RAUSCHGIFT »Verlust der Erbmasse«
Die jungen Leute sterben wie die Fliegen«, sagt Andrej. Er muss es wissen: Bis zu 14 Stunden durchstreift der 25-jährige Polizist als verdeckter Ermittler der russischen Kripo-Abteilung gegen das illegale Drogengeschäft jeden Tag die Moskauer Szene - auf der Suche nach Informationen, nach Dealern und unachtsamen Konsumenten.
Zwar hat Oberbürgermeister Jurij Luschkow gelobt, alle Drogenumschlagplätze der Hauptstadt »vom Angesicht der Erde zu tilgen«. Doch nach wie vor beschaffen sich Moskauer Schüler und Studenten die tägliche Heroinportion direkt in ihren Wohnheimen und Universitäten. Neureiche, Show-Größen oder sonstige Trendsetter kaufen eine Nase Kokain problemlos an den Bars ihrer Lieblingsclubs.
Minderjährige handeln in den Vorstadtghettos mit Ephedrin, Amphetamin oder dem preisgünstigen »Wint« - einem auf Basis von Methamphetamin hergestellten Psychostimulator, der bei Hochdosierung zu Angstzuständen führt.
Ganz wie bei den westeuropäischen Nachbarn werden LSD oder Ecstasy-Tabletten von Jugendlichen auf House-Partys und in Trance- oder Technoclubs konsumiert. Eine Heroinwelle hat aber sämtliche sozialen Schichten überrollt.
»Direkt unter den Fenstern unserer Polizeibehörde haben wir einen Narko-Puff entdeckt«, empörte sich Gouverneur Eduard Rossel in Jekaterinburg, der nun lautstark die Todesstrafe für Drogenhändler fordert. Auch sein Kollege Leonid Poleschajew, Bezirkschef im nahe gelegenen Omsk, sammelt Unterschriften für die Wiederaufnahme der durchaus populären Höchststrafe.
»Achtzig Prozent der bei uns eingelieferten Patienten nehmen Heroin«, berichtet Sergej Solotuchin, stellvertretender Chefarzt der Moskauer Betäubungsmittelklinik Nr. 17. Auffallend sei, dass junge Leute »innerhalb von nur drei bis vier Monaten zunächst Marihuana, dann Haschisch, synthetische Drogen und schließlich Heroin konsumieren«.
Das russische Gesundheitsministerium verheimlicht die Zahl der Drogentoten, bestätigt aber einen Anstieg um das Zwölffache seit 1987. Die Zahl minderjähriger Opfer hat im selben Zeitraum gar um das 42fache zugenommen. Die Beamten schätzen, dass es im Riesenland zwischen Ostsee und Pazifik bei 145,7 Millionen Einwohnern inzwischen 2 Millionen Süchtige und 500 000 Schwerstabhängige gibt.
Eltern, Pädagogen und Politiker sind fassungslos und retten sich zuweilen in finstere Verschwörungstheorien: Die Drogenwelle, die seit dem Zusammenbruch des Kommunismus über Russland hinwegschwappt, sei Teil einer »im Westen erdachten Strategie, unsere Bevölkerung auf 50 Millionen zu reduzieren«, glaubt beispielsweise General a. D. Leonid Scherschnjow, der auf der äußersten politischen Rechten gegen den Drogenkonsum seiner Landsleute kämpft.
Interpol-Generalsekretär Raymond Kendall rechnet damit, dass von weltweit 500 Milliarden Narko-Dollar jährlich 2 Milliarden in Russland umgesetzt werden. Bei Endverbraucherpreisen von umgerechnet 8 bis 15 Mark pro Dosis Heroin (0,08 g) und 200 bis 250 Mark pro Gramm Kokain können sich die Händler über Gewinnspannen von 300 bis 2000 Prozent freuen.
Bereits jede sechste in Moskau registrierte Straftat steht im Zusammenhang mit dem Besitz oder dem Verkauf von Rauschgift. Drogenexperten vermuten, dass mehr als 20 000 Hauptstädter ihren Lebensunterhalt überwiegend oder ausschließlich mit Rauschgifthandel verdienen.
Auch synthetische Suchtmittel müssen längst nicht mehr aus Westeuropa bezogen werden. Allein 1997 hoben Polizei und Sondereinheiten 848 vaterländische Labors aus, die auf Drogenproduktion umgesattelt hatten, davon 200 in Moskau.
Das Risiko aufzufliegen gilt gleichwohl für Hersteller, Händler und Kunden als kalkulierbar. Die Käuflichkeit vieler Ordnungshüter ist in der Szene kein Geheimnis: Polizisten verdienen monatlich im Durchschnitt umgerechnet 80 Mark und bessern sich das magere Gehalt nicht selten durch den Verkauf von konfisziertem Rauschgift auf. »Wer 500 Dollar dabei hat, kauft sich frei - wer nicht, geht in den Knast«, sagt Sergej, 26, seit neun Jahren drogenabhängig und im Umgang mit der Polizei geübt.
Mitte der achtziger Jahre suchten vornehmlich nach Afghanistan abkommandierte Sowjetsoldaten durch Drogenkonsum dem Kriegsalltag zu entfliehen; inzwischen ist die Wehrfähigkeit der russischen Armee bedroht: Etwa 70 000 männliche Jugendliche werden jährlich von den Musterungskommissionen als Süchtige identifiziert und ausgemustert.
Veteranenorganisationen der »Afghanzi« berichten, die erste Generation ihrer im Krieg an die Nadel geratenen Kameraden habe sich inzwischen weitgehend zu Tode gespritzt. Vor dem Truppenabzug 1989 hatten suchtkranke Soldaten Opium in den Zinksärgen von Gefallenen in die Heimat transportiert und anschließend in den Wohnküchen zwischen Smolensk und Magadan »Chanka« zubereitet - Rauchopium, das durch Rösten und Fermentieren von Rohopium fabriziert wird.
Jeder neue Krieg brachte auch einen neuen Drogenschub. Die Kämpfe in Tadschikistan 1992 und 1993 schwemmten zehntausende von Flüchtlingen nach Russland, von denen sich viele mit dem Verkauf von eingeschmuggeltem Rauschgift über Wasser hielten. Im ersten Kaukasus-Krieg gegen Tschetschenien zwischen 1994 und 1996 gab es bereits einen regen Handel über die Fronten hinweg: Die Rebellen erhielten Waffen und lieferten Stoff für Russlands Süchtige.
Walentin Sobolew, Vize-Sekretär des Moskauer Sicherheitsrats, ist überzeugt davon, dass tschetschenische Warlords wie Schamil Bassajew ihre Kriegskasse mit Erlösen aus der Produktion von Opium und Heroin auffüllen. Angeblich wurden die Drogen in Untergrund-Labors bei Grosny hergestellt.
Wie späte Rache für die Einmischung am Hindukusch mutet es an, dass mit jedem Jahr mehr Rauschgift aus Afghanistan nach und durch das zerrüttete Russland strömt. Laut Berichten des Uno-Drogenkontrollprogramms haben afghanische Bauern im laufenden Jahr auf 91 000 Hektar die Rekordmenge von 4600 Tonnen Rohopium geerntet, das zu etwa 420 Tonnen Heroin verarbeitet wird. Der Leiter des Programms, Pino Arlacchi, hat ermittelt, dass sich der Ernteertrag gegenüber 1998 mehr als verdoppelte und die Taliban 75 Prozent der Welt-Opiumproduktion kontrollieren.
Auch die ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens haben sich inzwischen als Drogenlieferanten etabliert: Aus und über Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisien, Kasachstan und die Kaukasusrepubliken verlaufen heute die wichtigsten Wege zur Versorgung Russlands und Westeuropas mit Narkotika.
Trotz aller Alarmmeldungen glaubt Russlands Regierung, das Land sei durch das seit April 1998 gültige Gesetz »über Rauschmittel und Psychopharmaka« hinreichend gegen Drogenmissbrauch geschützt. Das Paragrafenwerk bedroht bereits den Besitz winziger Mengen von verbotenen Substanzen mit Strafen bis zu 3, den Verkauf mit bis zu 15 Jahren Gefängnis.
Die Folge: Die ohnehin überbelegten Haftanstalten füllen sich weiter mit Kleindealern und Abhängigen, die mit Schwerverbrechern um die raren Schlafplätze kämpfen. »Wenn jemand unter solchen Umständen vom Rauschgift loskommen sollte, wäre das ein Wunder«, sagt Inna Bauschewa, 38, Leiterin des Moskauer Rehabilitationsprogramms »Stupenki« (Stufe um Stufe) für drogenabhängige Kinder und Jugendliche.
Zwar möchte Innenminister Wladimir Ruschailo für das gerade verabschiedete Dreijahresprogramm zur Bekämpfung der »illegalen Produktion und Verbreitung von Drogen« rund zwei Milliarden Rubel (etwa 145 Millionen Mark) aufwenden. Doch zuallererst setzt das Ministerium dabei auf Repression: Substitutionstherapie mit Methadon ist verboten; die Ausgabe von Einwegspritzen, Präservativen und Informationsliteratur an Drogenabhängige ist weithin unerwünscht. Lediglich in Jaroslawl und St. Petersburg erhalten Süchtige kostenlos Einwegbesteck in den Spritzenbussen der »Ärzte der Welt«.
Die in Russland äußerst niedrige Hemmschwelle gegenüber dem intravenösen Schuss fördert HIV-Infizierungen. Fast zwei Drittel der Abhängigen in Orenburg nahe der kasachischen Grenze gaben bei einer Befragung an, innerhalb des letzten Monats ihr Spritzbesteck an Leidensgenossen ausgeliehen zu haben. Aids-Hochburg der Russischen Föderation ist Kaliningrad. In der einstigen Region Königsberg sind über 3000 Infizierte registriert.
Härte wird auch weiterhin das einzige Rezept des Staats gegenüber der Drogenflut bleiben. Krankenhäuser und Fürsorgestellen sind verpflichtet, Abhängige zu melden. Jetzt sei nicht der Moment, riet die regierungsnahe »Rossiiskaja gaseta«, sich mit »Übungen in theoretischem Humanismus« aufzuhalten. Russland habe bereits die Grenze überschritten, hinter welcher die Nation vom »Verlust ihrer Erbmasse bedroht« sei.
Tamara Petrakowa, 50, Leiterin der Abteilung Prävention im Gesundheitsministerium, ist sich sicher: »Eine Legalisierung von Drogen jeder Art wäre im Augenblick der sichere Weg in die landesweite Katastrophe.« ANNETTE LANGER