasko stand. Denn London hatte Gegenmaßnahmen ergriffen, die im Weltmachtkonzept des Reichs-Marine-Amts nicht vorgesehen waren.

1904 beendete Großbritannien seine alte Rivalität mit Frankreich und kam mit Paris zu »herzlichem Einvernehmen« ("Entente cordiale"). 1907 verständigte es sich mit Rußland, das sich seinerseits schon mit Frankreich verständigt hatte: Die »Triple-Entente« stand, Deutschland war eingekreist und auch zur See in üblerer Lage als zuvor.

Tirpitz, der umgekehrt England isoliert sehen wollte und deshalb auf ein deutsches Arrangement mit Rußland, vielleicht sogar mit Frankreich gehofft hatte, begriff, wie »ungünstig« die Dinge liefen, schob die Schuld aber auf die deutschen Diplomaten. »Für eine solche Situation werden wir nie eine ausreichende Flotte schaffen können«, schrieb er im Juli 1908 geheim an einen Vertrauten in der Marineführung - und gestand damit ein, daß sein Plan zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert war.

Auch die »Materialschlacht im Frieden« mit der Royal Navy ging verloren. Denn John Fisher (derselbe, den König Edward für »verrückt« zu halten sich genötigt sehen sollte), Erster Seelord seit 1904, stürzte sich mit »bulldoggengleicher Energie« (so die Londoner Presse) in den absurden Wettlauf der Stahlpanzer und Geschützrohre, der Zahlen und Daten.

Auf einen Schlag ließ der britische Anti-Tirpitz die Tonnage der bis dahin größten Schlachtschiffe nahezu verdoppeln - auf mehr als 20000 Tonnen. Statt zwei Doppeltürme ließ er fünf Doppeltürme mit zehn schweren Kanonen auf den Riesenrumpf des neuen Schiffstyps montieren und steigerte das Kaliber auf über 30 Zentimeter. Dampfturbinen statt Kolbendampfmaschinen erhöhten die Geschwindigkeit der neuen Ungetüme, deren erstes Exemplar den programmatischen Namen »Dreadnought« (Fürchtenichts) bekam.

Tirpitz hatte einen so frühen und formidablen Gegenzug nicht einkalkuliert und wurde von dem »Dreadnoughtsprung« völlig überrascht. Das mutwillig begonnene Spiel hatte kaum ernsthaft begonnen, da geriet es, bei verdoppelten Einsätzen, auch schon außer Kontrolle.

Aber ein Zurück war schon 1905 nicht mehr möglich. Die Reichsregierung mußte mitziehen, wenn sie nicht nach

außen und innen eine prestigevernichtende Niederlage einstecken wollte; denn psychologisch war der Krieg mit England schon in vollem Gang.

Und das erste, was explodierte, waren die Kosten. »Alle Geldbedarfspläne ... wurden Makulatur«, resümiert Michael Salewski in seiner Tirpitz-Monographie. Die Abgeordneten des Reichstags »standen schließlich nur noch vor der Frage, den Marine-Etat mangels Finanzmasse abzulehnen, oder aber ein Chaos in den Reichsfinanzen hinzunehmen«. Dennoch bewilligten 60 Prozent der frei gewählten Volksvertreter gehorsam immer weiter, was das Reichs-Marine-Amt von ihnen forderte. Denn, so der konservative Abgeordnete Ernst von Heydebrand: »Wenn wir den Flottenbau aufgeben, bedeutet das die Preisgabe unserer Entwicklung zur Weltmacht.«

Doch den deutschen Vaterländlern ging es ähnlich wie heute den von Ronald Reagan wilhelminisch aufgemöbelten Amerikanern: Trotz ihrer pyramidalen Rüstungsanstrengungen bezeugte ihnen die Außenwelt keineswegs den Respekt und die Ergebenheit, die sie erwarteten. Noch so viele Geschütztürme lösten keines der außenpolitischen Probleme, sondern verschlimmerten sie nur - von den wachsenden inneren Schwierigkeiten gar nicht zu reden.

Das machte die Patrioten aggressiv. Das trieb die bürgerliche »Schlesische Zeitung« 1911 zu der Frage: »Wozu die ungeheuren Steuerlasten für Heer und Marine ... wenn wir an solche internationale Verträge _(Gemeint waren die ) _(deutsch-französischen ) _(Vertragsverhandlungen über Marokko. )

von vornherein mit dem Entschlusse herantreten ''Friede um jeden Preis''!«

So stieg der Drang zu irrationalen Aktionen wie dem »Panthersprung nach Agadir« von 1911: Seiner Majestät Kanonenboot »Panther« wurde in den westafrikanischen Hafen geschickt, um gegenüber Frankreich und Großbritannien Deutschlands Ansprüche auf einen Teil Marokkos zu demonstrieren. »Endlich eine Tat!« jubelte die Patriotenpresse. Doch die Imponiergeste, Gipfel der Kontraproduktivität, vollendete nur den Ruin deutscher »Weltpolitik«.

Noch fabulierte Alfred von Tirpitz im Reichstag, der Frieden werde mit jedem neuen Schlachtschiff sicherer, ja, der Frieden sei schlechthin nur der Flotte zu danken. Ab 1915, beteuerte er, werde sie vollends ihre »wohltätige Wirkung entfalten« - was heißen sollte, England werde dann mit dem Einlenken, Beidrehen und Segelstreichen beginnen.

Im geheimen aber riet das Marinekabinett schon 1911 dem Kaiser, »diesen Krieg, der wohl auf die Dauer nicht zu vermeiden (sei), bis nach Fertigstellung des Kanals hinauszuschieben«. (Der »Kaiser-Wilhelm-Kanal« zwischen Nord- und Ostsee mußte, kaum fertiggestellt, unter enormem Aufwand erweitert werden, damit die auf »Dreadnought«-Format angeschwollenen Schlachtschiffe hineinpaßten.)

Die Abschreckung versagte: Aus dem kalten Krieg mit England brach 1914 der heiße Krieg hervor, der im Wettrüsten herangereift war. Jetzt zeigte sich, daß die gloriosen Großkampfschiffe beider Seiten für den Krieg, den sie herbeiführen halfen, vollkommen nutzlos waren. Denn von ihrem Abschreckeffekt war die Angst voreinander übriggeblieben, die Grand Fleet und Hochseeflotte in ihren Häfen hielt; die Angst vor der gegenseitigen Feuerkraft und einem verheerenden »Armageddon zur See«, das Lord Fisher prophezeit hatte.

Daß sie am Skagerrak dann doch zusammentrafen, geschah weniger aus Opfermut als aus Selbsterhaltungstrieb. Die Marineführer beider Seiten fürchteten nämlich, man werde ihnen künftig keine Schiffe mehr bewilligen, wenn sie dem steuerzahlenden Publikum nichts bieten. Tirpitz hatte schon im September 1914 gewarnt: »Die Marine (ist) meines Erachtens doch verloren, wenn wir nicht einigermaßen Taten aufzuweisen haben.« Sie nicht einzusetzen »wäre der Tod unserer Flotte nach dem Kriege«.

Aber der Kaiser hatte sich von seinem Flottenschöpfer abgewandt. Statt auf den Meister hörte er auf dessen Erzfeind, den Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der auf einen Verständigungsfrieden mit England hoffte.

Zwei Monate vor der Skagerrakschlacht kam Alfred von Tirpitz um seinen Abschied ein. »Er verläßt das sinkende Schiff«, schrieb der Kaiser auf das Gesuch.

Mit dem Kaiserreich versank die Kaiserliche Flotte. Die Bedingungen des Waffenstillstandes vom November 1918 forderten die sofortige Internierung der deutschen Hochseeflotte unter britischer Aufsicht. Mit Notbesatzungen liefen die grauen Kolosse, von britischen Schiffen bewacht, vorbei an der Nordspitze Jütlands und ankerten auf der Reede von Scapa Flow. Am 21. Juni 1919, kurz vor Unterzeichnung des Versailler Vertrags, öffneten die Mannschaften auf Befehl des kommandierenden Admirals Ludwig von Reuter die Flutventile.

Voran das neue Flottenflaggschiff »Baden«, erst nach der Skagerrakschlacht in Dienst gestellt, tauchten die Relikte des deutschen Weltmachttraums in die Wasser des nordischen Ankerplatzes - an der Pforte des ersehnten Ozeans, nach dem sich der deutsche Kaiser auch »Admiral des Atlantiks« nannte.

In der Wilhelmshavener Schleuse nach der Skagerrak-Schlacht;erkennbar liegt das Vorschiff tief im Wasser.Staatssekretär war der Rang des Großadmirals als Mitglied derReichsregierung.Der Kaiser (l.) versteckt Ostereier für die Besatzung seiner Jacht"Hohenzollern« (vor Korfu, 1912).Gemeint waren die deutsch-französischen Vertragsverhandlungen überMarokko.

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