TECHNIK Beton für den Sarg
Um zwölf Uhr mittags, am Montag letzter Woche, brach der Konvoi in Aichtal nahe Stuttgart auf: zwei riesige Fünfachser mit Spezialaufbauten, ein sowjetischer Sattelschlepper der Spedition »Sovtransavto« mit Zubehör sowie ein deutscher BMW mit zwei russischen Passagieren im Fond.
Die Transporter fuhren mit roten Nummernschildern und einer Sondergenehmigung des Landratsamts Esslingen, die wegen der Überbreite von 2,55 Metern und einem Übergewicht von fünfzig statt der zulässigen 38 Tonnen erforderlich war. Bei Helmstedt, an der deutsch-deutschen Grenze, stiegen die deutschen Fahrer aus. Die beiden Sowjets aus dem Pkw übernahmen die Großfahrzeuge für die Tour durch die DDR und Polen. Das Fahrtziel, eigentlich geheime Kommandosache, war leicht auszumachen: Tschernobyl in der Ukraine, wo am 26. April der Reaktor Nr. 4 im Kernkraftwerk »Lenin« durchgegangen war.
Auf die beiden von den Firmen Daimler-Benz und MAN gefertigten Spezial-Laster hatte die Maschinenfabrik Putzmeister GmbH in Aichtal gewaltige Betonspritzpumpen montiert. Spezialität des mittelständischen schwäbischen Unternehmens, das rund tausend Beschäftigte und Tochterfirmen in mehreren westlichen Ländern hat.
Am 5. Juni, 41 Tage nach Tschernobyl, hatte das Putzmeister-Werk von Moskau über die sowjetische Handelsmission in Köln den dringlichen Super- und Sonderauftrag bekommen: Bestellt wurden, für mehr als elf Millionen Mark, sieben Autobetonpumpen und drei großvolumige Anhängerbetonpumpen.
Sechs der Fahrzeuge, die alle bis September geliefert werden müssen, sind mit fünfteiligen schwenkbaren Verteilermasten ausgerüstet, die 52 Meter nach oben und fünfzig Meter zur Seite reichen. Putzmeister nennt sich »weltweit einziger Hersteller« für diese Größenordnung. Die Aggregate können bis zu 150 Kubikmeter Beton je Stunde hochpumpen, etwa um Lücken und Risse in Betonbauten zuzukleistern, in diesem Fall, um den Betonsarg für die Strahlenruine von Tschernobyl zu gießen.
Die von sowjetischer Seite gewünschte Sonderausstattung, so formuliert Putzmeister-Direktor Heinz Blikle behutsam, »spricht für sich":
▷ kompletter Strahlenschutz für Maschinen- und Führerhaus, das bei auf gesetzter Bleihutze nur über eine extra eingeschnittene Dachluke bestie gen werden kann,
▷ Fernbedienung über Funk- und Ka belsteuerung, die den Auf- und Ab bau der Pumpanlage auch aus einer Entfernung von 600 (über Kabel) bis 1000 Meter (über Funk) ermöglicht,
▷ zwei schwenkbare Videokameras, montiert am äußersten Arm der Großpumpe und auf einem Stütz bein, mit denen sich das plazieren des Betons und der Füllvorgang überwachen lassen.
Der Sowjet-Auftrag bescherte den schwäbischen Ingenieuren eine Reihe schwieriger Aufgaben - sie wurden, nachdem Grundig die Videoausrüstung und die Crailsheimer Firma HBC die Funkanlagen geliefert hatte, innerhalb von drei Wochen gelöst.
So lassen sich jetzt insgesamt 48 Funktionen der Autobetonpumpen auch aus der Ferne steuern. Für die Nahbedienung wurden statt eines Beifahrersitzes in der Fahrerkabine ein Monitor und ein Funkgerät installiert.
Die Führerhäuser der beiden letzte Woche ausgelieferten Fahrzeuge sind durch eine abnehmbare Bleihaube (Wandstärke: zehn Millimeter) vor Strahlung geschützt. Die Ummantelung wiegt fünf Tonnen, wodurch sich das Gewicht der Betonpumpenwagen auf fünfzig Tonnen erhöhte; eine fünfte Achse mußte angefügt werden.
Vier kleine, schießschartenartige Fenster ermöglichen dem Fahrer beim Einsatz begrenzte Sicht nach vorn und zur Seite. Dabei kann, so Blikle, »nur teure Bleiverglasung in Frage"«. Auch die empfindliche Video-Optik mußte vollständig mit Blei und Bleiglas verkapselt werden.
Fachlichen Rat für die Strahlenschutz-Vorrichtungen hatte sich die Firmenleitung beim Kernforschungszentrum in Karlsruhe geholt. Zu den Novitäten der Fahrzeuge gehört auch ein für Dauerbetrieb auf 700 Liter vergrößerter Tank; eine zentrale Fettschmierung des Betonverteilermastes sorgt dafür, daß die Maschine während des Dauereinsatzes nicht gewartet werden muß.
Die sowjetischen Auftraggeber hatten keine Ingenieure zur Abnahme nach Aichtal geschickt, und kein Putzmeister-Fachmann begleitete die ersten Fahrzeuge in die Sowjet-Union. Die russischen Fahrer bekamen lediglich ausführliche Betriebsanleitungen mit.