Schleichender Verfall - DER SPIEGEL
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BÜCHER Schleichender Verfall

Jane Bowles: »Eine richtige kleine Sünde. Prosa etc.« Aus dem Amerikanischen von Adelheid Dormagen und Friederike Roth. Carl Hanser Verlag, München; 300 Seiten; 34 Mark. *
• aus DER SPIEGEL 27/1988
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Dieser Sammelband mit den Zeugnissen eines beschädigten Lebens ist das düsterste Buch von Jane Bowles und ihr privatestes. Neben Romanfragmenten und Erzählungen, zu Lebzeiten der Autorin (1917 bis 1973) unveröffentlicht, enthält er das (im vergangenen Jahr in München inszenierte) Theaterstück »Im Gartenhaus« sowie eine Auswahl von Briefen. Damit schließt der Hanser-Verlag die Übersetzung des schmalen, aber aufregenden Werks der amerikanischen Schriftstellerin ab, die

erst spät für die Bundesrepublik entdeckt wurde.

»Das reine Entsetzen darüber, daß ich in diesem Alter auf kein ernsthaftes Werk zurückblicken kann ... ist jetzt eine offenkundige Tatsache«, schreibt Jane Bowles zwei Tage nach ihrem 40. Geburtstag an ihren Mann, den Schriftsteller und Komponisten Paul Bowles.

Der Zweifel an der eigenen Arbeit durchzieht alle abgedruckten Briefe, die den quälenden Auszehrungsprozeß dieses Schriftstellerinnenlebens wiedergeben. Es geht darin immer wieder um die Fähigkeit, eine Zuflucht zu finden, einen Punkt, von dem aus sie die Welt ohne Angst bestehen könnte.

Aber weder in den wechselnden Liebesbeziehungen zu Frauen noch in der Arbeit scheint das möglich gewesen zu sein. »Wenn ich mein Buch nicht zustande bringe«, schreibt sie 1950, »gebe ich das Schreiben auf ... Dann entweder Selbstmord oder ein anderes Leben.« Dieses Buch hat Jane Bowles nicht vollendet, wie die im vorliegenden Band präsentierten Bruchstücke des geplanten Werkes bezeugen. Aber weder Selbstmord noch ein anderes Leben waren die Konsequenz, sondern ein schleichender Verfall in Depressionen.

Auch angesichts zunehmender Unproduktivität hat sie sich nämlich nicht von der Marter des Schreibens lösen können, weil sie trotz allem darauf hoffte, dadurch ein wenig Helligkeit in das beängstigende Halbdunkel ihrer Empfindungen zu bringen. Von Schuldgefühlen geplagt, glaubte sie, ihre Existenz vielleicht nur in jenen kurzen Momenten rechtfertigen zu können, in denen die Kraft des geschriebenen Wortes auf sie zurückstrahlte.

Es sind gerade die ganz unscheinbaren Bewegungen ihrer Prosafiguren, in denen sich die Sehnsucht nach einem neuen Leben oder wenigstens die Lust auf ein Abenteuer andeutet. In dem Kapitel »Andrew« denkt zum Beispiel Andrews Mutter darüber nach, daß ihr Sohn sie verlassen will: »Er will einfach aus seiner Hülse in die Welt hineinspringen. Mit einem frivolen Schnipsen beschrieb sie den Flug durch die Luft. Darauf brach sie unvermittelt in Tränen aus und verbarg das Gesicht in den Händen.«

Die Unbekümmertheit des Aufbruchs hält jedoch nicht lang vor. Jane Bowles' Heldin Emmy Moore beginnt ihr Tagebuch, mit dem sie sich, zurückgezogen in einem einsamen Hotel, Klarheit über sich selbst verschaffen will, mit den Worten: »An manchen Tagen vergesse ich, warum ich hier bin.« Der verzweifelt versuchte Neuanfang endet im Verlust der Motive, in Ratlosigkeit und Wirrnis. Am Ende ihres Tagebuches sucht Emmy Moore Trost bei der Whiskeyflasche.

Wie viele ihrer Gestalten war Jane Bowles Alkoholikerin. »Sie hatte Angst«, heißt es in einem ihrer Texte, »daß ihr Platz auf der Erde angefochten würde, bevor sie ihn gefunden hatte.«

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