MUSICALS Amadeus in Aspik
War nicht längst alles aus? Die Boa beim Trödel, der Putz im Eimer? Die deutsche Musicalszene floppte. Noch vor kurzem war der Geier der Star der Saison.
»Rent« lahmt vor sich hin. Für »Joseph«, »Miss Saigon« und »Les Misérables« läutet das Sterbeglöckchen. »Sunset Boulevard« ist bereits am Ende, auch »Der Herr der Ringe« hat das Zeitliche gesegnet, genau wie »Gambler« und »Gaudí«. Katzenjammer im »Cats«-Revier.
In vielen Flimmerkästen erloschen die Spots. Die Stella AG, jahrelang der Überflieger des Gewerbes, landete nach »steilem Sturzflug« ("FAZ") im Minus. Der Musical-König Rolf Deyle musste abdanken, selbst Komponist Andrew Lloyd Webber, in der Zunft der Dukatenscheißer, schöpft nicht mehr aus dem Vollen.
Prompt druckten Deutschlands Feuilletons schadenfrohe Nachrufe. »Musicals waren wie eine Lizenz zum Gelddrucken«, kommentierte »Die Welt« die Agonie der Singspiele, »es war ein Goldrausch.« Der »kommerziellen Spaßkultur« gehe die Puste aus, beklatschte die »Frankfurter Rundschau« noch Anfang des Jahres die »Stunde der Ausnüchterung": »Staatstheater und E-Musik-Lobby können aufatmen.«
Zu früh gefreut: Die Szene berappelt sich, durch die Spielstätten weht Morgenluft. Mit dem Start in die Herbstsaison wird wieder kräftig getingelt.
Im brandneuen »TeatrO CentrO Oberhausen« versucht jetzt der kleine Drache Tabaluga, nicht nur seine in Eis erstarrte Prinzessin Lilli, sondern auch den Typ des kidstauglichen Musicals zu neuem Leben zu erwecken und so in fünf Jahren die Vorlaufkosten von 62 Millionen Mark wieder einzuspielen.
Nicht auszuschließen, dass das klappt: Mit »Tabaluga & Lilli« öffnet sich ein netter, familienfreundlicher Sesam. Zwar labern die Dialoge durch manch hirnrissige Untiefe, und die Musiktitel klingen alle hartnäckig nach dem bejahrten Rocky-Boy Peter Maffay, dem Stammvater des Märchens und 28,5-prozentigem Teilhaber an dessen Rechten.
Doch wer guckt, kommt auf seine Kosten: Die Illusionsmaschinerie läuft wie geschmiert. Es pufft, zischt, dampft abendfüllend; auf 60 Meter Leinwand tricksen Computer ihre glänzenden Animationen, und ganze Batterien von Lasern verzaubern, auf die Sekunde perfekt, den Oberhausener Zweckbau in eine Augsburger Puppenkiste voll Hightech-Schick.
Derweil wird unter der Plane des Kölner »Musical Dome« ein 47-Mann-Ensemble zum Revival der Disco-Mode gestriegelt: Rund vier Wochen vor der Premiere am Broadway brach am Rhein bereits das »Saturday Night Fever« aus und soll nun wenigstens drei Jahre lang dem musicalmüden Publikum in die Beine fahren.
In der vom Kölner Schauspiel eingerichteten Halle Kalk, einer ausgemusterten Fabrik, probiert gleichzeitig das städtische Theater mit dem Girlie-Boy »Hedwig« ein deftig-duftes Kontrastprogramm zum kommerziellen Event-Zirkus.
Doch nirgends haben die Musicalmacher wieder mal so tief geschürft und so hoch gegriffen wie in Wien, der Stadt auf klassischer Ton-Erde. Dort, im historischen Theater an der Wien, fand am vorletzten Wochenende die Welturaufführung von »Mozart!« statt, wohlgemerkt: Titel und Thema mit Ausrufezeichen.
Nun war das Wolfgangerl schon immer für manchen Mumpitz gut. An der Biografie ist ja auch alles dran: Wunderbub mit Triezpapa, goldiges Schwesterherz, miese Neider und, natürlich, der anonyme Unhold, der ein Requiem bestellt und damit den Genius selbst aufs Sterbebett streckt. Furchtbar das Ganze und mehr Dichtung als Wahrheit.
Und wenn schon: Kein Komponist ist schließlich von seinen Fledderern so oft verkindscht und verblödet worden. Da sind die neuen Wiener Musicalisten durchaus in unfeiner Gesellschaft.
Nun ist der Librettist Michael Kunze nicht zwingend als Poet der Hochkultur ausgewiesen. Immerhin, als Texter von Udo Jürgens ("Griechischer Wein") weiß er, wie das Leben und wo die Musik spielt: Schmus macht Moos. Und so lässt er denn für den Salzburger Genius aus dem »unendlichen Universum der Musik« das »Gold von den Sternen« regnen, erteilt auch mal dem weinerlichen Filius das Wort ("Mein Gott Papa, wieso kannst du mich nicht lieben, wie ich bin?") und macht sich ansonsten mit der Komponistenschwester Nannerl seinen Reim auf den Lauf der Dinge: »Der Prinz ist fort, das Schloss ist leer, und die Prinzessin lacht nicht mehr.«
Gemeinhin können sich Librettisten derart groben Unfug leisten - der Zweck heiligt die Knittel. Aber der Komponist Sylvester Levay kitscht und knatscht leider genau nach Textvorlage und kugelt Mozart vollends zum kandierten Früchtchen.
Mal leiert er lauter eintönige Kürzel runter, mal glaubt er sich mit ein paar rockigen Rülpsern am Puls der Zeit. Aber am liebsten dickt er seine reinen Terzen ein und schleimt mit ganzen Seilschaften aufgelöster Dreiklänge durch den Orchestergraben - Amadeus in Aspik.
Den Rest besorgen die Herren Dekorateure. Regisseur Harry Kupfer und Bühnenbildner Hans Schavernoch setzen wieder ihre schwenkfreudige Hebebühne in Gang, kramen die gewohnt wackligen Spiegelwände hervor und begnügen sich mit einer einzigen Überraschung: Plötzlich, unter unheilschwangerem Dröhnen, fährt ein schwarzer Totenkopf auf die Bretter und kurvt nun, motorisch betrieben, bis zum Schluss über die Bühne. Leider ein Regiefehler: Der Coup kommt zu spät. Denn wenn der Schädel Gas gibt, ist der Schmäh längst im Orkus.
Wow, wie geht es dagegen im Schatten des Kölner Doms zur Sache: grelle Show, heiße Party, bühnenbreit Highlife. Da drehen sich die gestylten Boys mit der Schmachtlocke und den Schlaghosen ins geschickt choreografierte Delirium. Zwischen glitzernden Spiegelwänden buhlen sie um ihre Darlings, und die Girls wirbeln hochhackig mit.
»Saturday Night Fever«, jene schon legendäre Schlagerparade der Bee Gees, die der weiß betuchte John Travolta im Kino salonfähig gemacht hat, soll nun am Rhein der Disco-Mode neuen Schwung verpassen. Oder umgekehrt: Ein Revival der Disco-Ära soll dem müden Musical auf die Sprünge helfen.
Mag ja hinhauen. Die Songs schmalzen nur halbfett, also bekömmlich; gymnastisch ist die Truppe auf Zack; und das Design verstrahlt genau die bonbonbunte Kälte der damaligen Tanzpaläste.
Doch auch dieser Glamour hat seine Grauzone. Deutsch gequatscht und englisch gesungen bleibt die Story ärgerlich halber Kram, und im Ruckzuck der Ensemble-Nummern geht auch der noch unter. Denn den Kern des Plots - junge Verlierer aus Brooklyn tanzen sich ihren Frust aus dem Leibe - treten in Köln 94 Beine platt. Also doch kaum mehr als Wellness fürs Auge.
Aber es geht, wie sich zeigt, auch anders: weg vom gewichsten Amüsement und hin zum ruppigen Denkzettel, raus aus den Glamourpalästen und rein in Thespis' Hinterhof. Da macht ein Mann aus Kleinkunst die große Nummer.
Ein armes Schwein, fast solo auf der plüschigen Bühne; war mal ein Kerl und hieß Hansel, wollte aus Ost-Berlin weg, rüber ins KaDeWe; ging nicht; die Mauer. Da fängt ein GI namens »Sugardaddy« Feuer und will den Boy heiraten. Hansel lässt sich operieren, der Eingriff misslingt: 2,54 Zentimeter Mannesfleisch, genau ein Inch, bleiben zwischen seinen Beinen stehen. Nun heißt er Hedwig, ist »zurechtgenäht« und bald von Daddy verlassen. Aus der Traum.
Europäische Erstaufführung des US-Musicals »Hedwig and the Angry Inch« in Off-Köln, im rechtsrheinischen Abseits, wo so eine krude Mixtur aus Zeitgeschichte, Geschlechtsumwandlung und Rockabend nicht groß auffällt.
Ein Jammer. Denn diese kleine, laute Travestie über das Crossover der Geschlechter ist ein Melodram voll schrägem Drive und vulgärem Charme, mit all den Fummeln und falschen Locken herrlich schmierig und trotz der banalen Botschaft seltsam anrührend.
Da nervt kein klebriges Ohrgewürm wie in »Mozart!«, da ist der Tanzboden nicht wie in »Saturday Night Fever« keimfrei gewienert. Dafür ist Leben in der Drecksbude und Gefühl in den Songs, und der famose Gerd Köster - Stimme mit Schnauze - fegt fetzig durch die Schmuddelecken.
Zum Kick für einen neuen Musical-Boom reicht das kaum: Die raue »Hedwig« bleibt eher was für stille Liebhaber, ein Minderheitenprogramm. Aber Tabaluga, diesem schnuckligen Drachen aus dem Kohlenpott, und Kölns glitzerndem Disco-Remake werden die Massen zulaufen; Schaden nehmen sie nicht, ihren Spaß werden sie haben. Nur Wien, weit weg, lohnt keinen müden Schilling. KLAUS UMBACH