»Wir dachten, nun ist alles aus« - DER SPIEGEL
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TERRORISMUS »Wir dachten, nun ist alles aus«

Protokoll eines Alptraums: Acht Tage lang warteten Besatzung und Passagiere des Indian-Airlines-Flugs IC 814 auf eine Befreiung aus der Geiselhaft. Kapitän und Fluggäste berichten, wie sie die Airbus-Entführung überlebten.
Von Hans Hoyng, Romain Leick und Padma Rao
• aus DER SPIEGEL 2/2000
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Nein, den mit dem Hubschrauber und dem Mann, dem zu kalt war, diesen Witz kannten die Geiseln an Bord des gekaperten Indian-Airlines-Fluges IC 814 noch nicht. Einer der Entführer - die Kinder nannten ihn zutraulich »Onkel«, die Erwachsenen »Burger« - gab ihn zum Besten. Das sollte die Stimmung an Bord des Airbus aufbessern.

Der frierende Mann also fragte, ob man im Hubschrauber noch den großen Ventilator da oben benötige. Als niemand antwortete, schaltete der Mann den Rotor aus, und das war das Letzte, was er machte.

Die Pointe kam nicht gut an, das Lachen der Passagiere klang dünn. Aber den Versuch, die Lage zu entspannen, wollte Airbus-Kapitän Devi Sharan, 37, nutzen: »Ich beabsichtigte, das Beste daraus zu machen«, berichtete er in der Woche nach dem glücklichen Ausgang der Entführung. »Niemand sollte denken, das Ende der Welt sei gekommen.«

Deshalb erzählte Sharan schnell den nächsten Witz, ein anderer den übernächsten und so weiter, bis ein Passagier sich erkühnte, den Entführer zu parodieren, was dieser mit einem Pistolenhieb über den Kopf quittierte. Das Lachen verstummte, und das lähmende Gefühl der Ungewissheit war wieder da, das stete Hin und Her zwischen Alptraum und Zuversicht.

Denn was zwischen dem Terroristenchef im Cockpit und den Unterhändlern im Tower ablief, wer gerade über wessen Freilassung verhandelte, ob es gut um ihr Leben stand oder nicht, das war den Geiseln nur einmal klar: am Donnerstag früh, dem siebten Tag des Entführungsdramas.

Da nämlich zeigte sich der nette Onkel Burger plötzlich wie verwandelt, riss die Passagiere aus dem Schlaf, öffnete die Türen des Airbus, so dass ein eiskalter Wind durch das Flugzeug fegte. Dann griff er zum Mikrofon der Bordsprechanlage.

Sie sollten lieber zu ihrem jeweiligen Gott beten, schnauzte Burger die Passagiere an. In einer halben Stunde würden er und seine Kameraden anfangen, sie »einen nach dem anderen« zu töten. »Wir dachten«, berichtete nicht nur die Inderin Ipseeta Menon, 25, »nun ist alles aus.«

So, zwischen Hoffnung und purem Terror, erlebten die ursprünglich 178 Passagiere und 11 Besatzungsmitglieder jene 170 Stunden des Geiseldramas, das am Heiligen Abend etwa 30 Minuten nach dem Start der Maschine in Katmandu begonnen hatte.

Françoise Jougla, eine Ärztin aus La Roche-Chalais in der Dordogne, saß in der letzten Reihe des Airbus, rechts am Fenster. Der Kapitän hatte gerade bekannt gegeben, dass die Maschine die Stadt Lucknow überflog. Da sprang plötzlich in der Mitte des Abteils ein großer, schlanker Mann auf, fast ein Jüngling noch, der sich blitzschnell eine schwarze Maske über den Kopf gezogen hatte. Mit einer Pistole in der Hand fuchtelnd, stürzte der Mann geradewegs auf Jougla zu.

Seltsamerweise, erinnert sich Madame Jougla, 45, verspürte sie anfangs nicht die geringste Panik. »Ich dachte zuerst an einen bizarren Schabernack oder an eine verschärfte Form des Raubüberfalls, an irgendetwas, das gewissermaßen zur Lan-

desfolklore gehören könnte.« Doch dann bemerkte die Französin, dass der Vermummte nicht allein war. Vier andere Maskierte tauchten auf und brüllten Befehle. Einer ließ einen Dolch blitzen, zwei zeigten Handgranaten sowie Pistolen vor. Der Anführer trug eine rote Maske, als sei sie ein besonderes Rangabzeichen.

Die Passagiere mussten die Köpfe nach unten ducken, über Bordlautsprecher kam die Order: »Keiner bewegt sich, oder wir bringen ihn um!« Dann wurden ihnen mit den zusammengeknoteten Schutztüchern der Kopfstützen die Augen verbunden.

Zwei Stunden später landete das Flugzeug zum ersten Mal. Pilot Sharan hatte den Entführern eingeredet, wegen Treibstoffmangels in Amritsar runtergehen zu müssen, und mit einem Funkspruch seine Absicht den indischen Behörden bekannt gegeben. Doch entgegen seinen Erwartungen hatten die kein Befreiungskommando rechtzeitig mobilisiert.

Nach einer Stunde Aufenthalt konnte der Pilot die Terroristen nicht mehr hinhalten. Die Entführer hatten ihm fälschlicherweise berichtet, vier Geiseln seien bereits hingerichtet. Als sich der angeforderte Tankwagen dem Flugzeug näherte, wurden die Entführer misstrauisch. Einer setzte dem Piloten eine Pistole an die Schläfe und be-

gann einen Countdown bei 30. Als er bei 2 angelangt war, startete Kapitän Sharan zum kurzen Flug nach Lahore. Doch die pakistanische Regierung verweigerte die Landung und ließ sämtliche Lichter auf dem Flugfeld abschalten. Nachdem Sharan zur Landung angesetzt hatte, bemerkte er, dass er dabei war, auf einer belebten Landstraße aufzusetzen. Erst beim zweiten Anflug im Dunkeln gingen die Flughafenlichter wieder an. Der Airbus konnte landen, auftanken und nach Dubai weiterfliegen.

In der Economy-Class, in der inzwischen alle Geiseln untergebracht waren, gingen vielen Passagieren die Nerven durch: Kinder weinten, Frauen wimmerten, die Luftpiraten schrien, Terror erfüllte die Atmosphäre. Doch als sich nach der erneuten Landung die vordere Tür des Flugzeugs öffnete, entschärfte sich die Lage: 27 Fluggäste - Frauen, Kinder, zwei ältere Männer und ein Verletzter - durften aussteigen. Bis zu diesem Augenblick hatte kaum ein Passagier mitbekommen, dass die Entführer zuvor die Geisel Ripen Katyal, 25, in der Business-Class mit einem Stich in die Halsschlagader getötet hatten. Erst einer der Freigelassenen sah, dass hinter ihm der leblose Körper eines Mannes aus dem Flugzeug geworfen wurde.

Nach fünf Stunden Aufenthalt startete die Maschine erneut, zur nunmehr letzten Etappe ihrer Reise durch die Nacht, die in der von den Muslim-Fundamentalisten Taliban beherrschten afghanischen Provinzhauptstadt Kandahar endete. Frau Jougla saß mittlerweile neben einer hoch gewachsenen, goldgeschmückten Inderin, einer Ärztin wie sie selbst.

Als einer der Passagiere über Unwohlsein klagte, meldete sich die indische Kollegin und bat die Luftpiraten, helfen zu dürfen. Der Arzneikasten für Notfälle befand sich vorn. Die Inderin bedeutete Frau Jougla, mit ihr zu kommen.

»Dort sah ich, dass einige Sitze in der ersten Reihe mit Blut getränkt waren«, erzählt die französische Ärztin. »Ich fragte, was geschehen sei, und bekam die Antwort, ein Mann sei bestraft worden, weil er nicht folgsam war. Doch für eine einfache Verletzung schien mir die Blutlache zu groß.« Zum ersten Mal begann Madame Jougla, um ihr Leben zu fürchten.

Nicht als Einzige. Die Eheleute Josep Maria Mayoral, 31, und Anna Lloret, 27, aus dem kleinen katalanischen Ort Mollerussa versuchten, ihre Entführer in Gespräche über ihre Familie zu verwickeln. Die Psychologin Anna war zu dem Schluss gekommen, »dass es am günstigsten war, über unsere Verwandten zu sprechen, selbst wenn wir Lügen über Kinder auftischen mussten«. Dadurch, so hofften die Spanier, »wird es schwer für die Geiselnehmer, uns etwas anzutun«.

In Kandahar stellten die Entführer erstmals konkrete Forderungen. Ihr rot maskierter Chef führte die Verhandlungen aus dem Cockpit heraus, um die Passagiere kümmerte sich vor allem Burger. Auf Frau Jougla wirkte er intelligent und sympathisch; wenn er lachte, konnte sie die Fältchen in seinen Augenwinkeln sehen.

Sein Alter gab Burger mit 26 an. Stolz berichtete er, dass er studiert und den Grad eines Bachelor of Science erworben habe. Die Ärztin konnte ihn immer wieder in ein Gespräch verwickeln. »Warum machen Sie das hier, wie soll das enden?«, fragte sie ihn. Der Mann antwortete: »Ich habe mir zum Ziel gesetzt, Gottes Botschaft zu verbreiten und meine Heimat Kaschmir mit dem rechtgläubigen Pakistan zu vereinen.«

»Das ist doch völlig idiotisch«, platzte Frau Jougla heraus. Burger lächelte: »Ihr Europäer macht euch wohl nichts aus Gott.« Die Französin wollte wissen, ob er Familie habe. Ja, antwortete er, er sei verheiratet und habe eine zwei Monate alte Tochter, die er allerdings noch nicht gesehen hatte. »Ich war die ganze Zeit mit der Vorbereitung dieser Operation beschäftigt. Meine Frau hat mir von der Geburt des Kindes am Telefon erzählt.«

Bald herrschte in Kandahar eine halbwegs entspannte Atmosphäre an Bord. Die hygienischen Verhältnisse in der Maschine wurden dagegen immer unerträglicher. Seit der Entführung lagen überall Essensreste im Gang. Die Toiletten begannen überzulaufen. Die Stewardessen rissen Vorhänge ab, um den Boden notdürftig aufzuwischen.

Die Ärztin Jougla befürchtete, der Dauerstress könne bei den Passagieren Durchfall auslösen. Zu ihrer Erleichterung war das Gegenteil der Fall: Die zusammengepferchten Menschen litten fast alle unter Verstopfung: »Sie tranken zu wenig, saßen zu lange still und hatten verständlicherweise keinen Appetit.« Die Medizinerin verabreichte allerlei Medikamente - Beruhigungs- und Schlaftabletten meistens, aber auch Mittel gegen Asthma und Magenschmerzen: »Ich begriff, dass die Terroristen keine Schwierigkeiten mit uns haben wollten. Sie waren nicht aufs Töten aus.«

Die Überwachung lockerte sich trotzdem nicht. Mindestens einer der Vermummten hielt die Passagiere mit gezogener Waffe in Schach. Für Frau Jougla waren die Gemütsschwankungen der Luftpiraten am schlimmsten: »In einem Augenblick herrschte eine fast ausgelassene Stimmung, im nächsten kam die Todesangst wieder, so schnell änderte sich das Verhalten unserer Bewacher.«

Immerhin besserte sich die Versorgung. Die Afghanen lieferten regelmäßig, wenn auch sparsam, Wasser und Nahrungsmittel, vor allem Fladenbrot, Reis mit Rosinen, Bohnen und Hühnerfleisch. Für die Vegetarier unter den strenggläubigen Hindus gab es

Mandarinen. Wenn die Medikamente zur Neige gingen, erstellte Frau Jougla eine Liste, und meistens wurden die Wünsche erfüllt.

Die Französin nutzte ihr Privileg als Ärztin, um die leere Business-Class aufzusuchen, wo sie entspannt schlafen konnte. In der Nacht zum Montag hatte sie ein gespenstisches Erlebnis: »Ich sah, wie unsere Entführer durch die vordere Tür drei Kisten an Bord wuchteten. Ich dachte, sie sind doch zum Showdown entschlossen, sie werden uns alle in die Luft sprengen.«

Immer wieder bereiteten sich die Passagiere auf das Schlimmste vor. Anna Lloret wollte nur, »dass diese Geschichte, egal wie, zu Ende gehen würde«, dass die Taliban endlich »die Maschine stürmen würden, selbst wenn dabei Menschen umkämen«.

Und Kapitän Sharan, der inzwischen bei den Passagieren Platz nehmen musste, bereitete seine Mitgefangenen auf den Fall vor, dass geschossen würde. Er erzählte einigen Passagieren, »wie sie die Türen aufstoßen könnten und sich über die Rutschen in Sicherheit« bringen sollten: »Wenn die mit dem Schießen angefangen hätten, wären wir rausgestürmt. So hätten wir mindestens hundert Passagiere retten können.«

Nachdem die neuen Waffen an Bord waren, schlich Madame Jougla zurück zu den schlafenden Passagieren. Burger bemerkte ihre Nervosität und fragte, was sie habe. »Ich möchte mit dem Leben davonkommen«, sagte sie. Der junge Terrorist ergriff ihre Hand und versicherte feierlich: »Ich gebe Ihnen hiermit das Versprechen, dass Sie keinen Schaden erleiden werden.«

Ihrem Empfinden nach nahm das Einvernehmen der meisten Inder in der Maschine mit ihren Peinigern mittlerweile allzu herzliche Züge an. »Die Mehrheit fügte sich dem Willen der Luftpiraten ohne inneren Widerstand. Sie betete mit ihnen oder tat so, als hätte sie größtes Verständnis für die politischen Anliegen der kaschmirischen Separatisten.«

Zweimal kam ein afghanisches Reinigungsteam aus drei Männern an Bord. Ihre Versuche, etwas Ordnung zu schaffen, scheiterten kläglich. Jougla: »Sie hätten Gummistiefel, Schrubber und Wassereimer gebraucht. Stattdessen hatten sie nur Reisigbesen, mit denen sie den Kehricht ein bisschen zusammenfegten.«

Die Hijacker hatten alle westlichen Geiseln in den vorderen Reihen der Economy- Class zusammengesetzt. Unter ihnen befand sich auch Roberto Giori, ein reicher Schweizer Geschäftsmann. Dessen in Lausanne ansässige Firma vertreibt Druckmaschinen für Banknoten. Giori lebte in ständiger Furcht, dass die Entführer über ihn und seine Firma etwas erfahren könnten. Seine Begleiterin, die junge Italienerin Cristina Calabresi, dagegen erzählte jedem ihrer Leidensgenossen, Giori habe genug Geld, um sie alle freizukaufen, was jähe Hoffnungen belebte.

Zu keinem Zeitpunkt sah Kapitän Sharan die Möglichkeit, die Entführer zu überwältigen. »Wir müssen die Ruhe bewahren«, ermahnte der Pilot die Passagiere, »ein Angriff wäre nur die allerletzte Zuflucht gewesen.«

Doch so weit kam es nicht. Am letzten Abend, als die baldige Freilassung absehbar wurde, hatte Burger die Idee, eine Kollekte zu organisieren. Er ließ eine große Tüte herumreichen und sagte: »Die Taliban haben viel für euch getan. Ihr solltet euch dankbar zeigen und etwas für die armen Kinder Afghanistans spenden.«

Alle gaben bereitwillig, und Giori hätte sich um ein Haar verraten, als er mit großartiger Geste 500 Dollar in den Beutel warf. Am Ende zählte Burger nach und verkündete stolz die gesammelte Summe, umgerechnet an die 4000 Mark.

Die letzte Nacht an Bord des Airbus war eiskalt, die Heizung des Flugzeugs war ausgefallen. »Es gab keine Decken, wir hatten das Gefühl, in letzter Minute noch zu erfrieren«, berichtet Frau Jougla.

Am Freitagnachmittag war es dann so weit. Mit hoch gereckten Armen verkündete Burger seinen Opfern, die Glaubenskämpfer würden das Flugzeug als Sieger verlassen. Er versicherte ihnen, sie alle zu lieben und ein Leben lang nicht zu vergessen. Sogar Adressen wurden zwischen Entführern und Entführten ausgetauscht.

Bevor Burger aus der Maschine stieg, rief er lachend: »Bye-bye und auf Wiedersehen.« Wie nach einer gelungenen Vorführung brandete tosender Beifall hoch. HANS HOYNG, REINHARD KRUMM, ROMAIN LEICK, PADMA RAO

* Am 31. Dezember 1999.* Mit dem indischen Luftfahrtminister Sharad Yadav.* Josep Maria Mayoral, Anna Lloret, Françoise Jougla.

Reinhard Krumm
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