»Jeweils drei Leichen hineinstoßen«
Prüfer-Verhör vom 5. März 1946
Frage: Worin unterschieden sich die Krematorien in den KZs von anderen?
Prüfer: Meist sind die Öfen mit einer Muffel, höchstens aber zwei Brennkammern ausgestattet. In den Krematorien der KZs waren es drei* . . . Die Leichen wurden nicht, wie sonst üblich, im Sarg auf einem Rollwagen zum Ofen gebracht, sondern ohne Sarg von einer Bahre direkt hineingestoßen. Normale Krematorien arbeiten mit zuvor erwärmter Luft . . . so daß die Leiche schneller und ohne Qualm verbrennt. Da die Krematorien in den KZs anders konstruiert waren, konnte man dieses Verfahren nicht anwenden. Die Leichen verbrannten langsamer, es entwickelte sich mehr Qualm. Dagegen wurde die Ventilation eingesetzt.
(* In den Auschwitzer Krematorien IV und V wurden auch von Prüfer entworfene Acht-Muffel-Öfen eingesetzt, um die Verbrennungsleistung zu erhöhen.)
Frage: Wie viele Leichen wurden in Auschwitz in einer Stunde verbrannt?
Prüfer: In einem Krematorium mit fünf Öfen und 15 Muffeln wurden 15 Leichname verbrannt.
Frage: Von wem erhielten Sie den Auftrag, Krematorien für die KZs zu bauen?
Prüfer: 1940 rief mich der Firmenbesitzer Ludwig Topf zu sich und forderte mich auf, ein Krematorium mit drei Brennkammern für jeden Ofen zu entwerfen. Er teilte mir mit, daß dieser Auftrag von der SS-Führung komme. Ich begann unverzüglich mit der Arbeit. Man muß dazu sagen, daß ich und Ludwig Topf bereits 1939 Konstruktionspläne für Öfen mit drei Kammern angefertigt und dem Kriegsministerium vorgelegt hatten. 1940 nahm die SS-Führung meine Entwürfe an.
Frage: Wie oft und weshalb sind Sie nach Auschwitz gereist?
Prüfer: Als Konstrukteur und Leiter der Abteilung für den Krematorienbau bin ich fünfmal in Auschwitz gewesen*. Anfang 1943, um zu erfahren, wo die Krematorien gebaut werden sollten; im Frühjahr desselben Jahres habe ich den Bauplatz noch einmal inspiziert; im Herbst wurde ich wegen eines Schornsteinschadens gerufen, dessen Reparatur ich zum Jahresbeginn 1944 begutachtete. Zuletzt war ich im September/Oktober 1944 in Auschwitz, als die Front näherrückte und die Krematorien abgebaut und verlegt werden sollten. (* Nach Recherchen von Gerald Fleming war Prüfer achtmal in Auschwitz.)
Frage: Waren Sie zusammen mit Schultze auf Dienstreise in Auschwitz?
Prüfer: Ich war im Frühjahr 1943 zusammen mit Schultze im KZ in Auschwitz.
Frage: Was konnten Sie dort beobachten?
Prüfer: Ich habe persönlich gesehen, wie die eingesperrten Frauen im KZ von einer SS-Frau in die Baracken getrieben wurden. Ferner, wie Juden unter SS-Bewachung mit den Händen Erde aufgruben und diese von einem Platz zum anderen trugen. Im Krematorium selbst sah ich - beispielsweise um zehn Uhr morgens - bis zu 60 Leichen auf dem Boden, Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, die zur Verbrennung vorbereitet wurden. Ich habe beobachtet, wie sechs Leichen verbrannt wurden, und schloß daraus, daß die Öfen gut arbeiteten.
Frage: Haben Sie eine Gaskammer in der Nähe des Krematoriums gesehen?
Prüfer: Ja, ich sah die Gaskammer - von außen . . . Zwischen der Gaskammer und dem Krematorium gab es eine Verbindung.
Frage: Wußten Sie, daß in den Gaskammern und den Krematorien unschuldige Menschen vernichtet wurden?
Prüfer: Seit dem Frühjahr 1943 wußte ich, daß im KZ Auschwitz unschuldige Menschen getötet und anschließend in den Krematorien verbrannt wurden.
Frage: Was erzählte Ihnen Karl Schultze über die Leichen im Krematorium?
Prüfer: Schultze sagte mir, die 60 Männer, Frauen und Kinder seien vergast worden.
Frage: Welche technischen Anlagen baute und installierte die Firma Topf & Söhne für die Gaskammern?
Prüfer: Zuerst wurden die Gaskammern als Leichenkeller bezeichnet. Dort wurde ein Belüftungssystem eingebaut; doch uns war danach klar, daß in den Gaskammern Menschen starben.
Frage: Erklären Sie uns genau, warum die innere Ziegelverkleidung der Schornsteine häufig wie Sand rieselte?
Prüfer: Wegen der kolossalen Belastung der Öfen waren die Ziegel schon nach sechs Monaten beschädigt.
Frage: Haben Sie ein Gespräch mit Wiemokli (ein Topf-Mitarbeiter -Red.) darüber geführt, daß in diesen Öfen lebende Menschen verbrannt wurden?
Prüfer: Ja . . . Ich habe ihm gesagt: Unmöglich, dafür seien die Öfen zu klein.
Frage: Weshalb haben Sie als Oberingenieur der Firma Topf weiter Krematorien gebaut, obwohl sie doch wußten, daß die Öfen zur Vernichtung von Menschen bestimmt waren?
Prüfer: Ich stand bei der Firma Topf unter Vertrag und wußte, daß meine Arbeit für den nationalsozialistischen Staat von großer Bedeutung war. Außerdem hatte ich Angst, daß mich die Gestapo umbringen würde, wenn ich mich geweigert hätte weiterzumachen.
Sander-Verhör vom 7. März 1946
Frage: Erzählen Sie von Ihrer Erfindung eines Krematoriums für Massenverbrennung.
Sander: In einem Gespräch mit mir hatte Prüfer 1942, den genauen Zeitpunkt habe ich vergessen, geäußert, daß die Krematorien durch die Zahl der Leichen, die verbrannt werden müßten, überfordert seien. Ich beschloß, ein Krematorium mit höherer Kapazität zu bauen. Im November 1942 schloß ich meinen Entwurf eines Krematoriums zur Massenverbrennung ab und reichte ihn beim Reichspatentamt in Berlin ein. Das Krematorium sollte nach dem Fließbandprinzip funktionieren, so daß die Leichen über einen Rost ununterbrochen in die Öfen transportiert worden wären und die Verbrennung in Gang gehalten hätten. Dieses Patent konnte nicht amtlich registriert werden, weil es als geheime Reichssache eingestuft war.
Frage: Wer hatte technisch die Leitung beim Krematoriumsbau in Auschwitz und Buchenwald? Wer nahm die Projekte ab?
Sander: Prüfer war der technisch Verantwortliche. Schultze war für die Installation von Belüftungssystemen zuständig. Ich aber habe diese Entwürfe begutachtet, und anschließend wurden sie von Topf abgenommen.
Frage: Was erzählten Ihnen Prüfer und Schultze nach ihrer Dienstreise in das KZ Auschwitz?
Sander: Im Sommer 1943 erzählten mir Prüfer und Schultze, daß in den Gaskammern der KZs in Auschwitz viele Menschen vernichtet und ihre Leichen in den Krematorien verbrannt würden, wobei die Belastung der Öfen sehr groß sei, weil man jeweils drei Leichen in die einzelnen Öffnungen hineinstoße.
Frage: Also wußten Sie, daß in Auschwitz unschuldige Menschen umgebracht wurden?
Sander: Ja, seit Sommer 1943 wußte ich, daß in Auschwitz unschuldige Menschen vergast und anschließend in den Krematorien verbrannt wurden. Prüfer erzählte mir von riesigen Menschentransporten aus Polen, Griechenland und aus anderen Ländern nach Auschwitz, die dort vernichtet würden.
Frage: Obwohl Sie also wußten, daß in den Krematorien der KZs unschuldige Menschen vernichtet wurden, haben Sie auf eigene Initiative ein Krematorium für eine noch umfangreichere Massenverbrennung entworfen?
Sander: Als deutscher Ingenieur und Angestellter der Firma Topf habe ich mich verpflichtet gefühlt, mein Spezialwissen für den Sieg Hitler-Deutschlands einzusetzen - so wie jeder Flugzeugbauingenieur in Kriegszeiten Flugzeuge entwirft, die auch Menschenleben vernichten können.
Schultze-Verhör vom 4.März 1946
Frage: Was haben Sie außer der Ventilation für die Krematorien noch hergestellt?
Schultze: Im Auftrag der Bauabteilung der SS habe ich im KZ Auschwitz die Ventilationssysteme in den sogenannten Reinigungsräumen installiert. Tatsächlich baute ich die Lüftung in den Gaskammern ein.
Frage: Wann sind Sie nach Auschwitz gereist, um die Krematorien und Gaskammern auszurüsten?
Schultze: Im KZ Auschwitz war ich zweimal. Einmal wegen eines Berechnungsfehlers bei der Ventilation - das war im Frühjahr 1943. Zwei Monate später war ich dort, um die Ventilation im neuen Krematorium in Gang zu setzen.
Frage: Was konnten Sie beobachten, als Sie unmittelbar in der Nähe des Krematoriums und der Gaskammern waren?
Schultze: Als ich auf der Dienstreise in Auschwitz war, konnte ich 20 Schritte entfernt von mir sehen, wie SS-Leute die Menschen vor sich hertrieben, etwa 300, Männer, Frauen und Kinder. Es war schwer zu erkennen, welcher Nationalität sie waren; aber so, wie es aussah, hatte keiner von ihnen Verdacht gehabt, wohin sie geführt wurden. Alle wurden in eine Holzbaracke ohne Fenster, aber mit elektrischer Beleuchtung gedrängt. Diese Baracke war von innen durch einen offenen Gang mit der Gaskammer verbunden, dort installierte ich die Lüftung. Dies hatte ich ungefähr um 16 Uhr beobachtet. Am nächsten Tag war ich um zehn Uhr morgens im Krematorium. Ich sah dort 60 Leichen, Männer, Frauen und Kinder verschiedenen Alters. Sie lagen auf dem Boden . . . Nach ihrem Äußeren zu schließen, waren sie in den Gaskammern erstickt.
Frage: Erzählen Sie über die Inneneinrichtung einer Gaskammer.
Schultze: Das Gebäude war 8 Meter breit und 30 Meter lang. Innen war es vollkommen leer. Die Höhe betrug 2,6 Meter. In der Decke waren vier quadratische Öffnungen 25X25 Zentimeter. Die Ventilation sollte das angesammelte Gas absaugen und Frischluft zuführen. Die von mir für die Gaskammer konstruierten Rohrleitungen der Ventilation wurden in den Wänden eingemauert.
Frage: Mit wem haben Sie darüber gesprochen, daß in den Krematorien und Gaskammern unschuldige Menschen umgebracht wurden?
Schultze: Ich präzisiere. Bei der Dienstreise nach Auschwitz war der Konstrukteur für die Krematoriumsöfen, Prüfer, mit dabei. Als er morgens ankam, sah er auch die auf dem Boden liegenden 60 Leichen. Ich erzählte ihm, was geschehen war. Wie diese Menschen geführt, in die Gaskammern getrieben und getötet wurden und nun ihre Leichen im Krematorium verbrannt würden. Prüfer sagte nichts dazu.
Frage: Nachdem Sie mit Prüfer die Ermordung unschuldiger Menschen beobachtet hatten, wie viele Krematorien und Gaskammern haben Sie anschließend noch konstruiert und gebaut?
Schultze: Nach diesem Vorfall habe ich zusammen mit Prüfer in Auschwitz noch fünf Krematoriumsöfen installiert und eine Gaskammer-Ventilation.
Frage: Warum sind Sie auf Ihrer Dienstreise ins KZ Auschwitz sieben Tage dort geblieben?
Schultze: Ich blieb dort fünf Tage, weil es zunächst keinen Menschentransport gab, der zur Vernichtung bestimmt war. Ich mußte den Krematoriumsofen kontrollieren. Das war erst möglich, als der Transport mit den etwa 300 Leuten eintraf, die in den Gaskammern getötet wurden.
Frage: Warum haben Sie Ihre Arbeit fortgesetzt, nachdem Sie mit Prüfer gesehen hatten, was in Auschwitz geschah?
Schultze: Ich und Prüfer machten weiter, weil wir durch unsere Unterschriften gebunden waren. Wir standen in der Pflicht, gegenüber der SS, der Firma Topf und dem NS-Staat.
»Prüfer erzählte mir von riesigen Menschentransporten«
»Sie waren in den Gaskammern erstickt«
* In den Auschwitzer Krematorien IV und V wurden auch von Prüferentworfene Acht-Muffel-Öfen eingesetzt, um die Verbrennungsleistungzu erhöhen.* Nach Recherchen von Gerald Fleming war Prüfer achtmal inAuschwitz.* Zeichnung des überlebenden Auschwitz-Häftlings David Olere, derden Massenmord in einem Bilderzyklus festhielt.