Galopp in die Rabatten - DER SPIEGEL
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TIERE Galopp in die Rabatten

Futtermangel im Wald treibt Wildschweine in Rotten nach Berlin. Sie verwüsten Gärten, Fußballplätze und Friedhöfe.
• aus DER SPIEGEL 44/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Stadt, in der die Menschen wohnen, ist dem Gesetz nach »befriedetes Gebiet«, hier »ruht die Jagd«. Niemand weiß das besser als die Wildschweine von Berlin.

In Horden, fachkundig Rotten genannt, fallen die schwarzen Borstentiere derzeit in die Hauptstadt ein. Denn dort, das haben die hoch begabten Paarhufer offenbar schnell gemerkt, lebt sich's wie im Paradies.

Der Jäger, seit dem Aussterben des deutschen Wolfs einziger natürlicher Feind des »Sus scrofa«, darf ihm hier nur mit Ausnahmegenehmigung auf die Schwarte rücken. Auch Polizisten ist lediglich im Notfall, »bei Gefahr in Verzug«, gestattet, auf die Borstentiere anzulegen. Von Rechts wegen gelten Wildschweine in der Stadt als »herrenlos«. Sie haben freie Bahn - und wissen das zu nutzen.

»Eine Spur der Verwüstung« hätten die Tiere durch seinen Bezirk gezogen, zürnt der CDU-Bürgermeister von Zehlendorf, Klaus Eichstädt, 59, und spricht von einer »Zuständigkeitslücke«, die geschlossen werden müsse.

Eichstädt, sonst ein besonnener Mann, ist mit seiner Geduld am Ende und hat jetzt zu »Mord und Totschlag« ("Frankfurter Allgemeine") aufgerufen. Er kämpft dafür, dass ein »Mobiles Einsatzkommando« der Polizei, eine »schnelle Eingreiftruppe« mit »Jagdscheinen und Gewehren«, in der Stadt Streife geht und das Borstenvieh zur Strecke bringt.

Ein Überangebot an Eicheln hatte vergangenes Jahr zu einer Geburtenexplosion bei den Sauen geführt. Der extrem heiße Berliner Sommer dieses Jahres trocknete jedoch den Wald aus und trieb die Keiler und Bachen mitsamt Anhang, Frischlinge genannt, massenhaft in die Stadt.

Beliebtestes Ziel in Berlin sind die waldnahen Villengebiete mit aufwendigen Gartenanlagen zwischen Grunewald und Wannsee. Nirgendwo sonst finden die Allesfresser ein so delikates Nahrungsangebot.

Im Schweinsgalopp geht es bevorzugt nachts in die Rabatten, wo sich die Tiere, vor Vergnügen grunzend, mit Blumenzwiebeln, Schnecken und Gemüsen voll fressen. Zäune sind kein Hindernis, auch geschlossene Behälter vermögen die Sauen zu knacken.

»Berlins beliebteste Mülltonnen, gefüllt mit Bioabfällen aus Küche und Garten, stehen in Heiligensee«, ermittelte Förster Hubert Wehner, 29, von der Jagdbehörde in Berlin-Mitte. Bei ihm suchen Opfer nächtlicher Randalen Hilfe.

Auch die Polizei nimmt fast täglich Beschwerden über vagabundierende Saubanden entgegen. Denn nach einem Besuch der bis zu 1,80 Meter langen und 200 Kilogramm schweren Schweine sehen Obstgärten, Kleingartenkolonien und Komposthaufen wie Kriegsschauplätze aus.

Dahin ist dann nicht nur der ideelle Wert des liebevoll gehegten Gartens. Nach Paragraf 37 des Landesjagdgesetzes gibt es nach einer Schweineinvasion auch keinen Schadensersatz.

Lediglich wenn wie kürzlich in Wannsee und Spandau Schweine in Villen-Pools ertrinken, birgt die Feuerwehr kostenlos die Kadaver. Das ist dann, so steht es im Gesetz, »höhere Gewalt«.

Auf der Suche nach Engerlingen, Mäusen und Würmern in der Erde schändete ein Trupp Schwarzkittel jüngst gar rund 200 Gräber auf dem Onkel-Tom-Friedhof in Zehlendorf. Ein andermal tobten die Schweine über den Übungsplatz des Fußball-Zweitligisten Tennis Borussia am Olympiastadion.

Kurz darauf trat die Borsten-Korona bei der Bundesliga an und durchpflügte das Trainingsfeld von Hertha BSC.

Wie kaum eine andere Spezies gehören Wildsauen zu den Wendegewinnern. Zu Mauerzeiten gab es auch für Ostschweine kein Durchkommen in den goldenen Westen.

Heute überqueren die exzellenten Schwimmer mitunter in Kohorten von Brandenburg aus die Havel, stoppen kurz für ein Picknick im Park der Sommerresidenz Friedrich Wilhelms III. auf der ehemals West-Berliner Pfaueninsel, 1821 angelegt von Peter Joseph Lenné ("Betreten der Rasenflächen verboten!"), um dann gestärkt zum Sturm auf Berlin anzutreten.

Manche Eltern, die der Idylle wegen an den Stadtrand zogen, lassen heute ihre Kinder nicht mehr allein auf den Spielplatz ziehen. Berufstätige wagen sich morgens nicht ins Auto, weil es von grunzenden Wildschweinen umzingelt ist.

Hundebesitzer wie die Wannseerin Eva Abel, 62, fürchten um das Leben ihrer Getreuen. Als Abels Schäferhund »Baron« sein Frauchen tapfer vor der Verfolgung durch eine Wildsau schützen wollte, wurde er von einem bulligen Keiler aufgespießt, durch die Luft geschleudert und schwer am Hinterlauf verletzt. Notoperation.

»Ich befinde mich nicht in Afrika, wo ich mit wilden Tieren leben muss«, fordert die Tierärztin Martina Rauch-Ernst, 38, aus Heiligensee den Senat in einem Schreiben »eindringlich« zum Handeln auf.

Normalerweise ist das Schwarzwild mit dem großen Kopf und den kurzen Beinen menschenscheu und durch Lärm leicht zu vertreiben. Doch gibt es immer weniger echte Wildschweine.

Viele der Sauen sind bereits in der Stadt geboren und folgen statt dem Rhythmus der Natur der Pausenglocke der Berliner Schulen. Dort lagern sie, ganz auf die Fünf-Tage-Woche eingerichtet, von montags bis freitags und betteln bei den Kindern um Fütterung, beobachtete der Berliner Forstamtsleiter Roland Grund. Wie an ein Grunewalder Pausenbrot zu kommen ist und sich andere Nahrungsquellen erschließen lassen, wird dann in den Schweinefamilien von Generation zu Generation weitergegeben, fand der Gießener Wildbiologe Karl Kugelschafter heraus.

Fast blind, aber mit einem hervorragenden Geruchssinn ausgestattet, unterscheiden die Tiere instinktsicher Freund und Feind. Während der unbewaffnete Vorortbewohner sofort als harmlos ausgemacht wird, mag er lärmen, pfeifen, schreien, könnten Schweine den todbringenden Jäger »am Schritt« erkennen, behauptet CDU-Mann Eichstädt.

So erobern die cleveren Wildsauen immer weitere Teile der Stadt. Eine Rotte residiert inzwischen permanent in der so genannten Fließwiese im urbanen Charlottenburg. Eine andere flaniert tagsüber öfter durchs Haupttor des Spandauer Friedhofs »In den Kisseln«, um dort Blumengebinde zu speisen.

Obwohl offenkundig eine Plage mit großer Zerstörungskraft, haben auch die Schweine eine Lobby. In Zehlendorf werden die Tiere - trotz Androhung eines Bußgeldes von bis zu 10 000 Mark - gern von alten Damen gefüttert. Und unlängst bildete sich gar eine Menschenkette, um einer Rotte, die exekutiert werden sollte, das Leben zu retten. Als der Förster zur Tat schreiten wollte, war keine Sau mehr da. SUSANNE KOELBL

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