Acht Stunden auf See - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 151

KONSUM Acht Stunden auf See

Nach dem Ende des zollfreien Einkaufs suchen die Händler nach Schlupflöchern und neuen Geschäftsmodellen - bislang mit mäßigem Erfolg.
• aus DER SPIEGEL 40/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dass Oma Schwepe noch so munter ist, verdankt sie zwei Paragrafen in der »Einreise-Freimengen-» und der »Zollverordnung«. Ohne die würde es in ihrer Nähe keine Butterfahrten mehr geben. Und »ohne Butterfahrten gehe ich ein«, sagt die 72-jährige Rentnerin aus Bremen, »dann sterbe ich.«

Zwar hat die Europäische Union den zollfreien Einkauf innerhalb der Gemeinschaft schon zum 1. Juli gestoppt. Weil aber die Bundesregierung das Zollrecht nicht rechtzeitig änderte, können findige Butterschiffer die Behörden austricksen. Denn Schiffe, die acht Stunden auf See sind, nirgends anlegen und zwei Stunden außerhalb der deutschen Hoheitsgewässer dümpeln, dürfen, so steht es in den Verordnungen, weiter zoll- und steuerfreie Waren verkaufen.

Allerdings nehmen nur wenige Hartgesottene solche Mammuttrips auf sich, um billig an eine Stange Zigaretten und eine Flasche Schnaps zu kommen. »Mit früher kann man das überhaupt nicht vergleichen«, sagt Butterschiff-Reeder Cassen Eils. In guten Monaten hatte er in der Vergangenheit bis zu 50 000 Passagiere, seit Juli ist es »nur noch ein Bruchteil«.

Ende Oktober, wenn die Touristen ausbleiben, stellt er die Fahrten ein, rund 80 seiner Leute wird er bis dahin kündigen. Wenn die Gesetzeslücke bestehen bleibt, möchte er im nächsten Jahr weitermachen. Doch seine Chancen stehen schlecht: Die Bundesregierung will das Schlupfloch bis zum Beginn des nächsten Jahres schließen. Dann sind Butterfahrten endgültig nur noch an den Grenzen der Gemeinschaft, zum Beispiel bei Fahrten nach Polen (SPIEGEL 32/1999), möglich.

Rund drei Monate nach dem Ende des EU-internen Duty-free-Handels sind von dem einst florierenden Geschäft nur noch wenige Nischen übrig geblieben. Obwohl ihre Geschäftsgrundlage entfallen ist, versuchen die betroffenen Branchen - die Schiffer und Reeder sowie die Pächter der Duty-free-Shops in Flughäfen - zu überleben - bislang mit mäßigem Erfolg.

Insgesamt verschwinden in Deutschland 10 000 Arbeitsplätze, 5700 davon in den strukturschwachen Küstenländern, schätzt der Deutsche Duty Free Verband.

Für die Reeder gibt es keine Alternative zur Butterfahrt. »Niemand braucht die Schiffe als Transportmittel«, sagt Jan Kruse, Geschäftsführer der Förde Reederei Seetouristik, »die Nachfrage entstand nur

* In Cuxhaven.

durch die günstigen Einkaufsmöglichkeiten.« Dank hoher Gewinne beim Verkauf der zollfreien Waren konnten die Reeder die Fahrten fast verschenken: Eine Fahrkarte kostete nur um die fünf Mark. Ohne Duty-free müssten die Reeder 25 bis 30 Mark verlangen.

Betroffen sind auch die Ostseefähren. Zwar ist ihr Hauptgeschäft der Transport von Passagieren und Fracht. Aber der steuerfreie Verkauf an Bord machte bis zu 40 Prozent ihres Umsatzes aus.

Um auf diese Einnahmen nicht verzichten zu müssen, legt die »Finnjet« jetzt auf der Fahrt von Rostock nach Helsinki extra in der estländischen Hauptstadt Tallinn an. Das Land ist nicht EU-Mitglied, steuerfreier Einkauf daher erlaubt.

Fähren, für die solche Abstecher nicht in Frage kommen, haben ihre Fahrpreise erhöht. Einige müssen aufgeben: Zwei Ostsee-Verbindungen sind bereits eingestellt.

Die Rostocker Reederei Scandlines eröffnete in ihrer Not auf dem Festland einen Supermarkt. Im Hafen von Puttgarden verkaufen die Seeleute Alkohol, Zigaretten und Parfüm an Land. Sie spekulieren auf trinkfeste Dänen und Schweden, für die sich ein Einkauf in Deutschland wegen der niedrigeren Steuern immer noch lohnt.

Die Duty-free-Shops in den Flughäfen nennen sich nun »Travel Value«, aber der schöne Name kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Läden nun verzollte und versteuerte Waren verkaufen müssen. Damit sie die wenigstens einigermaßen günstig anbieten können, haben einige Flughäfen die Mieten für die Läden gesenkt.

Die Geschäfte gehen schlecht. »Viele Reisende trauen sich nicht mehr in die Läden, weil sie denken, sie dürfen gar nichts mehr kaufen«, sagt Gunnar Heinemann, Miteigentümer der Firma Gebrüder Heinemann. Der Umsatz des Hamburger Unternehmens, das auf 12 Flughäfen 50 Reisegeschäfte betreibt, ist, so Heinemann, »um 25 bis 30 Prozent weggebrochen«.

Die wenigen Gewinner der EU-Entscheidung sitzen auf Helgoland. Denn die Insel gehört auch in Zukunft nicht zum Zollgebiet der EU. Der Sonderstatus geht zurück auf den Caprivi-Vertrag von 1890, damals tauschte das Deutsche Reich mit den Briten die Insel gegen Sansibar.

Für eine Stange Zigaretten und einen Liter Korn lohnt sich die Überfahrt allerdings nicht: Die Schiffspassage kostet mindestens 50 Mark - mehr, als man beim Einkauf spart.

Ganz anders sieht die Rechnung bei edleren Waren aus. Eine Kiste mit Davidoff-Zigarren, die auf dem Festland 715 Mark kostet, ist auf der Insel für rund 380 Mark zu haben. OLAF STORBECK

* In Cuxhaven.

Olaf Storbeck
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 151