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RAUMFAHRT Gefühl der Schwere

Nach 326 Tagen im Weltall kehrte Kosmonaut Jurij Romanenko zurück - gut gelaunt, aber geschwächt. Die medizinischen Probleme des Langzeitfluges bleiben ungelöst. *
• aus DER SPIEGEL 1/1988
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Anfang Dezember, er kreiste schon gut 300 Tage lang im All, verlor Raumschiffkommandant Jurij Romanenko für einen Moment die Fassung. Als ein Reporter von der Erde über Sprechfunk ihn zum wiederholten Mal bedrängte, ob er sich auch wirklich gut fühle an Bord, bellte er zurück: »Laßt mich in Ruhe. Ich habe zu arbeiten.«

Drei Wochen später, am Dienstagmittag letzter Woche, spürte Jurij Romanenko, dem die Reise nun doch ein bißchen lang geworden war, endlich wieder festen Erdboden unter sich. Im eisigen Schneesturm in der Turgai-Steppe im mittelasiatischen Kasachstan war die Sojus-TM-3-Kapsel niedergegangen. Blaß, mit aufgedunsenem Mondgesicht, strahlte Romanenko in die Kamera, als die Helfer der Bergungsmannschaft ihn aus der Luke zogen und auf eine Trage legten - auf eigenen Füßen hätte der 43jährige, nach 326 Tagen Weltraumreise, nicht stehen können.

Auch Alexander Alexandrow, seit sechs Monaten Romanenkos Kompagnon an Bord der Raumstation »Mir«, mußte getragen werden, einzig Anatolij Lewtschenko, der nur eine Woche oben war, schritt ungestützt von dannen.

Im Moskauer Fernsehen (und mit einer Sondervorführung für den aus München angereisten Besucher Franz Josef Strauß) feierten die Sowjets ihren neuen Langzeit-Rekord im All. Sie haben keinen Grund, ihre Raumfahrtaktivitäten zu verstecken: Mehr als 90 geglückte Raumstarts konnten sie allein im zurückliegenden Jahr verbuchen. Mehr als 100 Tonnen Nutzlast vermögen sie mit ihrer neuen Großrakete »Energija« in die Umlaufbahn zu befördern.

Die Amerikaner dagegen sind mit ihrer vom Unglück verfolgten Space Shuttle nun schon fast zwei Jahre am Boden gefesselt. Letzte Woche wurde der für Juni 1988 geplante Shuttle-Start wegen unvorhergesehener Fehler an dem neu konstruierten Booster-Motor noch einmal verschoben.

Jahre ehe die Amerikaner auch nur ein Teilstück ihrer geplanten Space Station ins All heben werden, dürfen die Sowjets sich rühmen, eine leistungsfähige, permanent bemannte Raumstation in einer Umlaufbahn placiert zu haben. Das 20 Tonnen schwere Himmelsgefährt »Mir« (Frieden), 17 Meter lang und vier Meter im Durchmesser, besitzt sechs Andockstutzen zum Ankoppeln von Versorgungskapseln, bemannten Fahrzeugen oder wissenschaftlichen Stationen.

Seit letztem April fliegt die Wissenschaftsplattform »Kwant« mit, bestückt mit astronomischem und Strahlenmeß-Gerät; voraussichtlich im Juli dieses Jahres soll »Mir« noch um ein weiteres wissenschaftliches Modul erweitert werden, diesmal zur Erdbeobachtung.

Für eine Zeit »irgendwann um das Jahr 2020« planen die Sowjets dann den ersten bemannten Flug zum Mars - so gab es Wjatscheslaw Balebanow, stellvertretender Direktor des Raumforschungsinstituts

der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, jüngst im Westen bekannt; das Projekt sei übrigens billiger, meinte er, als allein die erste Ausbaustufe des amerikanischen SDI-Programms, die mit 70 Milliarden Dollar veranschlagt wird.

Hauptprobleme eines - auf etwa drei Jahre zu veranschlagenden - Marsfluges sind offenbar nicht Raketenmotoren und Raumfahrzeuge; entscheidend ist vielmehr die Frage, ob die Menschen an Bord von Mars-Schiffen den zu erwartenden Belastungen werden standhalten können. Dies aufzuklären ist das vorrangige Ziel der Langzeit-Aufenthalte sowjetischer Kosmonauten im All.

Schon frühere Langzeitflüge (so auch der 84-Tage-Flug der Amerikaner mit Skylab), und erst recht der Romanenko-Trip haben gezeigt, daß die kritische Grenze für den Aufenthalt in der Schwerelosigkeit offenbar bei anderthalb bis maximal zwei Jahren anzusetzen ist. Bei längerdauernden Unternehmungen, etwa Flügen zum Mars, müßten deshalb für die Besatzung auf künstliche Weise erdähnliche Schwerkraftbedingungen hergestellt werden, so wie es der deutsch-amerikanische Raketen-Pionier Wernher von Braun visionär schon vor 35 Jahren vorgeschlagen hat: riesige ringförmige Raumstationen, die sich wie ein Brummkreisel im All permanent um eine Mittelachse drehen.

Nur so, meinen die Mediziner, ließen sich Schädigungen und Probleme in Grenzen halten, die bisher noch allen Raumfahrern bei Langzeit-Missionen zu schaffen machten: gefährlicher Kalziumverlust der Knochen; Muskelschwund, ähnlich dem bei monatelang Bettlägerigen; Schwächung der Herzmuskulatur und Veränderung der Herzklappen, und dazu der psychische Streß relativer Vereinsamung, verbunden mit dem Bewußtsein, dauernd von der Bodenstation überwacht zu werden.

Über die Schrecknisse der Raumkrankheit, der kosmischen Variante der irdischen Seekrankheit, haben fast alle Astronauten auch nach Kurzflügen geklagt. Da die gewohnten Signale der irdischen Schwerkraft wegfallen, reagiert das Gleichgewichtsorgan im Innenohr mit völliger Verwirrung.

Das Gehirn empfängt einander widersprechende Wahrnehmungshinweise: »Die Augen sagen, unten sei da, wo es immer war; aber die Körperflüssigkeiten, die im Körper nach oben steigen, sobald sie nicht mehr von der Schwerkraft hinabgezogen werden, sagen, unten ist oben - als stünde man auf der Erde auf dem Kopf« (so beschrieb es Sam Pool, Leiter der Raumfahrtmedizin am Johnson Space Center in Houston, Texas). 75 Prozent der US-Astronauten litten unter Symptomen dieser Art, die sich auch mit Medikamenten kaum beherrschen ließen; ein Drittel der Betroffenen quälte sich tagelang mit der Tüte.

Eine Art Raumpanik, herrührend von der unirdischen Art, sich im Raumvehikel zu bewegen, beklagten Kosmo- und Astronauten. Normalerweise schweben die von der Erde Losgelösten in einer Art Schwimmbewegung mit dem Kopf voran durch die Kabine. Eine - völlig irrationale - Furcht, ins Bodenlose zu fallen, ergriff US-Astronaut Joe Kerwin allein dadurch, daß er einmal mit den Füßen zuerst in den drei Stockwerke langen Tunnel von Skylab hineinglitt.

Auch im Weltraum gibt es offenbar ein dringendes Bedürfnis, sich an einem - sei es auch künstlichen - Oben und Unten zu orientieren. Astronauten, die in der Space Shuttle in einer Koje nächtigten, welche im Gegensatz zu den übrigen scheinbar auf dem Kopf stand, wurden beim Erwachen mitunter von panischer Angst erfaßt, weil sie alles falsch herum sahen. Die Sowjets haben aus solchen Erfahrungen schon gelernt: In einigen Bereichen der Raumstation »Mir« sind die Wände zweifarbig gestaltet, um wenigstens den Anschein von Fußboden und Decke zu vermitteln.

Sowjetische Raumfahrtmediziner haben auch schon einiges unternommen, um den psychischen Streß in der Raumstation zu vermindern. Verheerend zum Beispiel hatten sich die bei früheren

Missionen angeordneten Wach- und Schlafzyklen ausgewirkt: Mindestens ein Besatzungsmitglied, so die Order, mußte jeweils beim Flug über die Sowjet-Union (also alle 90 Minuten) ansprechbar sein. Das hatte einen Schichtdienst rund um die Uhr zur Folge und führte zu ständiger Übermüdung der Crew. Inzwischen schlafen sowjetische Kosmonauten so, wie sie es nach der guten alten Ortszeit in Moskau gewöhnt sind.

Wenigstens zeitweise wird für sie auch der große Bruder der Bodenstation ausgeschaltet: Einmal wöchentlich darf jeder Kosmonaut über einen separaten Sprechfunkkanal mit seinem persönlichen Arzt konferieren. Zudem darf jeder in der »Mir«-Crew einmal wöchentlich mit seiner Familie plaudern. Auch auf die freizeitfreundliche Atmosphäre in ihren Raumschiffen wiesen die Russen hin. Als kürzlich amerikanische Geheimdienste den Verdacht äußerten, »Mir«-Astronauten hätten Satellitenverfolgung mit Laserstrahlen erprobt, verkündete Stepan Bogodjasch, Sprecher der zivilen sowjetischen Raumfahrtbehörde Glawkosmos, an Bord der Raumstation befinde sich »nur ein einziger Laser - und das ist der vom CD-Player«.

Völlig ungelöst hingegen sind manche der physiologischen Probleme, die bei den Langzeitflügen auftreten.

Obwohl sie, von Elastikbändern festgehalten, jeden Tag auf einem Trimm-Fahrrad und auf einem Laufband trainiert hätten, seien ihm und seinem Mitflieger Alexandrow vor allem die Wadenmuskeln zusehends geschwunden, hatte Romanenko im Dezember fernmündlich der »Prawda« mitgeteilt.

Die Belastung für den Bewegungsapparat ist bei den Trockenübungen unter Schwerelosigkeit derart gering, daß man (nach Schätzung des amerikanischen Raumfahrtmediziners Philip C. Johnson) »vier bis sechs Stunden täglich strampeln müßte«, um einen ausreichenden Trainingseffekt zu erzielen. Besonders rasch abgebaut werden die Fasern der sogenannten langsamen Muskulatur (die beim Stehen und bei Dauerbelastung gefordert wird); gerade diese Fasern lassen sich durch Lauf- und Fahrrad-Übungen kaum trainieren.

Auch der Verlust an Kalzium aus den Knochen hat sich durch das Bord-Programm nicht reduzieren lassen. Pro Monat verlieren die Raumfahrer 1,5 bis zwei Prozent der knochenhärtenden Substanz - ein Verlust, der nach der Rückkehr auf die Erde nur minimal wieder ausgeglichen wird.

Die Astronauten nehmen den Alterungsprozeß vorweg, der sonst erst bei Greisen zu Witwenbuckel und Schenkelhalsbruch führt. Am schnellsten wieder aufgefüllt wird nach der Rückkehr der erlittene Blutverlust; um 10 bis 20 Prozent schrumpft bei längeren Raumreisen das Blutvolumen - auch dies mangels Belastung.

In den ersten Wochen und Monaten seines - insgesamt 47wöchigen - Aufenthalts im Weltraum hatte Romanenko, der jüngste Kosmo-Held der Sowjets, seine körperliche Fitneß mehrmals unter Beweis stellen müssen. Am 12. April, neun Wochen nach seinem Start, mußte er auf eine planmäßige Schlafperiode verzichten, um - zusammen mit seinem damaligen Kabinengefährten Alexander Lawejkin - ein Außenbordmanöver zu vollführen. Die gerade eingetroffene, elf Tonnen schwere Wissenschaftsstation »Kwant« hatte nicht vorschriftmäßig angedockt, niemand wußte, warum.

Die beiden Kosmonauten lösten das Problem: Von Hand entfernten sie eine 50 Zentimeter große Plastiktüte unbekannter Herkunft, die sich am Andockstutzen festgeklemmt hatte. Ein zweites Mal mußte Romanenko am 12. Juni aussteigen, diesmal um ein heraufgeschicktes Sonnenpaddel zu entfalten, das etliche Geräte der Astro-Station mit Energie versorgen soll.

»Er macht die Arbeit, die ihm aufgetragen ist, immer noch gut«, erklärte Glawkosmos-Sprecher Bogodjasch in einem Interview einige Tage vor der Landung. »Aber ich würde nicht bestreiten, daß er müde geworden ist.«

Das jüngste Weltraum-Marathon, so räumten sowjetische Raumfahrtfunktionäre ein, habe »seinen Preis gefordert«. Schon in den letzten Wochen vor der Landung war das tägliche Arbeitspensum für die »Mir«-Besatzung von anfangs achteinhalb auf nur mehr viereinhalb Stunden gekürzt worden.

Als körperliches Wrack, infolge der monatelangen Abwesenheit von Schwerkraft (vorübergehend) um einen Zentimeter gewachsen, 1,6 Kilogramm leichter als normal, aber offenkundig guter Laune, kam Romanenko auf der Erde an. »Ein Gefühl ungeheurer Schwere« laste auf den Astronauten, wenn die volle Anziehungskraft wieder auf sie wirkt - so umschrieb es der US-Raumfahrtmediziner Kenneth Baldwin. Für anderthalb Monate darf Heimkehrer Romanenko mit seiner Familie in ein Sanatorium im Kaukasus.

Wie, wenn schon der Weltraum nicht dem Menschen, dann eben der Mensch den Bedingungen des Alls angepaßt werden könnte, darüber hatte der Kosmonaut bereits in seinem Artikel für die »Prawda« im Dezember launig spekuliert.

Der ideale Raumfahrer, so Romanenko, sei glatzköpfig (damit das lästige Haareschneiden im All wegfällt) und verfüge über »längere Arme - am besten sechs davon«. Die Beine hingegen könnten streichholzartig verdünnt sein; eines würde eigentlich genügen, »am besten mit einer Greifklaue am Ende, damit man sich überall in der Kabine festmachen kann«.

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