Schnitte, Rauschen, Bildausfall
Die Suche nach der Wahrheit begann für Jonathan Bisson in der Küche seines 300 Jahre alten Cottage bei Exeter, Südengland. Sein Schwiegervater, der Hamburger Havarie-Sachverständige Werner Hummel, hatte seinen Besuch angekündigt. Irgendwann legte der Deutsche eine Video-Kassette auf den Tisch. Hätte Bisson gewusst, wie viel Arbeit vor ihm lag, »hätte ich die Kassette liegen lassen«.
Der Engländer kennt sich mit VideoAufnahmen aus. Er betreibt eine Firma für Bildverarbeitung; für gewöhnlich retuschiert er mit aufwendiger Technik Porträts für Zeitschriften oder rettet mit digitalen Tricksereien missratene Filmaufnahmen für TV-Teams.
Die Kassette zeigte Bilder des gesunkenen Fährschiffs »Estonia«. Um zu erkennen, dass mit dem Material etwas faul sei, sagt Bisson, 30, brauche es nicht viel Sachverstand: »Die Fälschungen und Lücken könnte auch jeder Laie mit einigermaßen geübtem Auge erkennen.« Schon auf dem ersten Band entdeckte Bisson seltsame Schnitte, Sequenzen mit Rauschen oder Bildausfall.
Nach dem ersten Video-Abend Anfang Januar letzten Jahres besorgte Hummel für Bisson alle Bänder, die von der »Estonia«-Untersuchungskommission freigegeben sind: 20 Kassetten mit über 40 Stunden Unterwasseraufnahmen, gedreht von Robotern und Tauchern.
Zunächst setzte Bisson die Video-Sequenzen in digitale Computerbilder um - Standbild für Standbild, 25 Aufnahmen pro Sekunde. Manipuliert habe er keineswegs, so sieht Bisson seine Methode, er habe die Bilder nur durch Änderung von Graustufen und Helligkeit klarer werden lassen.
Dann brachte er die planlos aneinander geschnittenen Aufnahmen in eine zeitlich sinnvolle Reihenfolge. Zu Hilfe kam ihm dabei, dass die Roboter ihre Bilder mit Informationen über Position und Zeit versahen. Sobald ein Taucher den Weg einer Roboter-Kamera kreuzte, konnte auch dessen Standort samt Uhrzeit rekonstruiert werden. Ergebnis: Es fehlen diverse Stunden Material.
Auffällig sei vor allem eines, sagt Bisson: »Die Lücken der Bänder betreffen fast immer die gleichen Regionen am Schiffsrumpf.« Die Kameras seien zumeist dann ausgefallen, wenn sie an den Seiten der Laderampe am Bug ankamen. Fündig wurde Bisson trotzdem. Im Originalmaterial entdeckte er einige Schwenks über die Bugseiten. Als Bisson sie bearbeitete, wurden Löcher und Zerstörungen am Schiff deutlich, die im Bericht der Kommission nicht erwähnt werden.
Bisson stieß auf weitere Merkwürdigkeiten. So sah er in einer Sequenz ein orangefarbenes Päckchen, das auch seinem Schwiegervater aufgefallen war. Datum der Aufnahme: 9. Oktober 1994. Auf Bildern, die während eines späteren Tauchgangs entstanden, war das seltsame Päckchen dann plötzlich verschwunden. Im offiziellen Report der Kommission wird es verschwiegen. Hummel glaubt, es könne sich um einen Sprengsatz gehandelt haben, der nicht detonierte.
Dass die Originalaufnahmen gesäubert wurden, belegt auch eine etwas peinliche Sequenz von der Versiegelung eines Lochs, das Taucher in den Rumpf der »Estonia« geschnitten hatten. Helfer sind zu sehen, die eine Stahlplatte auf den Einstieg legen - pietätvoll schließen sie das Massengrab.
Am Bildrand jedoch zeigen die Aufnahmen plötzlich Luftblasen und ein Scheinwerferlicht im Rumpf: Die Taucher hatten einen Kollegen im Wrack schlicht vergessen. Der nächste Schnitt kaschiert die Panne. Anscheinend ohne Unterbrechung, aber mit minutenlangem Zeitsprung auf der Uhr fahren die Taucher mit der Abdeckung des Lochs fort. HANS-JÖRG VEHLEWALD