ANATOMIE Leonardos falscher Pinsel
Mit freimütigem Pinselschwung hielt Leonardo da Vinci fest, wie er sich das Liebesleben des Menschen ausmalte. In seinem berühmt gewordenen Bild »Der Geschlechtsakt« entsteht das Sperma im Kopf des Mannes und schwimmt dann durch einen Kanal im Rückgrat in das Gemächte.
Die Renaissance-Zeichnung aus dem Jahre 1493 irrt noch in einem zweiten, kleinen Detail: Anders als von Leonardo dargestellt, fügt sich das Glied des Mannes mitnichten in geradem Zustand in die Scheide der Frau. Vielmehr schlägt der Körperteil auf halber Strecke einen kühnen Winkel von 120 Grad und nimmt die Form eines Bumerangs an.
Diese erstaunliche Krümmung der Natur hat eine Gruppe um den Gynäkologen Willibrord Schultz von der Universität Groningen jetzt erstmals dokumentiert. Die Forscher steckten kopulierende Paare in die Röhre (Durchmesser: 50 Zentimeter) eines Kernspintomografen. Das Gerät, mit dem Ärzte sonst nach Tumoren in Hirn oder Lunge fahnden, lieferte befriedigende Schnittbilder der Schwellkörper und Weichteile.
Mit den Aktfotos ist eines der letzten Geheimnisse des menschlichen Verkehrs gelöst. Jahrhundertelang übersahen Anatomen den Knick und versteiften sich auf Thesen, die sich nun als falsch erweisen. Der New Yorker Geburtshelfer Robert Dickinson etwa schob 1933 gläserne Kolben, die in Umfang und Länge dem Vorbild aus Fleisch und Blut entsprachen, in die Vaginen von Frauen. Um da hineinzupassen, folgerte Dickinson, krümme sich der Penis gleichmäßig wie ein S.
Erst Doktor Schultz und seinen Mitstreitern gelang es zu enthüllen, dass die Manneszier weit stärker verbogen ist. Mit ihrem aufklärerischen Werk begannen die Niederländer bereits im Jahre 1991. Zwar fanden die Wissenschaftler über einen örtlichen TV-Sender rasch bereitwillige Paare, die zierlich genug waren für den Sex in der engen Diagnose-Röhre. Dennoch gingen die Experimente zunächst in die Hose - vor allem wegen der männlichen Probanden: Im Unterschied zu den Frauen empfanden sie den Tunnel als beklemmend und erlebten Schwierigkeiten mit der Erektion.
Schließlich entschloss sich das einzige weibliche Mitglied der Forschergruppe - eine hinreichend schlanke Anthropologin aus Amsterdam - mit ihrem Partner zum Äußersten medizinischer Beweisführung: dem Selbstversuch.
Da die beiden in der Freizeit als Akrobaten vor Publikum auftraten, waren sie gelenkig und stressige Situationen gewohnt. Doch das Protokoll verlangte dem Paar nahezu Übermenschliches ab: Kurz vor dem Gipfel der Lust mussten sie 52 Sekunden lang regungslos verharren - so lange brauchte ihr Kernspintomograf damals für scharfe Bilder. Kein Wunder also, dass die Aufnahmen gehörig verwackelten.
Schon dachten die Aktforscher ans Aufgeben, als ihnen der Fortschritt der Technik gleich zweimal zu Hilfe eilte. Einerseits erhielt das Hospital in Groningen 1996 ein potenteres Kernspin-Gerät. Die Zeit des Stillhaltens verringerte sich dadurch von 52 auf 12 Sekunden. Aber auch diese Wartezeit war noch zu lang: All jene Testmänner, die man in der Zwischenzeit rekrutiert hatte, ließen selbst über diese Kurzdistanz das gebotene Stehvermögen vermissen.
Erst eine zweite Innovation brachte den Durchbruch: Viagra. Dass die blaue Potenzpille 1998 in den Niederlanden auf den Markt kam, so berichten die Autoren jetzt im Fachblatt »British Medical Journal«, sei »ein Geschenk des Himmels« gewesen.
Das Mittel verwandelte zwei Freiwillige, die kurz zuvor noch bei ihrer Partnerin keine »vollständige Penetration« erreichen konnten, in wahre Mustermänner. Nach insgesamt 13 Anläufen mit acht Paaren waren endlich zwei scharfe Schüsse im Kasten.
Nun wurde deutlich, weshalb sich die Anatomen bisher so sehr geirrt hatten. Die Aufnahmen zeigen einen Abschnitt des Penis, der zuvor übersehen wurde: die Wurzel. Sie macht immerhin ein Drittel des kompletten erigierten Gliedes aus. Dessen durchschnittliche Länge geben die Voyeure der Wissenschaft mit 22 Zentimetern an, was sie für eine »enorme Größe« halten.
»Leonardo und Dickinson unterschätzten eindeutig die Größe der Peniswurzel«, urteilen die Forscher. Und deshalb konnten die frühen Gelehrten nicht ahnen, dass das kopulierende Glied genau zwischen Spitze und Wurzel jäh abknickt und von der Mitte aufwärts beinahe parallel zur Wirbelsäule der Frau verläuft.
Der Kniff der Anatomie bürgt für Nachkommen: Die männlichen Samenzellen werden auf diese Weise unmittelbar vor dem Muttermund auf die Reise geschickt.
Dem Bumerang und der ihn umhüllenden Scheide gewinnen Willibrord Schultz und seine Kollegen durchaus Ästhetisches ab. Ihre Kernspin-Bilder von »männlichen und weiblichen Genitalien während des Koitus« seien doch »wunderschön«, kommentieren sie den glücklichen Ausgang einer erregenden Insidestory, an deren Beginn Leonardos falscher Pinsel stand. JÖRG BLECH
* Kernspintomogramm mit erigiertem Penis (Pfeil), aufgenommenan der Universitätsklinik Groningen.