Trotz und Vorurteil - DER SPIEGEL
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Ost-West Trotz und Vorurteil

Wo einst die Mauer stand, ist kaum noch zu erkennen. Doch Ost- und West-Berliner fremdeln noch immer.
Von Karen Andresen
• aus DER SPIEGEL 36/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war einer dieser warmen Sommer-Sonntage. Der West-Berliner Kunsthistoriker hatte sich mit Ostverwandten an einem See getroffen, man hatte zusammen gegessen, geredet, gelacht. Wir können doch mal schnell baden gehen, schlug schließlich einer vor, und eh der Charlottenburger so richtig begriff, hatten sich seine Ostbesucher schon splitternackt ausgezogen.

Er war fassungslos. Nicht dass er prüde wäre, nackt baden am FKK-Strand, bitte sehr, aber »so überall und an jedem Ort«, das sei doch nun wirklich »eine Stilfrage«.

Die fehlende Badehose als Ost-West-Konflikt - selbst in der Sprechstunde der Ost-Berliner Familientherapeutin Anna-Margarete Krätschell, 56, war der textile Unterschied schon mehrmals heiß umkämpftes Thema. West-Partner kämen »mit dem freien Umgang« ihrer Ost-Angetrauten nicht klar, hat die Beraterin festgestellt. »Die sind viel prüder als die DDR-Leute«, glaubt sie, und ihr Mann Werner, ein 59jähriger Theologe, fügt hinzu: »Die Westler halten uns für Affen, die sich ins Wasser stürzen, ohne Rücksicht auf das Schamgefühl der Menschen.«

Berlin, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer. Der ehemalige Grenzstreifen ist fast zugebaut, in der Ost-Berliner Friedrichstraße funkeln die Kontor- und die Konsumpaläste, in Marzahn haben sich die riesigen Plattenbauten mit freundlich-hellem Anstrich und großen Balkonen eine heitere Note zugelegt.

Vieles hat sich im vergangenen Jahrzehnt getan. Und doch ist »der Graben« zwischen der alten Frontstadt West-Berlin und der ehemaligen Hauptstadt der DDR »tiefer geworden«, sagt Axel Schmidt-Gödelitz, Leiter des Berliner Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Der Abgrund existiert vor allem in den Köpfen. Besonders wer auf der einen oder der anderen Seite der geteilten Stadt bis zur Lebensmitte geprägt wurde, »lauert« oftmals, so Schmidt-Gödelitz, »nur auf zwei, drei Stichworte, die alles, was an Vorurteilen schon da war, bestätigen«.

Die Westler sind berechnend, oberflächlich und arrogant, heißt es im Osten. Und im Westen wollen viele einfach nicht verstehen, warum »die da drüben« nicht endlich so sind »wie wir«.

Für den »normalen West-Berliner«, sagt Klaus Schütz, 72, zwischen 1967 und 1977 Bürgermeister der Teilstadt, finden die Veränderungen rund um den Potsdamer Platz »eigentlich nicht statt«. Das, so der Sozialdemokrat, »ist ein reiner Tourismusvorgang«.

Hatte man sich in den ersten Jahren nach dem Fall der Mauer noch gestritten und gegenseitig gekränkt, so gehen sich Ost- und West-Berliner inzwischen am liebsten ganz aus dem Wege.

Und wer sich doch jenseits der imaginären Grenze auf ein Fest verirrt, dem kann es passieren, dass er den Vorstoß schnell wieder bereut.

Immer wieder müsse er auf West-Partys »gleich für den ganzen Osten geradestehen«, sagt Dietmar Volk, 37, Ost-Berliner Grünen-Abgeordneter im Stadtparlament. Rechtsradikale in Brandenburg? Unfreundliche Kellner auf Rügen? Alle gucken ihn empört an: »Sag mal, was ist denn da bei euch los?« »Wieso denn bei euch?«, fragt er dann entgeistert zurück und versucht, nicht allzu beleidigt dreinzuschauen. Schließlich will er am Ende nicht auch noch als »Jammer-Ossi« einsortiert werden.

Wenn Familienberaterin Krätschell und Ehemann Werner zum Jahresende zu Weihnachtsplätzchen und Christstollen in ihr Haus nach Pankow einladen, werden Westler so fein dosiert dazugebeten, als gelte es, ein bedrohtes Biotop vor dem Umkippen zu bewahren. Mehr als ein, zwei Ehepaare West, sagen die Krätschells, seien nicht zu verkraften. Und das auch nur, wenn die Gäste Ost-Erfahrung mitbrächten.

Meist kracht es dennoch. Etwa wenn die ehemaligen DDR-Bürger in Erinnerungen an ihr privates Glück im untergegangenen Staat schwelgen und davon, wie sehr man sich gegenseitig geholfen habe, und die Westler meinungsstark mit Bemerkungen über Schießbefehl und Mauer dazwischengehen.

Die aus dem Westen brächten »ständig die Ebenen durcheinander«, ärgert sich Werner Krätschell dann. »Die wissen nicht, was kaputtgegangen ist in diesen Menschen hier.«

Doch es sind nicht nur Verständnisprobleme, die das Ost-Berliner Ehepaar schließlich zu dem Bekenntnis verleiten: »Unter uns ist es doch am schönsten.« Sie wollten da »wohl auch noch was festhalten«, hat Werner Krätschell erkannt.

Dabei sind die Krätschells alles andere als DDR-Nostalgiker. Im zweiten deutschen Staat waren der ehemalige Superintendent von Pankow und seine Frau Mittelpunkt einer aktiven Friedens- und Oppositionsbewegung. Aber wie vielen, die sich jahrelang an der DDR gerieben haben, war ihnen lange nicht bewusst, dass ihnen mit dem Staat auch ihr vertrautes Wertesystem verloren gehen könnte.

Eine »merkwürdige Identitätskonstruktion« hat der Ost-Berliner Kunsthistoriker Matthias Flügge, 47, ausgemacht: »Bei allem Abstand und Widerwillen, bis hin zum Kotzen, wenn man den Fernseher anmachte«, habe man eben doch »viel Strahlung von Nestwärme in sich aufgenommen«, sagt der Vizepräsident der Berliner Akademie der Künste.

Auf eine verquere Art geht es den West-Berlinern ganz ähnlich. Jahrzehntelang konnten sich die Bewohner der von ostdeutschen Kommunisten umstellten Teilstadt besonderer, vor allem auch finanzieller Fürsorge vom Rhein sicher sein. Die Folge: In West-Berlin ging es immer etwas gemächlicher zu als in der Bundesrepublik.

Nun, nach dem Fall der Mauer, ist die alte Gemütlichkeit weg und die Berlin-Zulage auch. Stattdessen sind die Ost-Berliner dazugekommen, und die erscheinen den Westbewohnern enttäuschend undankbar: Mehr als 40 Prozent votierten bei der Europawahl für die PDS. »Dafür«, sagt der West-Berliner Schütz, »gibt es hier kein Verständnis.«

In Wahrheit, meint Hans-Henner Becker, der das Ost-Berliner Wahlkreisbüro des Sozialdemokraten Wolfgang Thierse leitet, seien Ostler und Westler in ihren Alltagssorgen nicht mehr zu unterscheiden - wohl aber in der Art ihrer Wahrnehmung. Bei Ost-Berlinern, so der gebürtige Rheinländer mit Wohnsitz Prenzlauer Berg, sei die Erwartung an die Politiker deutlich höher als im Westen - und die Enttäuschung über unerfüllte Wünsche auch erheblich größer.

»Wir sind groß geworden mit dem Gefühl, es gibt irgendwo die ideale Gesellschaft«, sagt die Ost-Berliner Grüne Marianne Birthler, und die Sehnsucht danach habe die DDR überlebt.

Eine »Wolke von Schwermut« registriert die ehemalige Bürgerrechtlerin deshalb gelegentlich in ihren Versammlungen. »Ist es nicht alles schlimm«, frotzelt die Ost-Berlinerin dann ihre Zuhörer an, »und man kann nicht mal einen Ausreiseantrag stellen.« Die Antwort ist ein tiefes Seufzen. KAREN ANDRESEN

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