MOBILFUNK Virtueller Hammer
Der Geruch von Erfolg und großem Geld heißt: Kiefer. Süßlich dünsten die unbehandelten Holzregale in den Geschäftsräumen von »12snap«. Doch nicht Ökopaxentum signalisieren die rohen Lattengerüste, sondern Kostenbewusstsein, Tempo und Verzicht auf überflüssigen Firlefanz.
Nackte Glühbirnen baumeln von der Decke. Als sollte hier eine TV-Soap mit dem Titel »Start-up« gedreht werden, sitzen die Firmengründer an Schreibtischen aus Press-Spanplatten auf Kantholzböcken, jonglieren einhändig mit schnurlosem ISDN-Telefon und Handy, während sie mit der anderen am Laptop Excel-Tabellen mit Zahlen füllen. Auf dem Klo der ehemaligen Anwaltskanzlei in München-Schwabing surren die zentralen Netzwerkrechner.
Innerhalb weniger Jahre soll in der Weißwurstmetropole ein Weltkonzern entstehen. »Italien ist up and running«, meldet Firmenchef Michael Birkel, mit 31 Jahren einer der ältesten. »In Frankreich und England unterschreiben wir gerade die Verträge«, fügt Marketingchef Cyriac Roeding, 26, hinzu und wirft ganz ohne Pathos ein: »Wir haben in Europa endlich mal einen Vorsprung vor dem Silicon Valley.«
Die Geschäftsidee von 12snap ist ebenso simpel wie technisch verzwickt: Ab Ende Januar sollen Schnäppchenjäger Waren, Reisen, Konzertkarten und exklusive Dienstleistungen per Handy ersteigern können. Zu festgelegten Tageszeiten kommen in Rubriken wie der »Event Hour« oder der »Shopping Hour« Güter unter den virtuellen Hammer. Wer den Kurznachrichten-Kanal 123 im D2-Netz auswählt, dem wird eine Textnachricht auf die Anzeige seines Telefons gefunkt. »Reise nach Athen, DM 100« könnte dann zum Beispiel auf dem Display stehen.
Mit einem Knopfdruck kann der Interessent einen Sprachcomputer anwählen, der ihm kurze oder ausführliche Beschreibungen der Offerte vorspielt. Dann wird per Handytastatur geboten. Jeweils eine viertel Stunde lang geht es im drahtlosen Auktionssaal Schlag auf Schlag: Liegt ein höheres Gebot vor, erscheint bei den anderen Kaufhungrigen »Sie sind überboten worden« in der Anzeige - und stachelt so zum Weiterbieten an.
»Eins, zwei, weggeschnappt«, so lässt sich frei der englisch auszusprechende Firmenname »One, Two, Snap« übersetzen. Wie im wahren Leben soll der Preis sich in immer neue Höhen schrauben. Geht eine Minute lang kein neues Gebot ein, wird der Sieger im Preisduell mit einem Callcenter verbunden. Dort klärt er Zahlungsdetails und Lieferanschrift und hat so vielleicht aus der Kneipe einen neuen Fernseher erstanden oder einen Spontanurlaub gebucht.
»Eine solche Versteigerung geht heute schon mit 90 Prozent aller Handys«, verspricht Roeding. Der Charme von 12snap liegt in der simplen Textnachrichten-Methode, dem so genannten Cell Broadcast, der Kurznachrichten an all jene Handynutzer verschickt, die, ähnlich wie beim Radio, einen bestimmten Kanal ausgewählt haben.
Die Idee hat Geschäftspartner rasch begeistert: Mit dem D2-Netzbetreiber Mannesmann schlossen die Jungunternehmer einen Exklusivvertrag ab; auch andere Netzbetreiber sind an einer Zusammenarbeit interessiert. Eine französische Venture-Capital Firma schoss die ersten Millionen zu.
Die Lebensläufe der sechs 12snap-Gründer erweichen das Herz der hartleibigsten Investoren, die zwar mit glänzenden Augen von Garagenkarrieren von Hochschulabbrechern wie Bill Gates schwärmen, im Zweifel aber doch solides Vorwissen schätzen: Die Entrepreneure überbieten sich gegenseitig mit Abschlüssen an den Eliteunis Oxford oder Stanford oder der Universität von Sankt Gallen; der MBA der University of Georgia gehört zum Handwerkszeug, Einser-Abitur ist Standard. Ihre Wege kreuzten sich zum Beispiel in den Unternehmensberatungen McKinsey oder A.T. Kearney.
Der amerikanische Cheftechnologe Mark Grondin, 30, etwa verkaufte kurzerhand seine florierende Internet-Firma, um bei 12snap einzusteigen. »Im Internet verlangsamt sich das Wachstum, in den nächsten Jahren spielt die Musik im Mobilfunk«, begründet er seine Entscheidung.
In gerade mal drei Monaten entwickelte eine Hand voll Programmierer mit externen Spezialisten die komplizierte Software. In den Nächten vor Weihnachten gingen probeweise die ersten Nonsens-Auktionen
übers Netz, wie das »Paket vorgekauter Dentalkaugummi« für 30 Euro.
Mal wollten die Kurznachrichten nicht den Weg ins Handy finden, mal ließ sich die Flut von Nachrichten nicht wieder stoppen. Jean-Paul de Vooght, 32, kolumbianischer Belgier, der in Frankfurt und Frankreich zur Schule ging, dirigiert vielsprachig ein Entwicklerteam, das ebenso bunt gemischt ist wie die Verknüpfung der verschiedenen Datenbanksysteme.
Für den Benutzer soll nachher alles ganz einfach aussehen. In einer Ein-Personen-Sauna-großen Kabine schwitzen vier Sprecher für die peppigen Produktbeschreibungen, die Auktionskunden beim Start hören werden. 70 Reisen, 80 Konzerttickets und rund 300 Elektronikgeräte sind für den Auftakt eingeplant, rund 500 Soundclips müssen dafür produziert werden.
Die Handelshäuser Quelle und Media Markt arbeiten bereits mit den Handy-Auktionatoren zusammen. Konkurrenz zu den eigenen Läden fürchten sie offenbar nicht, ganz im Gegenteil, erklärt Birkel: »Für die ist das ein ideales Marketingwerkzeug.«
Am 20. Dezember balgten sich in einer Testauktion schon einmal 160 Interessenten um eine Sony Playstation, obwohl eigentlich nur Mannesmann-Mitarbeiter von den Feldversuchen wussten.
Für den Start will Roeding alle Marketingregister ziehen. »Sachen, die man nirgendwo kaufen kann«, sollen übers Handy versteigert werden, vielleicht der Drei-Sterne-Koch für die Geburtstagsfeier, ein Dinner mit Harald Schmidt oder eine Statistenrolle im nächsten »Star Wars«-Film. Dutzende von Beratern werden in die Fußgängerzonen ausschwärmen und potenziellen Kunden die richtigen Telefoneinstellungen erläutern.
Sein provokantes Lieblings-Anzeigenmotiv scheiterte am Einspruch eines humorlosen Geschäftspartners: die grinsenden Visagen des Popduos Modern Talking und die verlockende Aufforderung »Wer will da nicht zuschlagen?« JÜRGEN SCRIBA
* Links: Firmenchef Birkel; rechts (mit Hammer):Marketingleiter Roeding.