»Eine abscheuliche Disziplin«
SPIEGEL: Frau Witt, Sie engagieren sich für Kleinwüchsige. Wie groß sind Sie?
WITT: Ich bin 1,23 Meter, das entspricht etwa der Größe eines sechsjährigen Kindes.
SPIEGEL: Warum kämpfen Sie und Ihre Organisation so energisch gegen den sogenannten Zwergenweitwurf?
WITT: Das ist kein Sport, sondern ein gemeines Spiel. Wenn ein Hund oder eine Katze geworfen würden, dann würden die Tierschützer Sturm laufen.
SPIEGEL: Sehen Sie das nicht etwas eng? Schließlich wird ja niemand gezwungen, sich werfen zu lassen.
WITT: Wenn ein Mensch einen anderen Menschen schmeißt, dann ist das diskriminierend. Stellen Sie sich vor, Sie werden von einem riesigen Vierzentner-Mann am Gürtel und am Genick gepackt und weggeworfen.
SPIEGEL: Der französische Akrobat Manuel Wackenheim, mit 1,20 Meter nur unwesentlich kleiner als Sie, kann Ihre Empörung nicht teilen. Er möchte geworfen werden, weil er damit 6000 Mark monatlich verdient. Als »Mr. Skyman« ist er die Attraktion von Unterhaltungsshows.
WITT: Wackenheim schadet allen Kleinwüchsigen. Er macht sich nicht nur selber lächerlich, sondern trägt auch dazu bei, daß kleine Menschen zum Gespött werden. Nicht umsonst sind seine Auftritte verboten worden.
SPIEGEL: Immerhin hat er erreicht, daß ein Gericht in Versailles das Verbot letzte Woche wieder aufhob und ihm sogar Schadensersatz zusprach. Bemerkenswerte Begründung: Das Zwergenwerfen verstoße zwar gegen die Menschenwürde, nicht aber gegen die öffentliche Ordnung.
WITT: Ich hoffe, daß er auf diese Weise nicht mehr lange Geld machen wird, sondern sich einen normalen Beruf sucht wie andere Kleinwüchsige auch. Sonst wird er womöglich ein böses Ende nehmen.
SPIEGEL: Heißt das, daß Sie ihm eine Bruchlandung wünschen?
WITT: Das könnte ich mit meinem christlichen Glauben nicht vereinbaren. Aber ich sehe natürlich die Gefahr, daß er mal unglücklich fällt. Und was ist, wenn der Werfer ihn neben die Matte schmeißt?
SPIEGEL: Wackenheim soll bei seinen Auftritten gut gepolstert sein.
WITT: Die meisten Kleinwüchsigen leiden an einer Störung des Knorpelwachstums, bei dem sich die Wirbelsäule verkrümmt. Stöße und Rütteln sind da meist gesundheitsschädlich.
SPIEGEL: Es gibt Pläne, auch in Deutschland Zwergenwerfen zu organisieren. Wie beurteilen Sie die Chancen, daß es tatsächlich dazu kommt?
WITT: Die Mitglieder unseres Vereins werden so lange auf die Barrikaden gehen, bis ein Verbot ausgesprochen wird. Schon 1986 haben wir verhindert, daß in dieser abscheulichen Disziplin deutsche Meisterschaften durchgeführt wurden.
SPIEGEL: Wie würden Sie reagieren, wenn es jemand wagen sollte, Ihnen ein Wurfangebot zu unterbreiten?
WITT: Ich würde sagen: Mein Freund, werfen Sie einen Diskus, eine Kugel, von mir aus einen Zementpfeiler - aber scheren Sie sich zum Teufel. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Zwergenwerfen *
wurde erstmals als Gaudi in einer australischen Bar ausgetragen. Seit 1985 werden die umstrittenen Wettbewerbe auch in britischen Pubs und amerikanischen Diskotheken veranstaltet. Dabei versuchen großgewachsene Männer, kleinwüchsige Menschen, die sie an Haltegurten packen, mit Schwung durch die Luft zu schleudern. Die mit Sturzhelmen und gepolsterten Anzügen geschützten Kleinwüchsigen recken beim Flug die Arme nach vorn, sie landen, mit einem Purzelbaum, auf einer weichen Turnmatte. Kampfrichter messen die Entfernung von der Abwurflinie bis zum Eindruck auf der Matte. Der Weltrekord steht laut Zeit auf 3,33 Meter. Karin Witt, 47, ist seit 15 Jahren Vorsitzende des Vereins Kleinwüchsiger Menschen, Sektion Norddeutschland. Die Organisation engagiert sich für die rund 100 000 Kleinwüchsigen in den alten Bundesländern. Karin Witt arbeitet als Schneiderin in Hamburg.