Freier Fall - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 20 / 93

MINISTER Freier Fall

Ein konservativer Draufgänger amtiert seit zwei Monaten als Stuttgarter Kultusminister: Gerhard Mayer-Vorfelder, Fußballvereinspräsident, Fallschirmspringer und Strauß-Fan.
• aus DER SPIEGEL 32/1980
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dienstrechtliche Fouls, oder was er dafür hält, ahndet er mit unnachsichtiger Schärfe. Gerhard Mayer-Vorfelder, 47, seit zwei Monaten badenwürttembergischer Kultusminister und seit 1975 Präsident des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart, behandelt die ihm unterstellten Bürokraten und Pädagogen, als wären sie professionelle Balltreter.

Vor zwei Wochen zeigte er der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die gelbe Karte: Schwäbische und badische Lehrer, die sich an der bundesweiten GEW-Aktion »Gläserne Schule« für kürzere Arbeitszeiten und an einer Anzeigenkampagne für die Einstellung arbeitsloser Jungkollegen beteiligen, müssen fortan mit einem Eintrag in die Personalakte rechnen.

In den Protesten der Pädagogen sieht der neue Ressortchef eine grobe Regelwidrigkeit. Lehrer seien Beamte, »die dem Staat Loyalität schulden« und nicht gegen ihren Dienstherrn »zu Felde ziehen« dürften, basta.

»Mayer-Vorderlader«, wie der konservative Jurist wegen seiner meist aggressiven Art genannt wird, scheint auf solche Weise schon nach kurzer Amtszeit kritische Kommentare bestätigen zu wollen, die seine Berufung begleitet hatten.

»Ein Land schüttelt den Kopf«, konstatierte etwa die liberale »Stuttgarter Zeitung«, als der christdemokratische Ministerpräsident Lothar Späth nach gewonnener Landtagswahl im März den Finanzstaatssekretär zum Schulminister machte; dem Blatt galt Mayer-Vorfelder als glatte Fehlbesetzung -»als ob die Supertramp die Unvollendete spielten«.

Schon äußerlich unterscheidet sich »MV«, so das provinzbekannte Kürzel, von würdevoll-professoralen Vorgängern wie Roman Herzog (jetzt Innenminister) oder Wilhelm Hahn (jetzt Europa-Parlamentarier). Mayer-Vorfelder sei, so kennzeichnete ihn die Bonner »Welt«, »ein wenig playboyhaft« und gebe sich wie ein »Dressman«, jedenfalls nicht wie ein Schulmeister.

»Oberster Pädagoge des Landes« will er freilich auch gar nicht sein. Der Einser-Jurist, der vormals als Persönlicher Referent, als Leiter der Grundsatzabteilung und schließlich als Staatssekretär in Hans Filbingers Kanzlei in landespolitischen Schlüsselfunktionen tätig war, meint, für den neuen Job genüge der »gesunde Menschenverstand eines Vaters von schulpflichtigen Kindern«.

Aus solchem Antrieb will er etwa die Reform der gymnasialen Oberstufe, wie sie 1972 von der Kultusministerkonferenz beschlossen wurde, »wenigstens ein Stück zurückschrauben«. Und auch in anderen Fragen macht er deutlich, wo er innerhalb der Union politisch steht: »Auf jeden Fall nicht links.«

So hatte der taktisch versierte »Schlitzmayer-Ohrfelder« (einer seiner zahlreichen Spitznamen) sich als Stuttgarter CDU-Kreisvorsitzender ohne Votum seiner Parteibasis bereits öffentlich für eine Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß ins Zeug gelegt, als sich andere Landespolitiker, inklusive Späth, noch sorgsam bedeckt hielten. Beeindruckt zeigt sich MV vor allem von Straußens »Festigkeit in der Verteidigung von gewissen Grundpositionen konservativer Art« -- eine »Eigenschaft«, die er auch an Filbinger »hoch geschätzt« habe und »immer noch hoch« schätze.

Dem 1978 über seine Marinerichter-Vergangenheit gestürzten Ministerpräsidenten hatte Mayer-Vorfelder »bis zum Schluß« die Treue gehalten. Der S.42 »Reminiszenz« wegen arbeitet MV jetzt, wie schon im Finanzministerium, an Filbingers Empire-Schreibtisch, der von Späth ausgemustert worden war. Das Stilmöbel, sagt Mayer-Vorfelder, gebe ihm »eine bessere Ambiance zu arbeiten« als modernes Mobiliar, »das ich einfach ein Stück zu kalt finde«.

Nach Filbingers Abgang hatte der neue Regierungschef den funktionslos hinterlassenen Staatssekretär erst einmal mit dem Vorsitz einer Entbürokratisierungskommission betraut, die den Paragraphendschungel lichten und entbehrlich gewordene Gesetze und Verordnungen tilgen sollte. Die Aktion prädestinierte ihn offenbar für die neue Aufgabe. MV, erklärte Späth, sei ein Mann von »großer Durchsetzungskraft«, und die sei »nirgends so gefragt wie im Kulturressort«.

Auch dort soll nun eine Kommission »einengende Erlasse durchforsten«. Schuld an der Flut von Dekreten, mit denen Lehrer reglementiert werden, seien allerdings, wie Mayer-Vorfelder es sieht, nicht die Bürokraten, sondern die Lehrer selber, die immer genauere Anweisungen verlangten. Auf diese Weise sei »der Gartenzaun der Erlasse immer dichter« geworden, so daß jemand her müsse, der »den Mut aufbringt, den Zaun auch wieder umzureißen«.

An Mut, beteuert Mayer-Vorfelder, mangele es ihm nicht. Schließlich habe er als Oberleutnant der Reserve vor zwei Jahren einen Fallschirmspringer-Lehrgang absolviert, »worauf ich stolz bin": Da seien halt »gewisse Schwellen zu überwinden, bevor man aus einem Flugzeug rausspringt«.

Nicht allein aus sportlichem Ehrgeiz will Mayer-Vorfelder »auch als Minister wieder springen«. Für ihn ist der freie Fall zugleich eine Demonstration seiner politischen »Verbundenheit mit der Bundeswehr«, die er »nicht nur in Sonntagsreden bekunden« möchte. Wehrdienstverweigerer sind dem Kultusminister suspekt -- er pocht auf die »Verpflichtung des einzelnen gegenüber der Freiheit, die es zu verteidigen gilt«.

So sturmstark der Fußballfreund im Ministeramt indes am rechten Spielfeldrand zu operieren pflegt -- ein gewisses Maß an Fairplay mögen ihm auch seine Gegner nicht absprechen.

Anders als seinem bayrischen Kollegen Hans Maier, in dessen Amtsbereich Mitte letzten Monats eine Schülerin wegen eines Anti-Strauß-Buttons von der Schule gewiesen wurde, sind dem Stuttgarter Kultusminister politische Anstecknadeln keine Diskussion wert -- bei aller Freundschaft mit dem CSU-Chef.

»Bei uns«, verspricht Mayer-Vorfelder, »kann jeder Schüler eine Plakette tragen, was für eine er will.«

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 93

Mehr lesen über