»Den Stecker gezogen« - DER SPIEGEL
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MUSICALS »Den Stecker gezogen«

Überteuerte Mietverträge, zu viel Personal und Konkurrenten überall: Das Musical-Unternehmen Stella ("Cats«, »Phantom der Oper") steht vor dem vorläufigen Aus. Nur durch eine Pleite kann sich die Firma aus lästigen Verträgen befreien - ein Testfall für das neue Insolvenzrecht.
Von Hermann Bott und Dinah Deckstein
• aus DER SPIEGEL 49/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am letzten Freitag bekam das Hamburger Amtsgericht Post aus Frankfurt: 29 Insolvenzanträge auf einen Schlag. Das Musical-Unternehmen Stella AG war zahlungsunfähig geworden, und gleichzeitig reichten die Frankfurter Firmenanwälte Insolvenzanträge für 28 Stella-Gesellschaften ein.

Das Unternehmen, das mit acht Musicals 430 Millionen Mark umsetzt, hat mehr selbständige Tochtergesellschaften als mancher Großkonzern. Insider vermuten in dem Firmengestrüpp 40 bis 50 Betriebe.

Wegen der Aufräumarbeiten habe er seit Monaten kein freies Wochenende, stöhnt Stella-Chef Hemjö Klein, 58, der im März den Sanierungsjob übernahm: »Ich arbeite praktisch rund um die Uhr.« Den Banken habe er »ein exzellentes Konzept mit exzellenten Mitarbeitern« vorgelegt, mit allerlei Zukunftsversprechen. Doch Banker orientieren sich gern am Hier und Heute: Der angestrebte Umsatz von 520 Millionen Mark in diesem Jahr liegt um 90 Millionen Mark niedriger als geplant, statt 20 Millionen Mark Gewinn fallen Verluste von knapp 50 Millionen Mark an.

Ende vergangenen Monats weigerte sich die HypoVereinsbank, der Stella-Hauptgläubiger, weitere 29 Millionen Mark herauszurücken, die Klein für den Betrieb seiner Musicals dringend benötigte. Die drohende Pleite, rüffelte das »Handelsblatt« den Stella-Chef, sei verursacht durch »ein Geflecht aus krassen Fehlentscheidungen, Unflexibilität und falschen Einschätzungen der Märkte«.

Doch als Klein im Frühjahr zur Stella kam, war das Unternehmen bereits schwer angeschlagen. Der Eigentümer Rolf Deyhle hatte die einst üppig sprudelnden Gewinne aus dem Musical-Betrieb in dubiose Immobiliengeschäfte gesteckt. Ein geplanter Börsengang scheiterte zweimal, weil Deyhle störrisch darauf bestand, die Stella sei mehr als eine Milliarde Mark wert. Schließlich musste er im vergangenen Jahr 25 Prozent der Aktien verkaufen und den Rest den Banken verpfänden. Der Aufsteiger Deyhle war abgestürzt.

Seitdem bestimmen die Kreditinstitute. Sie ersetzten den Deyhle-Vertrauten Günter Irmler, einen gelernten Steuerberater,

* Auf der Bühne von »Cats«, am 30. November.

durch Hemjö Klein - einen umtriebigen Marketing-Experten, der einst als Manager der Deutschen Bahn eine Werbefigur namens »rosaroter Elefant« erfunden hatte und der dann als Vertriebsvorstand der Lufthansa viel herumwirbelte und wenig bewegte.

Auch bei der Stella fiel Klein durch rastlose Dynamik auf. »Der arbeitet bis zum Umfallen«, sagt ein Mitarbeiter, »und der hat jedem von uns Mut gemacht.« Er brachte freilich die Stella nicht aus den roten Zahlen.

Klein fand einen aufgeblähten Apparat vor. Auf Vollzeitkräfte hochgerechnet beschäftigt die Stella, inklusive eigener Putzfrauen, knapp 3000 Mitarbeiter für derzeit noch sieben Musicals. Andere Betreiber kommen mit weit weniger Personal aus: Für das Musical »Ludwig II.«, das im April startet, sind 200 Beschäftigte einkalkuliert.

Teure Lizenzverträge, vor allem mit Walt

Disney, und hohe Mieten drücken die Erträge. Allein in Stuttgart muss die Stella für ihre beiden Theater ("Miss Saigon«, »Die Schöne und das Biest") 55 Millionen Mark Jahresmiete zahlen. Der Eigentümer, der Immobilienfonds DLF 94/17, hat der Stella die beiden letzten Monatsmieten erlassen: Geht das Musical-Unternehmen Pleite, fließt für lange Zeit überhaupt keine Miete mehr - die Theater wurden speziell für Musical-Aufführungen konzipiert.

In Duisburg und Essen bringen die beiden Produktionen »Les Misérables« und »Joseph und seine Brüder« seit Jahren Verluste. Stella war vertraglich verpflichtet, die Stücke mindestens drei Jahre zu spielen. Zum 1. Advent machte Klein »Les Misérables« dicht, am 3. Advent wird »Joseph« die letzte Vorstellung geben. Die beiden Stücke haben der Musical-Company in diesem Jahr einen Verlust von 24 Millionen Mark beschert.

Zudem drängten unabhängige Musical-Betreiber auf den Markt: in diesem Jahr in Bremen ("Jekyll & Hyde"), in Köln ("Saturday Night Fever") und in Oberhausen ("Tabaluga & Lilli"); im nächsten Jahr wird es zwei weitere Musicals geben. Die Stella, einst Monopolist in ihrer Branche, hat nur noch einen Marktanteil von 50 Prozent.

Obwohl die Auslastung seiner Theater in diesem Jahr weiter sank, drückte Klein die Kosten um 74 Millionen Mark. »Die operative Sanierung«, vermeldet das Protokoll der letzten Aufsichtsratssitzung vom 22. November, »wurde sehr erfolgreich abgeschlossen.« Die »Herkules-Aufgabe«, lobt ein Aufsichtsratsmitglied, habe der neue Chef »hervorragend bewältigt«. »Hemjö Klein war auf dem richtigen Weg«, meint auch der Branchenkenner Peter Schwenkow, Chef der Deutschen Entertainment AG.

Die HypoVereinsbank war da anderer Ansicht, sie wollte aus ihrem Engagement nur noch raus. Klein, so eine Forderung der Bank, solle einen Investor auftreiben, der mindestens 51 Prozent der Aktien übernimmt.

Das gelang ihm auch. Der Medienkonzern Bertelsmann zeigte Interesse an dem Musical-Geschäft und ließ Wirtschaftsprüfer der KPMG den Wert der Stella ermitteln. Ergebnis: Das Musical-Unternehmen, das Deyhle noch vor zwei Jahren - inklusive seiner damaligen 50-Prozent-Beteiligung an der Kinokette Cinemaxx - nicht unter 1,4 Milliarden Mark an die Börse bringen wollte, ist inzwischen keine 100 Millionen Mark mehr wert.

Für einen »zweistelligen Millionenbetrag«, so ein Stella-Aufsichtsrat, wollte Bertelsmann alle Anteile übernehmen. Zwei Aktionäre legten sich quer: Deyhle, der zwar seine Aktien verpfändet hat, aber juristisch Eigentümer ist, und der Fonds DLF 94/17. Die Kapitalsammelstelle hatte im vergangenen Jahr, als Deyhle vor der Pleite stand, 20 Prozent der Aktien übernommen und dafür die Miete für die beiden Stuttgarter Theater von 75 Millionen auf 55 Millionen Mark pro Jahr ermäßigt.

Bertelsmann, so die Forderung, solle ein paar Millionen nachzahlen, wenn nach der Sanierung die Stella wieder Gewinne abwirft. Die Gütersloher lehnten ab. »Da wir nur an ganzheitlicher Übernahme interessiert sind«, wie Bertelsmann-Vorstand Gunter Thielen schrieb, nehme der Konzern »deshalb Abstand von weiteren Übernahmeverhandlungen«.

Bis München scheint die Offerte aus Gütersloh gar nicht gedrungen zu sein. »Ein Angebot von Bertelsmann«, behauptet ein HypoVereinsbank-Manager, »ist niemals bei uns angekommen.«

Andere Interessenten sprangen ab, zu hoch sind die nötigen Investitionen, zu abschreckend sind auch die Lizenz- und Mietverträge, die Rolf Deyhle auf dem Höhepunkt seiner Musical-Erfolge abgeschlossen hatte. Die Mietverträge für die Stuttgarter Theater beispielsweise laufen bis ins Jahr 2019.

Wie so viele andere lehnte auch der Berliner Konzertveranstalter Schwenkow eine Beteiligung an der klammen Firma ab. »Die Stella«, glaubt Schwenkow, »hat nur Überlebenschancen, wenn sie sich nach dem neuen Insolvenzrecht von ihren Altlasten befreit.« So sei es eigentlich sinnvoll, meint er, »dass die Hypo den Stecker gezogen hat«.

Die Stella, prophezeit ein Branchenkenner, werde nun »filetiert": Die erfolgreichen Produktionen bleiben - in Hamburg »Cats« und »Das Phantom der Oper«, in Berlin »Der Glöckner von Notre-Dame« und in Bochum »Starlight Express«, der Spitzenreiter im Stella-Imperium. Vielleicht bleibt auch ein Musical in Stuttgart erhalten: »Miss Saigon« wird dort am 4. Advent zum letzten Mal aufgeführt und soll im April durch den »Tanz der Vampire« ersetzt werden.

Hemjö Klein hetzt derweil durchs Land und versucht, seine Darsteller - »hoch motivierte Mitarbeiter« - bei der Stange zu halten. Der notorische Optimist verkündet allen Widrigkeiten zum Trotz: »Bereits im nächsten Jahr machen wir wieder Gewinne.« HERMANN BOTT, DINAH DECKSTEIN

* Auf der Bühne von »Cats«, am 30. November.

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