Aufs Beste hoffen - DER SPIEGEL
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PSYCHIATRIE Aufs Beste hoffen

Münchner Forscher legen die weltweit größte Depressionsstudie vor: Die Schwermut ist weiter verbreitet als bislang vermutet.
Von Rainer Paul
• aus DER SPIEGEL 46/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 15. April 1999 gab es in 616 ausgesuchten deutschen Arztpraxen zwischen Flensburg und Friedrichshafen, zwischen Saarbrücken und Rostock Blumen, Wein und nette Worte. Mit derlei Aufmerksamkeiten belohnte eine Pharmafirma die Bereitschaft von Allgemeinmedizinern, Praktischen Ärzten und Internisten, am »Sisi-Tag« gezielt auf das Gemüt ihrer Kundschaft zu achten.

Der Kosename der schwermütigen Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837 bis 1898) war für den Test-Tag mit Bedacht gewählt worden. Es galt, in den Warte- und Sprechzimmern der Arztpraxen zu erkunden, wie häufig und wie schwer in Deutschland eine der weltweit häufigsten Krankheiten in Erscheinung tritt, ob sie von den Doktoren erkannt und wie sie behandelt wird: das potenziell tödliche Volksleiden Depression.

Mitte dieser Woche werden die ersten Ergebnisse der Studie veröffentlicht. Ihre Idee und Methodik stammt vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI-P), das die Studie durchführte und dabei organisatorisch von den 200 Außendienstmitarbeitern der britischen Pharmafirma SmithKline Beecham (SB) unterstützt wurde.

Der SB-Konzern, der sein Geld auch mit Antidepressiva verdient, kann sich über das Untersuchungsergebnis freuen. »Die Lehrbuchmeinung, an der sich der deutsche Gesundheitsbetrieb ausrichtet, muss umgeschrieben werden«, resümiert der Klinische Psychologe und Epidemiologe Hans-Ulrich Wittchen vom MPI-P: »Depressionen sind weiter verbreitet als bisher angenommen.«

Nach der gängigen Schätzung leiden höchstens vier Prozent aller über 14-jährigen Deutschen einmal im Leben an einer Depression. Die neue Studie kommt zu weit höheren Zahlen. »Jeder zehnte Patient, der an einem beliebigen Tag im Jahr seinen Hausarzt aufsucht«, erläutert Wittchen, »weist mindestens vier jener Symptome auf, die nach weltweit anerkannten Maßstäben eine Depression kennzeichnen.«

Unbehandelt ist eine schwere Depression lebensgefährlich. Als »bemerkenswert hoch« stuft Wittchen den Befund der Studie ein, wonach fast jeder siebte depressive Mann und jede fünfte depressive Frau in den beiden Aprilwochen vor dem Sisi-Tag nach eigenen Angaben beständig an Suizid gedacht habe. Schätzungen zufolge bringen sich 10 bis 15 Prozent der schwer Depressiven tatsächlich um.

Aber erkennt der Hausarzt überhaupt Depressionen und die Gefährlichkeit dieser Krankheit? Auch die Frage, ob und wie der Mediziner einen als depressiv eingestuften Patienten behandelt, ihn etwa zum Spezialisten überweist oder »tatenlos aufs Beste hofft« (Wittchen), war Bestandteil der Umfrage.

Der »ersten groben Ergebnisübersicht« ließe sich, wie Wittchen befindet, eine »gute Nachricht« entnehmen: Allgemeinärzte erkennen offensichtlich Depressionen besser als in der Vergangenheit: 75 Prozent der eindeutig schweren Depressionen wurden als solche diagnostiziert. Ein Drittel der Betroffenen wurde zu einem Spezialisten überwiesen. Zwei Drittel wurden ausführlich beraten, jedem Dritten von ihnen wurde ein Antidepressivum verordnet, dessen Wirksamkeit hinlänglich bewiesen und das weitgehend frei von schweren Nebenwirkungen ist.

So sicher die Hausärzte inzwischen schwere Depressionsformen erkennen (vor zehn Jahren lag die Trefferquote bei 50 Prozent), so unsicher sind sie noch immer bei der Diagnose der leichteren Form von Schwermut: Bei 41 Prozent wurden die Symptome »nicht als eindeutig erkannt«.

Dieses Ergebnis überraschte Wittchen, da doch »die Studie auf die Ärzte maßgeschneidert ausgelegt war«. Die Mediziner waren zum Stichtag durch einen Fragebogen sensibilisiert worden und konnten auf Mithilfe ihrer Klientel bauen, wie sie in dieser Form im Praxisalltag sonst nicht vorkommt.

Insgesamt 20 421 Patienten wurden am Sisi-Tag statistisch erfasst. Bevor sie die Sprechzimmer betraten, hatten sie jeweils einen zweiseitigen Fragebogen ausgefüllt. Ihre Angaben umfassten die üblichen Statistik-Daten wie Alter, Familienstand oder Beschäftigungsverhältnis sowie die Frage über den »Anlass des heutigen Arztbesuchs«.

Für das eigentliche Forschungsziel waren neun spezielle Fragen für die Diagnose von Depressionen reserviert. Anhand eines international bewährten Fragenkatalogs wurden die für die Krankheit typischen Beschwerden ermittelt (siehe Kasten).

Den ausgefüllten Fragebogen händigten die Test-Patienten ihrem behandelnden Arzt aus. Zwei Drittel der Mediziner hatten zu Beginn der Studie ihre Kompetenz hinsichtlich der Diagnose von Depressionen als »gut« bezeichnet, 33 Prozent hielten sich für »mittelmäßig« und ein Prozent für »schlecht«.

Aktuelle Untersuchungen der MPI-Forscher zu diesen Ärzte-Aussagen lassen jedoch erkennen, dass »die Mittelmäßigen in Wahrheit richtig schlecht« sind. 74 Prozent der »mittelmäßig Kompetenten« gelingt es nicht einmal, innerhalb von 15 Minuten die vier Hauptmerkmale einer Depression zusammenzustoppeln. Sie verlassen sich vorzugsweise auf ihren »klinischen Eindruck und ärztliche Intuition«.

Ihren Katalog der Depressionssymptome haben die Psycho-Forscher in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer weiter verfeinert. Mit ihm lassen sich die Merkmale einer akuten oder sich abzeichnenden Depression trennscharf erfragen. Einem Drittel der befragten Mediziner war dies verlässliche Werkzeug jedoch fremd. »Für die müssen wir«, so Wittchen, »wohl neue Wege der Aufklärung finden.«

Überraschend gut im Bewusstsein der Allgemeinmediziner verankert zu sein scheinen indes die Merkmale einer speziellen Form von Depression, die letztes Jahr als »Sisi-Syndrom« bekannt wurde.

Betroffene dieser »oft verkannten Spielart der Depression« ("Münchener Medizinische Wochenschrift") sind nicht erkennbar schwermütig und antriebslos, sondern oft charmant und attraktiv. Die Sisi-Depressiven neigen - wie weiland Österreichs Kaiserin - dazu, ihre Ängste, Selbstzweifel und Nichtigkeitsgefühle mit gesteigertem Aktionismus zu bekämpfen: Sie stürzen sich mit Volldampf ins Berufsleben, treiben Extremsport oder unternehmen rastlose Reisen.

Verbreitet wurde die Sisi-typische Depression durch Laien- und Fachpresse, Talkshows und ärztliche, meist von Pharmaunternehmen, wie etwa SmithKline Beecham gesponsorten Fortbildungsveranstaltungen.

Kein Wunder, dass auch in den Allgemeinarztpraxen das Sisi-Syndrom inzwischen bekannt ist - durchaus nicht zum Schaden der Patienten, wie zumindest die MPI-Forscher glauben. Die Beschäftigung mit dem Modeleiden, so Wittchen, habe eindeutig dazu beigetragen, mehr Depressionen als früher zu erkennen. RAINER PAUL

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Haben Sie eine Depression? Dieser Fragebogen wurde vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München für die Weltgesundheitsbehörde entwickelt. Kreuzen Sie bei jeder der folgenden Aussagen an, wie Sie sich in den letzten Wochen überwiegend gefühlt haben. Fühlen Sie sich fast durchgängig traurig, niedergeschlagen oder hoffnungslos? Haben Sie so gut wie jedes Interesse an fast allen Dingen verloren, empfinden Sie keine Freude mehr, zum Beispiel auch an Dingen, die Ihnen gewöhnlich Freude bereiten? Haben Sie keinen Appetit mehr oder erheblich an Gewicht verloren? Schmeckt es Ihnen nicht mehr so wie früher? Leiden Sie fast täglich unter Schlafstörungen (Einschlaf- störungen, Durchschlafstörungen oder frühem Erwachen am Morgen)? Sprechen und bewegen Sie sich langsamer als sonst? Oder leiden Sie im Gegenteil unter einer inneren Unruhe, so dass Sie nicht still sitzen können, sondern auf und ab gehen müssen? Hat sich Ihr sexuelles Verlangen vermindert, oder ist es gar nicht mehr vorhanden? Haben Sie kein Selbstvertrauen mehr? Fühlen Sie sich wertlos, oder machen Sie sich viele Selbstvorwürfe? Haben Sie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und sich Dinge zu merken, oder fallen Ihnen sogar ganz alltägliche Entscheidungen schwer? Denken Sie häufig über den Tod nach oder sogar daran, sich das Leben zu nehmen? AUSWERTUNG Haben Sie mehr als vier Aussagen angekreuzt, leiden Sie wahrscheinlich unter einer typischen Depression. Bitte bedenken Sie jedoch, dass die Auswertung des Fragebogens noch keine eindeutige Diagnose darstellt.

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