»Kinder sind Luxus«
Sommerlatte, 61, ist Vize-Präsident der Unternehmensberatung Arthur D. Little und Vater von elf Kindern im Alter von 12 bis 29 Jahren. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Welchen Stellenwert haben Kinder in unserer Gesellschaft?
Sommerlatte: Sie sind ein Luxus. Wenn man sich dafür entschieden hat, stehen andere Dinge nicht mehr zur Wahl. Eltern müssen sich von dem Lebensstandard, der in unserer Konsumgesellschaft als normal gilt, verabschieden. Bei finanzschwachen Familien drückt sich das natürlich noch viel krasser aus als bei den reichen.
SPIEGEL: Weil die Wohlhabenden Haushälterin und Babysitter bezahlen können?
Sommerlatte: Wir machen das aus pädagogischen Gründen nicht, obwohl wir es uns leisten könnten. In einer großen Familie entsteht ein internes System, in dem alle helfen und mitmachen. Das ist eine Sozialisierung, die auch gesellschaftliche Auswirkungen hat. Viele unserer Kinder waren oder sind Klassen- und Schulsprecher. Die Fähigkeit, Kompromisse einzugehen, mit Menschen unterschiedlichen Charakters umzugehen - das kann sich in einer größeren Familie viel stärker entwickeln. Kinder aus Kleinstfamilien haben dagegen gar nicht die Übung. Heute gibt es bereits eine Menge autistischer Schulklassen, wo jeder für sich allein agiert.
SPIEGEL: Welche Folgen hat das für die Gesellschaft?
Sommerlatte: In Deutschland entsteht eine Streitkultur, die auf Rechthaberei beruht. Wir brauchen aber viel mehr Teamgeist. Und während Deutschland einerseits überaltert, werden andererseits Leute ab 50 aus den Firmen gedrängt. Da entsteht ein enormer Druck.
SPIEGEL: Welche Erfahrungen machen Sie mit Mitarbeitern, die Familie haben?
Sommerlatte: Unsere Berater fangen in der Regel zwischen 25 und 30 an. Bekommen sie Kinder, ändert sich ihr Verhalten. Sie können besser hinhören, sich besser in die Lage anderer versetzen, sind toleranter, und sie organisieren ihre Arbeit genauer, um ihre Freiheit zu schützen.
SPIEGEL: Wie reagieren die Menschen auf Ihre eigene Familie?
Sommerlatte: Wenn wir spazieren gehen, sprechen uns schon mal Leute an und fragen, ob sie uns etwas schenken können. Andere gaben alte Kinderkleidung bei uns ab.
SPIEGEL: Worauf mussten Sie als Chef einer Großfamilie verzichten?
Sommerlatte: Wir leben nicht in dem Bewusstsein zu verzichten. Unsere Kinder beobachten bei ihren Klassenkameraden allerdings relativ hohen Luxus: Spielsachen, die denen aus den Ohren rauskommen, immer die neueste Mode - eben eine Überfütterung mit vielen Sachen. Bei uns wird weit mehr geteilt. INTERVIEW: FRANK HORNIG