Jaulende Seuche - DER SPIEGEL
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FREIZEIT Jaulende Seuche

In den USA erleben Telespiele einen Boom. Doch nun will eine schlagkräftige Schar von Video-Gegnern den Flimmerkästen den Garaus machen.
• aus DER SPIEGEL 7/1982
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In den Vereinigten Staaten formiert sich eine Bürgerwehr gegen Außerirdische, Monster und den pummligen Pac Man. »Da ist eine richtige kleine Armee entstanden«, beobachtete kürzlich die »New York Times«.

Der »Kreuzzug« ("New York Times") gilt den inzwischen allgegenwärtigen Videospielen, die das Land in den vergangenen zwei Jahren seuchenartig überschwemmt haben. »Die Telespiele verderben unsere Jugend«, begründete die Hausfrau Ronnie Lamm aus Centerreach (US-Staat New York).

In den schummrigen Video-Spielhallen, so fürchten Tele-Gegnerin Lamm und die wachsende Schar ihrer Gesinnungsgenossen, würden die »Jugendlichen zu verrohten Müßiggängern«, die sich das Geld für ihr Automatenspiel zusammenklauten. »In diesen Etablissements hört man eine unakzeptable Sprache und sieht unsoziales Verhalten«, schimpfte Ronnie Lamm, die in ihrer Gemeinde die Schließung etlicher Video-Hallen durchsetzte.

Geführt wird der Kampf gegen die Teleautomaten und TV-Arkaden von besorgten Eltern, Lehrern und vor allem Pfarrern, die sonntags von der Kanzel oder im Fernsehen gegen das flimmernde Teufelswerk anpredigen. Sie bombardieren Provinzpolitiker - die das Telespiel längst als Wahlkampfthema entdeckt haben - und Kongreßabgeordnete mit Briefen, veranstalten Demonstrationen ("Weg mit den Videos") und besetzen bisweilen, wie jüngst im kalifornischen Oakland, die verhaßten TV-Spielhöllen.

Die Video-Feinde sind die Gegenbewegung zu einem Boom, wie es ihn in der Geschichte des Automatenspiels niemals zuvor gegeben hat: Allein 1981 spielten die Amerikaner 700 Millionen Stunden an TV-Spielen wie »Asteroids«, »Missile Command« oder »Pac Man« (bei dem ein rundliches Männchen durch ein Labyrinth gelenkt werden muß) und verfeuerten dabei rund fünf Milliarden Dollar - doppelt soviel, wie sie für Kinobesuche ausgaben.

Längst stehen die Telespiele nicht mehr nur in Videosalons und Pizzabuden: Die lauten Flackerboxen drangen in Büros und Fabriken vor, wo Arbeiter und Angestellte bis hin zu Top-Managern während der Mittagspause in wildem Stakkato auf den Bedienungstasten der Geräte herumhämmern.

Ärzte installieren die Automaten in ihren Wartezimmern; in Frisiersalons vertreiben sich unter der Trockenhaube schwitzende Frauen die Zeit mit televisionären Kämpfen gegen Weltraumungeheuer und feindliche Flugobjekte.

Die Zöglinge des amerikanischen Renommier-Colleges Yale boxten bei der konservativen Anstaltsleitung die Erlaubnis durch, vor einem ihrer Schlafquartiere einen Teleautomaten aufstellen zu dürfen. Selbst in dem Versammlungsraum des Christlichen Vereins Junger Männer (YMCA) in Grand Haven (Michigan) und in der Baptistenkirche von Merrit Island (Florida) jaulen und krachen die unvermeidlichen Videokästen.

»Gronk! Flash! Zap!« kommentierte das US-Nachrichtenmagazin »Time« unlängst in einer Titelgeschichte das »blitzkriegartige Vordringen der Videos«. Die »New York Times« sah Amerika gar im »Video-Wahn«.

Doch schon können die Gegner des Telespiels erste Erfolge verzeichnen: Besonders im puritanischen Bibelgürtel der Südstaaten verweigern Bürgermeister, bedrängt von den Anti-Video-Aktivisten, immer häufiger Baugenehmigungen für neue Salons oder lassen bereits bestehende Videoarkaden einfach dichtmachen.

Wo die örtlichen Gesetze solch rabiates Vorgehen nicht zulassen, greifen die Behörden zu juristischen Tricks. In dem 6000-Seelen-Ort Irvington (US-Staat New York) beispielsweise untersagten sie den Salon-Besitzern, mehr als drei Geräte in einem Raum aufzustellen. Im texanischen Mesquite verboten sie Jugendlichen den Zutritt zu Spielhallen und beraubten die Arkaden damit ihrer besten Kundschaft. Der Oberste Gerichtshof in Washington soll nun entscheiden, ob diese Anordnung Rechtens ist oder nicht.

Als Paradebeispiel für die »Zeitverschwendung an diesen Geräten« (Ronnie Lamm) gilt den Videogegnern der 15jährige Steve Juraszek aus Arlington Heights (Illinois), der monatelang seine gesamte Freizeit vor dem Teleautomaten »Defender« verbracht hatte. Ende vergangenen Jahres schließlich war er so gut, daß er 16 Stunden lang fehlerfrei spielte und nahezu 16 Millionen Punkte zusammenschoß - Weltrekord.

Tagelang rangierte der Teenager daraufhin, bezeichnend für den Video-Enthusiasmus vieler Amerikaner, ganz vorn in den Nachrichten der TV-Anstalten. Zeitungen schrieben spaltenlange Artikel; der Folk-Poet Pete Seeger komponierte eine Hymne auf den schnellen Steve, die ebenso unsäglich ist wie die gesamte Video-Kultur: »Er schießt schnell und heiß, auf Mutanten und die Banditen.«

Nur die Mutter des jugendlichen Video-Heroen war weniger begeistert: »Wenn er nur bei den Hausaufgaben ebenso eifrig wäre.«

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