Kunstschätze Reichlich Schrott
Die Offerte klang verlockend: Über 75 kostbare Spangen aus keltischer Frühzeit bot ein Händler aus Trier dem Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart an. Als Fundort des Bronze-Schatzes wies er Villingen im Schwarzwald aus. 25 000 Mark sollten die ausgebuddelten Pretiosen kosten.
Tage später traf ein Koffer voll Keltenschmuck in Stuttgart ein. Doch der Verkäufer hatte Pech: Das baden-württembergische Landesdenkmalamt beschlagnahmte die antiken Kunstschätze und zahlte nichts. Die Spangen stammten von einem Raubgräber.
Die Jagd mit Sonde und Spaten auf Überbleibsel aus Römerkastellen im Rheinland oder keltischen Siedlungen in Süddeutschland und in den neuen Bundesländern ist ein neuer Volkssport, meistens illegal, aber einträglich. In der Bundesrepublik gibt es inzwischen ein Netz von Goldgräber-Klubs, in der Szene zirkulieren Handbücher für Schatzsucher mit Tips für geeignete Grabstätten und die richtige Buddeltechnik.
Vor allem das Rheinland, sagt der Direktor des Rheinischen Amts für Bodendenkmalpflege, Harald Koschik, sei »zum Mutterland der organisierten Raubgräberei geworden«. In dem einstigen römischen Siedlungszentrum liege noch »reichlich Zivilisationsschrott« aus der Antike herum. Kurz nach der Wende sichteten Spaziergänger die ersten Grabdiebe auch im Osten. Sie durchwühlten eine Keltensiedlung im thüringischen Steinberg.
Die Räuber beliefern nicht nur Sammler und Antiquitätenhändler; auch staatliche Museen bedienen sich bei den Illegalen - »teilweise wahllos«, klagt Archäologieprofessor Dieter Planck, Vorsitzender des Verbandes der Landesarchäologen. »Ein gutes Dutzend« deutscher Museen komme regelmäßig mit ihnen ins Geschäft, meist über den Kunsthandel, ermittelte Planck: »Durch die Nachfrage der Museen wird der Markt erst richtig angeheizt.«
Ein mittelalterlicher Bartmannskrug bringt locker 500 Mark, eine keltische Goldfibel das Zehnfache. Bei einem New Yorker Kunsthändler entdeckte ein Mitarbeiter des Britischen Museums in London keltische Fibeln im Angebot, Preis: 600 000 Mark. Die kostbaren Spangen hatte ein Münchner Postbote am Runden Berg im schwäbischen Bad Urach ausgegraben und in die USA verscherbelt.
Die Archäologen sind auf die Amateurgräber schlecht zu sprechen, weil die meist das Umfeld am Grabungsort zerstören. Nur aus dem Gesamteindruck ließen sich, sagt Planck, antike Lebensmilieus rekonstruieren.
Wann immer ein Schatzhandel in der Bundesrepublik ansteht, ist die Prähistorische Staatssammlung in München im Gespräch. Ende der achtziger Jahre kaufte Museumsdirektor Hermann Dannheimer »von unbekannten Findern« den sogenannten Bullenheimer Goldschatz: Fibeln, Ringe und Schmuckstücke aus einer keltischen Ringwallsiedlung nahe Würzburg. Dannheimer zahlte dafür etwa 600 000 Mark aus Steuermitteln.
Wenig später brüstete sich der Vorsitzende des Heimat- und Museumsvereins im hessischen Ober-Mörlen, Josef Hammann, er habe »Wesentliches zur Förderung des Bullenheimer Schatzes« beigetragen. Der Vermessungstechniker gilt als Mittelsmann zwischen einer bundesweit tätigen Raubgräberbande und den Museen.
Von recht dubioser Herkunft sind auch rund 350 keltische Goldmünzen, sogenannte Regenbogenschüsselchen, die Dannheimer derzeit in einer Vitrine bei der Schau »Das keltische Jahrtausend« im bayerischen Rosenheim stolz präsentiert. Museumsleiter Dannheimer will den Fund für über eine Million Mark ankaufen.
Doch weder der Fundort des Schatzes ist eindeutig belegt - mal wurde die frühere Tschechoslowakei angegeben, mal Baden-Württemberg, mal das bayerische Sontheim -, noch sind die Fundumstände geklärt. Als Finder gibt sich der »hauptberufliche Schatzsucher« Viktor Rudnitzki aus Ottobeuren bei Memmingen aus. Mit Rudnitzki beschäftigte sich bereits die Staatsanwaltschaft.
Dannheimer rechtfertigt den Ankauf des Keltenschatzes mit dem »kulturgeschichtlichen Eigenwert«. Auch der hessische Landeskonservator Fritz-Rudolf Herrmann stört sich nicht an der dunklen Herkunft der Ware: »Bevor die Kulturgüter ins Ausland wandern, sollen die Museen lieber kaufen.«
Die staatlichen Händler unterstützen damit eine Szene, die nach Ansicht des bayerischen Landeskonservators Erwin Keller inzwischen hochkriminell ist. Ein Päckchen mit einer Pistolenkugel als Drohung fand der Stuttgarter Planck im vergangenen Frühjahr in seinem Briefkasten; ein Raubgräber im fränkischen Ippesheim attackierte zwei Archäologen, die den Mann an einer keltischen Höhenanlage stellten, mit Reizgas.
Immer häufiger müssen sich Archäologen mit Gaunern statt mit der Vergangenheit abgeben. Durch Zufall stießen Denkmalschützer im schwäbischen Remstal auf einen Sammler, der im Wohnzimmer Helme, Pfeile und Speere aus der Keltenzeit stapelte. Angeblich hatte der Mann die Schätze für 30 000 Mark im Münchner Kunsthandel erworben. Sie kommen jedoch, so die Ermittler, aus einer illegalen Ausgrabung im österreichischen Kärnten.
Teile aus einem anderen österreichischen Keltenfund befinden sich, so recherchierten die findigen Kunstdetektive, im Römisch-Germanischen Zentralmuseum zu Mainz. Die Mainzer hatten den Schatz aus dem Gailtal in Kärnten 1989 angekauft - auch er stammt von unbekannten Raubgräbern. Das Geld für den Handel gab die Kulturstiftung der Länder. Y