»Für einige mag ich der Buhmann sein«
SPIEGEL: Herr Graf, Ihre Tochter wird von den Medien nur gelobt, Sie hingegen werden immer heftiger kritisiert. Haben Sie Steffis Aufstieg zur Nummer eins im Welttennis nicht verkraftet?
GRAF: In gewisser Weise haben mich Steffis Erfolge schon überrascht, ich habe nicht damit gerechnet, daß sie so schnell die Nummer eins wird. Natürlich kommen auf mich jetzt Probleme zu, die ich so nicht erwartet habe. Ich werde zum Beispiel viel mehr in die Öffentlichkeit hineingezogen, als es mir lieb ist.
SPIEGEL: Dann halten Sie sich doch einfach mehr zurück.
GRAF: Genau da liegt aber paradoxerweise mit ein Grund für die Schlagzeilen. Sie wurden teilweise erfunden, weil ich seit Wochen kaum noch mit Journalisten gesprochen habe.
SPIEGEL: Weil Sie mit deren Kritik nicht einverstanden waren?
GRAF: Nein. Weil ich vieles, was in den letzten Wochen abgelaufen ist, für ein Kasperltheater halte und ich es einfach nicht nötig habe, mich ständig gegen irgendwelche Anschuldigungen zu verteidigen. Mit seriöser Kritik kann ich sehr wohl leben.
SPIEGEL: Haben Sie keine Angst, daß das positive Image Ihrer Tochter darunter leidet, wenn ihr Name mit negativen Schlagzeilen oder Berichten in Verbindung gebracht wird?
GRAF: Das ist der Punkt. Da wird Steffi vor wenigen Wochen Weltranglistenerste, erreicht das Finale der US Open und siegt beim Grand-Prix-Turnier in Hamburg. Und worüber wird geschrieben? Das Sportliche interessiert schon nicht mehr, interessant scheint nur das Umfeld zu sein. Ich persönlich kann damit leben, daß ich ständig angegriffen werde. Ich wünsche mir nur, daß darüber nicht vergessen wird, daß Steffi in diesem Jahr schon neun Turniere gewonnen und mitgeholfen hat, die Mannschaftsweltmeisterschaft erstmals für Deutschland zu gewinnen.
SPIEGEL: Warum dann bei Graf-Auftritten immer so ein geheimnisvolles Getue, als käme der US-Präsident?
GRAF: Es ist schon erstaunlich, welche überzogenen Vergleiche Sie ziehen. Sicher gibt es Unterschiede bei Turnieren in Deutschland und im Ausland, wo alles viel einfacher und problemloser geht. Aber nehmen Sie Hamburg. Da präsentierte das Hotel, in dem wir wohnen wollten, Tage vorher den Zeitungslesern in einer PR-Aktion die Zimmer. Deshalb haben wir das Hotel gewechselt, ich lasse mich nicht mißbrauchen.
SPIEGEL: Ihre Kritiker behaupten, Sie seien mit dem Management Ihrer Tochter überfordert.
GRAF: Es ist schon schwer, es allen recht machen zu wollen. Denken Sie doch an andere Spitzenspielerinnen, zum Beispiel Martina Navratilova. Sie umgibt sich auf allen Turnieren mit einem Clan von rund zehn Personen, angefangen vom Coach Dr. Renee Richards bis zum Zuspieler Crawford. Ist das etwa der richtige Weg? Aber um ehrlich zu sein: Ich mache mir schon hin und wieder Gedanken, ob ich jetzt nicht doch den einen oder anderen Berater benötige.
SPIEGEL: Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, daß Sie als ständiger Schatten einer Achtzehnjährigen ihre Entwicklung außerhalb des Tennisplatzes beeinträchtigen könnten?
GRAF: Konkrete Beispiele lassen die Frage hinfällig werden. In Hamburg blieb Steffi einen Tag länger, sah sich allein die Stadt an, bummelte abends mit Freunden durch Cafes, während des Turniers war ich vier Tage zu Hause in Brühl. Und bei Turnieren in den USA bestreitet sie die Vorbereitung allein mit Trainer Pavel Slozil, da reise ich meist erst am ersten Turniertag an. Glauben Sie uns, die Steffi ist schon sehr selbständig.
SPIEGEL: Laut Münchner »Abendzeitung« wollen Sie in Brühl eine »Festung« errichten, darin einen Tennisplatz, ein Haus und ein eigenes Wäldchen verstecken. Warum soll Ihre Tochter abgeschottet werden?
GRAF: Steffi hat sich von ihrem Preisgeld ein Grundstück gekauft und darauf einen Tennisplatz gebaut, um hier in der turnierfreien Zeit trainieren zu können. Das Grundstück ist mit einem Zaun umgeben und zum See hin mit einer Mauer abgegrenzt. Wenn Sie daraus entnehmen, daß Steffi wie eine Klosterschülerin aufwächst, kann ich nur lächeln.
SPIEGEL: Ist es nicht eher die Flucht vor dem Rummel, der in Deutschland um Ihre Tochter entstanden ist?
GRAF: Es wäre wohl überzogen, die Deutschen pauschal zu kritisieren. Ich gestehe aber, daß es für mich im Moment noch ungewohnt ist, mit der so
überraschenden Popularität fertig zu werden. Warum billigen Sie mir da nicht auch einen gewissen Lernprozeß zu?
SPIEGEL: Die Österreicherin Petra Huber hat zwar dementiert, Sie, wie eine Zeitung berichtete, auf wienerisch einen »Oasch« genannt zu haben, aber gleichzeitig erklärt, Sie könnten »nicht normal« sein.
GRAF: Wenn das eine Spielerin wie Petra Huber macht, die im Circuit als unbeliebt gilt, ist das für mich keine Äußerung von Belang. Und bei anderen Sticheleien ist das einfach auch Teil der Rivalität in diesem Geschäft.
SPIEGEL: Aber irgendwoher muß doch Ihr schlechter Ruf kommen?
GRAF: Der ist doch meist konstruiert, ist Teil eines provinziellen Denkens hierzulande, von dem wir wegkommen müssen. In Deutschland mag ich vielleicht für einige der Buhmann sein. Im Ausland aber, wo das Geschäft seriöser verfolgt wird, zählt der Erfolg. Da wird der große Einsatz, mit dem ich Steffi auf Rang eins gebracht habe und der früher belächelt wurde, heute voll und ganz respektiert.
SPIEGEL: Wie wichtig schätzen Sie denn Ihre Position ein?
GRAF: Meine einzige Aufgabe besteht darin, meine Tochter bestmöglich zu betreuen und zu beschützen. Das ist jetzt, da sie ganz oben steht, sicher vielschichtiger, als wenn sie die Nummer 35 wäre. Und sie ist für mich auch deshalb schwieriger, weil ich nicht nur Coach und Manager, sondern auch der Vater bin. Deshalb wird mein Handeln von den ganz normalen Empfindungen eines Vaters für seine Tochter bestimmt.
SPIEGEL: Deshalb führen Sie auch mit Jürgen Kilsch, dem Stiefvater von Steffis Rivalin Claudia Kohde-Kilsch, das, was »Bild« den »Krieg der Tennis-Väter« nennt?
GRAF: Ich habe meiner Tochter versprochen, mich zu diesem Thema nicht mehr zu äußern. Denn wir glauben, daß die Sache an sich es nicht wert ist, sich damit zu beschäftigen.
SPIEGEL: Die Vorwürfe sind aber happig: Sie wollten angeblich das Doppel Kohde/Sukova auseinanderbringen, hätten Kohdes Teilnahme an Schauturnieren verhindert, wollten Bettina Bunge Prämien für den Federation-Cup vorenthalten.
GRAF: Sie hören von mir zu diesem Thema nichts. Nur soviel: Ich habe nie Krieg geführt, und die Vorwürfe sind durch Belege, die die Betroffenen kennen, zu widerlegen. Es ist mir aber zu billig, sie zu präsentieren, nur weil Behauptungen aufgestellt werden.
SPIEGEL: Wird es das Doppel Steffi Graf/Claudia Kohde, das im Federation-Cup so spektakulär siegte, bei den Olympischen Spielen in Seoul geben?
GRAF: Steffi und Claudia sind erwachsene junge Frauen, die das selbst entscheiden sollten.